Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Mai: Mittelalterliche Emailkunst

Vorder- und Rückseite seite des Beschlags nach der Bergung
Vorder- und Rückseite seite des Beschlags nach der Bergung

Rauch zog über das Dorf, Flammen erhellten den Nachthimmel. Das Gebäude war nicht mehr zu retten, der Dachstuhl stürzte mit einem lauten Krachen ein. Alle Dorfbewohner waren zu Hilfe geeilt, hatten sich in die Kette schnell durchgereichter Eimer eingereiht, mit denen den züngelnden Flammen Einhalt geboten werden sollte. Umsonst!

Schon bald nach der Brandnacht waren die Trümmer beseitigt worden, verkohlte Balken wurden aus dem Gewirr des zerstörten Hauses gezogen und der Brandschutt zur Planierung des neuen Baugrundes verwendet. Was sich noch hatte verwenden lassen, hatte man zur Seite gelegt, Eisen wurde in der Schmiede eingeschmolzen und zu neuem Gerät verarbeitet. Nur wenig war den suchenden Augen entgangen und sollte für bald acht Jahrhunderte verborgen bleiben.

„Guck mal, was ist das denn?“ Ein Mann in blauer Arbeitshose bückte sich und hob etwas Metallenes auf. Zwei weitere schauten ihm in die geöffnete Hand. „Zeig mal!“ Der Grabungsleiter trat zu ihnen und nahm ihnen das Objekt vorsichtig aus der Hand. Obwohl noch erdverkrustet, konnte er erkennen, dass es aus Buntmetall war. Es wies einen kreuzförmigen Umriss auf und auf der Vorderseite waren schon Reste von Email und Vergoldung zu erkennen.

Die Durchlochung des kreuzförmigen Objektes ließ schon vermuten, dass es als Beschlag auf einer Unterlage befestigt war. Es wurde sorgfältig verpackt und zur Konservierung weiter gereicht.

Der Fundplatz des Beschlages liegt im Bereich der zukünftigen BAB 38 im südlichen Mansfelder Land. Eisleben liegt etwa 11 km Luftlinie nordwestlich davon. Er gehört zu dem wüst gefallenen Dorf Klein Alberstedt oder Alverstede parvi, wie es in Quellen des 13. und 14. Jahrhunderts genannt wurde.

Der heute bestehende Ort Alberstedt muss in die Siedlungsgeschichte mit einbezogen werden, denn beide Ansiedlungen weisen denselben Namen auf, allerdings durch die Zusätze „Klein“ und „Groß“ (parvi und magni) unterscheidbar. Die Anfänge der Besiedlung liegen noch im Dunkle des Frühmittelalters. Als bestehend erwähnt wurde 880/889 ein Ort Alberestat im so genannten Hersfelder Zehntverzeichnis neben Wenden bei Mücheln sowie Stedten und Esperstedt, beide nur wenige Kilometer entfernt.

Grabungsüberblick in Alberstedt
Grabungsüberblick in Alberstedt

Fast 170 Jahre später, 1052 übergaben Erzbischof Adalbert von Bremen und seine Brüder dem nur wenige Jahre vorher gestifteten Kloster Goseck 12 Hufen Land in Alfarstide. Die prominenten Grundherren, Söhne des Pfalzgrafen zu Sachsen übergaben hier also ein nicht unerheblich großes Stück Land in einer erschlossenen Siedlungslandschaft an ihr Familienkloster bei Naumburg. Auch in den folgenden Jahrhunderten erfahren wir von Alberstedt nur, wenn Besitzanteile an den Einkünften und am Land des Dorfes die Besitzer wechselten. Zumeist sind die Klöster der näheren und weiteren Umgebung wie Rode bei Wimmelburg, Ldkr. Mansfelder Land, oder Kaltenborn bei Riestedt in der Nähe von Sangerhausen Nutznießer. Nach 1400 wird die Ortslage nur noch als Gemarkung, nicht mehr als Dorf erwähnt. Hier hatte sich offensichtlich das sich in weiten Teilen Mitteleuropas verändernde Klima der so genannten „Kleinen Eiszeit“ bemerkbar gemacht, welche sehr kalte, lange Winter und feucht-kühle Sommer, verbunden mit Überschwemmungen und Missernten für die Menschen brachte. Mitte des 14. Jahrhunderts brachten die Seuchenzüge der Pest das große Sterben in viele Regionen Europas.

Klein Alberstedt geriet nun allmählich in Vergessenheit und rückte erst Ende 2004 mit den archäologischen Vorarbeiten wieder in den Blickpunkt des Interesses. Auf einer Breite von etwa 50 m zieht sich die Trasse der Autobahn durch die Landschaft und bietet so auch großflächige Einblicke in die Siedlungsgeschichte.

Alverstede war im späten 11. Jahrhundert mit einem Wall- und Grabensystem umgeben, das einen regelmäßigen, fast geplant wirkenden Grundriss umschloss, der mittig von einer Dorfstraße durchzogen wurde. Im Laufe des 12. Jahrhunderts wurde das Dorf vergrößert, der Graben zugeschüttet, ein größeres Grabenoval umschloss es nun. Steinkeller und in Stein gesetzte Hausfundamente fanden sich nun regelhaft auf den Dorfparzellen.

Um 1200 wurde ein massives Steingebäude, ein „Festes Haus“ von etwa 11 m x 6 m Größe im Westen errichtet, möglicherweise Sitz einer uns bis heute unbekannten Familie des niederen Adels.
Nicht weit davon entfernt wurde das „Kreuz von Alberstedt“ im Brandschutt unter einem 9,3 x 7,1 m großen ebenerdigen Gebäudes im Westteil der Untersuchungsfläche gefunden. Dieses ist somit das zweigrößte freigelegte Gebäude des Dorfes. Es ist im frühen 13. Jahrhundert auf den Resten eines abgebrannten, älteren Gebäudes errichtet worden.

