Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Januar: Prachtvolles Trinkgeschirr in einem bescheidenen Haus - Ein Wappenhumpen aus Wittenberg

Im Winter 2011 konnte bei Ausgrabungen auf dem sogenannten Arsenalplatz in der nördlichen Altstadt Wittenbergs aus einer unscheinbaren Latrinengrube ein in 29 Fragmente zerscherbter, jedoch nahezu vollständig erhaltener Humpen mit Emailbemalung geborgen werden (Abb.1). Der Fundplatz des kostbaren Stückes befand sich im hinteren Bereich eines Grundstückes in der Bürgermeisterstraße. Dieses zählt mit zehn Metern Breite eher zu den kleineren Parzellen in dieser Straße. Auch die archäologisch nachweisbare Bebauung des Grundstückes fällt nicht durch Besonderheiten auf. An der östlichen Grundstücksfront fand sich ein kleiner Keller. Dabei handelt es sich um einen flachgedeckten mittelalterlichen Feldsteinkeller, der im 16. Jahrhundert mit einer Tonne aus Feldsteinen überwölbt wurde (Abb. 2).

Abb. 1: Latrinengrube im hinteren Bereich eines Grundstückes in der Bürgermeisterstraße mit typischer Gebrauchskeramik und einer Scherbe eines emailbemalten Humpens.
Abb. 2: Kleiner Keller an der östlichen Grundstücksfront, bei dem ein mittelalterlicher Keller aus Feldsteinen im 16. Jahrhundert weitergenutzt und daher mit einer Tonne aus Ziegelsteinen eingeölt wurde.

Die Restaurierung des 23,5 cm hohen Humpens aus grün getöntem Waldglas in der Restaurierungswerkstatt des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle[1] offenbarte, welch herausragendes Objekt das in Wittenberg gefundene Glas darstellt. (Abb. 3 und 4) Der 23,5 cm hohe Humpen ist mit einer sehr qualitätvoll ausgeführten, polychromen und vergoldeten Emailmalerei versehen. Wenngleich aufgrund der Korrosion Farbveränderungen vorkommen, besticht das Dekor nach wie vor durch eine kräftige Farbigkeit. Auf der einen Seite befindet sich das Kurfürstlich-Sächsische Gesamtwappen[2] (Abb. 5) und auf der gegenüberliegenden Seite das Wappen der Mark Brandenburg mit einem Fürstenhut darüber[3] (Abb. 6). Über dem sächsischen Wappen befindet sich die Jahreszahl „1585“ und über ihr die Buchstabenfolge „F C V“. Über dem brandenburgischen Wappen sind die Buchstaben „H D (…) D“ zu lesen.

Abb. 3: Restaurierter Humpen mit Darstellung des Kursächsischen Gesamtwappens, den Buchstaben „F. C. V.“ und der Jahreszahl 1585.
Abb. 4: Restaurierter Humpen mit Darstellung des Habsburgisch- Brandenburgischen Wappens und den Buchstaben „H D (…) D“ darüber.
Abb. 5: Detail mit dem Kursächsischen Wappen.

In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts kamen derartige emailbemalte Humpen in Mode, die mit einem Wappen verziert sind. Diese frühen Stücke wurden in Venedig für den nordalpinen Markt produziert und wenig später in Süddeutschland nachgeahmt.[4] In den frühen 1570er Jahren begann die Herstellung von emailbemalten Humpen in Böhmen und kurze Zeit später auch in Sachsen.[5]

