Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: Merowingerzeitliche Befunde im Fuhneeinzugsgebiet südlich von Köthen

Abb. 1: Die Thüringer und ihre Provinzen zwischen 450 und 600 sowie die Kriegszüge der Awaren und Franken im 6. Jh.

...In wie plötzlichem Sturz sinken doch Reiche dahin

(aus dem Klagelied der Radegunde - Vita Radegundis)

Der Niedergang des Römischen Reiches im 3. Jh. und das Vordringen der Hunnen in das von Ostgoten besiedelte Gebiet westlich des Schwarzen Meeres im Jahr 375 löste eine Kette von Wanderungsbewegungen germanischer Stämme aus, welche die Landkarte in Mitteleuropa nachhaltig veränderte.

Diese Bevölkerungsverschiebungen manifestieren sich besonders deutlich im nördlichen und östlichen Deutschland sowie in den Grenzregionen zu den ehemaligen provinzialrömischen Gebieten. So wandern z.B. Teile der Sachsen, Angeln und Jüten im 5. Jh. nach Britannien aus, Burgunder verlassen ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete an der mittleren Oder und ziehen nach Südwesten und Alemannen fallen in die linksrheinischen Gebiete ein.

Besonders im 5. Jh. scheinen fast alle germanischen Stämme von diesem Sog  erfasst worden zu sein, befördert von äußerer Bedrohung („push“) einerseits und Begehrlichkeiten („pull“) andererseits.

Weitgehend räumlich konstant blieb dagegen erstaunlicherweise das Siedlungsgebiet der frühen Thüringer. Vielleicht lag das am politischen Geschick ihrer Anführer, die manchmal durch Ehestiftungen ein andermal durch Verträge die zur Durchsetzung ihrer Interessen besten Bündnispartner gewannen. Unter ihrem König Bisin vergrößerten sie im 5. Jh. sogar ihr angestammtes Herrschaftsgebiet, das zur Blütezeit schließlich im Norden bis an die Ohre westlich von Magdeburg und im Süden bis an den Untermain reichte (s. Abb. 1 - Karte Thüringerreich).

Mit Ausnahme weniger Gebiete zu denen auch das Einzugsgebiet der Fuhne zwischen Könnern, Köthen und Halle gehört, manifestiert sich ihre Anwesenheit vom 5. bis ins 6. Jh. besonders nördlich und östlich des Harzes sowie im Mittelelbe-Saale-Unstrutgebiet archäologisch durch zahlreiche entdeckte Gräber.

Im Jahr 531 wird das Thüringer Königreich von einer anderen aufstrebenden mitteleuropäischen „Großmacht“ – den Franken – unter Mitwirkung sächsischer Stämme (?) zerstört und schließlich zu einem fränkischen Fürstentum. Der genaue Ort der entscheidenden Schlacht ist umstritten. Widukind von Corvey gibt in seiner Sachsenchronik Scithingi (=Burgscheidungen) als eines der Schlachtfelder an (s. Abb. 2). Archäologisch konnte das bisher nicht bestätigt werden.

Abb. 2: Das Unstruttal bei Burgscheidungen. Nach Widukind von Corvey soll hier die entscheidende Schlacht stattgefunden haben, die zum Untergang des Thüringer Königreiches geführt hat. Archäologische Untersuchungen auf dem Burgberg erbrachten bisher aber keine Funde, die bis in das 6. Jh. zurückreichen.
Abb. 3: Die thüringische Königstochter Radegunde wurde nach der Zerstörung des Thüringerreiches 531 in das Frankenreich verschleppt und mußte den Frankenkönig Chlothar I. heiraten.

Fest steht, dass Radegunde (* um 520; † 13. August 587 in Portiers), die Tochter des Königs Berthachar von Thüringen danach als Geisel in das Frankenreich verschleppt und später zur Heirat mit dem Frankenkönig Chlothar I. gezwungen wurde (s. Abb. 3 - Radegunde). In der von dem römischen Dichter und Biographen Venantius Honorius Fortunatus (534-609) verfassten Vita Radegundis beklagt sie die Verwüstungen, die dieser Krieg auf der (oder einer der) thüringischen Königsburgen hinterließ. Inwieweit auch die im nördlichen Gau ansässige thüringische Bevölkerung während dieses Krieges, der bereits 529 mit einem offenbar fehlgeschlagenen fränkischen Invasionsversuch begonnen hatte,  massakriert oder vertrieben wurde, bleibt trotz der blutrünstigen Schilderung, die uns Venantius Fortunatus überliefert hat, unklar. Fiel dieser nordöstliche Teil des ehemaligen Königreichs danach als Kriegsbeute an die Sachsen? Wurden hier Friesen oder Nordschwaben angesiedelt?  Und wann kamen eigentlich die Slawen in diese Region?

