Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Juli: Ein Jerichower Fuß

Abb. 1 Fuß eines Männerskeletts aus Eulau
Abb. 2 Maßfuß

Als Fund des Monats soll diesmal ein Fuß präsentiert werden. Wir allen kennen einen Fuß (wenigstens jeder seinen) und zur Fußball-WM zählt er zu den bedeutendsten Körperteilen. Die Auffindung eines Fußes ist im archäologischen Kontext nicht unbedingt etwas Seltenes. Wobei der Fuß, mit dem die Archäologen ab und an zu tun haben, von der Vorstellung Normalsterblicher schon abweicht. Ein typischer archäologischer Fuß gehört z. B. zu einer Bestattung aus der Jungsteinzeit und wurde in Eulau bei Naumburg gefunden.

Er misst, wenn man sich noch ein bisschen Fleisch dazu denkt, ca. 25,5 cm und gehört zu einem ausgewachsenen Mann von 45-55 Jahren. Diese Art Fuß spielt hier aber nur eine untergeordnete Rolle. Der Fuß, der hier vorgestellt werden soll, ist als Bodenfund die Ausnahme. Genau genommen gibt es im Depot des Museums mit einer geschätzten Gesamtobjektzahl von über 10 Millionen keinen vergleichbaren Fund. Es handelt sich bei diesem Fuß um einen Maßstab in der Länge eines Maßfußes. Er wurde bei Ausgrabungen in Jerichow (Ldkr. Jerichower Land) gefunden.

Bei der Sanierung der Ortsdurchfahrt (= Bundesstraße 107) des an der Elbe gelegenen Ackerbürgerstädtchens, wurde neben Fundamentresten, Spitzgrabenanlage, Gräbern und Töpferhalden ein Bohlenweg freigelegt. Er konnte über eine Länge von mehr als 900 m nachgewiesen werden. Im nördlichen Stadtgebiet verlässt der historische Weg die heutige Trasse Richtung Kloster Jerichow und ist durch Hausbauten etc. zerstört. Im Süden gibt es eine Fortsetzung im Bereich des ursprünglichen Siedlungszentrums, südlich des heutigen Stadtzentrums. Dieser Bereich scheint im 14. Jahrhundert durch starkes Hochwasser verwüstet worden zu sein. Nachfolgend wurde die Siedlung weiter nördlich, auf höherem Gelände, wieder aufgebaut und später erweitert. Die Schnittprofile zeigen mehrere Straßenlagen; die ältesten wurden im 13/14. Jahrhundert angelegt.

Die letzte Holzlage ließ sich dendrochronologisch ans Ende des 16. bzw. ins 17. Jahrhundert datieren. Darüber fand sich eine extrem feste Erdschicht vermengt mit Keramik-, Glas- und Ziegelschutt, Knochenfragmenten, Holzresten, Lederresten und reichlich Vivianit. Die Holzbohlen (meist Kieferrundlinge, z. T. mit Waldkante) sind bis zu 5 m lang und waren quer zur Fahrtrichtung dicht an dicht verlegt und mit Astwerk unterfüttert. Sie wiesen fast keine Fahrspuren auf. Ob dies der verfestigten Deckschicht oder einer noch darüber angebrachten Holzlage (für den Pflasterstraßenbau des 19./20. Jahrhundert evtl. entfernt?) zu verdanken ist, konnte nicht geklärt werden. Weitere, allerdings fragmentierte Fortsetzungen des Holzweges zeigten sich in abzweigenden Straßen Richtung Westen und Osten.

Der Kernbereich des Bohlenweges wurde auf 150 m Länge eingehend untersucht und schichtweise aufgedeckt. Dabei wurde u. a. im Planum 1, noch über der Holzlage, in der festen Deckschicht ein Maßstab aus Holz gefunden. Da die Deckschicht erst nach der Holzlage aufgebracht werden konnte, ist die Datierung des Fundes vor dem Ende des 16. Jahrhunderts nicht möglich. Vergesellschaftet mit zahlreichen Lederresten aus der örtlichen Schuhproduktion - bis zu 25 Schusterwerkstätten sind im 19. Jahrhundert in Jerichow bezeugt - ist eine Datierung ins 18. /19. Jahrhundert am wahrscheinlichsten.