Der in Wittenberg aufgefundene, 1585 datierte Humpen ist ein äußerst frühes Exemplar[6] mit Malerei höchster Qualität. Die Arbeit entstand in einer erzgebirgischen Glashütte, wobei die grünliche Färbung eher auf die Entstehung in Sachsen als in Böhmen hinweist. Diese frühen Emailgläser aus erzgebirgischer Produktion tragen in der Regel Wappen sächsischer Adelsgeschlechter. Formal verweist das Dekor auf die später produzierten sächsischen Hofkellerei-Humpen, die besonders hochwertige, teilweise vergoldete Dekore mit dem kursächsischen Gesamtwappen tragen. Auch wurden diese mit den Initialen von Fürsten oder deren Gemahlinnen versehen.[7] Für die Buchstabenfolgen des Wittenberger Humpens kann bisher aber keine Übereinstimmung mit Initialen von Mitgliedern der sächsischen oder brandenburgischen Herrscherfamilien und deren auf dem Glas präsentierten Wappen nachgewiesen werden. So muss die Entschlüsselung der Buchstabenfolge momentan ungeklärt bleiben.

Abb. 6: Detail mit dem Habsburgisch-Brandenburgischen Wappen.

Jedoch kann als Anlass für die Kombination beider Wappen auf einem Humpen die Hochzeit zwischen dem sächsischen Prinzen Christian I. (1560-1591) mit Sophie von Brandenburg (1568-1622) am 25. April 1582 wahrscheinlich gemacht werden. Die gleichzeitige Darstellung der beiden Wappen symbolisiert die durch die Heirat nochmals bekräftigte enge Bindung der beiden Herrscherhäuser. In diesem Zusammenhang scheint eine Verwendung als diplomatisches Geschenk an hochrangige Wittenberger Bürger oder dort ansässige Adlige vorstellbar.

Warum dieses wertvolle Glas schließlich in einem eher bescheidenen bürgerlichen Kontext wurde, bleibt jedoch unklar. Die Beifunde aus der Latrinengrube stellen einfaches Haushaltsgeschirr dar, wie es auf jedem Wittenberger Grundstück zu finden ist. Auch weitere Glasobjekte fanden sich hier nicht. Vielleicht gelangte das wertvolle Stück erst als Antiquität aus dritter Hand in den Besitz des Grundstückseigners. Letztlich ist sogar ein Erwerb durch Diebstahl vorstellbar.

[1] Vgl. Restaurierungsbericht von Vera Keil vom 24.07.2015.

[2] Ebd.: Schild: zweimal gespalten und viermal geteilt; Feld 1: Landgrafschaft Thüringen. In Blau ein golden gekrönter und bewehrter Löwe, von Silber und Rot mehrmals geteilt; Feld 2: Pfalzgrafschaft Thüringen: In Schwarz ein goldener Adler; Feld 3: Markgrafschaft Meißen; Feld 4: Pfalzgrafschaft Sachsen. In Blau ein golden gekrönter goldener Adler; Feld 5 und 8: Schwarz und Gold neunmal geteilt, darüber ein grüner schrägrechter Rautenkranz. (Herzogtum Sachsen); Feld 6: schwarzer Adler auf Gold; Feld 7: Grafschaft Orlamünde. In einem mit roten Herzen bestreuten goldenen Feld ein rot gekrönter und bewehrter schwarzer Löwe; Feld 8: mit 5 vereint Grafschaft Landsberg; Feld 9: Herrschaft Pleißen. In Blau ein von Gold und Silber geteilter Löwe; Feld 10: Burggrafschaft Altenburg: In Silber eine fünfblättrige rote Rose, golden bebutzt; Feld 11: Burggrafschaft Magdeburg, gespalten vorne: in Rot ein halber, goldenbewehrter und -gekrönter silberner Adler am Spalt; hinten: siebenmal von Silber und Rot geteilt; Feld 12: Grafschaft Brehna: In Silber 3 (2:1) im Dreipaß ausgeschlagene rote Seeblätter; Feld 13 und 14: Schildfuß ledig und rot.
Regalienfelder: Drei Helme: Helm 1 (Mitte), gekrönt: Kombinationshelmzier aus zwei Kleinoden: Ein gekrönter Spitzhut, von Schwarz und Gold neunmal geteilt, darüber ein grüner schrägrechter Rautenkranz, in der Hutkrone ein natürlicher Pfauenstoß (Herzogtum Sachsen) zwischen zwei silbernen Büffelhörnern, die außen mit je vier Stangen besteckt sind mit je drei kreuzförmigen Anhängern, das letzte jeweils in der Hornmündung; Helm 2 (her. rechts), gekrönt: Landgrafschaft Thüringen, zwei silberne Büffelhörner; Helm 3 (her. links): Markgrafschaft Meißen, ein rot-silbern gestreifter Mannesrumpf mit bärtigem Haupte und mit rot-silbern gestreifter Mütze, an der eine natürliche Pfauenquaste hängt.

