Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: Ein vorgeschichtliches Phänomen in der Neuzeit? Zu drei modernen Grubenreihen aus Bad Lauchstädt

In den letzten zwanzig Jahren ist im mitteldeutschen Raum – zum einen durch systematische Luftbildprospektion als auch durch großflächige Grabungsprojekte – eine zuvor kaum bekannte Befundgruppe in das wissenschaftliche Interesse gerückt: sogenannte Grubenreihen, für die in der Forschung vorwiegend der englische Begriff pit alignments verwendet wird. Die bisherigen Forschungen konnten aufzeigen, dass zahlreiche perlschnurartig aneinandergereihte Einzelgruben unterschiedlicher Form und Tiefe die mitteldeutsche Landschaft zum Teil kilometerlang durchziehen (siehe hierzu den Fund des Monats Januar 2010). Während die enormen Dimensionen dieser mehr oder weniger linearen Systeme aus der Luft unter entsprechenden Bedingungen gut nachvollziehbar sind (Abb. 1 und 2; Schwarz 2003), werden sie bei Ausgrabungen immer nur in Ausschnitten erfasst (vgl. Glaser 2006; Mattheußer 2003; Petzschmann 2003).

Abb. 1: Luftbild einer Grubenreihe aus Kleinpaschleben.
Abb. 2: Luftbild einer Grubenreihe aus Halle-Büschdorf.


Im Rahmen von Ausgrabungen im Vorfeld der ICE-Neubaustrecke von Erfurt nach Halle/Leipzig im Bereich der Querfurter Platte wurde von September 2008 bis Juni 2010 auch eine Fläche bei Bad Lauchstädt, Saalekreis, archäologisch untersucht (Abb. 3).

Abb. 3: Archäologische Untersuchungen an der ICE-Neubaustrecke Erfurt - Halle/Leipzig: Lage der Fundstelle Bad Lauchstädt.
Abb. 4: Neuzeitliche Grube einer Grubenreihe im Planum. Deutlich erkennbar ist die scharfkantige Begrenzung und die fleckige Verfüllung.
Abb. 5: Profilschnitt durch eine Grube einer Grubenreihe mit zweigeteilter, unten hellerer Verfüllung.

Es konnten dabei Bestattungen der Schnurkeramischen Kultur, vereinzelte Befunde der Glockenbecherkultur, Siedlungsbefunde und Gräber der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur sowie Spuren einer jüngerbronzezeitlichen Besiedlung erfasst werden. Darüber hinaus ließen sich zahlreiche neuzeitliche Bodeneingriffe nachweisen.

Unter den Befunden fielen schon bei der Aufdeckung drei Grubenreihen ins Auge. Diese gaben jedoch durch ihr Erscheinungsbild sofort zu erkennen, dass es sich nicht um die bekannten vorgeschichtlichen pit alignments handelte, sondern dass diese Befunde neuzeitlichen Ursprungs sein mussten, worauf besonders die scharfkantige Abgrenzung der Gruben vom umgebenden Sediment hindeutete. Die Gruben aller drei Reihen zeigten ein ähnliches Erscheinungsbild: Im Planum waren sie lang-rechteckig und wiesen eine dunkle Verfüllung mit zahlreichen helleren Flecken auf (Abb. 4). Bei einigen Befunden – vor allem innerhalb einer der drei Reihen – war eine zweigeteilte Verfüllung zu beobachten, die im unteren Teil deutlich heller als in den oberen Bereichen ausfiel (Abb. 5). In den Profilschnitten stellten sich die Gruben kastenförmig dar und reichten in den meisten Fällen zwischen 0,20 und 0,40 m unter Planum 1. Eine Übereinstimmung besteht im Verlauf der drei neuzeitlichen pit alignments, die mit leichten Abweichungen alle an der Ost-West-Achse orientiert waren (Westnordwest-Ostnordost bis Nordwest-Südost). Eine Beobachtung, die wiederholt an Gruben aller drei Reihen gemacht werden konnte, waren kleine dreieckige Vertiefungen an der Sohle, die einige Zentimeter unter das sonstige Sohlenniveau reichten (Abb. 6).

Abb. 6: Grube einer Grubenreihe mit dreieckigen Ausbuchtungen an der Sohle.

Höchstwahrscheinlich wurden sie von dem Werkzeug oder Gerät verursacht, mit dem die Gruben angelegt wurden. Aufgrund der leichten Unregelmäßigkeiten der Gruben kann davon ausgegangen werden, dass sie nicht mit einem Bagger, sondern von Hand ausgeschachtet wurden.

Die nördlichste der drei Grubenreihen (Ü-Befund 70250) zeichnete sich im Gegensatz zu den anderen beiden schon wenige Zentimeter unter der heutigen Oberfläche im dunklen Oberboden ab und verlief leicht schräg zu den Gleisen der Burgenlandbahn (Bahnstrecke Merseburg-Schafstädt; Abb. 7). Sie wurde nur südlich der Gleise erfasst, setzte sich aber vermutlich jenseits des Bahndamms nach Osten fort. Die zweite Grubenreihe (Ü-Befund 60984) lag direkt nördlich und parallel zur heutigen Landesstraße L 172, die von Bad Lauchstädt nach Merseburg führt (Abb. 8), die dritte (Ü-Befund 60983) verlief ebenfalls etwa parallel zu dieser Straße, jedoch gut 40 m südlich davon (Abb. 9–10).