Antworten auf diese Fragen kann möglicherweise ein Fundplatz bei Pfriemsdorf südlich von Köthen geben, der im Zuge der archäologischen Rettungsgrabungen vor der Verlegung einer größeren Gasleitung (UGS-JAGAL) von August bis Dezember 2014 vom LDA untersucht werden konnte.

Abb. 4:Ausschnitt aus dem Grabungsplan der Fundstelle 34 mit zwei merowingerzeitlichen und einem mittelslawischen Grubenhaus.
Abb. 5: Merowingerzeitliche Grubenhäuser Bef. 258 und 313 (blau) und mittelslawisches Grubenhaus Bef. 143 (grün).

Der mehrphasige Siedlungsplatz erbrachte abgesehen von zahlreichen urgeschichtlichen Befunden drei bemerkenswerte frühgeschichtliche Grubenhäuser, die in einem Umkreis von nur 50 m entdeckt wurden (s. Abb.  4 - Grabungsplan-Ausschnitt und Abb. 5 - Grubenhäuser).

Zwei  der eingetieften Hütten (Bef. 258 und 313) haben einen fast quadratischen (Bef. 313) bzw. rechteckigen (Bef. 258) Grundriss bei einer Größe von ca. 3,55 m x 3,15 m (Bef. 313, Pl. 2) bzw. 4,35 m x 3,5 m (Bef. 258) (s. Abb. 6 u. 7). Ihr Dachfirst ist NW-SO bzw. fast W-O ausgerichtet. Die Wand- und Dachkonstruktion wird von 2 x 3 Pfosten getragen, so dass zwei giebelständige Firstpfosten den Dachfirst trugen und 4 Pfosten in den Hausecken standen. Diese dienten wohl ebenfalls zur Aufnahme eines Teils der Dachlast , sie waren aber vermutlich auch Bestandteile der Wandkonstruktion, die ausweislich der in den Verfüllungen gefundenen Fragmente von Hüttenlehm mit Rutenabdrücken aus einer Flechtwerk-Lehm-Konstruktion gebaut war. Diese Grubenhäuser verfügten nicht über eine befestigte Feuerstelle und waren von daher nicht für eine ganzjährige Nutzung als Wohnhaus geeignet.

Abb. 6: Merowingerzeitliches Grubenhaus Bef. 313 mit Drehmühlenfragment und Webgewichten, Blick nach SO.
Abb. 7: Merowingerzeitliches Grubenhaus Bef. 313, Detail mit Firstpfostengrube, Blick nach NO.
Abb. 8: Merowingerzeitliches Grubenhaus Bef. 313, Detail mit Webgewichten, Blick nach NO.

Funde eines mit Kreisaugen verzierten Spinnwirtels und von linsenförmigen Webgewichten, die im Falle des Grubenhauses Bef. 313 in einer Gruppe konzentriert im westlichen Eck lagen (s. Abb. 8 – Planum mit Webgewichten), legen die Vermutung nahe, dass sie u.a. als Webhütten gedient haben könnten. Ihre Sohlentiefe lag bei ca. 1,1 m unter der rezenten Ackeroberfläche. In dieser Tiefe wurde während unserer Ausgrabung schon der Grundwasserspiegel erreicht, was man dahingehend deuten kann, dass die klimatischen Bedingungen während ihrer Nutzungszeit trockener gewesen sein müssen als heutzutage.

Abb. 9: Merowingerzeitliches Grubenhaus Bef. 313, Detail mit Drehmühlenfragment, Blick nach NO.
Abb. 10: Merowingerzeitliches Grubenhaus Bef. 313, Knochengeräte aus der Verfüllung.
Abb. 11: Merowingerzeitliches Grubenhaus Bef. 313, Knochennadel.

