Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Juni: Mittelalterliche Würfelproduktion in Halle

Abb. 1: Würfelstäbe, Rohlinge und mangelhafte Würfel aus dem 13. Jahrhundert vom Markt Halle (Saale). (Foto: Hörentrup, LDA Sachsen-Anhalt)
Abb. 1: Würfelstäbe, Rohlinge und mangelhafte Würfel aus dem 13. Jahrhundert vom Markt Halle (Saale). (Foto: Hörentrup, LDA Sachsen-Anhalt)

Halles Geschichte ist geprägt vom Salz. Die reichen Solequellen wurden offenbar schon in Bronze- und Eisenzeit genutzt, standen aber bis in Mittelalter und Neuzeit hinein zur Salzgewinnung zur Verfügung. So erstaunt es nicht, dass entlang des Saaletales und in Giebichenstein schon früh erste Ansiedlungen entstehen, deren Bewohner diese Salzquellen ausbeuten und das gewonnene Salz verhandeln. Die erste schriftliche Erwähnung einer Siedlung namens „halla“ nebst eines fränkischen Kastells im Jahr 806 stellt die Forschung aber immer noch vor Schwierigkeiten, denn weder Siedlung noch Kastell konnten bisher eindeutig lokalisiert werden. Am „Alten Markt“ wurde offenbar ab dem Ende des 10. oder Anfang des 11. Jahrhunderts Handel getrieben. Erst im 13.Jahrhundert kam der heutige Marktplatz als neuer Markt- und Handelsplatz hinzu. Neben der Salzproduktion waren aber noch eine Vielzahl weiterer Handwerke in Halle ansässig, den Verkauf erledigten meist die Kramer und Kaufleute.

Wie auch in anderen Städten liessen sich die verschiedenen Zweige der Handwerker in Halle in unterschiedlichen Stadtvierteln nieder. So saßen die knochenverarbeitenden Handwerker zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert zunächst im Gebiet zwischen Alten Markt und südlichen Markt, also im Bereich des heutigen Schülershofs wie Funde von Halbfabrikaten, typischen Schnitzabfällen und fertigen Erzeugnissen, die den Qualitätsanforderungen nicht entsprachen, zeigen. Unter anderem wurden hier Steilkämme und Würfel hergestellt, aber auch die Produktion von Pfeifen, Kästchenbeschläge, Schlittenkufen und Walkgeräte für die an der Saale ansässigen Gerber lässt sich belegen. Im späten Mittelalter verlagerte sich ihr Arbeitsgebiet offenbar nach Westen in die offene Siedlung auf der Strohhofinsel, der heutigen Spitze. [Zum mittelalterlichen Handwerk auf dem Markt in Halle siehe auch den Artikel von V. Herrmann In: AiSA 7, 2007 (in Vorbereitung)]

Abb. 2: Drei Würfelspieler aus einem Konstanzer        Schachzabelbuch (Österreichische Nationalbibliothek Wien, Cod. Nr. 3049, Fol. 160r )
Abb. 2: Drei Würfelspieler aus einem Konstanzer Schachzabelbuch (Österreichische Nationalbibliothek Wien, Cod. Nr. 3049, Fol. 160r )

Das Würfelspiel selbst ist natürlich keine Erfindung des Mittelalters: Schon im antiken Mittelmeerraum und darüber hinaus war das Spiel weiträumig verbreitet. So schreibt Tacitus über die Germanen, sie huldigten „dem Würfelspiel merkwürdigerweise in voller Nüchternheit, als wenn es sich um ein ernsthaftes Geschäft handelte. Dabei sind in Bezug auf Gewinn und Verlust von einer so blinden Leidenschaft besessen, dass sie wenn sie alles andere verspielt haben, mit dem letzten entscheidenden Wurf um die Freiheit und ihren eigenen Leib kämpfen“

(Tacitus, Germania 24)

Diese Einstellung zum Glückspiel scheint sich in späteren Zeiten kaum abgeschwächt zu haben: Um 1220/30 heißt es in der Carmina Burana:

