Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Oktober: Fußvolk, Kanonen und Reiterei

Abb. 1: Lage des schwedischen Lagers aus dem Jahr 1644.
Abb. 1: Lage des schwedischen Lagers aus dem Jahr 1644.
Abb. 2: Eine der 14 Bastionen des schwedischen Lagers.
Abb. 2: Eine der 14 Bastionen des schwedischen Lagers.
Abb. 3: Kupferkessel mit Eisenattaschen.
Abb. 3: Kupferkessel mit Eisenattaschen.
Abb. 4a: Prager Silbergroschen, zwischen 1471 und 1516 geprägt.
Abb. 4a: Prager Silbergroschen, zwischen 1471 und 1516 geprägt.
Abb. 4b: Prager Silbergroschen, zwischen 1471 und 1516 geprägt.
Abb. 4b: Prager Silbergroschen, zwischen 1471 und 1516 geprägt.
Abb. 5: Eisernes Messer mit Bronzeblechgriff aus Dreifachbestattung.
Abb. 5: Eisernes Messer mit Bronzeblechgriff aus Dreifachbestattung.
Abb. 6: Metallknöpfe aus einem Grab.
Abb. 6: Metallknöpfe aus einem Grab.
Abb. 7: NW Quadrant Ofen 1 (Bef. 9/Pl. 2) mit verstreut liegenden Ziegeln und Ofenkacheln. Deutlich erkennbar auch die streifenförmige Brandschicht am Rand des Befundes.
Abb. 7: NW Quadrant Ofen 1 (Bef. 9/Pl. 2) mit verstreut liegenden Ziegeln und Ofenkacheln. Deutlich erkennbar auch die streifenförmige Brandschicht am Rand des Befundes.
Abb. 8: Detailfotos von Ofenkachelfragmenten.
Abb. 8: Detailfotos von Ofenkachelfragmenten.
Abb. 9: Detailfotos von Ofenkachelfragmenten.
Abb. 9: Detailfotos von Ofenkachelfragmenten.
Abb. 10: Ofenbefund 2 mit streifenförmiger Brandschicht im Außenbereich. Innerhalb des Ofens lagen Bleisprossenfragmente, die teilweise noch Glas umschlossen.
Abb. 10: Ofenbefund 2 mit streifenförmiger Brandschicht im Außenbereich. Innerhalb des Ofens lagen Bleisprossenfragmente, die teilweise noch Glas umschlossen.
Abb. 11: Profil des Ofenbefundes.
Abb. 11: Profil des Ofenbefundes.
Abb. 12: Detailfoto: Bleisprossenfragmente mit Fensterglasresten.
Abb. 12: Detailfoto: Bleisprossenfragmente mit Fensterglasresten.

 

Das schwedische Lager von Latdorf (Salzlandkreis) 1644


" Nächsten Monat, am 27. Juli, da jährt es sich. Damals kam dieser Torstenson eines Tages mit seinen Schweden hier [Anm.: Eulenberg] angerückt. Fußvolk, Kanonen und Reiterei, viele Tausend Soldaten und Offiziere. Die haben rund um die Burg und das Städtchen ihre Zelte aufgeschlagen und dann haben sie Laufgräben ausgehoben und Schanzen gebaut. Und natürlich haben sie ihre verdammten Kanonen aufgefahren und haben die Burg und das Städtchen beschossen." [O. Preußler, Das kleine Gespenst (Stuttgart 1966) 14].

Ähnliche Szenen wie in dem berühmten Kinderroman von Otfried Preußler spielten sich auch im Bernburger Land im Herbst des Jahres 1644 ab. Wenige Jahre vor dem Ende des Dreißigjährigen Krieges wurde nordöstlich von Bernburg und unweit der Saale ein schwedisches Feldlager angelegt. Es schloss das Dorf Latdorf vollständig ein. Zwei Stiche, die wenige Jahre später entstanden, belegen in Übereinstimmung mit den schriftlichen Quellen, dass Feldmarschall Torstenson ab dem 17. September ein ca. 3 x 3 km großes Feldlager befestigen ließ. Bis auf die Uferbegrenzung durch die Saale im Westen bestand es in allen anderen Himmelsrichtungen aus einem Umfassungsgraben mit einer Gesamtlänge von über sieben Kilometern Länge und insgesamt 14 Bastionen. Bei der Anlage der Befestigungsstrukturen berücksichtigte der Planungsstab in dem sonst recht flachen und ungegliederten Gelände strategisch geschickt die Erhebungen der vorgeschichtlichen Grabhügel der Steinzeitlandschaft Latdorf (Abb. 1).

Die Schweden ließen sich an diesem Platz nicht ohne Grund nieder. Wenige Tage zuvor hatten die kaiserlichen Truppen unter General Gallas am 6. September nordwestlich von Bernburg und westlich der Saale ihre Zelte aufgeschlagen. In den darauf folgenden Wochen versuchten die Schweden den kaiserlichen Gegner durch kleinere militärische Attacken, durch einen Belagerungsring und durch Aushungern zu zermürben, ohne dass es jemals zu einer größeren Feldschlacht kam. Diese Taktik ging fast auf. Allerdings brach das kaiserliche Heer am 11. November 1644 mit Hilfe einer List aus und das schwedische Heer nahm ab dem 16. November dessen Verfolgung auf.