Aus dem Grubenhaus Bef. 313 stammt ein ganz besonders interessanter Fund (s. Abb. 12 u. 13 - Scheibenfibel-Fragment und Rekonstruktion). Es handelt sich um das Fragment einer aus Buntmetall (Bronze?) gegossenen Scheibenfibel, die mit einem umlaufenden Tierkopffries kerbschnittartig verziert ist. An den Köpfen erkennt man jeweils ein Auge und ein schnabelartig verlängertes Ende.

Abb. 12: Merowingerzeitliches Grubenhaus Bef. 313, Scheibenfibelfragment mit umlaufendem Tierfries im germanischen Tierstil II.
Abb. 13: Merowingerzeitliches Grubenhaus Bef. 313, Scheibenfibel mit umlaufendem Tierfries im germanischen Tierstil II, photografische Rekonstruktion.
Abb. 14: Merowingerzeitliches Scheibenfibel aus Beichlingen Lkr. Sömmerda.
Abb. 15: Merowingerzeitliches Scheibenfibel aus Berghausen Gern. Pfinztal, Kr. Karlsruhe.

Die erhabenen Stellen des Tierkopfes sind flächig mit feinen dreikantigen Einpunzungen versehen, die vielleicht als stilisierte Federn – vielleicht aber auch als Schuppen (einer Schlange?) anzusprechen sind. Der zentrale Bereich fehlt leider; wahrscheinlich war die Fibel hier kalotten- oder kegelartig aufgewölbt. Auf der Rückseite ist eine Lötstelle (?) erkennbar, an der wahrscheinlich die (abgebrochene) Spiralfeder oder der Fuß der Fibel saß. Der Dekor im germanischen Tierstil II spricht für eine Herstellung im fränkischen Herrschaftsgebiet.  Vergleichsstücke aus Beichlingen, Lkr. Sömmerda (SCHMIDT 1961, Taf. 42 e) (s. Abb. 14 - Scheibenfibel Beichlingen) und aus Berghausen, Kr. Karlsruhe (s. Abb. 15 - Scheibenfibel Berghausen) datieren um 600 n. Chr. (KOCH 1982). Ganz ähnlich gestaltete Tierköpfe finden sich auch auf dem zum Logo des LDA gewordenen Reiterstein von Hornhausen, Kr. Oschersleben, der nach neueren Untersuchungen nicht um 700 sondern eher in die erste Hälfte des 7. Jhs. datiert (s. Abb. 16 - Reiterstein).

Abb. 16: Reiterstein von Hornhausen mit Tierstilornamentik und die Scheibenfibel aus Pfriemsdorf im Vergleich.

Das etwas weiter im Süden gelegene Grubenhaus Bef. 143 weicht in einigen wichtigen konstruktiven Elementen von den beiden nördlicher gelegenen Hütten ab. Während es in der quadratischen Form, seiner Größe und der Ausrichtung noch gewisse Ähnlichkeiten mit dem Grubenhaus Bef. 313 zeigt, so ist die Dach- und Wandkonstruktion eine völlig andere. Es besitzt nur drei Pfosten, wobei zwei giebelständige Pfosten den Dachfirst tragen, während ein dritter Pfosten, der etwa mittig der südwestlichen Längswand stand wahrscheinlich als Einstiegshilfe zum Betreten des Baus gedient hat (s. Abb. 3-D Grubenhaus Andrea Hinz). Eine gepflasterte Herdstelle im nördlichen Eck ermöglichte die Nutzung als Wohnraum auch im Winter. Mit einer Sohlentiefe von nur knapp 0,6 m ist es um einen halben Meter flacher als die zwei anderen Gebäude.

Grubenhäuser dieser fast standardisierten Bauweise (2+1-Pfosten-Typ) sind während der mittelslawischen Zeit besonders im unteren Saaleraum der dominierende Gebäudetyp (Abb. 17, 18). Die mittelslawische Datierung für das Grubenhaus Bef. 143 wird auch durch Funde zeittypischer wellenbandverzierter Keramik bestätigt.

Abb. 17: Rekonstruktion eines mittelslawischen Grubenhauses vom 2+1-Pfostentyp mit zwei Firstpfosten, einem Einstiegspfosten und einer festen Feuerstelle.
Abb. 18: Rekonstruktion eines mittelslawischen Grubenhauses vom 2+1-Pfostentyp mit optionalem eingezogenen Dachboden.

