Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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November: Der Krieg und das Glas

Abb. 1: Die Lager beiderseits der Saale, rot hervorgehoben das kaiserliche, blau das schwedische

Der Monat November steht ganz in Zeichen der Eröffnung der Ausstellung „Krieg – eine archäologische Spurensuche“.

Unsere Ausstellung beschäftigt sich im ersten Teil intensiv mit der Schlacht von Lützen von 1632, aber auch mit den Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges auf Land und Leute. Im zweiten Teil der Ausstellung schauen wir in die Vorgeschichte und gehen der Frage nach, seit wann in es der Menschheitsgeschichte Krieg gibt und wie sich das „Konzept Krieg“ entwickelt hat.

Die Auswirkungen des Krieges auf Land und Leute zeigt sich deutlich an der Region um Bernburg. Wiederholt zogen Heere durch die fruchtbaren Landschaften Mitteldeutschlands und hinterließen Zerstörung und Tod. Im Herbst 1644 lieferten sich ein kaiserliches Heer unter Gallas und ein schwedisches unter Königsmarck und Torstensson eine militärisches Katz- und Mausspiel rund um Bernburg. Auf der westlichen Saaleseite richteten die Kaiserlichen ein großes Heerlager ein, auf der östlichen, bei Latdorf die Schweden. Die Armeen belagerten sich gegenseitig über Wochen und lieferten sich Scharmützel rund um Bernburg und Nienburg. Die Karte aus der Messrelation vom Frühjahr 1645, einer Art Zeitung mit den Neuigkeiten des zurückliegenden halben Jahres, zeigen wir auch in der Ausstellung.

Abb. 2: Unterkunft mit Ofenanlage in einer Ecke. Nach Aufgabe des Lagers holten sich die Bernburger alles Brauchbare zurück, nur die zerbrochenen Kacheln blieben als Abfall in der Grube
Abb. 3 – Fensterverglasung in Fundlage im Lager von Latdorf

Die historischen Quellen berichten von Plünderungen der Dörfer und Städte, denn die Soldaten versorgten sich mit allem für sie Notwendigen „auf eigene Faust“: von Nahrungsmitteln über Baumaterial für Unterkünfte bis hin zu Rohmaterial für den Guss von Kugeln für ihre Schusswaffen.

Während der archäologischen Untersuchungen 2008/2009 im Lagerareal der Schwedenarmee wurden einige der hüttenartigen Verschläge ausgegraben (Abb. 2). Eine Ofenanlage war in eine Ecke eingebaut, zerscherbte Reste belegen den Kachelofen.

In einem als Werkstatt angesprochenen Hüttenrest legten die Archäologen Teile eines mit Bleiruten gefassten Fensters frei: Glas und Bleiruten waren noch verbunden. In jenen Tagen wurden sogar Fenster aus Häusern geraubt, um aus den Bleiruten bei nächster Gelegenheit Projektile für die Feuerwaffen zu gießen.

Bei den Funden handelt es sich um Fragmente von wabenartig zugeschnittenem Glas, welches in Bleiruten gefasst, in hölzerne Fensterrahmen eingesetzt wurde. Im Vorfeld der Ausstellung wurden diese Stücke noch einmal genauer von den Restauratoren „unter die Lupe“ genommen. Unter dem Mikroskop zeigten sich dann viele Details zur Herstellung, die bislang unbeachtet waren.

Da an den meisten Fragmenten Teile der ursprünglichen Kante erhalten waren, konnten Größe und Form der Scheiben rekonstruiert werden. Dabei wurden drei Formen der Wabenscheiben unterschieden: die vollständige, sechseckige Scheibe (Abb. 4), die senkrecht halbierte (Abb. 5) und die waagerecht halbierte (Abb. 6).

Die beiden halbierten Scheiben wurden deswegen so zugeschnitten, um am Rand der Fenster passgenau mit dem größeren rechteckigen Fensterrahmen abzuschließen.

Abb. 4: Vollständige Wabenscheibe in drei Fragmenten
Abb. 5: Senkrecht zugeschnittene Wabenscheibe
Abb. 6: Waagerecht zugeschnittene Wabenscheibe
Abb. 7

Fensterglas wurde im 17. Jahrhundert auf zwei unterschiedliche Arten hergestellt: im sogenannten Zylinderstreckverfahren wurde eine Kugel geblasen, die dann auf einer Platte zu einem Zylinder geformt wurde. Die beiden Enden wurden gekappt und anschließend der Zylinder der Länge nach aufgeschnitten. In einem Ofen erwärmte man das Glas wieder und bog es vorsichtig zu flachen Tafeln, die zugeschnitten wurden.

