Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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November: Steinkiste und Rind - eine nicht alltägliche Bestattung

Abb. 1: Scheinbar archäologische Routine: ein Steinkistengrab.
Abb. 2: Einige Tage später bahnt sich eine Überraschung an: Zu beiden Seiten der Steinkiste werden tierische Skelettreste freigelegt.
Abb. 3: Das Überblicksfoto erklärt die Fundsituation: Das Rind ist in einer Grube deponiert worden. Die bis auf den anstehenden Boden geleerte Steinkiste enthielt keine menschlichen Knochen
Abb. 4: Deutlich ist zu erkennen, mit welcher Präzision die Steinkiste exakt neben dem Hinterlauf des Rindes platziert wurde.
Abb. 5: Das Grab nach Entfernen der Steinkiste.

Am Nordrand einer Porphyrkuppe zwischen Brachwitz und Gimritz im Saalkreis, in deren Umfeld mehrere schnurkeramische Bestattungen gefunden werden konnten, wurde eine kleine Steinkiste angetroffen (Abb. 1). Sie besaß keine Deckplatte und war lediglich 70 cm lang und 40 cm breit. Erwartet wurde eine Kinderbestattung. Doch der weitere Grabungsverlauf erbrachte ein völlig anderes Ergebnis. Beim systematischen Ausnehmen der Steinkistenfüllung konnte kein menschliches Skelett entdeckt werden, auch Beigaben fehlten völlig! Sollte es sich um ein Kenotaph, ein sog. „Scheingrab“ handeln? Auch dieser Interpretationsansatz barg noch nicht des Rätsels Lösung.

Da die Steinkiste in den humosen Oberboden gesetzt war, sollte geklärt werden, ob die Kiste ursprünglich Bestandteil einer größeren Grabgrube war. Bei diesem Arbeitsschritt zeigten sich nördlich und südlich der Steinkiste tierische Knochen (Abb. 2). Bald stellte sich heraus, dass sie zu einem vollständigen Rinderskelett gehören. Trotz der schlechten Knochenerhaltung deuten die relativ schlanken Extremitätenknochen auf ein weibliches Tier, und zwar im Alter zwischen 4 und 5 Jahren. Es lag auf der rechten Körperseite, der Kopf wies in Richtung Süden. Die Vorderbeine waren stark, die Hinterbeine leicht gewinkelt, wobei der linke Lauf jeweils auf dem rechten lag.


Dieses Befundbild gestattet folgende Rekonstruktion: Zuerst wurde eine Grabgrube geschachtet und darin das Rind niedergelegt (Abb. 3). In direktem zeitlichem Anschluss wurde die Steinkiste exakt zwischen Vorder- und Hinterlauf des Rindes (Abb. 4, 5) so platziert, dass die Platten der westlichen Schmalwand über den unteren Rippenenden des Tieres standen.

Die Knochenerhaltung des Rindes gibt einen wichtigen Hinweis für die Gesamtinterpretation des Befundes: Alle Knochen waren mürbe, beim Freilegen platzte die Knochensubstanz schichtweise ab. Insbesondere die Extremitätenknochen und Rippen zerfielen in mehrere Einzelteile. Manche der noch grabungsfeuchten Knochen ließen sich zwischen den Fingern zerreiben, sie bildeten dann eine breiige Masse. All dies lässt darauf schließen, dass die ungleich weniger fest ausgebildeten Knochen eines Kleinkindes in diesem Bodenmilieu nicht überdauern konnten. Zumindest ist schwer vorstellbar, dass die Steinkiste um ihrer selbst willen angelegt worden sein soll. Vielmehr ist davon auszugehen, dass Kind und Rind gemeinsam bestattet wurden, wobei dem Kind besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde. Dies zeigt sich weniger in der steinernen Grabarchitektur als viel mehr an dem für das Kind geopferten Rind. Dass es sich hierbei tatsächlich um ein Opfer gehandelt hat, wird an der großen wirtschaftlichen Bedeutung und vielfältigen Verwendbarkeit des Rindes deutlich: Die Kuh hätte noch viele Jahre Milch geben können.
Dieses Grabensemble ist unseres Wissens für das ausgehende Neolithikum in Mitteldeutschland bisher einzigartig. Über den kultisch-religiösen Hintergrund der Bestattungshandlung lässt sich anhand der Steinkistenposition begründet spekulieren. Es fällt auf, dass die Steinkiste jene Körperstelle berührt, an der sich Gebärmutter und Euter befinden - zwei Körperteile, die für Geburt und kindgerechte Nahrung stehen. Wir finden in dieser Bestattungshandlung den Kreislauf von Werden und Vergehen, von Leben und Tod, vom Geborenwerden und vom Sterben symbolisch verdichtet wieder. Ein außergewöhnlicher Mosaikstein aus der grabrituellen Vorstellungswelt des Jungsteinzeit-menschen ist mit dieser Bestattung konkret fassbar geworden.

Verfasser: Helge Jarecki und Hans-Jürgen Döhle
Redaktion: Norma Literski
Internetgestaltung: Katrin Steller