Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Mai: Ein Fischer saß im Kahne... - Der Einbaum aus dem Arendsee und weitere Einbäume aus Sachsen-Anhalts Norden

Unterwasserfunde waren in Sachsen-Anhalt in der Vergangenheit die absolute Ausnahme. Die Seen und Flüsse des Landes traten archäologisch kaum in Erscheinung. Das änderte sich jedoch mit der Entdeckung eines Einbaums im Arendsee im Norden Sachsen-Anhalts (Abb. 1) durch einen Sporttaucher des Tauchclubs Arendsee e. V. (TCA) Ende des Jahres 2003. Weitere Unterwasserfunde der Sporttaucher, insbesondere von Hans-Henning Schindler, Hartmut Schindler und Rüdiger Pohlmann, erwiesen sich in der Folgezeit als sehr bedeutsam und begründeten seit April 2004 eine kontinuierliche Zusammenarbeit zwischen den Sporttauchern und dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA).


Abb. 1: Der Arendsee im Norden Sachsen-Anhalts mit der Fundstelle des Einbaums.
Abb. 1: Der Arendsee im Norden Sachsen-Anhalts mit der Fundstelle des Einbaums.

 Am 1. Weihnachtstag des Jahres 2003 entdeckte Rüdiger Pohlmann aus Zießau, Mitglied des TCA, während eines Tauchgangs im Nordwesten des Arendsees einen Einbaum (Abb. 2). In etwa 3 m Tiefe waren vom Seesediment befreite Holzteile sichtbar. Das nahezu vollständig erhaltene Boot ruhte ca. 80 m vom Nordwestufer entfernt auf dem Seegrund und war mit Feldsteinen beschwert. Seitlich lag ein Kugelbodengefäß des 14. Jh. (Abb. 3). Eine Jahrring- und Holzartanalyse des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin ergab Eschenholz mit einem Fälldatum von um/nach 1389.

Forschungstaucher des Landesamtes für Kultur- und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern unter Taucheinsatzleitung von Dr. Harald Lübke bereiteten in Amtshilfe für das LDA die wissenschaftliche Dokumentation des Einbaums wie auch seine Bergung vor und realisierten dies im Oktober 2004. Die technische Basis (Bergeplattform, Arbeitsboote, Pumpen, Krantechnik) sicherte das THW Salzwedel in beispielhafter Weise ab.

Dokumentation und Bergung erfolgten von der Bergeplattform des THW Salzwedel aus. Da keine weiteren Funde im Umfeld des Bootes beobachtet wurden, war bei diesem Wasserfahrzeug von einem Einzelfund auszugehen. Nicht mehr in Seekreide eingebettete Bootsteile, so im Bereich zweier Schotts, zeigten erste Zersetzungserscheinungen. Auch das zum Ufer gerichtete, etwas höher liegende Heck war stärker angegriffen.

 

Abb. 2: Der Einbaum und sein Finder im Arendsee.
Abb. 2: Der Einbaum und sein Finder im Arendsee.
Abb. 3: Kugelbodengefäß (14. Jh.) und Feldsteine lagen bei der Auffindung neben dem Einbaum bzw. in dessen Fischkasten.
Abb. 3: Kugelbodengefäß (14. Jh.) und Feldsteine lagen bei der Auffindung neben dem Einbaum bzw. in dessen Fischkasten.

Der Einmessung, Zeichnung, Foto- und Videodokumentation in Fundlage folgte das vollständige Freispülen des Fundes mittels Wasserstrahlpumpen, die von einem Arbeitsboot aus betrieben wurden (Abb. 4). Dabei zeigte sich, dass der Einbaum unmittelbar auf dem Seesediment lag, d. h. sich in ursprünglicher Ablageposition befand, und einige Risse aufwies. Anschließend wurde das Boot mit einem Hebegestell umbaut, für den Transport gesichert (Abb. 5) und unter Wasser in eine speziell angefertigte Berge- und Konservierungswanne gehoben (Abb. 6). Unter die Bergeplattform des THW gehievt, gelangte die Stahlwanne zum Ufer (Abb. 7), wo der Kran sie auf einen Schwerlasttransporter umsetzte. Derzeit befindet sich das Boot in der Holzkonservierung in Schwerin.

