Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Oktober: Bunte Fliesen für den Kurfürsten

Abb. 1: Profil der Schuttschicht im Westen des Schlosses. An einen älteren Mauerblock wurden nach Norden die Schichten der Grabenverfüllung angeschüttet. Die Fußbodenfliesen fanden sich in der unteren, fast ausschließlich aus Dachziegelbruch bestehenden Schicht.

Im Rahmen der gegenwärtig stattfindenden Sanierung des Wittenberger Schlosses konnten im Sommer 2015 mehrere Baugruben für Fundamente von Baukränen archäologisch untersucht werden. Eine dieser Gruben wurde auf der Westseite des Schlosses, unmittelbar nördlich des Südturmes angelegt (Abb. 1). Sie befand sich damit genau im Bereich des mittelalterlichen Burggrabens, der in der Mitte des 16. Jahrhunderts verfüllt und weiter vor die Stadt verlegt wurde. In der Baugrube konnten die oberen Schichten der Grabenverfüllung untersucht werden. Eine dieser Schichten enthielt massiv Bauschutt, vor allem Dachziegelbruch. Ihre Ablagerung steht wahrscheinlich in direktem Zusammenhang mit dem befestigungsbedingten Abriss der Turmhelme des Schlosses am Vorabend des Schmalkaldischen Krieges 1546. Aus dieser Schuttschicht konnten neben wenigen anderen Funden auch mehrere Bruchstücke von polychrom glasierten Fußbodenfliesen geborgen werden, die eine große Seltenheit im Wittenberger Fundmaterial darstellen.

Der Bau des Residenzschlosses unter Friedrich dem Weisen begann im Jahr 1489/90 und wurde nach 36-jähriger Bauzeit im Jahr 1525 beendet (Neugebauer 2014). Zuvor befand sich hier, am westlichen Eingang der Wittenberger Altstadt, die Burg der askanischen Kurfürsten von Sachsen. Über die bauliche Ausstattung der Wittenberger Residenz ist wenig bekannt, da das Schloss nach dem Übergang an Preußen zur Kaserne umgebaut und dabei im Inneren nahezu vollständig zerstört wurde.

Aus diesem Grund sind archäologische Zeugnisse, die sich direkt in Verbindung mit dem Bau Friedrichs des Weisen bringen lassen, besonders wertvoll. So verhält es sich auch mit den nun aufgefunden Fliesen.

Die Fliesen weisen geometrische und  florale Verzierungen auf, die vor dem Brand in die rohe Tonmasse mit Hilfe eines Models eingeprägt wurden. Bereits im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts tauchen Fliesen mit vertiefter Prägung auf. Bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts lagen große Werkstätten entlang des Rheins und in Süddeutschland. In der Renaissance erlebten vor allem polychrom glasierte Fliesen durch Anregungen aus Spanien und Italien eine neue Blüte (Gräf 2006, S. 84).

Abb. 2: Fünf polychrom glasierte Fliesenfragmente, die bei einer Grabung auf dem Wittenberger Schlosshof aufgefunden wurden.

In Wittenberg konnten bereits zuvor bei anderen archäologischen Ausgrabungen polychrom glasierte Fliesen in geringer Anzahl und nur in kleinen Fragmenten aufgefunden werden. Bei der Untersuchung des ehemaligen Südflügels des Wittenberger Schlosses in den Jahren 2010 bis 2011 wurden insgesamt fünf Fragmente dieser Fliesen geborgen (Abb. 2). Im Schlossareal fanden sich aber auch mehrere einfarbig glasierte Fliesen, teils mit Prägungen verziert.

Abb. 3: Fragment einer polychrom glasierte Fliese vom Eckgrundstück Bürgermeister-/Scharrenstrasse.
Abb. 4: Fliesenfragment vom Grundstück Markt 4, welches im Besitz Lucas Cranach d. Ä. war.

Aus dem bürgerlichen Milieu der Stadt Wittenberg sind bisher lediglich zwei Fragmente von polychrom glasierten Fliesen bekannt. Das eine Stück stammt von einem Grundstück an der Ecke Bürgermeister-/Scharrenstrasse (Abb. 3) und das andere Fragment vom Grundstück Markt 4 (Abb. 4). Dieses repräsentative Anwesen, direkt an der Südseite des Markplatzes war im Besitz von Lucas Cranach d.Ä.. Neben den polychromen Fliesenfragmenten konnten auf beiden Grundstücken auch einfarbig glasierte Bodenfliesenfragmente in honiggelb und grün aufgefunden werden.

Abb. 5: Polychrom glasierte Fliese, die aus der Schuttschicht auf der Westseite des Schlosses geborgen wurde.

Mit den jüngst geborgenen Stücken lassen sich nun zwei unterschiedliche Typen von Fliesen unterscheiden, von denen jeweils ein Exemplar nahezu vollständig erhalten ist. Der erste Typ ist quadratisch mit einer Seitenlänge von etwa 15 cm (Abb.5). Das Muster auf der Fliese besteht aus dem Viertel eines doppelten Blütenkranzes und einem Kreisband. Diese Form war bereits von früheren Untersuchungen bekannt. Völlig neu ist der Fund des zweiten Typs (Abb. 6 und 7). Dabei handelt es sich um eine fünfeckige Fliese, die an einer Seite eine dreieckige Spitze ausbildet und die damit sehr an einen flachen Dachziegel erinnert. An der Spitze befindet sich das Viertel eines Blütenkreises, dann folgen zwei Rhomben und ein Dreieck mit Kreisband. Hier wurden, wie auch bei den Fliesen des anderen Typs, die Farben blau, grün, weiß und honiggelb für die Glasur verwendet.

