Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: Rasierpinsel und Totenkrone

Abb. 1: Die Skelette waren teilweise durch den Pflug gestört und disloziert.
Abb. 1: Die Skelette waren teilweise durch den Pflug gestört und disloziert.

Beigabenbräuche christlicher Bestattungen auf einem spätmittelalterlichen bis barockzeitlichen Friedhof im Burgenlandkreis


Bei Grabungen anlässlich einer Deichsanierung in Wengelsdorf, Burgenlandkreis, wurde unmittelbar am Ufer der Saale ein spätmittelalterliches bis frühneuzeitliches Gräberfeld freigelegt. Die dicht unter der Oberfläche liegenden Gräber waren durch den Ackerbau bereits stark in Mitleidenschaft gezogen, die Skelette waren teilweise disloziert. Es zeigte sich zudem, dass die Bestattungen mehrschichtig übereinander lagen; beim Anlegen jüngerer Grablegen waren die älteren zum Teil zerstört worden (Abb. 1).

Abb. 2: Die Bestattungen waren mehrschichtig übereinander niedergelegt.
Abb. 2: Die Bestattungen waren mehrschichtig übereinander niedergelegt.

Es handelte sich durchweg um Körperbestattungen in gestreckter Rückenlage. Alle Gräber waren W-O ausgerichtet, die Verstorbenen blickten nach Osten. Die Lage der Arme war unterschiedlich. Sie variierten zwischen seitlich anliegend, auf dem Becken gekreuzt und auf der Brust gekreuzt (Abb. 2). Anhand von Keramikscherben ließ sich die Belegungszeit des Friedhofs chronologisch auf die Spanne vom 13./14. bis zum 16./17. Jahrhundert n. Chr. eingrenzen. Nahezu jedes Grab enthielt Reste korrodierter Eisennägel, so dass davon auszugehen ist, dass die Verstorbenen ehemals in Holzsärgen beigesetzt waren. Da es sich aufgrund der Zeitstellung und der Ausrichtung der Gräber zweifelsfrei um christliche Bestattungen handelt, stand zu erwarten, dass sie ansonsten beigabenlos wären. Für die meisten Grablegen traf diese Annahme auch zu, allerdings gab es vereinzelte Ausnahmen: in einigen Gräbern wurden korrodierte Buntmetallreste dokumentiert.

Die Untersuchung der Drahtreste in der Restaurierungswerkstatt ergab, dass in einem Grab zwei Drahtbäumchen und ein Nadelrest aus Buntmetall sowie Reste eines geflochtenen Lahnfadens erhalten waren. Der Lahnfaden bestand aus einer pflanzlichen Faser in S-Drehung, die in Z-Drehung mit flachem, versilbertem Kupferlahn umwickelt war. Die Drahtbäumchen setzten sich aus je drei Ästen zusammen, die wiederum aus je zwei gekordelten Drähten gebildet waren (Abb. 3). An einem Ende waren die drei Äste zusammengedreht, an den Einzelenden war je ein Draht zu einer Schlaufe gebogen (Abb. 4). Ursprünglich dienten diese sicherlich zur Befestigung einer Perle o. ä. (Abb. 3-4). Man wird davon ausgehen dürfen, dass hier die Reste einer sogenannten Totenkrone vorliegen.

Abb. 3: Drahtbäumchen aus drei Ästen, die wiederum aus je zwei gekordelten Drähten bestanden
Abb. 3: Drahtbäumchen aus drei Ästen, die wiederum aus je zwei gekordelten Drähten bestanden
Abb. 4: An einem Ende waren die drei Äste zusammengedreht, an den Einzelenden war je ein Draht zu einer Schlaufe gebogen und diente sicher einmal zur Befestigung einer Perle o. ä.
Abb. 4: An einem Ende waren die drei Äste zusammengedreht, an den Einzelenden war je ein Draht zu einer Schlaufe gebogen und diente sicher einmal zur Befestigung einer Perle o. ä.

Hierzu passt, dass aus einem weiteren Grab Reste eines Flechtbändchens in Posamentierarbeit (Klöppelspitze; Schmuckelement auf einem anderen textilen Artikel) aus Lahnfaden im Block geborgen wurden (Abb. 5). In diesem Fall handelte es sich um pflanzliches Garn aus zweistufigem Zwirn in S-Drehung, das in S-Drehung mit einem dünnen Metallstreifen aus versilbertem Kupferlahn umwickelt war. An einer Stelle war auf dem Flechtbändchen ein hellbrauner textiler Geweberest (leinwandbindig?) erkennbar, der Faden hatte eine bastartige Struktur, war aber sehr schlecht erhalten (Abb. 6). Vermutlich war das Flechtbändchen auf einem Textil angebracht, beispielsweise einer Haube. Solche Hauben wurden unter den Kronen getragen; beides wurde mit Nadeln befestigt. Aus dem obigen Grab wurden die Reste einer feinen Bronzenadel geborgen, wie sie darüber hinaus als Einzelfunde auch in zwei weiteren Gräbern dokumentiert werden konnten (Abb. 7). Alles in allem ist davon auszugehen, dass es im spätmittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Wengelsdorf üblich war, bestimmte Verstorbene mit Totenkronen zu bestatten.