Der fußlange Maßstab mit Zolleinteilung ist der Namenspate des auch noch heute beliebten Zollstocks. Dessen Bezeichnung als „Zollstock“ deutet schon darauf hin, dass der heute übliche auf einen Stab - ein Stock - mit Zolleinteilung zurückzuführen ist.

Zeidlers Universallexikon von 1760 führt unter dem Stichwort Zoll-Stab folgendes aus:

Zoll-Stab, ist eine aus Holz insgemein bestehende, und nach gewissem Maaß in Zolle abgetheilte Länge. Es hält derselbe gemeiniglich einen Werck-Schuh oder eine halbe Elle, wiewohl auch dieser offt 3 Schuh, oder 1 ½ Elle lang ist; dergleichen meistentheils die Werckmeister statt eines ordentlichen Stabes bey sich führen. Ausser dem pflegt man auch einige von 2 bis 4 Schuhen, oder einer bis zwey ganzen Ellen dergestalt zu verfertigen, daß sie sich wegen ihrer Charniere genau in ihren Theilen an einander schließen und zusammen legen lassen, um solche bequem zu sich stecken zu können.


Dem konservativen Maßverständnis der Engländer ist es zu verdanken, dass der Zoll noch lange nach Einführung des metrischen Systems auf dem europäischen Festland in Großbritannien in Gebrauch blieb. Diese Zweigleisigkeit in den Maßsystemen schlug sich schließlich auch im Maß- und Gewichtsgesetz von 1935 nieder. Nach diesem durften auch Messgeräte hergestellt werden, die neben der metrischen Teilung noch eine andere Teilung besaßen. In der Folge wurden Gliedermaßstäbe mit metrischer Teilung auf der Vorderseite und Zollteilung (engl. inch = 25,4 mm) auf der Rückseite produziert, was zu einer Festigung des Namens ‚Zollstock' in Handwerk und Handel führte.

Der hölzerne Maßstab aus Jerichow ist in drei Teile zerbrochen. Die Bruchkanten passen gut zusammen, so dass man die ursprünglichen Maße ermitteln kann. Er ist insgesamt 30,7 cm lang, 11,5 - 12 mm breit und 8,9 - 9,3 mm stark. Querritzungen teilen den Maßstab in 12 etwa gleichgroße Abschnitte. Dazu befinden sich als weitere Markierungen punktuelle Vertiefungen auf dem Maßstab, die den halben Zoll markieren sollen. Jeweils drei Zoll sind durch einen Doppelpunkt markiert. Die Größe der Abschnitte zwischen den Querritzungen schwankt zwischen 2,28 und 2,78 cm. Würde man die Halbzoll-Markierungen mit einbeziehen, würden die Abweichungen noch größer.


Die Abmessungen der Zolleinteilung gliedern sich im vorliegenden Zustand wie folgt:

  1 

  2 

  3 

  4 

  5 

  6 

  7 

  8 

  9 

  10

 11 

12

2,46

2,76

2,52

2,43

2,78

2,63

2,51

2,61

2,72

2,43

2,55

2,28

 

