Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Juli: Ein Billendorfer Importfund in Reupzig

Abb. 1 Links: Kartenausschnitt mit blau markiertem Abstand zu den genannten Gewässern, rechts: Fundstellenplan mit eingezeichneter Lage der den Fund enthaltenden Grube.

Einleitung

Im Zuge des Straßenneubaus an der B6n im Landkreis Anhalt-Bitterfeld musste im Sommer 2015 zwischen Reupzig und Repau eine Fläche von etwa 240 m (NW) x 35 m (SO) auf archäologische Hinterlassenschaften untersucht werden. Die Fundstelle liegt ca. 1 km südlich von Reupzig und etwa ebenso weit nördlich von Repau (beides Lkr. Anhalt-Bitterfeld) auf einem sandig-lehmigen Untergrund. Etwa 15 km in nördlicher Richtung verläuft die Elbe von Ost nach West (Abschnitt Dessau – Aken) und ebenso weit in östlicher Richtung entfernt fließt die Mulde (Abb. 1). Bei den rund 200 verzeichneten Befunden handelt es sich überwiegend um Pfostengruben, die sich zu insgesamt neun Gebäudegrundrissen zusammensetzen lassen. Daneben wurden 36 Gruben freigelegt, in denen sich eine z. T. beträchtliche Menge Keramik befand, die einer ersten Durchsicht zufolge in die frühe Eisenzeit datiert. Besonderes Augenmerk fällt auf eine Grube im mittleren Fundstellenbereich: Der etwa 190 cm x 150 cm messende und annähernd rundliche Befund liegt innerhalb einer dichteren Befundsituation (Abb. 1).

Abb. 2 Profilansicht der Grube, Blick nach Südosten.
Abb. 3 Briquetage aus drei verschiedenen Befunden. Unter anderem waren mit dem Gefäß die zwei mittleren Säulenfragmente vergesellschaftet.

Fundsituation und Funde

Der einphasig verfüllte Befund weist eine Mächtigkeit von ca. 50 cm auf (Abb. 2), die Sohle ist annähernd waagerecht, die Wandungen unterschneidend bzw. schräg. Über die gesamte Befundtiefe streuten Tierknochen, Brandlehm sowie Fragmente von Lehmverputz, Salzsiedesäulen (Abb. 3) und zahlreicher Gefäße (Abb. 4). Eine der Keramiken stellte sich als polierter, etwa 13 cm hoch erhaltener Ausschnitt eines zweigliedrig-doppelkonischen Topfes mit drei umlaufenden Riefen am Schulterhalsknick heraus. Bis über den Bauchumbruch reichend sind schräg-gegenständig angeordnete Sparrenmuster von jeweils 4–5 Riefen zu verzeichnen, deren untere Enden sich nicht berühren. Die Randlippe lädt leicht aus (Randdurchmesser = 14 cm), der Hals zieht sehr leicht ein und die Schulter ist abgesetzt. Auf den recht hoch sitzenden Bauchumbruch (Bauchdurchmesser = 18 cm) folgt der sich stark verjüngende Unterteil des Gefäßes, der Bodendurchmesser liegt bei etwa 6 cm (dazu Abb. 4b). Ein auf der Schulter befindlicher Bruchansatz ist Hinweis auf eine Handhabe: Auf einem Fragment sind zwei eingetiefte Dellen zu verzeichnen, die von zwei auf sie zulaufenden Riefenbündeln begrenzt werden. Entsprechend würden diese Verzierungen eine Handhabe in Form eines Bandhenkels begrenzen. Das randständige Gegenstück mit Bruchansatz ist jedoch nicht erhalten. Aufgrund des leicht bleiernen Glanzes, der teilweise noch in den Riefen verzeichnet werden kann, ist ein ehemaliger Graphitbelag denkbar. Abb. 4 zeigt weitere Gefäßfragmente, von denen einige einen Bandhenkel, teilweise überrandständig, bzw. Ansätze aufweisen, aus denen ein Bandhenkel rekonstruiert werden kann (Abb. 4 d, e, f). Es wurden weiterhin in Gänze sowie fragmentarisch erhaltene Tassen, Terrinen, Töpfe und Schalen identifiziert, wobei ein Großteil der keramischen Funde nur noch fragmentarisch erhaltenen Gefäßen sowie unbekannten Gefäßtypen zuzuordnen ist.

