Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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August: Die Phytolithe aus dem frühbronzezeitlichen Hortfund Domsen, Burgenlandkreis

Abb. 1: Der Geländebefund des Hortfundes bei Domsen, Burgenlandkreis. Eine Eingrabung ist nicht zu erkennen, da die Grube des Hortfundes wieder mit Löß verfüllt worden ist.
Abb. 2: Der in der Restaurierungswerkstatt des LDA freipräparierte Befund. Auf dicht gepackten Halsringen liegt das Gefäß, welches weitere Bronzegegenstände enthält.

Bei archäologischen Untersuchungen im Vorfeld des Tagebaus Profen im Burgenlandkreis (zuständige Referentin im LDA Susanne Friederich, örtliche Grabungsleitung Robert Ganslmeier) wurde 2013 ein frühbronzezeitlicher Hortfund der Aunjetitzer Kultur (2.300–1.550 v. Chr.) geborgen (Abb. 1). Der Hort lag ca. 75 m nördlich eines Gebäudegrundrisses der Aunjetitzer Kultur. Auf der Grabungsfläche wurden auch 15 Gräber der Aunjetitzer Kultur festgestellt. Sie lagen in kleinen Grüppchen westlich des Hausgrundrisses. Die auf der Abbildung erkennbare, mit humosem Material gefüllte Grube ist mangels Funden nicht datierbar. Auf acht Ösenhalsringen lag ein völlig unbeschädigtes, tonnenförmiges Tongefäß mit geschlicktem Bauch, kurzem glattem, steil einziehendem Hals und vier Griffleisten in Viertelstellung am Halsübergang (Abb. 2). Im Gefäß befanden sich zahlreiche weitere Bronzeobjekte und Bernsteinperlen (Abb. 3). Das Gefäß lag auf den Ösenhalsringen seitlich verkippt; die Gefäßöffnung wies leicht nach unten.

Der Hortfund war in den dort anstehenden ockerfarbenen Löß eingebettet, ein den Hort umgebender Grubenbefund war nicht erkennbar. Demzufolge ist die Grube des Hortfundes wieder mit dem hellen Untergrund-Löß verfüllt worden.

Abb. 3: Geöffnetes Gefäß mit den darin deponierten Bronzegegenständen. Teils befand sich in dem Gefäß noch ein Hohlraum, teils war es in Öffnungsnähe mit hineingeflossenem Löß verfüllt.

Der Hort wurde im Block geborgen und in der Restaurierungswerkstatt des Landesamtes weiter untersucht. Offenbar durch die seitliche Position bedingt, drang in das Gefäß umgebender Boden (heller Löß) ein und füllte es zu Dreiviertel aus. Der verbleibende Platz darüber blieb als Hohlraum erhalten. Im Gefäß befand sich zuunterst ein kombinierter Kettenschmuck aus bronzenen Spiralröllchen und gelochten Bernsteinperlen. Darüber lagen sechs große Noppenringe, zwei Armspiralen, zwei offene Armringe, ein Randleistenbeil, vier Cyprische Schleifennadeln und mehrere kleinere Bronzeobjekte. Das gesamte Fundensemble ist in die Brzt. A1b zu stellen, es gehört somit in die früheste mitteldeutsche bronzezeitliche Hortfundgruppe II und stellt einen Ausstattungshort dar.

Vergleichbare Hortfunde sind Tilleda, Kyhna, Ostro, Unterrißdorf und Halle-Giebichenstein I.

Beim Vereinzeln der Objekte des Hortfundes fielen an mehreren Stellen dunkle Verfärbungen auf. Diese wurden insbesondere zwischen den Metallobjekten im Gefäß, aber auch im Zusammenhang mit den Halsringen unter dem Gefäß beobachtet (Abb. 4).

Abb. 4: Nach Entnahme des letzten Halsringes erkennt man noch dessen Abdruck sowie im Bereich des Ringinneren dunkles humoses Bodenmaterial.

Zur Klärung deren Beschaffenheit wurden einige Proben am LKA in Magdeburg durch Uwe Schwarzer mittels REM mit EDX-Analyseeinheit (Rasterelektronenmikroskopie mit energiedispersiver Röntgenspektroskopie (energy dispersive X-ray spectroscophy)) untersucht. Dabei konnten zwischen mineralischen Resten stäbchenförmige, z. T. fein gezahnte, aber auch dornig erscheinende Mikrostrukturen beobachtet werden (Abb. 5-7). Die durch Uwe Schwarzer vorgenommene Elementeanalyse zeigte als Hauptbestandteil dieser Gebilde Silizium und Sauerstoff, d. h., es handelt sich bei diesen Objekten um Verkieselungen und wie sich nach weiteren Recherchen herausstellte, um sogenannte Phytolithe.