Abb. 5: Blockbergung mit den Fragmenten des Flechtbändchens
Abb. 5: Blockbergung mit den Fragmenten des Flechtbändchens
Abb. 6: Flechtbändchen in Posamentierarbeit nach Freilegung in der Restaurierungswerkstatt
Abb. 6: Flechtbändchen in Posamentierarbeit nach Freilegung in der Restaurierungswerkstatt
Abb. 7: Reste einer feinen Bronzenadel und weiteres Buntmetallfragment
Abb. 7: Reste einer feinen Bronzenadel und weiteres Buntmetallfragment

Totenkronen waren sowohl bei Protestanten und wie auch bei Katholiken in ganz Mitteleuropa vom Ende des 16. bis zum 19. Jahrhundert verbreitet. Bestimmten unverheirateten männlichen und weiblichen Personen, vornehmlich Kindern, gelegentlich auch jungen Erwachsenen, wurde eine Totenkrone beigegeben. Ledig verstorben ist in diesem Kontext gleichbedeutend mit jungfräulich verstorben. Eine Ausnahme konnten Wöchnerinnen und wahrscheinlich auch vor ihrem Tod schwerkranke Personen bilden, da sozusagen das erlittene Martyrium die Unschuld wiederherstellte. Im archäologischen Befund zeichnet sich bisher eindeutig eine Bevorzugung des weiblichen Geschlechts ab, männliche Individuen wurden nur in Ausnahmefällen mit Totenkronen ausgestattet. Die Totenkrone galt gleichsam als Brautkrone. Während die Totenkronen anfangs den Verstorbenen mit ins Grab gegeben wurden, war es später üblich, einfache Leihkronen der Kirche zu verwenden, die nicht im Grab verblieben. Diese Möglichkeit war teilweise dem Umstand geschuldet, dass die Totenkronen mit der Zeit immer aufwändiger gestaltet und dementsprechend teuer wurden; um dieser Entwicklung gegenzusteuern, wurden mancherorts sogar Luxusgesetze erlassen. Abbildung 8 und 9 zeigen Rekonstruktionszeichnungen einer Totenkrone aus einer Gruft bei der Dresdner Frauenkirche.

Abb. 8: Rekonstruktion einer Totenkrone aus einer Gruft bei der Dresdner Frauenkirche.
Abb. 8: Rekonstruktion einer Totenkrone aus einer Gruft bei der Dresdner Frauenkirche.
Abb. 9: Detail der Totenkrone aus der Gruft bei der Dresdner Frauenkirche. Blütenfassung aus leonischen Drähten.
Abb. 9: Detail der Totenkrone aus der Gruft bei der Dresdner Frauenkirche. Blütenfassung aus leonischen Drähten.

Ein weiteres Wengelsdorfer Grab enthielt ein Objekt aus Borsten, Leder, Holz und Buntmetalldraht. Es bestand aus gebündelten Borsten, die mit zwei gekordelten gezogenen Metalldrähten aus stark abgebautem Material, wohl versilbertem Kupfer (zwei Umwicklungen sind unter dem umgeschlagenem Leder erkennbar) zusammengehalten wurden. Der Griff war mit Lederstreifen umwickelt; auf dem Leder befanden sich weißlichtürkise Ablagerungen ungeklärten Materials.  Ein angespitzter Holzpflock war in der Mitte zwischen den Borsten erhalten. Reste vom Faden einer Naht oder Wurzeln (schräge Stiche) waren am unteren Ende erkennbar (Abb. 10). Das Pinselende ist nicht erhalten; vermutlich handelt es sich bei der Seite mit der Metalldrahtumwicklung um den Griffabschluss, und die Borsten haben sich am gegenüberliegenden Ende befunden (Abb. 11). Aller Wahrscheinlichkeit nach liegt hier das Fragment eines Rasierpinselgriffes vor.

Abb. 10: Fragment eines Rasier(?)pinsels aus Borsten, Leder, Holz und gekordeltem Buntmetalldraht (wahrscheinlich versilbertes Kupfer)
Abb. 10: Fragment eines Rasier(?)pinsels aus Borsten, Leder, Holz und gekordeltem Buntmetalldraht (wahrscheinlich versilbertes Kupfer)
Abb. 11: Zeichnerische Darstellung/Rekonstruktion des Pinsels
Abb. 11: Zeichnerische Darstellung/Rekonstruktion des Pinsels

Einen ähnlichen Fund kennt man z. B. von den Grabungen im Magdeburger Dom, wo ein barockzeitlicher Rasier(?)-Pinsel neben dem Kopf einer bestatteten Person gefunden wurde. Ein weiterer Pinsel wurde bei einer Grabung im Theaterquartier im sächsischen Freiberg dokumentiert. Dort wurde der Pinsel im Hohlraum eines mit Löchern versehenen Siebdeckels gefunden, so dass hier wohl ein Rasierset des ausgehenden 16. Jahrhunderts vorliegt. Besondere Ähnlichkeit mit unserem Fund hat ein bei stadtarchäologischen Untersuchungen in Dortmund geborgenes Exemplar. Generell sind Pinselfunde aus dieser Zeit aber sehr selten und bislang vor allem aus Stadtkerngrabungen bekannt.

