Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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April: Noten für den Reformator? Bemerkenswerte frühneuzeitliche Notenlettern aus Wittenberg

Abb. 1: Sonderpräsentation im Landesmuseum für Vorgeschichte.

Dieser Fund des Monats ist vom 21. März bis 21. September 2014 Bestandteil der kleinen Sonderpräsentation „Heavy Metal – Bewegliche Lettern für bewegende Töne“
im Landesmuseum für Vorgeschichte (Abb. 1).

Bitte beachten Sie, dass es sich entgegen der üblichen Praxis beim vorliegenden Fund des Monats nicht um einen April-Scherz handelt!

Am 31. Oktober 2017 jährt sich zum 500. Mal der Thesenanschlag Martin Luthers. In Vorbereitung dieses nationalen und internationalen Ereignisses finden zahlreiche Veranstaltungen, Forschungen und Baumaßnahmen statt. In diesem Zusammenhang „reformiert“ sich u. a. Luther(s)stadt Wittenberg. Während dieses „Reformprozesses“ gab und gibt es zahlreiche archäologische Ausgrabungen und Untersuchungen im gesamten Altstadtgebiet. Seit 1997 konnten u. a. um die 3.000 Bleilettern (Abb. 2) geborgen werden. Alle Wittenberger Lettern stammen aus dem 16. Jahrhundert. Schlaglichtartig vermitteln sie einen Eindruck der großen Bedeutung der Stadt als frühneuzeitlicher Druckereistandort.

Einzigartig zeigen sich in diesem Fundus acht aus dem Franziskanerkloster geborgene Notenlettern (Abb. 3), die sich einer sehr früh und erfolgreich produzierenden Wittenberger Offizin (Buchdruckerei), auf die im Verlauf noch eingegangen wird, zuordnen lassen. Die enorme Bedeutung dieser Notenlettern wird besonders deutlich, wenn man bedenkt, dass aus der Frühzeit des Buch- und Notendrucks europaweit bis heute kaum handwerkliche Zeugnisse überliefert sind.

Abb. 2: Schriftlettern aus dem Altstadtgebiet Lutherstadt Wittenberg (16. Jahrhundert).
Abb. 3: Sieben Notenlettern und ein Fragment (ehemaliges Franziskanerkloster, 1. Hälfte 16. Jahrhundert).

Franziskanerkloster

Seit 2008 finden umfangreiche Grabungen auf dem Areal des ehemaligen Franziskanerklosters (sog. Graues Kloster oder Barfüßerkloster) in Wittenberg statt. Das an der Nordspitze der Altstadt gelegene Kloster besaß im 16. Jahrhundert eine Gesamtfläche von etwa 4500 m². Historische und archäologische Untersuchungen belegen eine umfangreiche und lebendige Historie für dieses Gebiet.

Während das Kloster von 1273 bis 1422 vorrangig der Seelsorge und Memoria der askanischen Fürsten sowie zeitweilig als Aufenthaltsort des Landesherrn diente, verlor es nach umfangreichen Erneuerungsmaßnahmen durch Kurfürst Friedrich den Weisen (1463–1525) an Bedeutung. Als Folge der Reformation verließen bereits 1522 zahlreiche Franziskanermönche das Kloster. Fortan legen die Quellen nahe, dass das Gelände für die Zwecke des sich gut entwickelnden Handwerks sowie als Armenhaus und Spital genutzt wurde. Die Funktion der Kirche blieb wohl vorerst bestehen. Im Zuge der wachsenden Spannungen zwischen dem protestantischen und katholischem Lager sowie dem drohenden Schmalkaldischen Krieg erfuhr das Franziskanerkloster eine militärische Nutzung. Die Klosterkirche wurde zum Kornboden und Teile der Mönchsklausur zum Zeughaus umfunktioniert. Zu den nachweisbaren zeitweiligen Einzelnutzungen gehört u. a. eine Buchdruckerei Melchior Lotters d. J. (1490–1542), der jedoch bereits 1525 Wittenberg verließ. Daneben belegen Schoßbücher und Kämmereirechnungen aus dem Ratsarchiv Wittenberg die Ansiedlung des Druckers Georg Rhau seit 1538 auf dem säkularisierten Klostergelände  (Abb. 4).