 

Abb. 4: Fotomosaik des vollständig freigelegten Einbaums.
Abb. 4: Fotomosaik des vollständig freigelegten Einbaums.
Abb. 5: Der Einbaum auf dem Bergegestell, seitlich durch Sandsäcke stabilisiert.
Abb. 5: Der Einbaum auf dem Bergegestell, seitlich durch Sandsäcke stabilisiert.
Abb. 6: Umsetzen des Einbaums in die Bergewanne.
Abb. 6: Umsetzen des Einbaums in die Bergewanne.
Abb. 7: Die Schlauchbootfähre des THW Salzwedel.
Abb. 7: Die Schlauchbootfähre des THW Salzwedel.

Der Bootskörper hat eine Länge von 4,18 m. Die größte Breite ist am Bug, dem Stammende, mit 0,52 m zu messen. Das Heck (Zopfende) ist noch 0,4 m breit und der Schiffskörper in der Mitte 0,33 m hoch. Beide Enden sind flach auslaufend und löffelartig gerundet. Der vordere Heckbereich hat zwei senkrechte Querschotts von 5 cm Randstärke, die eine Art Kasten bilden (Innenmaße 40 cm x 43 cm) und damit den hinteren Schiffsbereich abtrennen (Abb. 8). Die Bootswand ist durchschnittlich 3-5 cm stark und der Querschnitt des Einbaums halbkreisförmig. An vielen Teilen des Schiffskörpers sind Bearbeitungsspuren eines flachen Hohldechsels zu erkennen (Abb. 9). Da die meisten dieser Wasserfahrzeuge aus Eiche bestehen, sind aus Esche gefertigte Stücke, wie in diesem Fall, eher die Ausnahme.

Abb. 8: Umzeichnung des freigelegten Einbaums vom Arendsee nach 3-D-Scan.
Abb. 8: Umzeichnung des freigelegten Einbaums vom Arendsee nach 3-D-Scan.
Abb. 9: Dechselspuren des Arendseer Einbaums, aufgenommen in der Holzkonservierung des LKD MV in Schwerin.
Abb. 9: Dechselspuren des Arendseer Einbaums, aufgenommen in der Holzkonservierung des LKD MV in Schwerin.

Das Arendseer Boot wird wohl als Fischereifahrzeug gedient haben, da der durch zwei Querschotts abgetrennte vordere Bereich der Heckpartie eine Art Fischkasten bildet. Der besonders flache, gerundete Bug war hervorragend zum Anlanden an flachen Ufern wie im Norden des Arendsees geeignet. So wurde der Einbaum wohl vom Zießauer Ufer aus als Fischerboot für die Netz- und Reusenfischerei genutzt.

Wenngleich konkrete historische Angaben zur Fischerei im Arendsee nicht bekannt sind, lassen einige Urkunden, die den See als Klosterbesitz ausweisen, Zusammenhänge erschließen. So zählten u. a. die gesamten Dörfer rund um den See zum Besitz des 1183 gegründeten Benediktinerinnen-Klosters: Arendsee (1208), Genzien (1365), Gestien (1253), Kaulitz (1184 und 1340), Kläden (1271), Leppin (1322), Schrampe (1184), Zehren (vor 1235), Ziemendorf (1375 ?), Zießau (1184) und Zühlen (1331). Eindeutiger stellen sich die Fischereirechte in der Bestätigungsurkunde für das Kloster aus dem Jahre 1208 dar: "Praeterea quicquid inter stagnum, quod dicitur antiquum Arnesse, et fluvium, qui dicitur Byndin, et provinciam lynegowe habuerunt, vel habere possunt, in silvis, in pascuis, in piscacionibus, in venacionibus." (außerdem alles, was sie zwischen dem stehenden Gewässer, das der alte Arendsee genannt wird, dem Fluss Binde und der Landschaft Lemgow an Wald-, Weide-, Fischerei- und Jagdnutzung besessen haben oder besitzen können).

Ob der Einbaum in fangfreier Zeit planmäßig auf Grund gesetzt bzw. gelagert wurde oder zufällig um 1400 verloren ging, bleibt ebenso ungeklärt wie die Zugehörigkeit des gleich alten  Henkelkruges zur Ausstattung des Fischers.

