Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Juli: Der sächsische Königshof (curtis regia) in Calbe (Saale)

Im Stadtzentrum von Calbe (Saale) fand im Juli 2011 erstmals eine archäologische Ausgrabung statt. Direkt gegenüber des Westportals der Kirche St. Stephani kam es in der Ritterstraße 1 zum Abriss des alten Herrenhauses, dessen älteste datierbare Bausubtanz aus dem 15. Jahrhundert stammt, um eine Drogeriefiliale zu errichten. Diesem, für das herausragende Kulturdenkmal, unglücklichen Umstand ist es zu verdanken, dass die Archäologen die Möglichkeit erhielten, der bis dahin nur aus den Schriftquellen bekannten älteren Stadtgeschichte auf den Grund zu gehen. Die bei den Untersuchungen sichergestellten Funde sprechen auf Grund ihrer Zeitstellung, Seltenheit und Qualität eindrucksvoll für den einstigen Königshof.

Abb. 1: Blick nach Osten
Abb. 1: Blick nach Osten

Zur Historie der Fundstelle

Abb. 2: Urkunde von Otto I. vom 13. September 936
Abb. 2: Urkunde von Otto I. vom 13. September 936

Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes „calvo“ stammt aus der Kanzlei von Otto I., in der jener am 13.09.936 dem Stift Quedlinburg 15 wendische Familien aus Frohse und Calbe schenkte. Der Ortsname kann sowohl aus slawischen oder deutschen Wurzeln hergeleitet werden. Vom Geschichtsschreiber Eginhard unter Karl des Großen ist überliefert, dass die Grenze zwischen Slawen und Deutschen im 8. Jahrhundert an den Flüssen der Saale und Elbe lag.

Abb. 3: Vermutliche Lage der Curtis und Burg Calbe (rosa) sowie der Johannis-Baptistae-Kapelle (rot)
Abb. 3: Vermutliche Lage der Curtis und Burg Calbe (rosa) sowie der Johannis-Baptistae-Kapelle (rot)

In einer Urkunde Ottos I. aus dem Jahr 961 wird bereits ein Burgward erwähnt, in dem sowohl slawische als auch deutsche Bewohner ansässig waren. Diese, ab dem 10. Jahrhundert, entlang der Saale und Elbe strategisch im Grenzland verteilten Burgwarde dienten im Zuge der deutschen  Landexpansion zur Grenzsicherung gegen die Slawen sowie als Missionierungsausgangspunkt. Spätestens im 12. Jahrhundert war die Germanisierung dieses Gebietes abgeschlossen. Die in diesem Gebiet ansässigen Slawen hatten in den Dörfern und Städten abgesonderte Wohnbereiche, die sie von den übergeordneten, deutschen Anwohnern isolieren sollten. Häufig entstanden so zwei parallele Ortschaften.

Zu Zeiten von Otto I. saßen die Wilzen in der Nähe von Calbe am Ostufer der Elbe sowie bei Barby und Grizehne. In Calbe soll die slawische Siedlung laut Gustav Hertel am Fuße des Calbenser Burgwalles gelegen haben, im Bereich der heutigen Bernburger Vorstadt.

Eine weitere Urkunde von 965 nennt im Gebiet von Calbe einen Königshof (curtis regia), den Kaiser Otto I. dem St. Mauritius Kloster zu Magdeburg übergab. Diese vorwiegend aus hölzernen Bauten errichtete Anlage ist in den darauf folgenden Jahren zu einem adligen Freihof umgewandelt worden, der dem Magdeburger Erzstift unterstand. Hier wurden adlige Ministerialien als Verwalter eingesetzt, die später ab dem 12. Jahrhundert unter dem Titel „Dienstmann […] und Ritter […] von Calbe“ in diversen lokalen Akten Erwähnung finden.

Abb. 4: Schloss (Ausschnitt aus "Calegia")
Abb. 4: Schloss (Ausschnitt aus "Calegia")
Abb. 5: Schlossansicht von 1940
Abb. 5: Schlossansicht von 1940
Abb. 6: Das Gebäude vor dem Abriss
Abb. 6: Das Gebäude vor dem Abriss

Der Magdeburger Erzbischof hat ab 1314 ein Schloss im Nordosten Calbes errichten lassen, das im 15. Jahrhundert fertig gestellt worden war. Im Jahre 1951 war es bereits vollständig wieder abgetragen.