„Manche würfeln, manche saufen,
andre lärmen, schreien, raufen.
Derer, die ein Spiel begannen,
ziehet mancher nackt von dannen;
andere sich ein Wams gewinnen,
andre gehen im Sack von hinnen.
Keiner denkt der Todesstunde,
Bacchus gilt die Würfelrunde.“

(Carmina Burana, Trinklied 196)

Es verwundert nicht, dass aufgrund der hohen Einsätze, der Risikobereitschaft und der oft aggressiven Reaktionen auf verlorene Spiele, von kirchlicher und weltlicher Seite aus Reglementierung und Verbote gegenüber dem Glückspiel mit Würfeln ausgesprochen wurden. So untersagte etwa König Ludwig IX. 1255 seinen Beamten das das Spiel und die Anfertigung von Würfeln. Trotz Beschränkungen und Verboten blieb die Leidenschaft für das Würfeln allerdings ungebrochen. Eine von 1379-1432 bestehende Spielbank in Frankfurt hatte einen jährlichen Bedarf von etwa 10 000 Würfeln.

Abb. 3 Die verschiedenen Arbeitsschritte bei der Würfelherstellung, dargestellt im Spielebuch Alphons X., folio 65V.
Abb. 3 Die verschiedenen Arbeitsschritte bei der Würfelherstellung, dargestellt im Spielebuch Alphons X., folio 65V.

Grundlage für Würfelproduktion bildeten - neben anderen, meist für den Normalverbraucher eher unerschwinglichen Grundmaterialien wie Halbedelsteinen, Gagat, Bernstein, Elfenbein, Korallen etc. - zumeist die für die Fleischgewinnung ungeeigneten Rinderfüße, vor allem die Mittelhandknochen und Mittelfußknochen Rind (sowie gelegentlich vom Pferd), die beim Schlachten als Abfall übrig blieben. Diese Knochen boten sich auch durch ihre relativ dicke Wandstärke an. Für den Würfelschnitzer wurden die Knochen meist schon beim Metzger entsprechend vorbereitet, d.h. von den noch anhaftenden Fleisch-, Knorpel- und Sehnenresten befreit und abgekocht an die Handwerker weitergegeben. Es gab sogar eine spezialisierte Untergruppe von Metzgern, die Kuttler, die mehr schlecht als recht an der Weiterverarbeitung und dem Verkauf von Rinderinnereien und Rinderfüßen verdiente.

Der gesäuberte und abgekochte Knochen hatte nun die Farbe von Elfenbein und konnte auch eine längere Lagerung und Nutzung überstehen, ohne einen schlechten Geruch zu entwickeln.

Beim Würfler angekommen, wurde der Knochen zunächst erst einmal mithilfe einer Säge oder eines Beils von den Gelenken getrennt, so dass nur der gerade Knochenschaft übrig blieb. Dieser wurde dann halbiert und die beiden Hälften abermals halbiert oder gedrittelt, so dass man vier oder sechs gleichlange Stäbe erhielt.

Diese mussten nun vom Handwerker so zurechtgesägt und geglättet werden, dass sich ein quadratischer Querschnitt ergab. Durch den Einsatz einer Feile oder eines Glättsteines konnte er die letzten Unebenheiten entfernen und gewann zudem eine glänzende Oberfläche. Jetzt konnte er die Würfelrohling von den Stäben abschneiden, dabei ergab ein Stab etwa 10 Kuben. Idealerweise sollten dabei alle Seiten gleich groß sein, oft wurde dieses Idealmaß aber nicht erreicht und die Rohlinge gerieten meist etwas länglich oder sogar gelegentlich leicht rhombisch. Trotzdem wurden auch diese Stücke weiterverarbeitet.

Gelegentlich wurden Würfelkanten oder -ecken zusätzlich abgerundet, wie es bei einem der Würfel vom Marktplatz der Fall ist.