Abb. 4 Die Abbildung zeigt einen Teil des keramischen Grubeninventars. a) verziertes Billendorfer Importgefäß - Krug, b) Bodenscherbe mit Wandansatz, c) verzierte Amphore mit Bruchansatz im Schulterbereich, d) breite Tasse mit plump wirkendem Bandhenkel, e) unverzierte Tasse mit konstruiertem, überrandständigen Bandhenkel, f) breite Tasse mit zu konstruierendem, überrandständigen Bandhenkel, g) Randscherbenfragment einer Schale, h) Rand eines Topfes oder einer Terrine, i) ebd., k) Randscherbenfragment mit Bruchansatz einer Handhabe, l) Randscherbe, Gefäßtyp unbekannt. a-b) M 1:2; c-l) M 1:1.

Neben den genannten Gefäßen konnte aus einigen der Fragmente ein Krug zusammengesetzt werden (Abb. 4 a und Abb. 5). Er besitzt einen etwa 5,5 cm breiten, leicht überrandständigen Bandhenkel, der auf der Schulter endet. Darunter sind fünf horizontal angeordnete Dellen eingetieft, für welche die oberste der zu fünf Stück gebündelten, auf der Schulter umlaufenden horizontalen Riefen unterbrochen ist. Der Randdurchmesser beträgt 21 cm, der Bauchdurchmesser liegt bei etwa 34 cm. Der Bauchumbruch ist sehr betont und stark ausladend, zum Boden zieht das Unterteil vermutlich stark ein, was anhand der fehlenden Anpassungen jedoch nicht belegt werden kann. Wenngleich aus dem Befund eine Bodenscherbe (Abb. 4 b) mit Wandungsansatz geborgen wurde, die sowohl haptisch, farblich sowie in der Stärke und vom Bruch her dem Gefäßoberteil gleicht, findet sich dennoch keine Anpassung. Entsprechend kann die Gefäßhöhe nicht rekonstruiert werden. Ähnliche Gefäßformen sind aus früheisenzeitlichem Kontext bekannt, sodass das Gefäßunterteil erfahrungsgemäß als nach unten hin schmaler werdend beschrieben werden kann - eine hier aufgebrachte Verzierung ist unwahrscheinlich. Der sehr fein gemagerte Ton, die Politur und die Qualität des Gefäßes lassen einen deutlichen Unterschied zu den lokalen, eher grob gearbeiteten und unpolierten Produkten erkennen. Beispielhaft seien hier drei Tassen (Abb. 4 d, e, f) angebracht, die grob gemagerten Ton sowie einen jeweils leicht überrandständigen Henkel aufweisen. Sie stehen hinsichtlich ihrer Machart in einem starken Kontrast zu dem Krug, weshalb für diesen eine Ansprache als Import infrage kommt: Entsprechend kann nun über die Provenienz des Gefäßes als auch über das entsprechende Austauschprodukt spekuliert werden.

Abb. 5 Der Importfund.