Die Verortung Georg Rhaus auf dem Areal markiert gleichzeitig die Fundstelle der acht im Jahre 2012 geborgenen Notenlettern.


Abb. 4: Katasterplan der Wittenberger Innenstadt mit Fundstellen von Bleilettern und ausgewählten Druckereistandorten. Grün umrandet ist das ehemalige Klostergelände mit den Letternfunden. Innerhalb des Areals (mit B markiert) ist die Werkstatt Rhaus und seiner Erben (1538 bis 1571) nachgewiesen.
Abb. 5: Fundstelle mit Ziegelsteinpflaster und dem daneben liegenden, schmalen Streifen des Laufhorizontes (schwarze Verfärbung, Befund 1141). Hier waren die insgesamt 38 Noten- und Schriftlettern eingetreten. Blick nach Osten.


Archäologische Befundsituation

Die im westlichen Klausurbereich gelegene Fundstelle weist – offenbar den Gewohnheiten der Franziskaner entsprechend – erste bauliche Ansätze eines zweiten Kreuzgangs auf, der die eigentliche Klausur der Mönche darstellte. In unmittelbarer Nähe des Letternfundes, der neben den erwähnten Notenlettern noch 30 weitere Schriftlettern umfasst, befand sich eine große Warmluftheizung. Diese war vollständig aus Ziegelsteinen erbaut und dürfte anhand der rekonstruierbaren Bauentwicklung des Klosters kaum vor 1400, sondern wohl eher in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtet worden sein. Unmittelbar südlich der Heizung befand sich ein Fußboden überwiegend aus quadratischen Ziegelsteinen, der offensichtlich baueinheitlich mit der Ofenanlage errichtet worden war. Fragmente mehrerer Umbauten und Eingriffe in den Fußboden legen die Vermutung nahe, dass der Raum nach seiner Nutzung durch den Konvent als Werkstatt umgebaut wurde. Westlich des Pflasters fanden sich die Lettern in einem etwa 0,40 m breiten Streifen. In diesem Laufhorizont, bestehend aus Asche und humosen Bestandteilen (Bef. 1141) waren die Lettern eingetreten worden (Abb. 5). Sieben der insgesamt acht Notenlettern sind vollständig erhalten, die achte liegt nur fragmentarisch vor.

Beifunde (neben älteren Keramikfragmenten aus dem 13. Jahrhundert), Gefäße, die wohl gleichzeitig mit den Lettern genutzt wurden, sprechen für eine Datierung des Letternkomplexes in die erste Hälfe des 16. Jahrhunderts.

Abb. 6: Schematische Darstellung einer Bleiletter.


Exkurs Notendruck

Bei den im Franziskanerkloster gefundenen Notenlettern handelt es sich um Typen, bei denen am Kopf das komplette Liniensystem und maximal ein Notenzeichen (Note, Punkt etc.) angebracht sind. Dagegen wurden zuvor Notenlinien und Notenzeichen in mehreren Schritten nacheinander gedruckt oder die Notenlinien entfielen ganz. Parallel zu dieser aufwändigen Drucktechnik wurde v. a. der Holztafel- bzw. Blockdruck, mit denen sonst Illustrationen gedruckt wurden, genutzt. Diesem enormen Zeit- und Arbeitsaufwand  sowie der unzulänglichen Ästhetik ist es geschuldet, dass bis weit in das 16. Jahrhundert hinein nur musiktheoretische Drucke mit kurzen Notenbeispielen hergestellt wurden. Um 1500 entwickelte der italienische Buchdrucker und Verleger Ottaviano dei Petrucci (1466–1539) in Venedig den Typendruck derart weiter, dass damit ästhetische und passgerechte Musikdrucke möglich waren. Petruccis Druckverfahren beruht jedoch immer noch auf einem mehrstufigen Druck, in dem er Notenzeilen, Noten und Liedtext separat nacheinander druckte. Erst 1525 erfand Pierre Attaingnant (um 1494–1552) den einphasigen Typendruck, der fortan Noten und Notenlinien auf einer Type, wie die in Wittenberg gefundenen, vereinigt (Abb. 6).

