Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: Laufen lernen in bunten Schuhen - Kleinkindstiefelchen mit Farbresten aus Magdeburg

Abb. 1: Kleinkindstiefelchen mit Resten einer Bemalung.

Bei Grabungen in Magdeburg, Breiter Weg 23-26 im Jahr 2005 wurden aus der Verfüllung eines Befundes in unmittelbarer Nähe des mittelalterlichen Straßenverlaufs neben Fragmenten von Haushaltsgeschirr, Trinkgläsern und zahlreichen Tierknochen auch mehr als 1300 Lederfragmente geborgen. Die hervorragenden Erhaltungsbedingungen sind vor allem darauf zurückzuführen, dass der Befund in eine stark lehmig-tonige Schicht einschnitt, die für ein offenbar konstantes Feuchtmilieu sorgte und auf diese Weise den Inhalt konservierte. Ein auf das Jahr 1226 dendrochronologisch datiertes Holz sowie die weiteren Funde erlauben es, den Niederlegungszeitpunkt verhältnismäßig genau in das 2. Quartal des 13. Jahrhunderts einzugrenzen. Bei den Lederfunden handelt es sich in der Hauptsache um bearbeitete Fragmente mit Nähten, die oft sekundäre Schnittkanten aufweisen. Unter den Funden befinden sich auch sieben Schuhe, von denen zwei vollständig und die anderen teilweise erhalten sind.

Abb. 2 Umzeichnung der Rückseite und Rekonstruktion des Erscheinungsbildes

Die Objekte wurden zunächst gewässert und anschließend in einer wässrigen PEG-Lösung getränkt. Diese setzte sich aus zwei Teilen Wasser und einem Teil PEG zusammen. PEG wurde in den Molekülgrößen 400 und 600 im Verhältnis 1:1 verwendet. PEG (Polyethylenglykol) ist ein wasserlöslicher Kunststoff und wird seit vielen Jahrzehnten bei der Stabilisierung von archäologischem Leder eingesetzt. Es gibt verschiedene PEG-Sorten, die sich lediglich in der Molekülgröße unterscheiden. PEG mit einer Molekülmasse von 400 ist bei Raumtemperatur eine nichtflüchtige Flüssigkeit. PEG 600 weist einen Schmelzbereich von 17 bis 22 °C und somit eine pastenartige Konsistenz auf. Die Lederteile wurden nach einem ca. 3-wöchigen Tränkungsbad zwischen Fließpapier an der Luft getrocknet. Die durchschnittliche Schrumpfung der Objekte betrug ca. 2%. Das Oberleder eines Kleinkindstiefelchens mit der HK-Nummer 2007:45797 weist Bemalungsreste auf und wurde deswegen nach dem Wässern ohne PEG- Tränkung zwischen Fließpapier getrocknet (Abb. 1). Die durchschnittliche Schrumpfung dieses Objektes betrug ca. 6 %. Bei dem Stiefelchen handelt es sich um einen rechten hohen Schuh mit Schnürverschluss um den Fuß. Der Schnürriemen wurde durch zwei kleine Schlitzpaare in Knöchelhöhe geführt und auf dem Rist verschlossen. Die Länge der Sohle beträgt ca. 11,5 cm, was in etwa der Schuhgröße 16-17 entspricht. Die Oberlederteile bestehen aus ca. 1 mm dickem Ziegenleder. Der mittlere Stichabstand der Sohlennaht beträgt ca. 4,4 mm. Die Schafthöhe beträgt ca. 10 cm und der Schaftrand war nicht eingefasst. Auf dem Leder befinden sich Bemalungsreste in Form von Linien und Punktreihen bzw. über dem äußeren Knöchel quadratische Muster (Abb. 2).

Während der hohe Schnürschuh mit zwei Ösenpaaren vor allem als Kinderschuh in den einschlägigen Publikationen häufig vertreten ist, sind mittelalterliche Schuhleder mit Bemalung selten belegt. Schnack nennt einen bemalten Halbschuh, der um 1100 datiert wird (Abb. 3, links). Sie beschreibt die verbliebenen Farbreste als metallisch schimmernd (Schnack 1992, 77). Nach einer naturwissenschaftlichen Untersuchung kam man lediglich zum Schluss, dass es sich bei dem Pigment um eine Zusammensetzung mineralischer Stoffe handelt (Schnack 1992, 177, Anm. 47). Goubitz stellt drei bemalte Schuhe vor, die ins 13. Jahrhundert oder später datiert werden. Zusammenfassend stellt er fest, dass die bemalten Oberlederfunde vor allem Punkte und Linien aufweisen. Erhalten sei meist nur oxidiertes Bleiweiß (Goubitz 2001, 45) (Abb. 3, rechts).

Abb. 3 Mittelalterliche Schuhe mit Bemalung, von links nach rechts: um 1100 (Schnack 1992, Taf. 16, 2-3), 13. Jahrhundert, 14. Jahrhundert und spätes Mittelalter.
Abb. 4: Buchmalerei um 1200 mit bemalten Schuhen.

Eine Elementenanalyse der Farbreste des Magdeburger Kinderstiefelchens ergab, dass das Pigment im Wesentlichen aus den Elementen Sauerstoff, Kohlenstoff und Blei besteht, was auch hier als Pigment Bleiweiß (2 PbCO3 · Pb(OH)2) vermuten lässt.

Die Mode, schwarze Schuhe mit weißem Strich- und Punktdekor zu versehen, ist auch aus historischen Buchmalereien belegt, wie z. B. in der um 1200 entstanden Millstätter Handschrift (Abb. 4).

Neben den hohen Schuhen, die in Magdeburg ausschließlich als Kinderschuh auftreten, sind bei den 7 erhaltenen Schuhen auch alle anderen archäologisch belegten Schuhtypen des frühen 13. Jahrhunderts vertreten. Die Schuhe aus dem Magdeburger Befund spiegeln geradezu verblüffend das Bild wieder, das sich durch Vergleichsfunde anderer Grabungen ergeben hat (Abb. 5).

Abb. 5 Die Magdeburger Schuhfunde (gelb) im Typologieschema archäologischer Schuhe

Text: Heiko Breuer (LDA)
Internet und Redaktion: Konstanze Geppert

Literatur und Internetverweise:

Goubitz/ van Driel-Murray/ Groenman-van Waateringe 2001
Olaf Goubitz/ Carol van Driel-Murray/ Willy Groenman-van Waateringe, Stepping through Time, Archaeological Footwear from Prehistoric Times until 1800 (Zwolle 2001).

Grew/ de Neergard 1988
Francis Grew/ Margrethe de Neergard, Shoes and Pattens. Medieval finds from excavations in London 2 (London 1988).

Schnack 1992
Christiane Schnack, Die mittelalterlichen Schuhe aus Schleswig, Ausgrabung Schild 1971-1975. Ausgrabungen in Schleswig, Berichte und Studien, Band 10 (Neumünster 1992).

http://de.wikipedia.org/wiki/Millst%C3%A4tter_Handschrift

Abbildungen

Abb. 1, 2 und 5: Heiko Breuer (LDA)
Abb. 3 links: Schnack 1992, Taf. 16, 2-3
Abb. 3 rechts: Goubitz 2001, 51, Fig. 20
Abb. 4: by Joadl unter der Lizenz