Zum Handel

Eine gute Anzahl Briquetage konnte während der Geländetätigkeiten von der Fundstelle geborgen werden. Teilweise waren Säulenfragmente mit unserem Krug vergesellschaftet, aber auch aus benachbarten Befunden gleicher Zeitstellung, wie einer Siedlungsabfallgrube mit rund 200 Fragmenten, trat Keramik zutage, die mit Salzsiedetechnik in Verbindung steht, darunter Zylinder- und Ovalsäulen-, Kissen- sowie Tiegelfragmente. Dieser Umstand lässt Rückschlüsse auf die Gewinnung von Salz zu, wenngleich für das nähere Umfeld der Fundstelle bislang keine Solequelle bekannt ist. Deshalb erscheint eine Gewinnung des „Weißen Goldes“ aus Salzpflanzen (Halophyten), deren Vorkommen für Teile Sachsen-Anhalts belegt ist, möglich (dazu Fries-Knoblach 2001, 7 und Taf. 16 sowie Maraszek/Muhl/Schwarz/Zich 2015). So ist beispielsweise bei Maraszek/Muhl/Schwarz/Zich (2015, 113) beschrieben, dass ein höherer Salzgehalt aus schwach salzhaltiger Sole durch Untermengen der Asche verbrannter Salzpflanzen erzielt wurde. Auch ein Transport angereicherter Sole in die noch nicht entwaldeten Gebiete ist annehmbar (Schunke 2004, 279/280), denn zum Sieden des Salzes hatte man lange Zeit Raubbau an den Holzressourcen betrieben. Was auch immer das Ausgangsprodukt war - konzentrierte Sole oder ein Sole-Asche-Gemisch - die Salzsiederei auf der Fundstelle ist mit den Briquetagefragmenten belegbar. Da unter dem technischen Fundgut nach vorläufiger Durchsicht noch keine Siedeschalen verzeichnet wurden, könnte dieses Fehlen auf entsprechenden Austausch hinweisen – den Handel mit hergestellten Salzblöcken oder so genanntem Formsalz. Der Salzexport aus Mitteldeutschland in die Niederlausitz konnte inzwischen für die späte Bronzezeit eindeutig belegt werden (Bönisch 2012, 215 Abb. 16). Auch Buck (1979, 75–81) schlägt für die frühe Eisenzeit Salz als Handelsgut vor und Abb. 6 zeigt Möglichkeiten auf, wie die östlich der Mulde angesiedelte Billendorfer Gruppe unter anderem nach Westen hin Handelskontakte gepflegt haben könnte. Entsprechende Billendorfer Importfunde liegen von verschiedenen Fundplätzen bereits in Form von Kopplungsgefäßen (Abb. 6 sowie von Brunn 1939, 113), wie beispielsweise aus Brehna (dazu von Rauchhaupt/Schunke 2010, 70), oder Spitzkannen (Buck 1979, 149) vor. Auf der anderen Seite sind auch im Billendorfer Kontext Importe der Hausurnenkultur nachgewiesen. So reiht sich Reupzig, westlich der Mulde gelegen, in die Riege der Billendorfer Importfunde aufweisenden Fundstellen südlich der Elbe ein.

Aus welchem konkreten Gebiet das Gefäß nun importiert wurde, wo also dessen Provenienz liegt, kann nur spekuliert werden – denkbar ist eine Verbindung zur Elbe-Untergruppe. Sie bildet die westlichste der regionalen Billendorfer Untergruppen und es liegt nahe, dass Kontakte am ehesten in den Randgebieten zweier benachbarter Gruppen oder Stämme bestanden. Im gleichen Zug ist an einen Handelsweg über das Gewässernetz zu denken. Nach Buck weist die Elbe-Untergruppe Gefäßformen der Billendorfer Kerngruppe auf, wozu er unter anderem hohe Terrinen, Amphoren und Krüge zählt (ebd.). So könnte unter Vorbehalt auch unser Krug im Territorium der Elbe-Untergruppe gefertigt worden sein.

Abb. 6 Von der Billendorfer Kerngruppe ausgehende Handelsbeziehungen mit den Trägern der benachbarten Gruppen und Kulturen.

Zur Datierung

In einem Kapitel zur Keramikentwicklung beschreibt Buck (1979, 132–134) die Gefäßformen seiner herausgearbeiteten Billendorfer Stufen. Hiernach gerichtet kann für den vorliegenden Krug eine Datierung in die ältere Billendofer Gruppe (Ia-Ib) angenommen werden, wofür sowohl das am oberen Gefäßkörper zu fassende geschwungene Profil sowie die umlaufenden Riefen sprechen. Absolut ist demnach ein Zeitraum um 750–575 v. Chr. wahrscheinlich (dazu Buck 1979, 148, Abb. 107). In den jüngeren Billendorfer Stufen nehmen sowohl die Gefäßprofilierung als auch die Verzierung am Gefäßkörper ab, sodass hingegen von dieser Datierung Abstand zu nehmen ist.