[3] Ebd.: 4-geteiltes Schild, das Herzschild mit dem Stammwappen der Hohenzollern: Feld 1 auf silber/weißem Grund einen goldbewehrten, roten Adler mit goldenen Kleestengeln (Markgrafschaft Brandenburg), Feld 2 auf silber/weißem Grund einen goldbewehrten roten Greif (Herzogtum Pommern), Feld 3 auf goldenem Grund einen rotbewehrten schwarzen Löwen, ringsum 12-mal in silber - rot gestückter Bord (Burggrafenschaft Nürnberg), Feld 4 der Zollernschild, silber - schwarz geviert (Stammwappen des Hauses Hohenzollern).

[4] Axel von Saldern, German Enameled Glass. The Edwin J. Beinecke Collection and Related Pieces. Corning Museum of Glass (New York 1965), S. 37-39; Johann Karl von Schroeder / Stanislav Ulitzka, Wappengläser (Kat. 166-173). In: Anna-Elisabeth von Theuerkauff-Liederwald (Hrsg.), Venezianisches Glas der Kunstsammlungen der Veste Coburg. Die Sammlung Herzog Alfreds von Sachsen-Coburg und Gotha (1844-1900). Venedig, À la façon de Venise, Spanien, Mitteleuropa (Lingen 1994), S. 177-181.

[5] Gisela Haase, Sächsisches Glas. Geschichte – Zentren – Dekorationen (München 1988), S. 20-23, Kat.-Nrn. 18, 21, 23-25, 26, 29 u. 33-39.

[6] Der frühste bekannte Reichsadlerhumpen aus böhmischer Herstellung datiert in das Jahr 1571 und befindet sich heute im British Museum. Vgl: Cathrine Hess, Timothy Husband, European Glass in the J. Paul Getty Museum: Catalogue of the Collections. the J. Paul Getty Museum (Los Angeles 1997), S. 214.

[7] Vgl. Haase 1988 (wie Anm. 3), S. 22. Die Hofkellerei-Humpen entstanden in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und wurden in Kursachsen hergestellt.

 

Text: Holger Rode, Johanna Reetz, Susanne Kimmig-Völkner

Internet: Maria Albrecht

Abbildungsnachweis: 1, 2 Holger Rode, 3-6 Vera Keil

 

Literatur:

Gisela Haase, Sächsisches Glas. Geschichte – Zentren – Dekorationen (München 1988).

Cathrine Hess, Timothy Husband, European Glass in the J. Paul Getty Museum: Catalogue of the Collections. the J. Paul Getty Museum (Los Angeles 1997).

Axel von Saldern, German Enameled Glass. The Edwin J. Beinecke Collection and Related Pieces. Corning Museum of Glass (New York 1965).

Johann Karl von Schroeder / Stanislav Ulitzka, Wappengläser (Kat. 166-173). In: Anna-Elisabeth von Theuerkauff-Liederwald (Hrsg.), Venezianisches Glas der Kunstsammlungen der Veste Coburg. Die Sammlung Herzog Alfreds von Sachsen-Coburg und Gotha (1844-1900). Venedig, À la façon de Venise, Spanien, Mitteleuropa (Lingen 1994).