Bei der Herstellung im Mondglasverfahren blies der Glasmacher ebenfalls anfangs eine Kugel, diese wurde auf der Kopfplatte eines Eisenstabes befestigt, die Glaspfeife auf der gegenüberliegenden Seite abgesprengt und die nun entstandene Öffnung zu einer weiten Schale und dann zu einer runden Scheibe von bis zu 90 cm geformt. Diese Scheibe wurde in die Sechsecke und Rauten geschnitten. Durch das Mondglasverfahren erhielt man qualitativ höherwertige Scheiben, allerdings enthielten die in regionalen Hütten hergestellten Flachgläser häufig Luftbläschen und Schlieren. Zwei der Latdorfer Flachglasfragmente weisen genau diese Schlieren und eine Verdickung zu einem Punkt, die auf das zweite Verfahren hindeuten. Aber leider sind die Scheiben so stark korrodiert, dass die Art der Herstellung nicht ganz eindeutig erkennbar ist.

Allerdings ist dies beim „Zuschnitt“ der Fall: Obwohl der Glasdiamant seit spätem 16. Jh. zum Glasschneiden verwendet wurde, sind fast alle Außenkanten der Latdorfer Scheiben wie in den Jahrhunderten zuvor „gekröselt“: Sie wurden mit einem Kröseleisen, einem zangenähnlichem Werkzeug, zurechtgebrochen. Die Scheibe konnte so passgenau für das Einsetzen in die Bleiruten „zugerichtet“ werden, da hier immer nur kleine Stückchen vom Rand abgebrochen werden.

Aber auch die Bleiruten wurden genau angeschaut (Abb. 7): sie wurden über eine formende Walze gezogen, so dass am Ende ein H-förmiges Profil entstand, in dem auf beiden Seiten die Glasscheiben eingepasst und vorsichtig zurecht gebogen werden konnten. Sogar die regelmäßigen Zahnspuren der Walze/Rädchen des Bleizugs sind innen deutlich sichtbar.

Da die nicht im Original auseinandergefaltet werden können, wurden sie digital aufgefaltet (Abb. 8). So ließ sich die wabenartige Struktur des gesamten Fensters rekonstruieren (Abb. 9).

Das Fenster im Freilichtmuseum Veßra (Abb. 10) sind in derselben Art gefertigt, wie die Latdorfer Glasscheiben, die im Herbst 1644 zu Bruch gingen und 2015 erstmals in einer Ausstellung wieder zu sehen sind.

Abb. 8
Abb.9
Abb.10

 

 

Weiterführende Literatur:

E. Černá / P. Steppuhn, Glasarchäologie in Europa. Regionen - Produkte – Analysen. Beiträge zum 5. Internationalen Symposium zur Erforschung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Glashütten Europas (Seiffen 2012).

J. Fahr/ N. Nicklisch/A. Grothe/H.-J. Döhle/ S. Friederich, Herbst 1644 – Das schwedische Feldlager bei Latdorf. In: H. Meller/M. Schefzik, Krieg – eine archäologische Spurensuche (Stuttgart 2015), 433 – 436.

 

Fotos/Abbildungen:

Abb. 1: S. Latomus, Relationis Historicae Semestralis Continuatio: [...] Historische Beschreibung aller denckwürdigen Geschichten/ [...] vor und hierzwischen [...] Franckfurter Herbstmesß deß 1644. biß auff die Ostermesß des 1645. [...] (Frankfurt 1645), 27. © Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt, grafische Bearbeitung: K. Pockrandt, atelier42 

Abb. 2 und 3: LDA Sachsen-Anhalt, Foto: K. Bentele

Abb. 4 – 6: LDA Sachsen-Anhalt, Foto: J. Heinrich, Bearbeitung: A. Grothe

Abb. 7: LDA Sachsen-Anhalt, Foto: J. Heinrich

Abb. 8 – 10: LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Chr. Leßmann

 

Text: Anja Grothe, Dorothea Habel, Christine Leßmann, Jasmin Heinrich, alle LDA

 Internet: Maria Albrecht