Abb. 7: Die Grubenreihe Ü-70250 befindet sich leicht schräg versetzt zu den Gleisen der Burgenlandbahn, die im Hintergrund verlaufen (entlang der grün-weißen Büsche).
Abb. 8: Grubenreihe Ü-60984 (vier der fünf Gruben) von Osten. Die Nähe und der parallele Verlauf zur Straße werden deutlich.
Abb. 9: Grubenreihe Ü-60983 nach dem Flächenaufzug, Blick von Osten.
Abb. 10: Grubenreihe Ü-60983, Blick von Osten. Die Landstraße L 172 verläuft etwa parallel ca. 40 m nördlich der Gruben (siehe Auto).

Alle drei Reihen wurden nur ausschnittweise erfasst. Die Grubenreihe Ü-70250, bestehend aus 24 Einzelbefunden, ließ sich über eine Länge von ca. 175 m verfolgen und Ü-60983 umfasste 21 aufgereihte Gruben auf knapp 340 m Länge. Vom dritten pit alignment Ü-60984 wurden nur fünf sich auf ca. 33 m Länge verteilende Gruben und damit das östliche Ende der Reihe erfasst. Nach Westen lief sie sich wohl jenseits der Grabungsgrenze weiter. Insgesamt liegen die Längen aller Gruben innerhalb einer Spanne zwischen 3,25 m und 4,10 m, die Breiten variieren zwischen 0,95 m und 1,15 m.

Trotz aller grundsätzlichen und augenfälligen Übereinstimmungen konnten bei der Gegenüberstellung der drei Reihen jedoch auch Unterschiede konstatiert werden: Die Befunde der Grubenreihe Ü-60983 sind bei vergleichbarer Breite länger als die Gruben der anderen beiden Reihen und schwanken zwischen 3,65 m und 4,10 m, wobei sich der Großteil zwischen 3,70 m und 3,80 m konzentriert. Dagegen ist die Spanne bei den anderen beiden modernen pit alignments mit 3,45 m bis 3,65 m (Ü-70250) bzw. 3,25 m bis 3,55 m (Ü-60984) Länge enger gefasst und untereinander ähnlich. Die Abstände zwischen den Gruben offenbaren erneut Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Die beiden Grubenreihen Ü-60984 und Ü-70250 stimmen hinsichtlich der relativ gleichmäßigen Abstände zwischen den einzelnen Gruben von 3,90 m bis 4,15 m überein. Demgegenüber sind die Zwischenräume bei Ü-60983 mit 10 m bis 10,75 m mehr als doppelt so groß.

 

Zusammengefasst lassen sich folgende Aspekte festhalten:

  1. Insgesamt deutet sich eine gewisse Normierung der Befunde an: Es fallen die ziemlich einheitlichen Breiten aller Gruben (0,95-1,15 m) ins Auge; darüber hinaus zeigen sich weitgehende Übereinstimmungen hinsichtlich Ausrichtung, Form, und Verfüllung. Innerhalb der einzelnen Reihen haben die Gruben ein konformes Erscheinungsbild und variieren wenig.

  2. Die Abmessungen und Abstände der Gruben offenbarten frappierende Übereinstimmungen von zwei Reihen (Ü-60984, Ü-70250) und die Abweichung der dritten Reihe (Ü-60983).

  3. Bei zwei Befunden (Ü-60983 und Ü-60984) sticht der parallele Verlauf zur heutigen L 172 ins Auge. Es hat den Anschein, als nähmen beide Reihen Bezug auf die Straße, die von Bad Lauchstädt Richtung Merseburg führt.

     

Abb. 11: In unmittelbarer Nähe der Grubenreihe Ü-60983 fanden sich dicht beieinander fünf neuzeitliche Gefäßdeponierungen (rot).
Abb. 12: Eine Deponierung umfasste zwei nebeneinander gestellte Gefäße.
Abb. 13: Gefäßdeponierung Befund 60730.

Es stellen sich nun die Fragen nach dem Alter und der Funktion dieser Befunde. Zur Klärung des ersten Punktes kann neben der Scharfkantigkeit der Grubenränder, die von Beginn an für ein verhältnismäßig junges Alter sprach, das Fundmaterial Anhaltspunkte liefern: Fragmente handverstrichener Ziegel, z. T. glasierte Drehscheibenkeramik, Porzellanbruchstücke, Ofenkachelfragmente, Eisengegenstände und Tierknochen verweisen auf das 18. oder 19. Jahrhundert. Einen weiteren Hinweis zur Entstehungszeit gibt die Bahnstrecke Merseburg-Schafstädt, die jünger als das nördlichste pit alignment sein muss, da dieses schräg zu den Bahngleisen verläuft und sich vermutlich jenseits der Bahnschienen fortsetzt. Die genannte Strecke wurde im Jahr 1896 erbaut und fungiert somit als terminus ante quem für die Grubenreihe.