Erste Schlüsse:

Die merowingerzeitlichen Befunde und Funde aus Pfriemsdorf zeigen zunächst einmal, dass der Raum zwischen Köthen, Könnern und Halle, der im 5. und 6. Jh. noch weitgehend unbesiedelt gewesen sein soll, spätestens zu Beginn des 7. Jhs. wieder bewohnt wird. Die frühen Einwohner des späteren Pfriemsdorf waren sehr wahrscheinlich keine Slawen und ganz offensichtlich nicht auf der Durchreise, sondern Bauern, deren Gerätschaften wie z.B. eine Eisensichel und eine Drehmühle (s. Abb. 9 - Drehmühle), dafür sprechen, dass sie hier fest ansässig waren und Getreide angebaut und verarbeitet haben.

Die vermutlich fränkische Provenienz der gefundenen Scheibenfibel verrät allerdings nicht unbedingt etwas über die Zugehörigkeit ihres Besitzers oder ihrer Besitzerin zu einem bestimmten germanischen Stamm. Man wird aber nicht ganz fehlgehen, wenn man den Leuten aus dem Dorf bei Pfriemsdorf um 600 gute Kontakte nach Süden in das thüringisch/fränkische Kerngebiet unterstellt. Auch die Bauweise ihrer Grubenhäuser spricht ebenfalls nicht dagegen, dass es sich bei ihnen um Menschen aus dem ostfränkischen Herrschaftsgebiet handeln könnte.

Was mag nun aber aus diesen frühgeschichtlichen (fränkischen?) Bewohnern Pfriemsdorfs geworden sein? Der vom LDA untersuchte Bereich dieser hochinteressanten Fundstelle zeigt leider nur einen kleinen Ausschnitt dieses merowingerzeitlichen/frühmittelalterlichen Anwesens. So gelingt es im Moment auch noch nicht, die Frage zu beantworten, ob sich hier die Besiedlung vielleicht kontinuierlich bis in die Slawenzeit fortsetzt. Sollte es zu einer Begegnung oder gar Vermischung mit den von den Franken als „Sorben“ (= Verbündete) bezeichneten Slawen gekommen sein, dann spräche der Bruch mit der germanischen Bautradition der Grubenhäuser dafür, dass der slawische Einfluss schließlich so dominant war, dass so mancher Bewohner zwischen Köthen und Halle das Wehklagen der Radegunde ohne Dolmetscher überhaupt nicht mehr verstehen konnte.

 

 

Literatur:

KOCH 1982

U. Koch, Die fränkischen Gräberfelder von Bargen und Berghausen in Nordbaden. Forsch. u. Ber. Vor- u. Frühgesch. Baden-Württemberg 12 (Stuttgart 1982)

SCHMIDT 1961

B. Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit in Mitteldeutschland, Bd. I (Halle 1961)

 

Abbildungsnachweise:

Abb. 1: B. Schmidt, Thüringer, Franken und Sachsen vom 6.-8. Jh. In: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (Leipzig 1989) 221.

Abb. 2: Internet_https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/bd/Burgscheidungen_Sammlung_Duncker.jpg

Abb. 3:Internet https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/01/Sc%C3%A8nes_de_la_vie_de_sainte_radegonde.jpg

Abb. 4: A. Hielscher LDA

Abb. 5: A. Hielscher LDA

Abb. 6: K. Bentele LDA

Abb. 7: M. Hilligsberg-Drawert LDA

Abb. 8: K. Bentele LDA

Abb. 9: M. Hilligsberg-Drawert LDA

Abb. 10: M. Hilligsberg-Drawert LDA

Abb. 11: R. Hüthig LDA

Abb. 12: R. Hüthig LDA

Abb. 13: R. Hüthig LDA / J. Haase

Abb. 14: LDA-Kalender 2015 J. Lipták LDA

Abb. 15: U. Koch, Die fränkischen Gräberfelder von Bargen und Berghausen in Nordbaden. Forsch. u. Ber. Vor- u. Frühgesch. Baden-Württemberg 12 (Stuttgart 1982)

Abb. 16: J. Herrmann (Hrsg.), Archäologie in der Deutschen Demokratischen Republik (Leipzig 1989) 192 / J. Haase LDA

Abb. 17: A. Hinz LDA

Abb. 18: A. Hinz LDA

 

Text: Erik Peters

Video: Jana Haase

Redaktion und Internet: Maria Albrecht