Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Januar: Obelix in Rothenschirmbach

Abb. 1 Grabgrube mit Menhir. Im Profil ist die Überlagerung der Grabgrube mit Schwemmlöss zu erkennen.
Abb. 2 Menhir im Planum. Der Abdruck der Holzkammer ist als dunkle Umrandung sichtbar.
Abb .3 Der Menhir wird aus der Grabgrube gewuchtet, um an die eigentliche Bestattung zu gelangen.
Abb. 4 Etwa 40 cm unter dem Menhir stößt man auf das Skelett
Abb. 5 Die freigelegte beigabenlose Bestattung

Die Grabungen an der Trasse der A 38 sorgen immer wieder für FuMo-Stoff. Erst im Juni des Jahres 2005 waren es die Esperstedter Steinkisten. Zu jener Zeit begannen auch die Untersuchungen bei Rothenschirmbach; und auch diese kleine Fundstelle hatte es in sich. Inzwischen sind die Arbeiten dort und an den anderen Fundorten des Großprojektes A 38 abgeschlossen. Von Westen kommend wird der Verkehrsstrom am Ende der A 38 bei der Ausfahrt Rothenschirmbach abrupt abgebremst. Genau in dieser Niederung befindet sich die westlichste Fundstelle des Großprojektes. Auf dem gut einen ha großen Areal fand man Spuren spätneolithischer bis frühbronzezeitlicher Besiedlung mit einem dazugehörigen Friedhof. Von dieser Grabungssituation versprach man sich einige interessante Befunde. Tatsächlich erbrachten die Grabungen einige überraschende Funde und Befunde.

Eine dieser Überraschungen ist ein wirklich dicker Brocken: Am Anfang sah alles noch ganz harmlos aus. Im Baggerplanum zeichneten sich nur schwach die Umrisse einer Grube ab, die inmitten des bereits teilweise untersuchten Friedhofs lag. Erst nach einer Spatentiefe zeigten sich dann deutlich Form und Maße des Befundes. Die annähernd rechteckige Grube maß etwa 1,85 x 1,20 m und war wie die umliegenden Grabgruben in der Längsrichtung NNW-SSO-orientiert. Etwa einen halben Meter unterhalb des Baggerplanums kam er dann zum Vorschein: der Menhir!

Um die darunter vermutete Bestattung freilegen zu können, musste der Menhir auf die Seite gerollt werden. Man brauchte also Platz für den Stein und einige starke Hände. (Abb. 3) Nachdem der Menhir beseitigt war, konnte tatsächlich etwa 20-30 cm unter dem Stein eine sehr gut erhaltene Bestattung freigelegt werden.(Abb.4)

Der Menhir wurde mit dem Gerät der vor Ort tätigen Baggerfirma geborgen und anschließend in den Grabungsstützpunkt in Röblingen am See überführt. Dort reinigte man den Stein und notierte Eckdaten und Auffälligkeiten.

Maße: Länge 1,55 m, Breite 34-55 cm

Gewicht: ca. 400 kg

(Das Gewicht ermittelte man auf der Waage der benachbarten landwirtschaftlichen Warengenossenschaft)

Form:
Man könnte sagen: hinkelsteinförmig. Eine gewisse Ähnlichkeit mit den Wurfgeschossen von Obelix lässt sich kaum abstreiten.

Die größte Breite weist er im unteren Drittel auf. Die Basis ist annähernd gerundet. Das obere Ende läuft recht spitz aus. Diese Form verdankt der Menhir offensichtlich allein seiner Genese. Bearbeitungsspuren sind nicht erkennbar.

Material:
Tertiärer Quarzit. Dieser kann sich durch chemische Ausfällungen von Kieselsäure oder Huminsäure in sandigen Sedimenten bilden.

Potentielles Herkunftsgebiet:
Die nächst gelegenen Tertiärsenken, in denen diese Voraussetzungen gegeben sind, befinden sich beim Braunkohlentagebaugebiet Amsdorf. Diese Gegend am Ufer des ehemaligen Salzigen Sees war in vorgeschichtlicher Zeit ein idealer Siedlungsplatz und möglicherweise der Fundort des Menhirs.

Die Untersuchung der Bestattung lieferte folgende vorläufige Ergebnisse: Im Profil ist zunächst die Ursache für die Unscheinbarkeit der Grabgrube deutlich sichtbar. Im oberen Bereich ist die humose Verfüllung durch Schwemmlöss überlagert. Eine Sichtung der geologischen Verhältnisse vor Ort erfolgte durch die Geologin des Landesdenkmalamtes Silke Clasen. Ihrer Analyse zufolge kam es lange Zeit nach der Belegung des Friedhofs zur Überdeckung mit Schwemmlöss. Dieser Vorgang dürfte sich in den frühmittelalterlichen Rodungsperioden vollzogen haben, also rund 3000 Jahre später. Dieses Phänomen erkannte man im Verlauf der Grabungen frühzeitig und legte im Bereich des Friedhofs ein großflächiges zweites Planum an.