Neben den eigentlichen Grablegen wurde bei den Ausgrabungen an der Saale der viereckige Fundamentausbruchgraben eines Gebäudes dokumentiert (Abb. 12). Das Gebäude war wie die Gräber W-O orientiert, die Gräber sind um das Gebäude herum angelegt. Man wird annehmen dürfen, dass an dieser Stelle ein kleine Kirche oder Kapelle bestanden hat. Unmittelbar neben dem Fundamentgraben wurde eine flache Grube entdeckt, in der sich zahlreiche Knochen, Knochenfragmente und Schädelreste mehrerer Individuen befanden. Es handelt sich sicher nicht um eine reguläre Bestattung; vielmehr wäre denkbar, dass die Knochen beim Abriss des Gebäudes zu Tage kamen und im Anschluss zusammen in der Grube niedergelegt wurden.

Abb. 12: Fundamentausbruchgraben eines viereckigen Gebäudes, wohl einer kleinen Kirche oder Kapelle.
Abb. 12: Fundamentausbruchgraben eines viereckigen Gebäudes, wohl einer kleinen Kirche oder Kapelle.

Der Friedhof selbst wurde - sicherlich aus Hochwasserschutzgründen - auf einer ehemals flachen Anhöhe in der Niederung angelegt, die heute im Gelände nicht mehr erkennbar ist. Im tiefer liegenden Randbereich der Grabungsfläche wurden keine Gräber mehr angetroffen. Stattdessen befanden sich hier im Auelehm einige teils recht mächtige, aber weitgehend fundleere Gruben, bei denen es sich um ehemalige Lehmentnahmegruben handeln dürfte.

Bereits früher war im Bereich der Grabung der Standort der ehemaligen Wengelsdorfer Kirche vermutet worden, da beim Pflügen wiederholt Knochen ans Tageslicht gekommen waren. Auch der Flurname „Pfarr-halbe-Hufe“ gibt einen Hinweis darauf. Anwohner berichteten, dass ab 1653 die ersten Bestattungen am Standort der 1624 geweihten Kirche im heutigen Wengelsdorf schriftlich belegt seien. Somit könnte der Friedhof am Saaleufer bis in diese Zeit genutzt worden sein und wurde dann - möglicherweise aus Platzmangel, darauf deutet auch die mehrschichtige Einbringung der Grablegen - in den Ort verlegt; die historische Datierung stimmt jedenfalls mit den archäologischen Befunden überein. Wir können somit davon ausgehen, den mittelalterlichen Wengelsdorfer Begräbnisplatz wiederentdeckt zu haben. Mittlerweile ist der Platz durch den neuen Saaledeich komplett überbaut.

Text: Dietlind Paddenberg, Jörg Frase, Vera Keil
Internet und Redaktion: Konstanze Geppert

 

Literatur:

Lippok 2009
Juliane Lippok, Corona Funebris - neuzeitliche Totenkronen als Gegenstand der archäologischen Forschung (Langenweißbach 2009) [Zusammenfassende Auswertung zum Stand der Totenkronenforschung]

Schäfer 2009
Michael Schäfer, (All-)tägliche Toilette: Vom Kamm bis zum Zahnstocher - Körperpflege im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Concilium medii aevi (2009) 225-250. cma.gbv.de/z/2009 (19.07.2012) [Zusammenfassung der Belege zu Pinseln]

http://www.domgrabungen-md.de/Magdeburg.pdf (19.07.2012)

 


Abbildungsnachweis:


Abb. 1: J. Frase (LDA Halle)
Abb. 2: J. Frase (LDA Halle)
Abb. 3: V. Keil (LDA Halle)
Abb. 4: V. Keil (LDA Halle)
Abb. 5: V. Keil (LDA Halle)
Abb. 6: V. Keil (LDA Halle)
Abb. 7: V. Keil (LDA Halle)
Abb. 8: F. Frenzel/A. Tröller-Reimer/C. Bäucker, Begraben, vergessen, in neuem Glanz erstrahlend: Die Restaurierung einer Totenkrone. Arch. aktuell Freistaat Sachsen 3, 1995, S. 228
Abb. 9: F. Frenzel/A. Tröller-Reimer/C. Bäucker, Begraben, vergessen, in neuem Glanz erstrahlend: Die Restaurierung einer Totenkrone. Arch. aktuell Freistaat Sachsen 3, 1995, S. 230
Abb.10: V. Keil (LDA Halle)
Abb. 11: V. Keil (LDA Halle)
Abb. 12: R. Kuhn, Die Vorgängerbauten unter dem Magdeburger Dom. In: H. Meller/W. Schenkluhn/B.E.H. Schmuhl (eds.), Aufgedeckt II. Forschungsgrabungen am Magdeburger Dom 2006 - 2009. Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 13. (Halle [Saale] 2009).S. 34
Abb.13: J. Frase (LDA Halle)