Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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Februar: Mittelalterliche Gussformen aus Zerbst

Mittelalterliche Gußformen aus Zerbst

Zerbst mit Nikolaikirche
Abb. 1: Alte Brücke, Blick nach Norden, im Hintergrund die Nikolaikirche.

Die östlich der Elbe gelegene Stadt Zerbst feiert ein Millennium: auf das Jahr 1007 fällt ihre Ersterwähnung. Die Vitalität von Zerbst als mittelalterliches und frühneuzeitliches Zentrum von Handel und Handwerk tritt bei Ausgrabungen im Stadtkern seit dem Ende der 1990er Jahre immer wieder zutage - der Fund des Monats ist ein weiteres schönes Beispiel dafür.

Schon im Jahre 1999 fand anlässlich des Neubaus der Kreissparkasse Anhalt-Zerbst unter der Leitung von Dr. Uwe Vogt eine großflächige Ausgrabung an der Alten Brücke 47 statt (Abb. 1). Dadurch konnten Anlage, Struktur und Organisation eines alten Stadtquartiers mit Befunden und Funden aus drei Jahrtausenden erforscht werden: von der späten Bronzezeit bis in die Neuzeit. Ein kleiner, aber feiner Komplex von steinernen Gussformen des späten Mittelalters muss aufgrund aufsehenerregender Gussformenfunde im 37 km entfernten Magdeburg neu betrachtet werden.

Im Frühjahr 2005 wurde in der Altstadt Magdeburgs der wohl größte mittelalterliche Steingussformenfund Europas mit etwa 500 Stücken ausgegraben (siehe FuMo November 2005). Wenngleich der Zerbster Fundkomplex mit 12 Gussformen dagegen übersichtlich ist, so gehört er immer noch zu den umfangreicheren Belegen mittelalterlichen Gießereihandwerks.

Mittelalterlicher Siedlungskern von Zerbst
Abb. 2: Zerbst, Bartholomäi-Turm und -kirche bilden einen mittelalterlichen Siedlungskern von Zerbst; 100 m davon entfernt wurden die Gussformen gefunden.

Bei der Ausgrabung „Alte Brücke 47“ in Zerbst konnte eine durchgehende Nutzung des Altstadtquartiers von den Anfängen der deutschen Kolonisation im 11./12. Jahrhundert bis in die Neuzeit nachgewiesen werden (Abb. 2). Holzfunde liefern die frühesten Belege der Besiedlung von Zerbst im Zuge der sogenannten Ostkolonisation. Ein jahrgenaues Datum ergab die naturwissenschaftliche Untersuchung eines in den Boden eingegrabenen Daubenfasses, dessen Holz kurz nach 1234 in Sachsen geschlagen wurde - um wohl kurz darauf in Zerbst verbaut zu werden. Die ältesten dendrochronologisch datierten Holzfunde von der Alten Brücke 47 stammen sogar aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts.

Kugeltöpfe aus "Harter Grauware"
Abb. 3: Zerbst, Kugeltöpfe: Zerbrochene Kugeltöpfe aus so genannter „Harter Grauware wurden zusammen mit den Gussformen in Abfallgruben entsorgt.
Spielzeugpferdchen aus glasierter Keramik
Abb. 4: 5 cm langes Spielzeugpferdchen aus glasierter Keramik, 13. - 15. Jh.

Zahlreiche mittelalterliche Gruben zur Entnahme von Baustoffen und/oder der Entsorgung von Abfall enthielten vielfältiges Fundmaterial. Gut vertreten waren Kochtöpfe des späten Mittelalters (13. bis 15. Jahrhundert), so genannte Kugeltöpfe (Abb. 3). In den Gruben lagen auch alltägliche Erzeugnisse von Knochenschnitzern wie Knopf, Kamm und Würfel sowie Spielzeug aus Keramik (Abb. 4); als Schlittschuh diente ein längs zugesägter und mit Befestigungslöchern versehener Hohlknochen, ein so genannter Schlittknochen.

Aus einer annähernd rechteckigen Abfallgrube wurde zusammen mit Scherben von  Kugeltöpfen die Mehrzahl der entdeckten Gussformen geborgen. Die Vergesellschaftung der Keramikscherben mit den Gussformen war der erste sichere Hinweis auf ihre Datierung in das späte Mittelalter.

Wenige Meter davon entfernt wurden im ehemaligen Hinterhofbereich Reste zahlreicher Lehmkuppelöfen aufgedeckt, die wohl vom späten Mittelalter an bis in die frühe Neuzeit in diesem Quartier betrieben wurden und nach einiger Zeit von Grund auf erneuert wurden. Zu erkennen waren die Öfen nur noch an den orange bis rötlich verziegelten Lehmtennen von langovaler Form. Ihre ursprüngliche Länge betrug im Durchschnitt ca. 2 m. Bei Öfen dieses Typs lagen Heiz- und Brennkammer, die von einer aus Weidenruten verstärkten Lehmkuppel überwölbt waren, in horizontaler Anordnung. Dieser Ofentyp ist wegen der leicht zu beschaffenden Baumaterialien sehr verbreitet. Aus heutiger Sicht erstaunt, dass solche Öfen, die mit starker Rauchentwicklung und Feuergefahr verbunden waren, mitten im Stadtkern von Zerbst lagen. Solche Öfen sind vielfach auch für metallverarbeitende Betriebe nachgewiesen - ihr direkter Bezug zu den Gussformen konnte bisher aber nicht nachgewiesen werden.

