Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Februar: Römer vs. Germanen – ein bildungsbürgerlicher Klassiker bereichert die archäologische Schausammlung in Halle

Der neue Raum der Dauerausstellung „Die Erfindung der Germanen“.

Der neue Raum der Dauerausstellung "Die Erfindung der Germanen" zur frühen Römischen Kaiserzeit ist ab dem 20. Februar im Landesmuseum für Vorgeschichte zu sehen.

Mitte Februar 2015 wird ein neuer Abschnitt der Dauerausstellung des Landesmuseums für Vorgeschichte der Öffentlichkeit übergeben (Abb. 1). Diesmal wird das folgenreiche Aufeinanderprallen zweier völlig unterschiedlicher Zivilisationen behandelt: die römische Hochkultur trifft auf die germanische Welt. Im Zuge seiner Gallienpolitik rückte Iulius Caesar (100–44 v. Chr.) erstmals die rechtsrheinischen Völkerschaften in den Blickpunkt des Römischen Reiches. Von nun an interessierten sich Militärs, Politiker und Historiographen für die exotisch anmutenden Barbaren aus den unerschlossenen Räumen jenseits von Rhein und Donau. Ihren Erwähnungen und Betrachtungen ist es zu verdanken, dass uns heute die Namen von Völkern, Stammesverbänden und handelnden Personen überliefert sind. Auch die Bewohner des mitteldeutschen Gebietes treten dabei erstmals aus ihrer Anonymität.

Abb. 2: Römischer Bronzeeimer aus einer reichen Bestattung von Quetzdölsdorf.
Abb. 3: Diese Kasserolle aus Neuhaldensleben war ein Import aus dem römischen Reich und zeigt die Übernahme römischer Sitten durch die germanische Oberschicht.

Retrospektiv betrachtet war Rom also – überspitzt formuliert – die Registratur Germaniens. Und genau dies bringt die Ausgestaltung der musealen Präsentation zum Ausdruck. Der Schausaal ist optisch in ein römisches Studierzimmer verwandelt. Dementsprechend sind Raumkubatur und Wandbemalung pompejianischen Vorbildern entlehnt. Trotz der nur etwa 80 m² umfassenden Raumfläche bietet sich dem Publikum eine Fülle optischer Reize und spannender Entdeckungen.   

Die Präsentation erläutert die politischen und sozialen Verhältnisse im Gebiet der sogenannten Elbgermanen, zu denen z. B. die Hermunduren, Langobarden und Semnonen zählen – Völkerschaften, die weithin an beiden Ufern des von den Römern Albis genannten Stromes lebten. Der zeitliche Rahmen umspannt im Wesentlichen die ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte. Ausgangspunkt der Betrachtungen ist zunächst stets der Blickwinkel der römischen Invasoren. Daher richten kapitale Bauinschriften mit antiken Quellenzitaten das Augenmerk auf die jeweiligen Exponate und die damit visualisierten Themen. Wandgemälde illustrieren die ethnographischen Beschreibungen und die vorgefundene Sachkultur. Ganz bewusst soll sich auch der Museumsgast den hiesigen Kulturphänomenen mit den Augen Roms nähern und sich diese dann erschließen.

Die Exponate erzählen aber nicht nur, welchem Zivilisationsmilieu die Römer hier begegneten, sondern auch welche Kulturelemente aus deren italischer Heimat von den Einheimischen begehrt bzw. aufgegriffen wurden (Abb. 2–5) . Zugleich erfahren wir, dass etliche Germanen den umgekehrten Weg einschlugen, um im Römischen Reich ihr Glück zu machen und schließlich wohlhabend wie auch „welterfahren“ in die familiären Gefilde zurückzukehren.

Die archäologische Hauptattraktion dieses neuen Ausstellungsabschnittes ist das bei Profen (Burgenlandkreis) im Block geborgene und im Jahre 2008 freigelegte Urnengrab einer germanischen Prinzessin. Allein ihr üppiger Goldschmuck, der insgesamt 430 Gramm wiegt, ist ein Indiz für ihren hochherrschaftlichen Rang (Abb. 6–8).

Abb. 4: Römische Rippenschale aus Weißenfels.
Abb. 5: Das Schwert aus römischer Produktion wurde bei Töppel, Landkreis Stendal gefunden.

Auch die restlichen Ausstattungstücke geben trotz schwerster Beschädigung im Bestattungsfeuer aufschlussreiche Auskünfte über das Leben dieser Dame. Die Präsentation lässt den Besucher an der Auswertung der Sachzeugnisse teilhaben. So stellt sich heraus, dass die Frau aus königlichem Geblüt der Quaden stammt, einem ursprünglich ebenfalls elbgermanischen Stamm, den es im Laufe der Zeit in das mittlere Donaugebiet direkt an die Grenze zur römischen Provinz Noricum verschlagen hat. Sie kam Mitte des 1. Jahrhunderts in unser Gebiet zu den Hermunduren – genau zu jener Zeit, als in ihrem eigenen Stamm Thronstreitigkeiten tobten, in denen wiederum nachweislich der hiesige Herrscher entscheidend Partei ergriff. Infolge dieser Unterstützung dürfte die hochedle Quadin zur Bekräftigung des Waffenbündnisses mit einem ebenbürtigen Hermunduren vermählt worden sein. Derartige Heiratsarrangements waren probate Instrumentarien der Politik. Ausgehend von diesen Analysen und historischen Hintergründen kann der Besucher das rekonstruierte Ereignis in Sache, Wort und Bild verfolgen.

Abb. 6: Goldschmuck aus dem Grab einer germanischen Prinzessin bei Profen.
Abb. 7: Detailaufnahme des goldenen Armrings aus dem Grab von Profen.
Abb. 8: Zwei goldene Gewandschließen (Fibeln) mit zwei eingehängten Goldringen aus der Profener Frauenbestattung.

Der Ausstellungsabschnitt endet mit der Phase, in der das Römische Reich die – wenn auch weitgehend von außen gesteuerte – Kontrolle über die Völkerschaften im unbesetzten Germanien zu verlieren beginnt. Das Publikum wird schließlich mit einem Ausblick auf die folgende Epoche entlassen, in der die Auseinandersetzung mit den germanischen Völkern nun umgekehrt auf römischem Gebiet erfolgte. Ein im wahrsten Wortsinn martialisches Ausrufezeichen markiert als Menetekel diesen historischen Wendepunkt.

 

Text: Arnold Muhl

Redaktion und Internet: Dorothee Menke

 

 

Abbildungsnachweise:

Abb. 1: Foto: J. Liptàk, Gestaltung: K. Pockrandt

Abb. 2–8: J. Liptàk