Die Gesamtlänge des Maßstabs entspricht einem Maßfuß mit einer Länge von rund 30,7 cm. Der „Fuß“ war eine Basiseinheit der vormetrischen Längenmaße. Die genaue Länge des Maßfußes variiert regional und durch die Zeit z. T. erheblich. Im antiken Rom entsprach er einer Länge von 29,6 cm, in Frankreich bis zur Einführung des Meters 32,5 cm und in England bis heute 30,5 cm.In Preußen galt bis zum Beitritt zur Meterkonvention 1872 ein Fuß mit der Länge von 31,4 cm. Diesen dürfte auch das vorliegende Exemplar repräsentieren. Die Abweichung von 7 mm erscheint als sehr hoch, kann aber verschiedene Ursachen haben. z. B. könnten die Enden durch Gebrauch abgenutzt sein oder es liegt überlieferungsbedingt ein gewisser Materialschwund vor. Zusätzlich kann es schon bei der Fertigung des Maßstabs zu Maßabweichungen und Ungenauigkeiten gekommen sein. Auch die Zolleinteilung mit einer Abweichung von 5 mm ist relativ ungenau. Ebenso wäre denkbar, dass in Jerichow die preußische Maßreform, die nach den Befreiungskriegen durchgeführt wurde, noch nicht alle Maße lokaler Tradition abgelöst hatte.Die Geschichte des Längenmaßes „Fuß“ und seiner Unterteilung „Zoll“ reicht weit in die Vergangenheit zurück. Die ältesten Maßfüße sind uns aus dem Vorderen Orient überliefert. Als zwei prominente Beispiele seien hier der Maßstab einer Statue des Gudea von Lagasch und ein Maßstab aus Nippur erwähnt, die beide älter als 4000 Jahre sind.E. Unger beschrieb sie 1916 in seinem Aufsatz „Zwei babylonische Antiken aus Nippur“. Demnach ist der sitzende Gudea verkleinert wiedergegeben, der Maßstab auf seinem Schoß aber, so nimmt man an, habe die natürliche Größe. Zwischen den zwei äußeren Markierungen beträgt der Abstand ca. 26,5 cm, was einem Fuß entspreche. Diese Strecke ist in 16 gleiche Abschnitte unterteilt, die Unger ‚Zoll' nennt. Dessen Größe schwanke zwischen 1,6 und 1,8 cm. Die kleinste Unterteilung des Maßstabes ist 1/18 Zoll. Die Nippur-Elle ist laut Unger ein ca. 1,10 m langer und 41,5 kg schwerer Bronzestab mit einem in der Länge variierenden rechteckigen Querschnitt. Auf einer Seite ist eine Teilung durch 6 Kerben zu beobachten, die Unger wie folgt beschreibt: „Hiervon sind 1-4 tiefe glatte Furchen, 5-6 anscheinend später eingemeißelte schwächere Rillen.“Als wichtigste abnehmbare Maße des Maßstabs nimmt Unger die zwischen den Kerben:1 und 2 = 6,7 cm,1 und 3 = 27,65 cm (‚Fuß') und1 und 4 = 51,8 cm (‚Elle') an.Bei weiteren Maßvarianten des Maßstabs beobachtet er Abweichungen bis zu 3 mm, „…was ja im Hinblick auf andere Messfehler nicht zuviel ist.“ (Unger 1916, S. 12).Im weiteren Verlauf der Entwicklung traten immer mehr Varianten der Längenmaße aus dem Dunkel ins Licht der Geschichte. Scheinbar hatte jede kulturelle Gemeinschaft mehr oder weniger individuelle Maße, die zwar ähnliche Abmessungen hatten, aber letztlich eben doch nicht gleich waren. Obwohl die Überlieferung lückenhaft ist, kann man die Entwicklung von „Fuß“ und „Zoll“ entlang der wichtigsten „Meilensteine“ recht gut nachvollziehen.

Abb. 3 Nippur-Elle

Nach den ältesten bekannten Maßstäben von Gudea und aus Nippur gibt es erst aus dem 7. Jahrhundert v. u. Z. wieder genauere Informationen über Längenmaße im Zweistromland. Der neubabylonische Herrscher Nebukadnezar II. hinterließ Dokumente, aus denen hervorgeht, dass zu seiner Zeit das Ziegelmaß von 32 - 33 cm in 16 Zoll eingeteilt war und die Elle nicht mehr 30, sondern 24 Zoll lang war.

1 Zoll = 1 Finger ca. 2 cm

16 Zoll = 1 Fuß ca. 32 cm

24 Zoll = 1,5 Fuß = 1 Elle ca. 0,5 m

Der um einige cm gewachsene Maßfuß war auch in anderen Regionen gebräuchlich und wurde mit den schon oben erwähnten variantenreichen Abweichungen auch von Griechen und Römern benutzt. Heute wird oft angenommen, das Maß „Fuß“ sei direkt vom anatomischen Fuß abgenommen. Bei einer Gleichsetzung des Maßfußes mit dem anatomischen Fuß müsste man annehmen, unsere Altvorderen lebten „auf großem Fuße“, da eine Fußlänge von 32 cm der Schuhgröße 48 entspricht. Spezielle Untersuchungen zur Fußgröße in Mittelalter und Vorgeschichte fehlen zwar, aber allgemeine anatomische Beobachtungen sprechen dafür, dass die Menschen damals in der Regel kleiner waren als die heute lebenden. Statistiken zu mittelalterlichen Schuhgrößen belegen, dass der normale Fuß eines erwachsenen Mannes ungefähr 26 cm groß war, was der Schuhgröße 39 entspricht. In eine ähnliche Richtung weist auch der oben gezeigte Fuß der Bestattung aus Eulau.

