Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Mai: Neues aus Marsleben

Landeswappen aus der Grube

Abb. 1: Der gereinigte und sorgfältig restaurierte Wappenanhänger aus Marsleben. (Foto: Kathrin Ulrich)
Abb. 2: Die sieben Fahnlehen im Lande Sachsen. Darstellung in der Heidelberger Bilderhandschrift des „Sachsenspiegels“. Aus: Otto Posse, Die Siegel der Wettiner..., 1893, Spalte 9/10.
Abb. 3: Siegel des Herzogs Erich I. von Sachsen-Lauenburg. Aus: O. Posse, Die Siegel der Wettiner..., 1893, Taf. 33.3
Abb. 4: Reiterfigur vom Züricher Großmünster mit schellenförmigen Anhängern am Brustriemen des Pferdes. Aus: A. Reinle, Der Reiter am Zürcher Großmünster. Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 26, 1969, Abb. 6.

Ein Askanischer Pferdegeschirranhänger aus der Wüstung Marsleben

Wer kennt es nicht, das Staatswappen des Landes Sachsen-Anhalt? Unten balanciert der Bernburger Bär auf der Zinnenmauer entlang und oben schmückt der „sächsische Rautenkranz“ diagonal die schwarz-goldenen Streifen von Ballenstedt; in der Ecke flattert der Adler der Markgrafschaft Brandenburg als Symbol für die Altmark. Der Fund des Monats Mai führt mit der Vorstellung eines Pferdegeschirranhängers zu den Anfängen dieses Wappens zurück.

Es handelt sich um eine annähernd dreieckige, 10,5 x 8,5 cm große Metallplatte aus einer Kupferlegierung (wohl Bronze) mit einer Öse in der Mitte der oberen, geraden Kante (Abb. 1). Die beiden seitlichen Ränder sind schwach konvex gebogen. Die sorgfältige Restaurierung des Objekts durch die Dipl.-Restauratorin Christina Neubacher ergab, dass auf der Schauseite vier horizontale Streifen mit einem Rautenmuster aus Bleiweiß bemalt sind. Die Zwischenstreifen hatte man in ihrer „natürlichen“ Farbe belassen: Sie schimmerten ehemals bronzefarben. Insgesamt ergeben sich acht, abwechselnd gemusterte und ungemusterte Streifen. In der Sprache der Herolde wird das Wappen folgendermaßen „blasoniert“: achtfach geteilt, bronzefarben - weiß gegittert. Gefunden wurde der Anhänger in einer großen Grube mit der Befundnummer 22191. Die Grube lag annähernd im Zentrum der Siedlung Marsleben, nordöstlich eines großen Hofkomplexes, der aufgrund seiner aufwändigen Ausstattung als Ministerialensitz gedeutet wird.

Wahrscheinlich wohnten hier die Herren von Marsleben. Sie trieben in ihrer Funktion als örtliche Verwalter des Stiftes St. Servatius in Quedlinburg die Abgaben von den hörigen Bauern ein. Der Anhänger aus Marsleben zeigt die Heroldsfigur der Askanier, mehrere horizontale, „gestrichelte“ Streifen oder Balken. Es wird vom Ballenstedter Wappen abgeleitet, das den Ortsnamen als „Balkenstedt“ ausdeutet. Heute zeigt das Wappen zehn Streifen, die je im Wechsel gelb (golden) und schwarz (zobelfarben) gefärbt sind. Schon das Wappen auf dem Deckel des Quedlinburger Wappenkästchens aus der Zeit um 1209 zeigt die gleichen Farben. Allerdings waren diese heraldischen Details bis in das späte Mittelalter hinein noch Veränderungen unterworfen. Auf zwei gestickten Teppichen der Zeit um 1300 aus dem Kloster Wienhausen ist das askanische Wappen beispielsweise mit weißen und gelben sowie mit zwei roten und zwei weißen Streifen versehen.

Darstellungen des askanischen Wappens in der Heidelberger und der Oldenburger Bilderhandschrift des Sachsenspiegels zeigen das Wappen inmitten der sieben „Fahnlehen“ im Lande Sachsen, die direkt vom König verliehen wurden (Abb. 2): Der Pfalzgrafschaft, des Herzogtums Sachsen, der Markgrafschaft Brandenburg, der Landgrafschaft Thüringen, der Markgrafschaft Meißen, der Markgrafschaft Lausitz und der Grafschaft Aschersleben. In der Heidelberger Handschrift sind alle Balken gelb unterlegt, aber jeder zweite Balken weist eine Gitterung auf, genau wie beim Wappenschild von Marsleben.