Das Profil zeigt außerdem, dass der Menhir in das Grab gelegt wurde und nicht etwa als Markierung obertägig sichtbar war und umgekippt ist. Nach Entnahme des Menhirs zeigte sich zunächst eine dunkle humose Schicht. Im geputzten Planum erkannte man außerdem eine dunkle Umrandung der Grabgrube. Man deutet diese als die vergangenen Reste einer Holzkammer in der die Bestattung lag. Der Menhir war auf die Holzkonstruktion gelegt worden, sie muss äußerst stabil gewesen sein, sonst hätte sie den 400 kg schweren Brocken kaum halten könnten. Es ist denkbar, dass die Holzkammer mit Löss gefüllt wurde, bevor man die hölzerne Abdeckung und dann den Menhir über sie gelegt hat. Wie auf den Bildern gut zu sehen ist, wurde die darunter liegende Bestattung nicht im Mindesten durch den schweren Menhir in Mitleidenschaft gezogen.


Eine anthropologische in-situ-Bestimmung ergab, dass es sich um die Bestattung eines etwa 20-30-jährigen Mannes handelt. (Abb. 5) Seine Körpergröße konnte an den hervorragend erhaltenen Knochen auf etwa 1,70 m bestimmt werden. Kleinsäuger, wie z.B. Hamster oder Mäuse, haben einige der Fingerknochen und Wirbel durcheinander gebracht, ansonsten ist die Bestattung ungestört. Beigaben waren leider nicht mitgegeben worden.

Die mit dem Menhir abgedeckte Bestattung kann daher gegenwärtig nur mit Hilfe der benachbarten Gräber zeitlich eingeordnet werden. Das Ergebnis einer C-14-Probe steht noch aus.

Von den 14 Gräbern des Friedhofs enthielten sechs Keramikbeigaben, die ein sehr einheitliches Spektrum der Glockenbecherkultur zeigen und für eine kurze Belegungsdauer sprechen. Vor kurzem sind die Ergebnisse der C-14-Proben zweier benachbarter Gräber eingetroffen. Die kalibrierten Daten umfassen den Zeitraum von 2581-2289 v. Chr.

Menhire scheinen oft in Zusammenhang mit dem Totenkult zu stehen, der direkte Nachweis ist aber nicht immer möglich. In Mitteldeutschland konnte nur in wenigen Fällen das Umfeld von frei stehenden Menhiren erforscht werden. Zu nennen sind hier z.B. die beiden verbliebenen Menhire von Benzingerode (Lkr. Wernigerode), der „Lange Stein“ von Seehausen (Lkr. Stendahl), die „Speckseite“ von Aschersleben und der „Hünenstein“ bei Nohra (Lkr. Nordhausen). Diese Beispiele befinden sich zwar im Umfeld bronzezeitlicher Grabanlagen, stehen aber nicht in unmittelbarer Verbindung mit ihnen. Der Menhir von Rothenschirmbach nimmt als fester Bestandteil der Grabanlage damit eine Sonderstellung ein. Vergleichbar ist der Befund der so genannten „Dolmengöttin“ von Langeneichstädt, Lkr. Merseburg-Querfurt. Dieser Menhir stammt aus einer Grabanlage der Walternienburg-Bernburger Kultur und trägt eine stilisierte figürliche Darstellung. Auch auf dem schnurkeramischen Gräberfeld von Schafstädt fand man einen Menhir mit figürlicher Darstellung. Allerdings war dieser Bestandteil einer Steinkiste und wurde offensichtlich sekundär verwendet. Menhire als Markierung von Grabhügeln fand man bei Nebra (Burgenlandkreis), Leuna (Lkr. Merseburg-Querfurt), Poserna (Lkr. Weißenfels) und Halle-Heide. All diese Beispiele lassen Spielraum für verschiedene Interpretationen. In der Forschung tauchen unter anderem die Begriffe Opferstein, Ahnenbild, Ersatzleib, Seelenthron oder Weltsäule auf. Welche Rolle man dem Menhir auf dem Gräberfeld von Rothenschirmbach zuschreiben kann, läßt sich noch nicht abschließend beantworten. Es handelt sich aber zweifellos um einen weiteren, zugegebenermaßen schwerwiegenden Baustein im Gefüge der Menhir-Forschung.


Text: Ulrich MüllerFotos: Frank SchulzeRedaktion: Florian Ruppenstein