Der einstige Königshof wurde im 13. oder 14. Jahrhundert aufgegeben und an seiner Stelle ein Rittergut errichtet. Die heutige Ritterstraße hieß bis 1721 Herrenstraße und verweist damit auf das Wohnareal jenes Verwalters von Calbe aus der untersten Adelsschicht. Wahrscheinlich stand das Herrenhaus des Burg- oder Rittergutes an jener Stelle, wo sich ab dem 10. Jahrhundert das Haupthaus des Köngishofs befunden hatte.

Das Rittergut hatte im 14. Jahrhundert zuerst die Familie von Hacke zum Lehen, ab 1604 die Familie von Haugwitz. Nach wechselnden Besitzern kam das Gut 1685 an die Familie von Reichenbach. 1713 wurde der Gutshof nach einem Großbrand neu aufgebaut.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts wohnte hier als Pächter ein Andreas Francke. Zu dieser Zeit wies das Gut zahlreiche unterschiedlich genutzte Gebäude auf: neben Scheunen und Viehställen auch ein Brau- und Gerätehaus. 1870 war ein Wagenbau-Unternehmer ansässig, der Kutsch- und Gebrauchtwagen erstellte. Ab 1923 befand sich auf dem Gelände der Ritterstraße 1 eine Rohkonservenfabrik und ab 1939 eine Fabrik für Gemüsekonserven. Parallel wurde das Haus in zunehmendem Maße privat vermietet. Ab 1980 stand es leer und verfiel zusehends. Das herausragende Kulturdenkmal konnte vor dem Abriss von Dr. Joachim Todenhöfer vom Büro für Bauforschung und Denkmalpflege untersucht werden.

Das archäologische Fundspektrum

Von den 61 untersuchten Befunden sind besonders die Funde aus den beiden Grubenhäusern hervorzuheben. Neben zahlreichen slawischen Keramikscherben mit Wellenstrichverzierungen, welche ins 11. Jahrhundert datieren, fanden sich mehrere mono- und polychrome Glasringe, zwei Dreilagenkammfragmente, ein Spinnwirtel, eine Münze und zahlreiche Eisenobjekte, unter anderem ein Querschneider.

Abb. 7: Slawische Keramik
Abb. 7: Slawische Keramik
Abb. 8: Weitere Scherben slawischer Keramik
Abb. 8: Weitere Scherben slawischer Keramik

Die sehr großen Dreilagenkämme mit zwei Bügelbeschlägen haben einen verzierten Bereich in der Mitte der Zahnplatte in Form von durchbrochenen Loch- bzw. Kreuzmustern. Parallelen gibt es zu dem Fundort Znojmo in Mähren, zu Höxter und zu Schleswig in Norddeutschland, wo diese im 10. bzw. im 12. Jahrhundert auftraten. Diese sehr seltene Art der Kämme steht meist für die reiche Ausstattung einer Person.

Abb. 9: Dreilagenkamm aus Befund 60, Grubenhaus, NO-Bereich
Abb. 9: Dreilagenkamm aus Befund 60, Grubenhaus, NO-Bereich
Abb. 10: Dreilagenkamm aus Befund 3, Grubenhaus. NO-Bereich
Abb. 10: Dreilagenkamm aus Befund 3, Grubenhaus. NO-Bereich

Einen genauen Terminus für die Datierung liefert eine Silbermünze aus dem südöstlichen Grubenhaus. Es handelt sich um einen Obol (halber Pfennig) - ein Randpfennighälbling- oder Kugelstabkreuzpfennigtyp, welcher zwischen 1060 und 1105 in der Regierungszeit König Heinrichs IV. geprägt wurde. Laut Auskunft von Ulf Dräger, Kustos Landesmünzkabinett Sachsen-Anhalt, kommen nach gegenwärtigen Forschungsstand Münzstätten in Bautzen oder Meißen als Herstellungsort in Frage.