Vorder- und Rückseite des Beschlags nach der Konservierung
Vorder- und Rückseite des Beschlags nach der Konservierung

Wie kommt nun ein aufwändiger ländliche Siedlung des 13. Jahrhunderts? Schauen wir dazu noch einmal in die archivalischen Überlieferungen. Im späten 12. Jahrhundert hatte der Bischof von Halberstadt Besitzungen des Zisterzienserklosters Rode in dem Ort bestätigt. Es könnte sich also bei dem großen Gebäude, welches in einem mehrphasig besiedelten Hofareal liegt, durchaus um einen Klosterhof am Rande des Dorfes gehandelt haben. In eine Haushaltung in klösterlichem Umkreis gehörten natürlich Bücher zur inneren Einkehr, zum Gottesdienst und zum mehrfach täglich abgehaltenen Gebet.

Bislang ist der kreuzförmige Beschlag in weitem Umkreis ohne Parallelen, lediglich die Farbgebung der Emaileinlagen weist auf eine hochmittelalterliche Entstehungszeit, die sich wahrscheinlich auf das späte 11. und das 12. Jahrhundert eingrenzen lässt und auf eine hoch spezialisierte Klosterwerkstatt deutet. Ob man diese Kunstfertigkeiten sogar im Kloster Goseck bei Naumburg vermuten kann, wäre zu diskutieren.

Nach der Freilegung war zu erkennen, dass das Objekt vollständig erhalten ist, allerdings war eine Ecke einer der Kreuzbalken zur Vorderseite umgebogen, möglicherweise Zeugnis der Brandnacht und der anschließenden Baugrundplanierung.

Alle vier Kreuzbalken weisen jeweils zwei endständige Bohrungen auf. Ein kleines Stück Leder auf der Rückseite eines der Flügel stützt die These vom Buchbeschlag.

Während der Konservierungsarbeiten konnten auch wichtige Hinweise zur Herstellung des Objektes gewonnen werden. So zeigte sich, dass der erhöhte Mittelteil aus dem Bronzeblech getrieben wurde. Die Emaileinlagen wurden separat auf einem zweiten Bronzeuntergrund von knapp 2,5 cm als Träger angefertigt und dann von unten in die kreuzförmige Aussparung des ersten Werkstückes eingepasst (Abb. 7).

Die blauen, gelben, grünen und weißen Emaileinlagen liegen in einem Zellenwerk aus schmalen und sehr filigranen Bronzestegen, welche ebenfalls ursprünglich vergoldet waren (Abb. 8). Diese Stege bilden ein weiteres Kreuzmotiv um einen mittleren Kreis und in den Kreuzzwickeln tropfenförmige Zellen. Das Email ist alt gebrochen und in manchen Zellen nur noch fragmentarisch erhalten oder komplett ausgefallen.              
 
Bei genauer Betrachtung der Vergoldung zeigte sich eine Zweifarbigkeit von rötlichen und gelblichen Edelmetallauflagen, die allerdings nur Teile der Vorderseite bedecken. Die Rückseite ist, da sie auf einem Untergrund befestigt war, gänzlich unvergoldet.

Diese Zweifarbigkeit ist als eindeutiges Indiz für die so genannte Feuervergoldung zu sehen.

Hierfür brachte der Goldschmied entweder eine Paste aus festem Goldamalgam und flüssigem Quecksilber auf die sorgfältig gereinigte Metalloberfläche oder benetzte die blanke Metalloberfläche mit reinem Quecksilber, auf welches er Blattgold auflegte. Dann wurde das Werkstück erhitzt, damit das Quecksilber verdampfen konnte. Dabei entstand eine Vermischung zwischen Untergrund und Gold, die für die gute Haftung der Edelmetallauflage notwendig war.

Die Emaileinlagen des inneren Werkstückes wurden in der Technik des Zellschmelzes, auch „Émail cloisonné“ genannt, gefertigt. Unter Emailtechnik versteht man das Aufbringen einer geschmolzenen farbigen Glasmasse auf Metall, wodurch ein Farbeffekt aus dem Gegensatz zwischen Metall und der Glasmasse bzw. verschiedenfarbigen Glasmassen entsteht (Abb. 9).

Für den Zellenschmelz wurde in einem ersten Arbeitsschritt schmale Bronzestreifen hochkant mit einer Klebemasse auf dem Metallgrund befestigt. Diese wurden, als die eigentliche Zeichnung des Ornaments, auf dem Bronzegrund angelötet. Als Rohstoff für die Glasmasse dienten bis in das hohe Mittelalter oftmals Glaswürfelchen aus antiken Mosaiken, die als Fernhandelsgüter europaweit vertrieben wurden. Diese Würfelchen wurden zu Pulver zerrieben, mit Wasser angerührt und in die von den Stegen gebildeten Zellen eingefüllt. Nach dem Trocknen wurde das Werkstück in einem Ofen erhitzt und so das Glaspulver verflüssigt. Da sich die geschmolzene Emailmasse beim Abkühlen wieder zusammenzog, musste die Glasmasse so oft nachgefüllt und geschmolzen werden, bis das erkaltete Email die Zellen ausfüllte. Abschließend wurde die Oberfläche angeschliffen und poliert.

Im letzten Arbeitsschritt wurden das vergoldete Rahmenwerk und das Werkstück mit dem Zellenschmelz verbunden und auf dem lederbezogenen hölzernen Buchdeckel befestigt. Der Rest ist Klein Alberstedter Geschichte.