Die Frage nach der Funktion ist schon schwieriger zu beantworten. Wie auch bei den vorgeschichtlichen Verwandten erscheint es aus heutiger Sicht unklar, zu welchem Zweck eine sich auf beachtliche Längen erstreckende Folge von Einzelgruben angelegt worden sein mag. Eine Funktion zur Befestigung kann in diesem Fall nicht nur aufgrund der geringen Tiefe der Ausschachtungen, sondern auch wegen des Zwischenraums zwischen ihnen ausgeschlossen werden. Die Grubenreihen, die aufgrund ihrer ähnlichen Ausprägung offenbar spezifischen Anforderungen unterworfen waren und einen nicht unerheblichen Arbeitsaufwand darstellten, setzen eine Planung und Durchführung durch eine Gemeinschaft voraus. Das gilt sowohl für die vorgeschichtlichen als auch für die hier behandelten neuzeitlichen Exemplare. Es erscheint am plausibelsten, dass die neuzeitlichen Grubenreihen in technischem oder landwirtschaftlichem Zusammenhang gestanden haben. Möglicherweise kam ihnen eine Bedeutung bei der Begrenzung von Flurstücken zu. Fünf neuzeitliche Gefäßdeponierungen, die relativ konzentriert in unmittelbarer Nähe zur Grubenreihe Ü-60983 deponiert wurden, könnten als Indiz diese These stützen (Abb. 11). Die Gefäße, allesamt hart gebrannte, gelbliche Töpfe mit Riefen und Glasur, fanden sich unmittelbar unterhalb der heutigen Geländeoberfläche (Abb. 12 –13). Vier der Gefäße lagen in einer leicht schräg zur Grubenreihe verlaufenden Linie direkt südlich davon, eine weitere Deponierung grenzt direkt an eine der Gruben des neuzeitlichen pit alignments. Der auffällige Lagebezug der Töpfe zum pit alignment dürfte wohl kaum zufällig sein. Ähnliche Gefäße werden in der Forschung als Nachgeburtstöpfe oder Tierfallen angesprochen (Szédeli 2006). Die Töpfe könnten aber auch – analog zu Glasflaschen bei Grenzsteinen – zusammen mit oder in Ergänzung zur Grubenreihe – zur Markierung von Flurgrenzen gedient haben.

Weitere Forschungen, die u. a. die Sichtung alter Flurkarten beinhalten müssten, könnten die Frage nach der Funktion der neuzeitlichen Grubenreihen und damit vielleicht auch das nach wie vor rätselhafte Phänomen der spätbronze-/früheisenzeitlichen Grubenreihen in Mitteldeutschland erhellen.

 

Text: Dorothee Menke

Redaktion und Internet: Julia Kruse/Dorothee Menke

 

Literatur:

Glaser 2006
H.-U. Glaser, Pit alignments – Rätselhafte Grubenreihen? In: H. Meller (Hrsg.), Archäologie auf der Überholspur. Ausgrabungen an der A 38 Arch. Sachsen-Anhalt, Sonderbd. 5 (Halle [Saale] 2006) 195–198.

Mattheußer 2003
E. Mattheußer, Die langen Grubenreihen. Befunde der späten Bronzezeit im Nordwestbereich. In: H. Meller (Hrsg.), Ein weites Feld. Ausgrabungen im Gewerbegebiet Halle/Queis. Arch. Sachsen-Anhalt, Sonderbd. 1 (Halle [Saale] 2003) 86–90.

Petzschmann 2003
U. Petzschmann, Die langen Grubenreihen. Undatierte vorgeschichtliche Gräben und pit alignments auf der Südkuppe. In: H. Meller (Hrsg.), Ein weites Feld. Ausgrabungen im Gewerbegebiet Halle/Queis. Arch. Sachsen-Anhalt, Sonderbd. 1 (Halle [Saale] 2003) 91–92.

Schwarz 2003
R. Schwarz, Pilotstudien. Zwölf Jahre Luftbildarchäologie in Sachsen-Anhalt (Halle [Saale] 2003), bes. 128–140.

Stäuble 2002
H. Stäuble, Lineare Gräben und Grubenreihen in Nordwestsachsen. Eine Übersicht. Arb. u. Forschber. Sächs. Bodendenkmalpfl. 44, 2002, 9–49.

Szédeli 2006
H. Szédeli, Nachgeburtstöpfe oder Tierfallen? In: H. Meller (Hrsg.), Archäologie auf der Überholspur. Ausgrabungen an der A 38 Arch. Sachsen-Anhalt, Sonderbd. 5 (Halle [Saale] 2006) 255–259.

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1: Schwarz 2003, 130 (91)
Abb. 2:  Schwarz 2003, 130 (92)
Abb. 3: LDA
Abb. 4–10: Dorothee Menke (LDA)
Abb. 11: LDA
Abb. 12–13: Dorothee Menke (LDA)