 

Abb. 7: Georg Rhaw (Rhau), Kupferstich, ca. 1727.

Georg Rhau

Nach interdisziplinärer Betrachtung besteht kaum Zweifel daran, dass die Lettern aus dem Franziskanerkloster aus der Druckerei Georg Rhaus (1488–1548) stammen (Abb. 7).

Der im Eisfeld, Lkr. Hildburghausen, geborene Georg Rhau gilt als musikalischer Praktiker der Einführung der Reformation. Kaum ein anderer verstand es wie er, die reformatorischen Ideen Martin Luthers (1483–1546) umzusetzen. Durch seine musikalische und pädagogische Vorbildung als Musiktheoretiker, ehemaliger Thomaskantor und Schulmeister vermochte er in seinen Offizin Luthers Eckpfeiler – die Musik – im evangelischen Glauben medial umzusetzen. Als Bekannter Luthers etablierte er in dessen Sinne ein protestantisch-kirchenmusikalisches Repertoire sowohl für den liturgischen und schulischen Bedarf als auch für die Hausmusik.

Dass sich die Reformationsbewegung gleichzeitig als eine sogenannte Singbewegung darstellt, wurde bereits umfangreich in zahlreichen Veranstaltungen und Abhandlungen v. a. im Themenjahr der Lutherdekade 2012 „Reformation und Musik“ dargelegt. Somit bezeugen die im Franziskanerkloster gefundenen Notenlettern nicht nur den archäologischen und historischen Bestand der Stadt Wittenberg, die musiktheoretische Entwicklung, sondern und vor allem auch den Einfluss der Musik auf die Reformationsbewegung.


„Mehr als das Gold hat das Blei die Welt verändert.
Und mehr als das Blei in der Flinte das im Setzkasten.“

Georg Christoph Lichtenberg

Weiterführende Informationen zu den Wittenberger Notenlettern und deren archäologische, typometrische sowie metallurgische, musiktheoretische und historische Betrachtung erhalten Sie in der kleinen Sonderausstellung „Heavy Metal – Bewegliche Lettern für bewegende Töne“ vom 21. März bis 21. September 2014 im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) sowie im zugehörigen Begleitheft zur Sonderausstellung „Noten für den Reformator? Zur Untersuchung der Drucktypen aus dem Wittenberger Franziskanerkloster und ihr Zusammenhang mit dem Musikaliendruck der Reformationszeit“ mit Beiträgen von D. Berger, M. Greb und H. Rode (ISBN 978-3-944507-08-8).


Text: Diana Wolters[1]

Redaktion und Internet: Dorothee Menke


[1] Die hier aufgeführten Informationen stellen eine Zusammenfassung des Artikels „Noten für den Reformator?“ von D. Berger/M. Greb/H. Rode, dar, der als Begeleitheft zur Sonderausstellung „Heavy Metal. Bewegliche Lettern für bewegende Töne“ vom Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale) herausgegeben wird.


Abbildungsnachweise
:

Abb. 1: Brigitte Parsche (LDA)

Abb. 2:  Juraj Lipták

Abb. 3: Daniel Berger

Abb. 4: LDA, Kartengrundlage © GeoBasis-DE / LVermGeo LSA, 2013, 010213

Abb. 5: Holger Rode (LDA)

Abb. 6: Daniel Berger

Abb. 7: Halle, Franckesche Stiftungen: BFSt: Porträtsammlung: B 4299