Das Arendseer Boot ist in der Region kein Einzelstück. Aus der Elbe bei Arneburg, Ldkr. Stendal, kam 1970 ein Bootfragment, das nicht mehr existiert. Im Museum Wolmirstedt lagern Überreste von zwei Einbäumen aus der Kiesgrube Treuel bei Bertingen, Ldkr. Stendal, die in den 70er Jahren des 20. Jh. eingeliefert wurden. Bei Bömenzien, Landkreis Stendal, erfasste ein Greifer 1936 im Zehrengraben einen Einbaum, der ins Kreismuseum Osterburg gelangte. Das Boot aus Kuhlhausen, Ldkr. Stendal, wurde 1934 in einem Altarm der Havel entdeckt und befindet sich im Museum Genthin. Aus Neukirchen, Landkreis Stendal, stammt der neueste Fund, den das LDA 2007 am Schwarzen Wehl, einem Elbealtarm, barg. Im Landesfundarchiv gibt die Ortsakte Nitzow, Ldkr. Stendal, den Hinweis auf einen aus der Havel stammenden Einbaum, der sich früher im Museum Havelberg befand. Im Jahr 2005 wurde nahe Schartau, Ldkr. Jerichower Land, ein am Ostufer der Elbe angeschwemmter Einbaum durch das LDA sichergestellt. Aus dem Bett der Stremme (Havel-Zufluss) bei Schlagenthin, Ldkr. Jerichower Land, kamen in den Jahren 1967 und 1973 zwei Einbäume, die im Museum Genthin zu besichtigen sind. Diese Reihe ließe sich mit Fundstellen im angrenzenden Brandenburg und Niedersachsen fortsetzen.
Dennoch sind - gemessen an mehreren Jahrtausenden praktizierter Binnenschifffahrt  - nur wenige Einbäume entdeckt worden. Der älteste deutsche Bootfund wurde bereits 1785 im Teufelsmoor in Niedersachsen ausgegraben. Gleichwohl blieben nur einige der aufgefundenen Stücke erhalten. Die in Sachsen-Anhalt zugänglichen Boote ließ das LDA in den Jahren 2007-2009 datieren. Der z. Zt. älteste Einbaum der Region ist karolingisch (8. Jh. - Schartau, Ldkr. Jerichower Land), alle weiteren wurden im Mittelalter und der Neuzeit mit Schwerpunkten im 12./13. sowie 15./16. Jh. hergestellt; der jüngste stammt aus dem 18. Jh. (Bertingen, Ldkr. Stendal).

Einbäume sind seit der Mittelsteinzeit bekannt und entstanden durch Bebeilen eines Baumstammes, mitunter auch unter Zuhilfenahme von Feuersetzen. Sie waren wichtige Verkehrsmittel des Hinterlandes über Seen und kleine, schmale Fließgewässer zu den großen Wasserstraßen. Paddel oder Staken dienten der Fortbewegung. Im Rahmen der Binnenschifffahrt und des damit verbundenen Transports von Menschen und Gütern kamen die flachen, schmalen und damit wendigen Boote nahezu in jeder Region zum Einsatz. Sie ermöglichten den Verkehr auf dem effektiven Wasserweg, da es bis in die Neuzeit hinein kein ausgebautes Straßennetz gab. Gleichermaßen zählen Einbäume zu den grundlegenden Arbeitsmitteln der Binnenfischerei. In Kombination mit anderen waren sie auch als Katamaran bzw. Floßfähren als Schwimmkörper aus zwei und mehr Rümpfen in Gebrauch. Das wirtschaftliche Potenzial der Einbäume zeigt sich an ihrer fortgesetzten Verwendung parallel zur Entwicklung der Plankenboote und -schiffe, in einigen Regionen sogar bis in das 19. Jh.

 

Literatur:

Leineweber/Lübke 2006
R. Leineweber und H. Lübke, Der Einbaum aus dem Arendsee, in: Nachrichtenbl. Arbeitskreis Unterwasserarchäologie, Bd. 13, 2006, 33-44

Leineweber 2009
R. Leineweber, Entdeckt in Magazinen, Akten und Gewässern. Einbäume in Sachsen-Anhalt, in: Nachrichtenbl. Arbeitskreis Unterwasserarchäologie, Bd. 15, 2009, 83-92.

 

Abbildungsnachweise:

Abb. 1: N. Seeländer (LDA)
Abb. 2, 5, 6: H. Lübke (ehem. LKD MV Schwerin)
Abb. 3, 9: R. Leineweber (LDA)
Abb. 4: I. Hoffmann, Halle (Saale)
Abb. 7: R. Pohlmann, Zießau
Abb. 8: O. Schröder, M. Wiegmann (LDA)

 

Text: Rosemarie Leineweber (LDA) und Harald Lübke (ehem. LKD MV Schwerin)
Redaktion und Internet: Tomoko Emmerling