Phytolithe sind bizarr geformte, silikatische Einlagerungen unterschiedlicher Gestalt und Größe in der Epidermis vornehmlich von Süßgräsern (Poaceae), zu denen auch die domestizierten Getreide gehören. Trotz ihrer markanten Gestalt ist eine Zuordnung zu einer Art nicht ohne weiteres möglich, da die Gräser und Getreide oftmals mehrere Phytolithenformen in unterschiedlicher Anordnung enthalten, Form und Lage der Phytolithe sich in den Halmen und Blättern und weiteren Pflanzenbestandteilen einer Pflanze voneinander unterscheiden und die Variationsbreite einzelner Phytolithenformen recht groß ist. Phytolithe unterliegen dem Stoffkreislauf und fallen nach einiger Zeit der Verwitterung anheim, können aber bei geeigneten Bedingungen über lange Zeit im Erdboden erhalten bleiben und bilden dann einen Befund, der archäologische Aussagen ermöglicht.

In den mikroskopischen Aufnahmen der Strukturen aus dem bronzezeitlichen Hortfund erkennt man zwischen den Mineralkörnern (Bereich der Halsringe) die unterschiedlich ausgerichtete, bündelartige, ungestörte Lage der silikatischen Pflanzenreste. Die untersuchte Probe zwischen den Bronzegegenständen aus dem Gefäßinneren besteht fast nur aus Phytolithenresten. Derartige Proben sind mit größter Vorsicht zu behandeln, da schon leichteste Erschütterungen, gerade auch bei der Probenaufbereitung, diese Strukturen zerstören und die Phytolithe vereinzeln können.

Abb. 5-7: Verschiedene Ansichten der unter dem Rasterelektronenmikroskop dokumentierten Phytolithe. Abbildungen 5 und 7 zeigen Phytolithe außerhalb des Gefäßes zwischen den Ösenhalsringen. Abbildung 6 zeigt die Phytolithe zwischen den Bronzegegenständen im Gefäß.

Die überwiegende Zahl der Phytolithe aus dem Domsener Hortfund stellen längliche, gezackte Formen unterschiedlicher Dicke dar. Wenige Formen sind glatt, und dazwischen befinden sich einige rundliche Formen, wohl papillae (warzenförmige Erhebungen auf der Pflanze). Die Gleichartigkeit der Phytolithe deutet darauf hin, dass die Reste zu einer Art gehören. Es dürfte sich um Reste von Halmen und Blättern handeln. Auf letzteres deuten die papillae hin, die eher auf Blättern anzutreffen sind. Diese könnten beispielsweise von einer horstartig wachsenden Gräserart stammen. Nach Vergleichen mit Beispielen aus dem Internet ist eher eine Deutung der Relikte als Getreidereste in Betracht zu ziehen, da die Formen aus dem Hortfund in Domsen große Ähnlichkeiten mit Funden aus der neolithischen Siedlung Çatal Hüyük in der Türkei aufweisen, die als Reste von Weizen gedeutet werden. (http://castlesandcoprolites.blogspot.de/2015/05/microfossil-of-month-wheat-husk.html; http://www.catalhoyuk.com:8080/archive_reports/1998/ar98_08.html).

Weizen (triticum) ist eine der ältesten Kulturpflanzen, der vor vielen Jahrtausenden im Vorderen Orient domestiziert wurde. Dazu gehören der Emmer (triticum dicoccum), das Einkorn (triticum monococcum) und der aus einer Kreuzung entstandene Weich- oder Brotweizen (triticum aestivum), aber auch der Dinkel (triticum aestivum ssp. spelta).

Auch wenn dieser Vergleich wegen fehlender Grundlagen-Forschungen keine unmittelbare Bestätigung darstellt, so ist doch die Wahrscheinlichkeit gegeben, dass es sich auch bei den Resten aus dem Domsener Hortfund um Getreide-Strohreste handelt.

Der Hinweis auf Getreide-Strohreste im Zusammenhang mit dem Hortfund wirft ein Licht auf dessen Niederlegung. Demnach wurde nach dem Ausheben der Grube die Sohle mit Stroh abgedeckt, bevor man die Halsringe deponierte. Ebenso ist man vor dem Auflegen des Gefäßes auf die Halsringe verfahren. Auch beim Bestücken des Gefäßes hat man offensichtlich die einzelnen Objekte sorgfältig mit Stroh abgepolstert.

In den Verfärbungen innerhalb des Gefäßes sind neben den Phytolithen auch Reste von feinen Fasern gefunden worden, bei denen es sich um Pilzmyzel oder Wurzelreste handeln kann. Wenn sich die Annahme von Wurzelresten bestätigt, hat man möglicherweise beim Einschichten der Objekte in das Gefäß auch ganze Getreidepflanzen mit Wurzel ausgerissen und als Polstermaterial verwendet. Es kann aber auch sein, dass sich im erdfeuchten, humusreichen Material ein Pilzmyzel ausgebreitet hat. Pilze sind ein wesentlicher Bestandteil des Bodenlebens.

 

Autoren: Heiko Breuer, Robert Ganslmeier, Mechthild Klamm, Bernd Zich

Internet: Maria Albrecht

 

Bildnachweise

Abb. 1: LDA

Abb. 2, 4: Heiko Breuer

Abb. 3: Jurij Liptak

Abb. 5-7: Uwe Schwarzer