Gussform Blütenarmreif
Abb. 5: Rück-, Vorder- und Seitenansicht einer Gussform. Das abgeschnittene Motiv eines Blütenarmreifs und die Sägespuren an den Seiten sprechen für eine sekundäre Umarbeitung und Wiederverwendung der Gussform.
Gussformen Trachtaccessoiures und Schmuck
Abb. 6: Gussformen zur Herstellung verschiedener Trachtaccessoires und Schmuck.
Gussformen für Löffel und Miniaturbeil
Abb. 7: Gussformen für einen Löffel und ein Miniaturbeil.

Erste Untersuchungen an den Gussformen ergaben, dass man sie wohl durchweg aus Kalkstein gefertigt hat. Damit entsprechen sie im Gesteinsmaterial den Magdeburger Vertretern. Ob man für beide Funde das gleiche Liefergebiet für den verwendeten Kalkstein in Betracht ziehen darf, muss vorerst offen bleiben, da dies nur durch eingehende petrografische Untersuchungen geklärt werden kann.

Zum Bestand des Zerbster Fundkomplexes gehören sowohl 2- als auch 3-teilige Gussformen, die bis auf ein Exemplar doppelseitig graviert sind. Hieran zeigt sich, dass bereits im Mittelalter ökonomische Aspekte eine Rolle gespielt haben, da die Beschaffung des Gesteins mit einem gewissen finanziellen Aufwand verbunden gewesen sein dürfte. Die Wertschätzung des Materials spiegelt sich gerade auch darin wieder, dass die Rückseite einer nicht näher bestimmbaren Gussform offensichtlich durch „Recycling“ aus einer ausgedienten Form für einen Blütenarmreif entstand (Abb. 5). Neben diesem Armreif konnten mit den Gussformen weitere Schmuck- und Trachtaccessoires gegossen werden, wozu verschiedene Teil- und Vollbeschläge, eine große Blütenkranzfibel, eine Gürtelschnalle mit integrierter Beschlagplatte sowie diverse Anhänger zählen (Abb. 6). Daneben liefert der Bestand einen seltenen Beleg einer Gussform für ein Miniaturgefäß und einen Löffel mit Fischdekor wie auch einer weiteren für die Herstellung eines Miniaturbeiles (Abb. 7). Für die Gravur der Motive haben die Handwerker neben normalem Werkzeug zusätzlich auf eine Art Drehbank und Zirkelgravierwerkzeug zurückgegriffen. Gerade bei den letztgenannten Gerätschaften bieten sich interessante Parallelen zu den Magdeburger Formen auf, die dort scheinbar äußerst erfolgreich zur Rationalisierung des Gravurprozesses eingesetzt wurden.

Die wichtige Frage nach dem in den Modeln vergossen Material ist nicht ohne weiteres zu beantworten, da makroskopisch keine Gussreste vorhanden sind. Experimente mit dem Kalkstein der Magdeburger Formen legen aber nahe, dass in den Zerbster Exemplaren höchstens niedrigschmelzendes Zinn oder Blei gegossen worden sein kann, da Kalkstein Edel- und Bundmetallen aufgrund ihrer hohen Schmelztemperaturen nicht standhält. Diese Feststellung wird durch die geringen Verfärbungen an einigen Gussformen gestützt wie sie leicht durch heißes Weißmetall entstehen können. Endgültige Klarheit zum Gussmaterial sollen aber die beabsichtigten naturwissenschaftlichen Untersuchungen erbringen.

Gussform mit Entlüftungskanälen
Abb. 8: Schematischer Schnitt durch eine Gussform mit Entlüftungskanälen.

Zu den bereits erwähnten Parallelen zum Magdeburger Fund tritt noch ein wichtiger technologischer Aspekt hinzu, der die Bedeutung des Fundes aus Zerbst nochmals unterstreicht. Dabei handelt es sich um Kanäle, die ausgehend von den Gussmotiven ins Innere des Gesteins führen und schließlich über eine Winkelung nach außen treten (Abb. 8). Derartige Kanäle wurden bisher nur an den Magdeburger Formen sowie an zwei weiteren Gussformen in Europa beobachtet und sind höchstwahrscheinlich als Entlüftungskomponenten anzusehen. Die Seltenheit dieser gusstechnologischen Erscheinung in Zusammenhang mit der räumlichen Nähe beider Fundkomplexe lässt daran denken, das Ursprungsgebiet dieser bisher unbekannten Entlüftungstechnik im mitteldeutschen Raum zu suchen. Wenngleich dies vorerst nur Spekulation sein kann, so ist doch gewiss, dass einst intensive Beziehungen zwischen Zerbst und Magdeburg bestanden haben werden, wovon nicht nur die Entlüftungskanäle sondern auch die anderen Analogien beider Gussformenfunde zeugen.

Literatur

  • D. Berger, Steingussformen aus dem spätromanischen-frühgotischen Magdeburg. Archäometrische und experimentalarchäologische Untersuchungen zum mittelalterlichen Zinnguss an ausgewählten Fundstücken, Diplomarbeit 2006.
  • M. Malliaris, Archäologische Entdeckungen in Zerbst, Kleine Hefte zur Archäologie 4, 2005
  • U. Vogt, 1051 Jahre Zerbst - 3000 Jahre Geschichte. Archäologische Berichte aus Sachsen-Anhalt 1999/I, 359-365.

Autoren

Daniel Berger (technologisch/archäometrische Untersuchungen)
Michael Malliaris (Archäologie)