Fehlten noch die Würfelaugen: Der Würfler benutzte hierfür ein zirkelähnliches Fräßgerät oder einen Drillbohrer. Sollten, wie bei den Würfeln vom Hallischen Marktplatz, Kreisaugen erzeugt werden, kam ein Hohlbohrer zum Einsatz. Anders als bei modernen Würfeln, wurden die Augen nicht etwas eingerückt, sondern in der Regel möglichst weit außen angebracht. Da die mittelalterlichen massiven Knochenwürfel gemeinhin nur eine Größe von ca. drei bis 15 mm aufwiesen, stellt die Anbringung der Augen schon eine beachtliche handwerkliche Leistung dar und erforderte ein sicheres Augenmass.

Die heute übliche Verteilung der Würfelaugen, bei denen die Summe der gegenüberliegenden Seiten immer sieben ergibt, geht übrigens auf von den Römern verbreitete Spielweise zurück. Daneben gab es eine hiesige mittelalterliche (sog. „nördlichen“) Variante, bei der sich die Würfelaugen aufsteigend gegenüber lagen (also der eins die zwei etc.). Oft waren die Augen aber auch unsystematisch verteilt. Um die Würfel noch optisch aufzuwerten (und um eine leichtere Lesbarkeit zu erreichen), füllte man die Augen oft mit einer farbigen Paste aus. Bei einigen der Würfel vom Marktplatz ist dies noch zu beobachten. Seltener hingegen waren die Würfel komplett eingefärbt.

Das Glückshaus
Das Glückshaus

Archäologische Ausgrabungen in Halle und anderorts haben gezeigt, dass die Würfelmacher zunächst bis ins 14.Jahrhundert hinein nicht zwangsläufig von der Würfelherstellung allein lebten. Meist produzierten sie hauptberuflich knöcherne Langzinkenkämme und verdienten sich durch weitere Knochenschnitzereien, darunter auch Würfel, ein Zubrot. Erst etwa ab dem 14. Jahrhundert wurden die Würfel quasi „massengefertigt“, so dass der Würfler allein von der Herstellung dieses Produkt existieren konnte.

Welche Spiele aber spielte man eigentlich mit diesen Würfeln? Beliebt waren sowohl reine Würfelspiele (z.B. a mayores: es wird mit 3 Würfeln gewürfelt, der höchste Wurf gewinnt (Quelle: Spielebuch Alfons X.), aber auch Brettspiele wie das Wurfzabelspiel (besser bekannt unter der Bezeichnung Backgammon).

Ein weiteres mittelalterliches Spiel ist "Das Glückshaus". Wenn man die 7 würfelt, muss man ein Geschenk zur Hochzeit mitbringen (sprich eine Münze hineinlegen), darf aber nichts nehmen. Würfelt man die 12, darf man alle Münzen auf dem Brett nehmen, mit Ausnahme der 7 nicht. Würfelt man hingegen eine 2 - hat man Schwein gehabt und erhält man den Inhalt der 7.

Literatur:
- Erath, M., Die Würfelherstellung in Europa im Mittelalter und der frühen Neuzeit. In: Brather, S./ Bücker, C. /Hoeper, M. (Hrsg.), Archäologie als Sozialgeschichte. Studien zu Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im frühgeschichtlichen Mitteleuropa. Festschrift für Heiko Steuer zum 60. Geburtstag. (Internationale Archäologie, Studia honoraria 9), Rahden 1999, 307-318.

- Herrmann, V./Specht, O., Die Stadt Halle - Vom karolingischen Grenzkastell zur spätmittelalterlichen Bürgerstadt (= Kleine Hefte zur Archäologie in Sachsen-Anhalt, Heft 5), 2006.

- Herrmann, O., Von Kammmachern, Würflern und Schustern. Nachweise zum spätmittelalterlichen Handwerk auf dem Markt. Arch. Ber. Sachsen-Anhalt 2007/7 (in Vorbereitung).

- Pfeiffer, A. (Hrsg.): Spielzeug in der Grube lag und schlief, museo 5, 1993.