Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Dezember: Zwei Reliefs aus dem Haus des Lucius Caecilius Jucundus.

 

Pompeji (...) ist durch das Erdbeben in Trümmer gesunken.

„Seneca, Naturales Quaestiones VI, 1“

 

Wie ändert sich das Leben in einer antiken Stadt durch eine gewaltige Naturkatastrophe? Welchen Einfluss hatte das katastrophale Ereignis auf die Gesellschaft? Diese Fragen lassen sich am Beispiel des Vesuvsausbruchs im Jahre 79 n. Chr. kaum beantworten, da er zur kompletten Verwüstung mehrerer Städte und Siedlungen geführt hat. Ganze Gebiete wurden aufgegeben und erst nach mehreren Jahren wieder besiedelt.

Bereits lange vor der definitiven Zerstörung wurde Pompeji von einer Naturkatastrophe heimgesucht. Im Jahre 62 (oder 63) n. Chr. kündigte ein starkes Erdbeben das Wiedererwachen des Vulkans an. Der Historiker Tacitus berichtet mit einem knappen Satz von der Verwüstung Pompejis. Viel ausführlicher ist hingegen die Beschreibung bei Seneca:

„Wir haben die Schreckensnachricht vernommen, mein liebster Lucilius, Pompeji in Kampanien, wo einerseits die Strände von Sorrentum und Stabiae, andererseits die Küstenstriche von Herculaneum zusammentreffen und das landeinwärts gedrungene Meer in einer malerischen Bucht einschließen, jene volkreiche Stadt ist durch das Erdbeben in Trümmer gesunken, und auch die Umgebung ist schwer betroffen worden. (…) Es war am 5. Februar unter dem Konsulat des Regulus und Verginius, als dieses Erdbeben in Kampanien ungeheure Verwüstungen anrichtete. Diese Landschaft ist eigentlich nie vor einem solchen Unglück sicher, aber bisher erlitt sie nie große Schäden und ist immer mit dem Schrecken davongekommen. Jetzt liegt auch ein Teil von Herculaneum in Trümmern“.

(Seneca, Naturales Quaestiones VI, 1, 1-2, Übersetzung: F. A. Brock)

Wurden durch den Vulkanausbruch fassbare Momentaufnahmen der Tragödie erhalten, ist es uns schwieriger, im Fall des Erdbebens die Unmittelbarkeit der Verwüstung wahrzunehmen. Zusätzlich sind vor der endgültigen Aufgabe der Stadt die meisten Schäden bereits repariert worden. In Pompeji wurden aber zwei Reliefs entdeckt, die eine einzigartige Darstellung der Geschehnisse vom 5. Februar 62 n. Chr. wiedergeben. Möglicherweise stammen beide Marmorplatten aus dem Haus des Lucius Caecilius Jucundus, wo sie an zwei Seiten des Hausaltars angebracht waren. Sie zeigen in naiver, aber dennoch sehr realistischer Weise den Augenblick der Zerstörung Pompejis. Das eine Relief, dessen Original heute verschollen ist, stellt den Bereich des Vesuv-Stadttors dar: Das Stadttor selbst ist beim Einstürzen wiedergegeben, während das Castellum Aquae (Wasserkastell, links im Bild) nicht beschädigt wird:

Abb. 1: Abguss eines verschollenen Marmorreliefs.
Abb. 1: Abguss eines verschollenen Marmorreliefs.

Der Vergleich mit der tatsächlichen Bebauung dieses nördlichen Bereiches der Stadt beweist, dass der Künstler die Merkmale der einzelnen Gebäude sehr präzise wiedergab:

Abb. 2: Der Bereich um das sog. Vesuv-Tor von Pompeji mit dem Castellum Aquae.
Abb. 2: Der Bereich um das sog. Vesuv-Tor von Pompeji mit dem Castellum Aquae.

Ebenfalls sehr naturgetreu ist die Szene auf dem anderen Relief, das den Hauptplatz (Forum) von Pompeji darstellt:

Abb. 3: Dargestellt ist das Forum Pompejis. Man erkennt den Haupttempel,
Abb. 3: Dargestellt ist das Forum Pompejis. Man erkennt den Haupttempel,

Man erkennt den Haupttempel der Stadt, in dem die kapitolinische Trias - Jupiter, Juno und Minerva - verehrt wurde: er ist beim Einstürzen wiedergegeben. Vor dem sakralen Gebäude sieht man den Altar; links davon einen Ehrenbogen. Auf den zwei Podesten, die die Tempeltreppen flankieren, steht je eine Reiterstatue. Der Vergleich mit der heutigen Situation in Pompeji beweist die Genauigkeit der Szene:

Abb. 4: Die nördliche Seite des Forums von Pompeji mit dem Juppitertempel und dem Altar.
Abb. 4: Die nördliche Seite des Forums von Pompeji mit dem Juppitertempel und dem Altar.

