Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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April: Ein Kenotaph der Jungsteinzeit? Eine rätselhafte Mensch-Tier-Bestattung aus einer Siedlung bei Peißen

Mutmaßlicher Grabbefund im Profilschnitt

Im Rahmen der archäologischen Untersuchungen im Vorfeld des Baus einer Ferngasleitung wurde im Trassenverlauf nahe Peißen eine urgeschichtliche Siedlung partiell erfasst.

Neben einem Pfostenbau, einem Brunnen und einigen tiefen Speichergruben wurde ein Befund dokumentiert,  der von seiner Zusammensetzung her zunächst als Grab interpretiert werden darf.Bei der Profilanlage der leicht unregelmäßigen, 0,28 m tiefen Grube (Abb. 1) wurden einzelne Scherben von mindestens drei Gefäßen entdeckt. Beim weiteren Abbau kamen zwei leicht zerscherbte Gefäßteile, überwiegend die unteren Hälften mit Boden, zum Vorschein.

Gefäßfragment der mittelneolithischen Bernburger Kultur mit Fingertupfenleiste

Ein Gefäß besitzt eine horizontale Fingertupfenleiste (Abb. 2), das andere eine zapfenartige Handhabe. Die Gefäße können in das Mittelneolithikum datiert werden und sind wohl der Bernburger Kultur (3100–2700 v. Ch.) zuzuordnen. Zwischen den beiden Gefäßen wurden nur geringste Reste nicht mehr eindeutig bestimmbarer Tierknochen (wahrscheinlich Nager), eine Flussmuschel sowie größere Holzkohlefragmente entdeckt. Am südlichen Rand lag ein menschlicher Handwurzelknochen mit leichten Brandspuren. Damit lag zunächst die Vermutung nahe, dass es sich hier um eine Brandbestattung handelt. Die Holzkohle und die wenigen verbrannten Knochen sind jedoch die einzigen erhaltenen organischen Reste im Befund. Die nicht verbrannten Tierknochen und die Flussmuschel geben jedoch Rätsel auf.

Im Bereich des mit Fingertupfen verzierten Gefäßes wurden zahlreiche runde Perlen/Murmeln gefunden (Abb. 3). Diese stellen wirklich ungewöhnliche Beigaben dar. Bisher sind solche Perlen als Beigaben in der Bernburger Kultur noch nicht bekannt. Das feine Material ist vermutlich luftgetrocknet oder nur schwach gebrannt. Vermutlich entstanden sie in direkter zeitlicher Nähe des Bestattungsvorgangs, jedoch kann eine menschliche Fertigung der Objekte mit großer Sicherheit ausgeschlossen werden. Die Größe von durchschnittlich 5 mm Durchmesser spricht zwar eher für Schmuckobjekte, aber die Objekte waren für eine denkbare Kette nicht durchlocht. Neben bekanntem Knochen- und zu späteren Zeiten Metallschmuck nimmt Ton- bzw. Keramikschmuck aufgrund ihrer Seltenheit immer noch eine Sonderstellung ein.

"Perlen" aus organischem Material aus dem mutmaßlichen Grabbefund

Bekannt sind Perlen aus Ton in Mitteldeutschland schon ab dem Frühneolithikum, so zum Beispiel aus bandkeramischen Siedlungsgruben, in denen ebenso verbrannte Menschenknochen gefunden wurden.  Erst in christlicher Zeit werden Perlen – insbesondere solche aus Holz, Glas oder Bernstein – häufiger und zwar als Bestandteil der sogenannten Rosenkranz- oder Paternosterketten.

Abb. 4: Strukturformel von Skatol


Materialanalyse der Perlen

Erst die makroskopische Betrachtung der Perlen führte einen Schritt weiter zur Aufklärung des Befundes. Die runden Kugeln zeigten, dass sie mit feinfaserigem organischem Material gemagert sind, was ihnen im getrockneten Zustand eine enorme Festigkeit verleiht. Die chemische Analyse zeigte in der osmologisch gekoppelten Pyrolysespektroskopie (OGPS) das Vorliegen von Skatol, einem typischen "Biomarker" für Ausscheidungsprodukte des tierischen Verdauungstraktes (Abb. 4). Der chemische Befund passt, zusammen mit der runden Form und den faserigen Bestandteilen besonders gut zu Losungen des sogenannten Feldhasen (Lepus europaeus, Abb. 5).

