Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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November: Spielzeug aus Luthers Kindertagen

Abb. 1: Sieben Murmeln aus gebranntem Ton
Abb. 2: Ein Rinderknochen als Teil eines Kegelspiels. Man beachte die aufgebohrte Gelenkfläche.
Abb. 3: Ein Rinderknochen als Teil eines Kegelspiels. Man beachte die aufgebohrte Gelenkfläche.
Abb. 4: Kinder beim Kegelspiel. Ausschnitt aus den „Kinderspielen“ von P. Breughel.
Abb. 5: Ein Pfeifvogel aus weißer Irdenware

Wie bereits im FUMO Dezember 2005 berichtet, führte das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie im Herbst 2003 Ausgrabungen am Elternhaus Martin Luthers in Mansfeld durch. Der abschließende Grabungsbericht mit einer Präsentation der wichtigsten Funde wird in Kürze im Rahmen eines Sonderbandes der wissenschaftlichen Zeitschrift „Archäologie in Sachsen-Anhalt“ veröffentlicht. Zur Zeit wird am Landesmuseum für Vorgeschichte eine groß angelegte Ausstellung zum Leben des Reformators vorbereitet, die im Jahr 2008 stattfinden wird. Angesichts der spektakulären Funde und herausragender Forschungsergebnisse hat der Kultusminister des Landes Sachsen-Anhalt, Herr Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, dieser Exposition den Titel einer Landesausstellung verliehen.

In diesen Tagen, am 10. November, jährt sich der Geburtstag Martin Luthers zum 523. Mal. Schon am darauf folgenden Tag, dem Martinstag, wurde er in der Eisleber St. Petri-Paul-Kirche auf den Namen des Heiligen getauft. Seine Eltern, Hans und Margarethe Luder, so der eigentliche Familienname, waren erst kurz zuvor vom thüringischen Möhra nach Eisleben gezogen, wo sie aber nur einige wenige Monate zubrachten. Schon bald erfolgte der Umzug nach Mansfeld, wo Vater Luther künftig als Hüttenunternehmer tätig war.

Über Kindheit und Jugend des kleinen Martin ist nicht viel bekannt. Wie späteren Äußerungen zu entnehmen ist, waren die Eltern zeitgemäß streng, und auch die Schulzeit barg wohl ihre Härten. Die Zahl seiner Geschwister ist nur unzureichend überliefert. Sicher ist, dass mehrere Kinder im Hause Luther früh verstorben sind, darunter zwei Brüder, die der Pest erlagen. Das Erwachsenenalter erreichten sein jüngerer Bruder Jakob, der offenbar 1490 geboren ist, und drei Schwestern.

Kinder haben zu allen Zeiten gespielt. Gerade in ärmeren Haushalten wurden sie aber bald zur Unterstützung der Eltern herangezogen. Wie wir heute wissen, gehörten nun die Luthers keineswegs zu den unterprivilegierten Bevölkerungsteilen. Die Kinder dürften somit gewisse Freiräume besessen haben. Dies zeigt sich auch im archäologischen Befund, der in seiner einzigartigen Vielfalt auch verschiedene Dinge enthielt, die den Kindern des Haushaltes gehört haben, und von denen hier eine Auswahl vorgestellt werden soll. Hier sind vor allem sieben Murmeln zu erwähnen, die in damaliger Zeit aus Ton gefertigt wurden. Da sie keineswegs genormt erscheinen, sehr unregelmäßig und nicht gerade rund ausfallen, könnte gar der Verdacht aufkommen, die Kinder hätten diese selbst hergestellt und im Küchenfeuer gebrannt.

Viel schwerer zu erkennen und zu deuten ist ein Spielgerät, welches aus dem Fußknochen eines Rindes gefertigt wurde. Der Knochen wurde im Bereich seiner Gelenkfläche aufgebohrt, in die hierbei entstandene Höhlung füllte man flüssiges Blei.

Wie diese Gegenstände verwendet wurden zeigt sich trefflich auf dem Gemälde „Die Kinderspiele“ von Pieter Breughel (Abb. 4). Es handelt sich hier um Bestandteile eines Kegelspiels, die, in eine Reihe aufgestellt, gezielt zu Fall gebracht wurden.

Ein weiteres, tönernes Spielzeug konnte aus mehreren Teilen zusammengesetzt und ergänzt werden. Schon auf den ersten Blick ist die Gestalt eines Vogels mit eingeritzten Flügeln zu erkennen. Zunächst als Rassel interpretiert, muss aktuell noch eine andere, wohl treffendere Deutung in Betracht gezogen werden. Auf dem Bauch des Vögelchens ist nämlich ein kleines Loch zu erkennen, wodurch es wahrscheinlicher wird, dass es sich bei diesem Gegenstand um einen Pfeifvogel handelt. Derartige Pfeifen sind noch heute gelegentlich im Handel. Mit Wasser gefüllt erzeugen sie trillernde Laute, mit etwa Übung ist es sogar möglich Vogelstimmen zu imitieren. (Abb. 5)

Spielzeug ist im archäologischen Kontext immer von einem besonderen Reiz. Bei den Funden aus Mansfeld kommt hinzu, dass sie aus dem Abfall einer namentlich fassbaren Familie stammen. Wenn man sich dann auch noch vorstellen kann, dass eine der bedeutendsten Persönlichkeiten Deutschlands vor über 500 Jahren in aller kindlichen Unbekümmertheit  damit gespielt hat, gewinnen diese Gegenstände eine ungeahnte Dimension.          
    
Text: Björn Schlenker
Redaktion: Florian Ruppenstein