Von dem schwedischen Lager um Latdorf sind heute keine obertägigen Zeugnisse erhalten; auch eine "Schwedenschanze" mit gut erkennbaren Wällen und Gräben ist nicht mehr zu erkennen. Allerdings wurden in den Jahren 2006/2007 auf der ca. 60 ha großen Ausgrabungsfläche Kalkteich 22 nordöstlich von Latdorf u. a. zwei frühmittelalterliche Siedlungen vollständig untersucht und dabei auch ein Ausschnitt der schwedischen Anlage erfasst. Bei den Ausgrabungen traten Reste des Umfassungsgrabens zusammen mit einer der vierzehn Bastionen zu Tage (Abb. 2). Damit konnte der Graben zusammen mit der Bastion zentimetergenau eingemessen werden. In der Verfüllung des Grabens fanden sich zahlreiche Pferdereste, einige Pferde lagen noch im anatomischen Verband. In dem kleinen Ausschnitt des ehemaligen Innenbereichs des Feldlagers, das heißt nordwestlich des Umfassungsgrabens, zeigten sich verschiedene Überreste, wie beispielsweise ein Fassbrunnen, ein stark fragmentierter Kupferkessel (Abb. 3), eine Silbermünze (ein Prager Groschen; Abb. 4), eine Musketenkugel und zahlreiche andere Funde und Befunde.
Hinzu kamen 15 Einzel- und zwei Dreifachbestattungen. Die Toten hatte man nicht auf einem einzelnen Platz, einem Friedhof, sondern völlig unregelmäßig über die Ausgrabungsfläche verteilt bestattet. Ihre Grabgruben zeigten keine einheitliche Ausrichtung, doch fielen recht sorgfältig angelegte Grablegen auf. Die Verstorbenen wurden nicht achtlos verscharrt, sondern, soweit erhalten, gestreckt oder in Seitenlage beigesetzt. Auch beließ man ihnen Alltagsgegenstände wie Messer (Abb. 5) oder einen Kamm. Knöpfe (Abb. 6) und Gürtelschnallen deuten außerdem darauf hin, dass sie noch ihre Kleidungsstücke trugen.

Die anthropologische Bestimmung der Toten ergab eine deutliche Dominanz des männlichen Geschlechts, besonders der Altersgruppe zwischen 14 und 17 Jahren. Vielleicht verstarben sie aufgrund direkter Kriegshandlungen, andere Gründe könnten die Notsituation mit der großen Nahrungsmittelknappheit und ausgebrochene Seuchen (Pest) gewesen sein. Im Gesamtüberblick ist auffallend, dass die Toten trotz der komplizierten Gesamtsituation mit einer gewissen menschlichen Achtung und einer durchaus vorhandenen Pietät bestattet wurden.

Ofenreste im schwedischen Lager bei Latdorf

Im Rahmen des Neubaues der L 73 östlich von Latdorf, die auch als so genannte Südumgehung der Kalkteiche bezeichnet wird, konnten mehrere Befunde erfasst werden, die  dem hier überlieferten und mittlerweile auch archäologisch nachgewiesenen schwedischen Militärlager aus dem 30-jährigen Krieg zuzuweisen sind.
Besonders auffallend war eine quadratische Grube (Kantenlänge ca. 3 m) mit Pfostensetzungen an den Ecken sowie in der Mitte jeder Seite. Die Verfüllung war stark durchsetzt mit verbranntem Lehm und Holzkohle. Im nordwestlichen Quadranten (Abb. 7) lagen Ziegelsteine unterschiedlichen Formats ineinander verstürzt, dazwischen konnten mehrere Ofenkacheln beobachtet werden. Dabei handelt es sich um schwarz glasierte Ware, die im ersten Drittel des 17. Jahrhunderts entstanden sein dürfte. Auf den reich ausgestalteten Kacheln sind sowohl Frauen als auch Männer dargestellt, sicherlich  Herrschergestalten bzw. Allegorien (Abb. 8 und 9).

Der gesamte Befundkomplex ist wohl als Ofenrest anzusprechen, vielleicht auch als Kachelofenrest. Im Nordwestquadranten könnte sich der Feuerungsraum befunden  haben, darauf deuten die Ziegelsteine aber auch massive Verbrennungsspuren, die sich streifenartig im Löss abzeichneten.

Das Aufgehende des Ofens lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Vermutlich wurde er nach Aufgabe des Lagers durch die Bewohner der umliegenden Dörfer zerstört.
Folgendes Szenario scheint denkbar: Möglicherweise stand die Konstruktion in einem -archäologisch nicht nachweisbar - größeren Zelt oder einer anderen Behausung leichterer Bauart - und sorgte hier für angenehme Wärme. Die Belagerung Bernburgs fand im Herbst/Winter 1644 statt. Angesichts dieser Jahreszeit ist es vorstellbar, dass insbesondere die hohen Offiziersränge im schwedischen Heer unter Feldmarshall Torstenson nicht auf den Luxus wohliger Wärme verzichten wollten.