 

Zusammenfassung

Während der frühen Eisenzeit bestanden nachweislich Kontakte zwischen den Trägern der Hausurnenkultur im mitteldeutschen Gebiet und denen der Billendorfer Kultur im östlichen Mitteleuropa jenseits der Mulde. Gehandelt wurden Artefakte aus verschiedenen Kategorien, es gab einen Austausch an kulturellem und geistigem Gut, darüber hinaus ist Salzhandel wahrscheinlich. Als Fundplatz liegt Reupzig in Nachbarschaft zur Billendorfer Elbe-Untergruppe und befindet sich etwa 15 km südlich der Elbe. Eine mögliche Handelsroute flussaufwärts in das Gebiet der Billendorfer Kultur erscheint mit diesem Fund sehr wahrscheinlich.

 

 

Abbildungsnachweis

Abb. 1: Kartengrundlage: Sachsen-Anhalt Viewer (www.lvermgeo.sachsen-anhalt.de) U. Fuhrmann, LDA
Abb. 2: C. Lau, LDA
Abb. 3: K. Bentele, LDA
Abb. 4: Zeichnungen: M. Reuter, LDA
Abb. 5: K. Bentele, LDA
Abb. 6: Buck 1979, Abb. 67

 

Literatur

Bönisch 2012
E. Bönisch, M. Daszkiewicz, G. Schneider, Gefäßausstattung eines jüngstbronzezeitlichen Kammergrabes der Lausitzer Kultur mit Briquetage – Interpretation unter Einbeziehung von Keramikanalyse. In: H.-J. Beier, S. Ostritz, M. Küßner, D. Schäfer, K- Wagner, A. Zimmerman (Hrsg.), Finden und Verstehen. Festschrift für Thomas Weber zum sechzigsten Geburtstag, Beitr. Ur- und Frühgesch. Mitteleuropas 66, 2012, 195–222.

Buck 1979
D.-W. Buck, Die Billendorfer Gruppe. Teil II: Text. Veröff. Mus. Ur- und Frühgesch. Potsdam (Berlin 1979).

Fries-Knoblach 2001
J. Fries-Knoblach, Gerätschaften, Verfahren und Bedeutung der eisenzeitlichen Salzsiederei in Mittel- und Nordwesteuropa. Leipziger Forschungsberichte zur Ur- und Frühgeschichtlichen Archäologie 2 (Leipzig 2001).

Maraszek/Muhl/Schwarz/Zich 2015
R. Maraszek/A. Muhl/R. Schwarz/B. Zich, Salz – Baustein und Würze des Lebens. In: H. Meller (Hrsg.): Glutgeboren. Mittelbronzezeit bis Eisenzeit. Begleitheft zur Dauerausstellung im Landesmus. Vorgesch. Halle 5 (2015) 110–114.

Schunke 2010
T. Schunke, Die jungbronze- bis früheisenzeitliche Siedlung. In: R.  von Rauchhaupt/T. Schunke, Am Rande des Altsiedellandes. Archäologische Ausgrabungen an der Ortsumgehung Brehna. Arch. Sachsen-Anhalt, Sonderband 12 (2010) 57–162.

 

 

Schunke 2004
T. Schunke, Der Hortfund von Hohenweiden-Rockendorf, Saalkreis, und der Bronzekreis Mittelsaale. Ein Beitrag zur jungbronzezeitlichen Kulturgruppengliederung in Mitteldeutschland. Jahresschr. Mitteldt. Vorgesch. 88, 2004, 219–337.

von Brunn 1939
W. A. von Brunn, Die Kultur der Hausurnengräberfelder in Mitteldeutschland zur frühen Eisenzeit. Jahresschr. Vorgesch. sächsisch-thürinigischen Länder 15, 1939, 1–184.

Text: Ulrike Fuhrmann
Internet: Maria Albrecht