Für die weitere Entwicklung der Maße lohnt es sich, zu beobachten, was passierte, als die Römer begannen, sich im barbarischen Europa auszubreiten. Sie brachten einen Maßfuß in der Länge von ca. 29,6 cm mit, den sie in alter Tradition in 16 Zoll teilten. In Italien passierte dann aber etwas Bemerkenswertes: Die Römer gestatteten neben der alten 16er-Teilung auch die 12er-Teilung des Fußes. Dieser Vorgang ist schon im 19. Jahrhundert August Böckh, einem der Väter der Metrologie, aufgefallen. Er vertrat grundsätzlich die Meinung, dass kulturelle Errungenschaften immer von einem kulturell höher stehenden Volk an ein Volk mit niedrigerem kulturellen Niveau weitergegeben wurden.
Also wurden nach seiner Auffassung auch die Maße und Gewichte von den Babyloniern und Ägyptern über die Griechen und Römer nach Europa gebracht. Dass die Römer ein Maß der Urbevölkerung übernommen haben sollten, schien ihm ungeheuerlich. Trotzdem stellte er in einer Abhandlung von 1838 fest, dass neben der 16er-Teilung der Römer „eine wirklich eigenthümliche der Italer bestand“, die letztlich auch Anlass für eine Reformierung des römischen Systems war.

1 Zoll = 1 Daumen ca. 2,47 cm

12 Zoll = 1 Fuß ca. 29,6 cm

18 Zoll = 1,5 Fuß = 1 Elle ca. 44,4 cm

Die Römer, so scheint es, fanden in Italien einen „europäischen Zoll“ vor. Dieser Zoll wurde von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit benutzt und auch als Einteilung des Jerichower Maßstabes benutzt.
Am 17. August 1868 schlägt dann allerdings, zumindest für unsere Region, sein letztes Stündlein. An diesem Tag hielt das metrische System mit der „Maß- und Gewichtsordnung für den Norddeutschen Bund“ seinen gesetzlichen Einzug.

In dieser wurden die Längenmaße neu definiert. Die Grundeinheit bildet nun „das Meter“ oder „der Stab“. Der hundertste Teil des Meters heißt „Zentimeter oder Neuzoll“. Der tausendste Teil heißt „Millimeter oder Strich“. Zehn Meter heißen „Dekameter oder Kette“. Tausend Meter heißen 1 Kilometer (v. Alberti 1957).

In der Nomenklatur sind noch die Relikte alter Traditionen erhalten. Im Lauf der Zeit setzten sich aber die neuen Bezeichnungen der Maße durch und die alten gerieten in Vergessenheit.

Der Zollstock aus Jerichow verliert demnach spätestens mit dem Erlass von 1868 seine Gültigkeit. Damit endet eine Entwicklung, deren Anfang sich in den tiefen der Zeit verliert. Trotzdem kann man dem Zoll auch heute noch begegnen. Man findet ihn z. B. noch bei der Angabe von:

- Bildschirmdiagonalen
- Bildauflösung
- Festplatten- und Diskettenmaßen
- Fahrradfelgendurchmesser
- Bundweite (engl.: waist) und innerer Beinlänge (engl.: length) von Hosen (z. B.: W 32 / L 34).

Redaktion: Florian Ruppenstein
Autor:Heiko Breuer, Johannes Litzel M.A.

Literatur:

v. Alberti, H.-J., Maß und Gewicht (Berlin1957)

Unger, E., Zwei babylonische Antiken aus Nippur, Publicationen der Kaiserlichen Osmanischen Museen (Konstantinopel 1916)

Böckh, A., Metrologische Untersuchungen über Gewichte, Münzfüße und Maße des Alterthums in ihrem Zusammenhange (1838; Nachdruck Karlsruhe 1978)