Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: Zerstörung Magdeburgs 1631 archäologisch belegt

Abb. 1.: Auswahl an Modelfragmenten
Abb.2:Blick über die Grabungsfläche. Im Hintergrund moderne Wohnbebauung, der Dom und das Hundertwasserhaus.
Abb. 3: Auswahl an Kachelfragmenten mit schwarz-brauner Glasur. Das größere Kachelfragment in der Mitte stellt einen der Evangelisten dar.
Abb. 4: Weitere Keramikobjekte aus der Werkstatt des Töpfers waren Geschirr mit Malhorndekor und auch kleine Tonmurmeln. Die Fragmente links im Bild sind noch unglasiert.
Abb. 5:Ein Kachelofen in einer zeitgenössischen Wohnstube. Er gehört noch zu einem älteren Typus und besteht ganz aus Keramikkacheln. Holzschnitt eines unbekannten Meisters, um 1630.
Abb. 6: Modelfragment mit einer Herrscherdarstellung in höfischer Tracht. Die Zwickel sind mit Eckputti verziert.
Abb. 7: : Modelfragment mit einer Frauendarstellung. Die Frau trägt Ähren als Kopfschmuck und hält ein Obstgebinde in der Hand. Evtl. handelt es sich um die Darstellung des Sommers. Sie steht in einer Rundbogenarkade und die Zwickel sind mit Eckputti verziert.
Abb. 8: mit einer Landschaftsdarstellung. Erkennbar ist eine befestigte Stadt und eine Berglandschaft. Im Vordergrund steht eine Frau, die sich im Handspiegel anschaut. Evtl. handelt es sich um die Darstellung einer Allegorie des Sehens.
Abb. 9: Modelfragment mit einer Herrscherdarstellung aus dem 16. Jh. Evtl. handelt es sich um Kaiser Karl V. oder dessen Bruder Ferdinand I.
Abb. 10: Porträt Kaiser Karl V. Holzschnitt von Albrecht Dürer von 1521.
Abb. 11: Porträt König Ferdinand I. Kupferstich von Bartel Beham von 1531.
Abb. 12: Modelfragment mit einer Herrscherdarstellung von Friedrich von der Pfalz, der Winterkönig (Pfalzgraf zu Rein). Er steht in einer Rundbogenarkade und die Zwickel sind mit Eckputti verziert.
Abb. 13: Porträt von Friedrich V von der Pfalz. Kupferstich von Delff von 1630.
Abb. 14: Modelfragment mit einer Herrscherdarstellung von Lothar von Metternich, Erzbischof von Trier.

Kachelmodeln fielen Tilly zum Opfer

Ende letzten Jahres wurde bei Grabungen in der südlichen Altstadt Magdeburgs ein bedeutender Fundkomplex an Modeln zur Ofenkachel- herstellung gefunden (Abb.1).


Die zugehörige Töpferwerkstatt wurde bei der großen Zerstörung Magdeburgs im Mai 1631 zerstört.

Die Grabung:

Von November 2006 bis August 2007 fand im Hinterhofbereich zwischen Regierungsstraße, Breitem Weg und Bärstraße eine großflächige Grabung statt, verursacht durch den geplanten Bau eines Parkhauses (Abb. 2). Diese großräumigen und tiefen Bodeneingriffe versprachen viele neue Einblicke in die Stadtgeschichte Magdeburgs unweit des Klosters Unser Lieben Frauen.

Der Fundkomplex:

Der bedeutendste Fundkomplex der Grabung beinhaltet über 600 Fragmente von Keramikmodeln zur Herstellung von Ofenkacheln aus der Zeit des frühen 17. Jahrhunderts.
Die meisten Stücke stammen aus einer ca. 4,60m x 4m großen, mit Bauschutt verfüllten Grube und waren zusammen mit ca. 3000 Kachelfragmenten, Keramikgeschirr und Tonmurmeln entsorgt worden. Die Modeln wurden zur Herstellung von hochwertigen Ofenkacheln, so genannten ‚Relief-Blattkacheln' und anderer Ofenzier benutzt (Abb. 3).

Eine zerstörte Töpferwerkstatt:

An diesem Platz muss demnach eine Töpferwerkstatt existiert haben. Neben der Herstellung der Kacheln wurde auch Keramikgeschirr, so genannte ‚Malhornware' produziert, die sich durch eine meist polychrome Bemalung der Oberfläche mit Hilfe eines ‚Malhorns' und auch Pinsels auszeichnet (siehe auch Abb. 4).