Abb.6: Exemplar von Fliesen des zweiten Typs, der bisher in Wittenberg nicht bekannt war.
Abb. 7: Exemplar von Fliesen des zweiten Typs, der bisher in Wittenberg nicht bekannt war.

Beide Fliesentypen lassen sich zu einem Fußbodenmosaik mit abwechslungsreichen Mustern und Farben kombinieren (Abb. 8). Durch die fünfeckigen Fliesen entsteht eine Art Windrose mit einem achtzackigen Stern, in dessen Zentrum sich eine stilisierte Blume im Kreis befindet. Die quadratischen Fliesen bilden eine Blume mit zwei Blütenkränzen aus. Der gesamte Stern wird von einem Ring umschlossen.

Durch die Rekonstruktion, die erst mit den jüngsten Fliesenfunden möglich geworden ist, wird nun klar, dass beide Fliesenvarianten nur gemeinsam einen Fußboden bilden konnten. Es ist denkbar, dass die sehr seltenen polychromen Fliesen nur in einem kleinen Teil eines Raumes verwendet worden sind und der restliche Teil der Fußbodenfläche vielleicht mit einfarbig glasierten Fliesen, vielleicht im Schachbrettmuster, ausgelegt wurde. Die polychromen Bodenfliesen gehörten ganz sicher zur Erstausstattung des kurfürstlichen Schlosses und datieren somit in das erste Viertel des 16. Jahrhunderts. Wahrscheinlich wurden die Fliesen bereits in der Mitte des 16. Jahrhunderts wieder entsorgt, was möglicherweise mit der geringen Abriebfestigkeit der Glasur zusammenhängen könnte.   

Die Herstellung der Fliesen erfolgte ganz unzweifelhaft im nahen Schmiedeberg, wo ein völlig gleiches Fragment als unglasierter Schrühbrand aus einer Töpfereiabfallgrube vorliegt.

Bisher gibt es nur eine einzige Parallele zum Wittenberger Fliesenboden. Einen ähnlichen Bodenbelag gab es in Schloss Freudenstein in Freiberg. Hier konnten im Jahr 2006 mehrere polychrom glasierte Fliesen mit dem gleichen Motiv ergraben werden. In Freiberg stammen die Fliesen offenbar nicht aus dem Renaissanceschloss, sondern aus der letzten Bauphase der Burg kurz nach der Mitte des 16. Jahrhunderts. Besitzer der Burg Freudenstein war der albertinische Familienzweig der Wettiner. Hingegen gehörte die Wittenberger Anlage der ernestinischen Linie.

Bei den Freiberger Funden handelt es sich nicht um modelgleiche Fliesen, hier ist das Motiv leicht versetzt. Bei den Freiberger Fliesen wurde darüber hinaus im zentralen Bereich des Musters ein rundes Stück eingesetzt (Gräf 2006, S. 88). Bei den Wittenberger Fliesen findet sich kein solches separates Stück. Hier ist die Mitte in Form einer stilisierten Blüte Bestandteil der Fliesen vom Typ 2. Auch die Glasurfarben der Freiberger Fliesen sprechen eher für eine regionale Herstellung.

Die polychromen Fliesen wurden in Freudenstein wahrscheinlich aus Anlass einer größeren Feierlichkeit in den Jahren zwischen 1540 und 1560 verlegt (Gräf 2006, S. 85). Sie sind damit etwa ein Viertel Jahrhundert jünger als die Wittenberger Fliesen. Es ist denkbar, dass die Anregung für den Freudensteiner Fußboden aus Wittenberg über kunstsinnige Räte oder über bei beiden Häusern beschäftige Handwerker vermittelt wurde.[1]

Mit dem Nachweis eines solch hochwertigen polychromen Fliesenfußbodens im Wittenberger Schloss, der sogar noch als Vorbild für andere sächsische Residenzbauten diente, wird eine Form der luxuriösen Ausstattung von Räumen fassbar. Sie blieb offensichtlich nur einer Minderheit vorbehalten. In Wittenberg nur dem Kurfürsten und dem Cranachschen Haushalt


Abb. 8: Rekonstruktion des Fußbodens, der durch die Verwendung von zwei Fliesentypen entsteht.

1 Offensichtlich gab es in der Zeit des frühen 16. Jahrhunderts einen Wissenstransfer zwischen der ernestinischen und der albertinischen Linie, vor allem vermittelt über Beamte und durch einen regen Handwerkeraustausch. Freundlicher Hinweis von Herrn Dr. Stahl, LDA.

 

Literatur:

D. Gräf: Bodenfliesen aus Schloss Freudenstein in Freiberg (Sachsen). In: Keramos 194, 2006, 83-90.

D. Gräf: Buntes aus Schloss Freudenstein. Glasierte Bodenfliesen als Zeugnis einer wechselhaften Baugeschichte. In: Archaeo, Archäologie in Sachsen, Heft 5, 2008, S. 35-39.

A. Neugebauer: Zurück zu den Quellen! Chancen archivalischer Forschung zum Wittenberger Schloss. In: Archäologie in  Wittenberg I. Das Schloss des Kurfürsten und der Beginn der frühneuzeitlichen Stadtbefestigung von Wittenberg, Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 22, 2014, S. 29-37.

 

Text: Johanna Reetz/ Holger Rode

 

Abbildungsnachweis:

1, 3, 5-8 - Verf.

2 - J. Winter (Halle)

4 - M. Jung / LDA

Redaktion und Internet: Maria Albrecht