Das Balkenwappen wurde im 13. Jahrhundert zum sächsischen Stammwappen, geschmückt mit dem typischen „sächsischen Rautenkranz“, einem diagonalen Streifen mit Rauten und Blättern oder Blüten. Es verweist auf den Grafen Otto von Ballenstedt, der nach dem Tode des billungischen Herzogs Magnus 1106 beinahe die Herzogswürde geerbt hätte. König Heinrich V. übertrug das Amt damals jedoch Lothar von Supplingenburg. Zwar erhielt Otto dann doch für kurze Zeit das Amt übertragen, aber dies blieb Episode. Erst Bernhard von Anhalt sicherte die Herzogswürde dauerhaft den Askaniern. Nachdem die Wettiner 1423 das Herzogtum Sachsen-Wittenberg geerbt hatten, übernahmen sie das Balkenwappen mit dem sächsischen Rautenkranz in ihr Wappen. Von den Wettinern ging das Emblem schließlich auf das Wappen des heutigen Freistaates Sachsen über (Abb. 3).

Die Form des Marsleber Wappenschildes weist in das zweite bis dritte Drittel des 13. Jahrhunderts. Typologisch älter sind zwei Pferdegeschirranhänger aus der Pfalz Tilleda im Südharz und aus Höxter an der Weser; sie besitzen eine Schildform mit gerundeten Ecken. Im 14. Jahrhundert bekommen die Wappenschilder zunehmend eine gebauchte Form, teilweise mit parallel senkrecht nach unten laufenden Seiten, die in der unteren Hälfte des Wappenfeldes stumpfwinklig zusammenlaufen. Die Zeitstellung des Wappenschildes lässt sich sogar mit historischen Daten in Verbindung bringen: Zwar ist ein Aufenthalt von Askaniern in Marsleben nicht bezeugt; sie fungierten aber seit Mitte des 13. Jahrhunderts als „oberste Vögte“ des Stiftes Quedlinburg, in dessen Territorium Marsleben lag. Diese „oberste Vogtei“ war vor allem eine formale Hoheit, während die eigentliche Vogtei zunächst von den Grafen von Falkenstein und dann von den Grafen von Regenstein ausgeübt wurde. Mit Anhängern wie jenem aus Marsleben schmückte man insbesondere das Zaumzeug von Pferden. Es gab runde, durchbrochene Schmuckscheiben, tropfenförmige, vierpassförmige, blütenförmige und peltaförmige Anhänger. Das Marslebener Exemplar gehört dabei zu den größeren Beispielen; oft maßen sie kaum 4 cm in der Länge.

Man brachte sie mit Vorliebe an den Brustriemen an, wie an einem Reiterstandbild vom Züricher Großmünster zu sehen (Abb. 4). Man befestigte sie aber auch an Standarten, die an Heroldsstäbe erinnern, mit denen die Herolde die Ankunft ihrer Herren ankündigten. Vielleicht demonstrierte auch der Anhänger aus Marsleben die Herrschaft der Askanier dort, die sie als oberste Vögte des Stiftes ausübten? Wir wissen es nicht, denn ein solches Schmuckstück kann natürlich zufällig verloren gegangen sein: Bei Kampfhandlungen, auf der Durchreise oder als persönliches Erinnerungsstück.

Literatur

Uwe Fiedler, Ein wappenförmiger Pferdegeschirranhänger des 13. Jahrhunderts aus der Havelberger Inselstadt. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 85, 2002, 305-325.

Stefan Krabath, Die hoch- und spätmittelalterlichen Buntmetallfunde nördlich der Alpen. Eine archäologisch-kunsthistorische Untersuchung zu ihrer Herstellungstechnik, funktionalen und zeitlichen Bestimmung. Internationale Archäologie 63. Rahden 2001.

Otto Posse, Die Siegel der Wettiner, der Landgrafen von Thüringen, der Herzöge von Sachsen-Wittenberg und Kurfürsten von Sachsen aus askanischem Geschlecht nebst einer Abhandlung über die Heraldik und Sphragistik der Wettiner, Teil 2: Die Siegel der Wettiner von 1324-1486 und der Herzöge von Sachsen aus askanischem Geschlecht nebst einer Abhandlung über die Heraldik und Sphragistik der Wettiner, 1893.

Gerlinde Schlenker, Der weitere Ausbau der fürstlichen Territorien und die Auseinandersetzungen in den mittelalterlichen Städten im Gebiet zwischen Ostharz und Elbe. In: Geschichte Sachsen-Anhalts I: Das Mittelalter. Berlin/ München 1993, 138-190.

Joachim Schymalla, Das Gebiet zwischen Elbe, Saale, Harz und Unstrut im Übergang von der Königslandschaft zur Entstehung fürstlicher Territorien. In: Geschichte Sachsen-Anhalts I: Das Mittelalter. Berlin/ München 1993, 96-137.


Redaktion: Florian RuppensteinAutor:Thomas Küntzel