Um für derartige Fälle gerüstet zu sein, wurden bei den jahrelangen Plünderungszügen nicht nur Erntevorräte, Vieh und weitere Versorgungsgüter gestohlen. Allem Anschein nach demontierte man in Schlössern, reichen Bürgerhäusern und ähnlich repräsentativen Gebäuden Kachelöfen bzw. entledigte diese ihrer Kacheln um sie dann im Feldlager wieder zu verwenden.

Nach dem Ende der Belagerung und der Aufgabe des Lagers wurden offensichtlich die meisten Kacheln wieder demontiert und mitgenommen, so dass die Grabung nur noch wenige Exemplare bergen konnten. Denkbar wäre auch, dass der Ofen nur partiell mit Kacheln verkleidet war.

Bei einem weiteren Ofenrest (Abb. 10) rückt der militärische Aspekt in den Vordergrund. An der südwestlichen Ecke eines nahezu quadratischen Befundes (Kantenlänge ca. 2 m) mit einer schwarzen, lehmigen Verfüllung konnte eine etwa 1 m lange und ca. 0,50 m breite Ausbuchtung festgestellt und dokumentiert werden. Der Rand- und Sohlbereich war in Form einer mehrerer Zentimeter starken Schicht stark verziegelt. Zwei nebeneinander gesetzte  Ziegelsteine bildeten den untersten Abschluss der Konstruktion (Abb. 11).
Innerhalb der Verfüllung konnten mehrere bleierne Fensterglaseinfassungen, teilweise mit noch darin befindlichen Glasresten aufgedeckt und geborgen werden (Abb. 12).

Unwillkürlich drängt sich bei dieser Befundlage das schon im Fund des Monats September  zitierte "Schwedenlied" auf, das den Sachverhalt auf den Punkt bringt: 

Die Schweden sind gekommen,
haben alles mitgenommen,
Haben`s Fenster eingeschlagen,
Haben`s Blei davongetragen,
Haben Kugeln draus gegossen,
Und die Bauern erschossen.


Die Funde des schwedischen Feldlagers aus Latdorf konnten im Oktober 2008 anlässlich des 1. Mitteldeutschen Archäologentages zum Thema Schlachtfeldarchäologie im Rahmen einer Ausstellung besichtigt werden. Die Ausstellung wurde realisiert durch:

 

Jens Brauer / GESCHICHTSFABRIK
Kulturmanagement & Geschichtsmarketing
Hudtwalcker Straße 25a
22299 Hamburg
www.geschichtsfabrik.de

Weitere Informationen, Downloads und einen Rückblick auf den 1. Mitteldeutschen Archäologentag zum Thema Schlachtfeldarchäologie erhalten Sie hier

 


Literatur:J. Blödorn, Ein Prager Groschen beim schwedischen Militär. In: S. Friederich u. a., Archäologie am Kalkteich 22 in Latdorf. Die Chemie stimmt! Arch. Sachsen-Anhalt Sonderband 9 (Halle [Saale] 2008) 93.H.-J. Döhle, Pferde im Graben des schwedischen Feldlagers Latdorf. In: S. Friederich u. a., Archäologie am Kalkteich 22 in Latdorf. Die Chemie stimmt! Arch. Sachsen-Anhalt Sonderband 9 (Halle [Saale] 2008) 115-117.J. Fahr, P. Pacak, Das schwedische Feldlager Latdorf. In: S. Friederich u. a., Archäologie am Kalkteich 22 in Latdorf. Die Chemie stimmt! Arch. Sachsen-Anhalt Sonderband 9 (Halle [Saale] 2008) 105-114.C. Müller, Schrecken des Krieges in Stadt und Land. Der Dreißigjährige Krieg in und um Latdorf. In: S. Friederich u. a., Archäologie am Kalkteich 22 in Latdorf. Die Chemie stimmt! Arch. Sachsen-Anhalt Sonderband 9 (Halle [Saale] 2008) 95-104.


Abbildungsnachweise: Abb. 1: A. Diesendorf, LDA; N. Seeländer, LDA (Fahr/ Pacak 2008, 113, Abb. 17) Abb. 2: A. Diesendorf, LDA; A. Bohse-Sonntag, LDA (Fahr/ Pacak 2008, 114, Abb. 18) Abb. 3: K. Bentele, LDA (Fahr/Pacak 2008, 113, Abb. 16) Abb. 4: K. Bentele, LDA (Blödorn 2008, 93, Abb. 1) Abb. 5: K. Bentele, LDA (Fahr/Pacak 2008, 111, Abb. 9) Abb. 6: K. Bentele, LDA (Fahr/Pacak 2008, S. 111, Abb. 11) Abb. 7-12: Maren Klutzny, Thomas Johr (alle LDA Halle)



Text: Jochen Fahr, Peter Pacak
Redaktion: Norma Literski
Internetredaktion: Steffen Sauer