Die Deutung der beiden Reliefs als Weihgeschenk liegt nahe und wird von ihrer Anbringung am Hausaltar unterstützt. Womöglich wollte sich der Hausbesitzer - der Bankier Lucius Caecilius Jucundus - durch diese Weihung bei den Göttern für seine Rettung während des Erdbebens bedanken. Die Folgen der neuen Katastrophe sind aber auch in seinem Archiv erkennbar: es enthält 153 Rechtsurkunden, die auf Wachstafeln verfasst wurden. Die jüngste Tafel datiert im Januar 62 n. Chr., womöglich wenige Tage vor dem Erdbeben. Die Zäsur, die von dieser Katastrophe verursacht wurde, ist auch im politischen Leben der Stadt zu erkennen. Wie Seneca berichtet, sind zahlreiche Bewohner nach diesem Ereignis geflüchtet:

„Hören wir nicht länger auf die Flüchtlinge aus Kampanien, die nach diesem Unglück (dem Erdbeben) ausgewandert sind, fest entschlossen, nie mehr einen Fuß in jene Gegend zu setzen“.

Von dem daraus resultierenden sozialen Umbruch haben vermutlich die reichen Freigelassenen profitiert, denen nun mehr Spielraum zur Verfügung stand. Von diesem Wechsel in der pompejanischen Gesellschaft zeugen verschiedene Quellen. Ein Zitat von Macrobius beweist, dass zur Zeit Ciceros - im 1. Jh. v. Chr. - die Politik der Stadt von wenigen einflussreichen Familien kontrolliert war: die Aufnahme in die lokale Obrigkeit war für die anderen Bürger sehr schwierig:

„Cicero sagte seinem Freund Publius Mallius, der ihn mehrmals ersuchte, seinem Stiefsohn beim Wahlkampf für den Dekurionenrat zu helfen: wenn du möchtest, kannst du das in Rom haben. Aber in Pompeji ist es schwierig“.

(Macrobius, Saturnalia II, 3, 11-12).

Ganz anders gestaltet sich die Lage nach dem Erdbeben. Der Freigelassene Numerius Popidius Ampliatus hat den Tempel der Isis wieder errichtet. Diese Wohltätigkeit erfolgte aber, wie es aus der Weihinschrift hervorgeht, im Namen seines sechsjährigen Sohnes Numerius Popidius Celsinus, damit der Junge in den Stadtrat aufgenommen werden konnte. Den ehemaligen Sklaven blieb nämlich eine politische Karriere untersagt, nicht aber ihren Nachkommen. Durch seine Wohltätigkeit sicherte der reiche Freigelassene den sozialen Aufstieg seines Sohnes.

Abb. 5: Weihinschrift des Isis-Tempels.
Abb. 5: Weihinschrift des Isis-Tempels.

Das Erdbeben hat also vermutlich die pompejanische Gesellschaft tiefgreifend verändert. Auch die Gebäude der Stadt wurden zum Teil umfunktioniert. Das ist z. B. bei der Quadriportikus des Theaters der Fall: In der letzten Phase der Stadtgeschichte war diese Anlage zur Gladiatorenkaserne umfunktioniert worden. Davon zeugen die zahlreichen Waffen, die hier gefunden wurden. Trotz der Verwüstung und der sozialen Veränderungen war Pompeji immer noch eine sehr lebendige Kleinstadt. Die Schäden vom Erdbeben wurden repariert, obwohl weitere Erdstöße immer wieder zu erneuten Einstürzen führten. Bis zum letzten Tag vor dem Ausbruch hat man in den öffentlichen Gebäuden und in den Häusern gearbeitet: In manchen Fällen, wie im Haus des Goldenen Armreifs, wurden die vom Erdbeben zerstörten Wandmalereien einfach in den Garten entsorgt und als Planierungsschicht verwendet. Die Hausbesitzer gehörten aber wohl auch nach 62 n. Chr. zu den reichsten Familien der Stadt: die hier entdeckten Opfer hatten versucht, Münzen und Schmuckstücke aus Edelmetall auf ihrer misslungenen Flucht mitzunehmen. Sie starben aber unweit von dem Raum entfernt, dessen prächtige Gartenmalereien als Sinnbild für das sich jährlich erneuernde Leben der Natur verstanden werden können.

 


Abbildungen:

Abb. 1 - 4: Fotografica Foglia (Neapel)
Abb. 5: J. Lipták (München)

Literatur:

Beard 2011:
Mary Beard, Pompeji. Das Leben in einer römischen Stadt (Stuttgart 2011).

Coarelli 2002:
Filippo Coarelli (Hrsg.), Pompeji (München 2002).

Dickmann 2010:
Jens-Arne Dickmann, Pompeji. Archäologie und Geschichte (München 2010).


Text: Esaù Dozio
Internet und Redaktion: Konstanze Geppert