Abb. 5: Als Ausscheidungen des Feldhasen identifizierte Überreste aus dem mutmaßlichen Grabbefund


Deutung des Befundes

Dass es sich um eine Mensch-Tier-Bestattung handelt, darf als sicher gelten. Dass allerdings von den Bestatteten bis auf die wenigen beschriebenen Reste der überwiegende Teil fehlt, ist schon für sich genommen auffällig. Besonders spannend hierbei ist jedoch die Beobachtung, dass die Körperteile während ihres Verschwindens einer hohen energetischen (thermischen) Belastung ausgesetzt gewesen sind. Das Verschwinden von Bestatteten aus noch relativ frischen Gräbern ist ein Phänomen, das in der Kulturgeschichte immer wieder beobachtet wurde, und zuweilen die Menschen stark beeindruckt und intensiv beschäftigt hat.

So ist auch die christlich geprägte Kulturgeschichte des Abendlandes ohne solche einschneidenden Beobachtungen, die über Generationen mündlich und schriftlich überliefert wurden, kaum denkbar. Das prominenteste Beispiel stellt etwa das Verschwinden Christi drei Tage nach dessen Begräbnis dar. Die Energiemengen bei einem solchen Resurrectionsprozess mögen beachtlich sein, davon zeugen Beschreibungen und auch bildliche Darstellungen hinweggeschleuderter Grabplatten sowie Lichterscheinungen (Abb. 6).

Abb. 6: Darstellung der Auferstehung Christi auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald


Doch wenden wir uns einmal der Bedeutung des Hasen zu: In welchem Zusammenhang mit dem oben beschriebene Phänomen könnte er stehen?

Eine Schlüsselrolle kommt hier den Hasenhinterlassenschaften zu, die mit Sicherheit intentionell deponiert wurden, möglicherweise sogar von dem Tier selbst. "Losungen" sind, etymologisch gesehen, sowohl in Zusammenhang mit "Erlösungen" als auch mit Botschaften zu sehen. Aber nicht erst das Christentum, sondern auch viele vorchristliche Religionen boten schon den Menschen erlösende Botschaften, die regelmäßig mit einem Weiterleben nach dem Tode oder gar einer fleischlichen Auferstehung verbunden waren.

Hasen galten schon in der Antike als Inbegriff der Fruchtbarkeit, aber auch der Lebenskraft, der Wiedergeburt und der Auferstehung. Das "Osterei" selbst ist dabei eigentlich eine recht neue "Zutat" zum Hasenkult (Abb. 7), denn Hühner als Eierlieferanten erlangten überhaupt erst im frühen Mittelalter diesseits der Alpen Bedeutung. Hasenlosungen sind damit als der Vorläufer des Ostereis anzusehen.

Wenn auch der Befund mangels ähnlich fundierter Beispiele nicht überinterpretiert werden darf, darf doch eines als gesichert gelten: der Glaube an eine – wie auch immer geartete – Auferstehung, ist sicher keine christliche Erfindung. Auf die lokale Tradition besonderen Auferstehungsglaubens in Mitteldeutschland weist zudem eine erstaunliche Häufung von Ortsnamen wie etwa Osterode, Osterwohle, Osterweddingen oder auch Ostrau hin, aber auch Namen, die speziell auf den Hasenkult verweisen, wie etwa Hasserode oder Hasselfelde.  


Text: Anastasios Esterhazy

Redaktion und Internet: Dorothee Menke

 

Abbildungsnachweise:

Abb. 1-5; 7: A. Esterhazy
Abb. 6: <http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mathis_Gothart_Gr%C3%BCnewald_044_cropped.jpg> (31.03.2015)

 

 

Abb. 7: Wir wünschen unseren Lesern frohe Ostern und einen schönen (1.) April!