Abb. 11: Der Obol (Randpfennighälbling)
Abb. 11: Der Obol (Randpfennighälbling)
Abb. 12: Die andere Seite des Obols
Abb. 12: Die andere Seite des Obols

Recht typisch sind ab dem 11. Jahrhundert im slawischen Siedlungsgebiet die Fingerringe aus hoch bleihaltigem Glas in den Farben Grün, Blau und Gelb in D-Form oder mit rundem Querschnitt, welche auf Grund ihrer Größe meist von Frauen und Kindern getragen worden sind und keiner sozialen Schicht vorbehalten waren.

Abb. 13: Glasring
Abb. 13: Glasring
Abb. 14: Glasring
Abb. 14: Glasring
Abb. 15: Feder
Abb. 15: Schreibfeder aus Tierknochen

Um einen nicht ganz alltäglichen Fund handelt es sich bei dem abgebildeten Objekt aus Tierknochen, welches anhand der Form wahrscheinlich als Feder zum Schreiben von Zierschriften und Initialen gedient haben dürfte.  Allgemein gebräuchlich waren zu dieser Zeit Schreibfedern aus dem zugespitzten Mittelsteg von Schwungfedern der Gänse, auch als Federkiel bezeichnet. Federn aus Tierknochen sind sehr selten, treten vereinzelt seit der römischen Kaiserzeit im Fundmaterial auf.

In unmittelbarer Nähe der Grubenhäuser traf man auf eine weitgehend vollständige Pferdebestattung in einer ovalen Grube, bei welchem sich auch ein Hufeisen in Situ befand. Die archäozoologische Bestimmung durch Hans-Jürgen Döhle ergab, dass es sich um ein relativ großes, kräftiges Tier mit einer Widerristhöhe von 1,44 bis 1,52 m gehandelt hat. Die Keramikfunde und die für mittelalterliche Fundzusammenhänge ungewöhnliche Größe sowie das Mondsichelhufeisen, datieren diesen Befund frühestens ins 13./14. Jahrhundert.

Abb. 16: Mondsichelhufeisen
Abb. 16: Mondsichelhufeisen
Abb. 17: Pferdebestattung
Abb. 17: Pferdebestattung

Bei den jüngsten Funden handelt es sich um Glasreste, welche im Südwestbereich des ehemaligen Ritterhauses im Sohlbereich eines Kellers auftraten. Dabei handelt es sich vornehmlich um dünnwandige Glasfragmente mit Fadenauflagen und Reste von Stangengläsern aus dem 15./16. Jahrhundert.

Abb. 18: Glasfunde aus Befund 33
Abb. 18: Glasfunde aus Befund 33
Abb. 19: Glasfunde aus Befund 33
Abb. 19: Glasfunde aus Befund 33
Abb. 20: Glasfunde aus Befund 33
Abb. 20: Glasfunde aus Befund 33

Literatur:

Giesemann, Ernst 1996
Calbe an der Saale. Was man durch die Heimatstube über die Rolandstadt erfahren kann. Calbe (Saale).

Steinmetz, Dieter H. 2011
Geschichte des Rittergutes Calbe und des davor existierenden Königshofes. Calbe/Saale. (Unveröffentlichtes Manuskript).

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1: J. Winter
Abb. 2: Urkunde von Otto I. in den Regesta Imperii vom 13. September 936, Reproduktion in Heimatstube Calbe/S. Die Urkunde enthält die Ersterwähnung der Stadt Calbe und der Gemeinden Großmühlingen, Harkerode, Heudeber, Rieder und Westerhüsen.
Abb. 3: Ausschnitt aus dem Stich "Gegend der Stadt Calbe - Calegia" mit Markierung der Lage des Königshofes, Dieter H. Steinmetz CC-by-sa 2.0/de
Abb. 4: Schloss Calbe, Dieter H. Steinmetz CC-by-sa 2.0/de
Abb. 5: Archiv LDA Sachsen-Anhalt
Abb. 6: Rittergut Calbe, Dieter H. Steinmetz CC-by-sa 2.0/de
Abb. 7 und 8: J. Winter
Abb. 9 bis 16 und 20: Werkstatt LDA Sachsen-Anhalt
Abb. 17: J. Winter
Abb. 18 und 19: J. Winter


Text: Brigitte Schiefer (Halle/Saale), Jana Harnisch (Halle/Saale), Jens Winter (Halle/Saale)
Internet und Redaktion: Konstanze Geppert