Die Reste der eigentlichen Werkstatt wurden leider nicht entdeckt, denn diese wurde wahrscheinlich bei der großflächigen Zerstörung Magdeburgs im 30-jährigen Krieg im Mai 1631 zerstört und die Reste des Gebäudes nebst Teilen des Inventars in die gefundene Grube entsorgt. Viele der geborgenen Objekte zeigen Spuren starker Brandeinwirkung, die Model und Kacheln selbst jedoch nur wenig.

In der näheren Umgebung befanden sich noch weitere Gruben und Schuttlinsen, die ebenfalls Model- und Kachelfragmente enthielten. Die Gruben lagen auf einer Parzellengrenze; Das Häuserbuch der Stadt Magdeburg nennt allerdings für das 1. Drittel des 17. Jahrhunderts hier keinen Töpfer.

So könnte es sein, dass nach der starken Kriegszerstörung dieses Areals die wüst gefallenen Grundstücke (so nennt es das Häuserbuch Magdeburgs) für die Entsorgung der Gebäudereste aus der Umgebung nebst zerstörtem Inventar genutzt wurden.

Die Kachelmodeln:

Die Modeln bestehen aus heller Keramik und wurden zur Abformung benutzt.
Hierfür walzte man aus Ton eine flache Platte und drückte diese gut auf dem Model fest. Nach kurzer Antrocknung ließ sich die Tonplatte vom Model lösen, da das Model Feuchtigkeit von der Platte aufnahm (daher waren die Model aus gebranntem, aber unglasiertem Ton). Die Platten wurden aufgearbeitet und dann gebrannt. In einem weiteren Arbeitsschritt wurde dann die Glasur aufgetragen und das Stück nochmals gebrannt.

Die Endprodukte - die Ofenkacheln -, die ebenfalls aus hellem Ton bestanden, wurden in dieser Zeit meistens mit einer schwarz-braunen Glasur überzogen, u.a. um Eisenöfen nachzuahmen, welche in der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts in Mode kamen (siehe auch Abb. 3). Sie gehörten meistens zu einem so genannten ‚Kombinationsofen', dessen Unterteil aus reich verzierten Eisenplatten, der obere Teil aus schwarz-braunen Keramikkacheln bestand. Es gab aber auch weiterhin noch reine Kachelöfen (Abb. 05).

Der überwiegende Teil der Formen stammt aus einem relativ engen Zeitraum, ca. aus dem 1. Drittel des 17. Jahrhunderts und ist im Stil des so genannten ‚Manierismus' ausgestaltet.

Die Motive sind weit gefächert: Es werden u. a. Herrscher dargestellt, auch die Evangelisten, Allegorien und Bibelszenen (Abb. 6 - 8). Als Motiv-Vorlagen dienten u.a. zeitgenössische Kupferstiche.

Das bisher älteste Stück stammt aus dem 16. Jahrhundert und stellt eventuell Kaiser Karl V. (1500 - 1558) oder dessen Bruder König (später Kaiser) Ferdinand I. (1503 - 1564) dar (Abb. 9 -11).

Zwei Kachelmotive konnten auch zeitgenössischen Fürsten zugewiesen werden: Zum einen Friedrich V von der Pfalz, der „Winterkönig“ von Böhmen (1596 - 1632) (Abb. 12 - 13) und Lothar von Metternich, Erzbischof von Trier (1551 - 1623) (Abb. 14). Interessanterweise gehört der eine der protestantischen, der andere der katholischen Seite an.

Anscheinend bediente der Töpfer im protestantischen Magdeburg beide Parteien, die sich hier unversöhnlich gegenüberstanden, noch kurz vor der, aus Sicht der Zeitgenossen, größten Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges, der fast vollständigen Zerstörung der Stadt im Zuge der siegreichen Belagerung durch den kaiserlichen (katholischen) Feldherrn Tilly …


Verwendete Literatur:
Ernst Neubauer, Häuserbuch der Stadt Magdeburg, Teil 1: 1631-1720, Magdeburg 1931.

Verfasser: Andrea Ditmar-Trauth M.A.
Mit einem Beitrag von Dr. Thomas Weber
Redaktion: Norma Literski M.A.