Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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Juni: Mahlsteine aus dem Ringheiligtum Pömmelte

Abstract

Seit dem Frühneolithikum besaßen Mahlsteine wichtige Funktionen im Rahmen der Subsistenzsicherung. Sie waren daher nicht nur „profane“ Alltagsgeräte, sondern hatten sicherlich auch symbolische Bedeutung. Nach einer kurzen Einleitung, unter Fokus auf Mahlsteindeponierungen des Neolithikums, erörtert dieser Beitrag den Symbolgehalt von Schiebenmühlen aus dem Rondell Pömmelte (Salzlandkreis, Sachsen-Anhalt). Dieses komplexe Heiligtum datiert ins ausgehende 3. Jahrtausend v. Chr. Als Bestandteil mehrstufiger Deponierungsabfolgen waren die Mahlsteine offenbar „entsorgte“ Ritualgeräte. Man hatte sie bewusst nur in einem bestimmten Areal des Rondells deponiert. Es deckt sich mit der Verteilung aller Mahlsteinfragmente, die ausschließlich aus Nichtdepotkontexten stammen. Es deutet sich somit an, dass die Schiebemühlen und deren Komponenten als metaphorische Zeichen mit Bezug zur Kosmologie am Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. verstanden werden können.

Starting in the early Neolithic mill stones were important tools of subsistence production. Hence it is not surprising that they were not just objects of “profane” everyday activities, but had symbolic meaning. After giving a short introduction, focussing on quern stone deposits of the Neolithic, this paper reflects on the symbolism of saddle querns found in the circular enclosure of Pömmelte (Saxony-Anhalt, Germany). This complex sanctuary dates to the late 3rd millennium BC. As they were items of multistep deposition sequences, it can be concluded that the mill stones were “discarded” ritual paraphernalia. The slabs and querns had been deposited in a specific area of the enclosure. It correlates with the distribution of all quern fragments that exclusively come from non-deposition context. This suggests that the saddle querns can be understood as metaphorical icons related to the cosmology of the late 3rd millennium BC.

 

 

Abb. 1: Luftbildaufnahme des rekonstruierten Ringheiligtums Pömmelte während des Richtfestes am 24.06.2015. (Foto: LDA)

Steingeräte zum Zerreiben oder Zermahlen von Pflanzenteilen oder Farbstoffen sind bereits aus dem Paläolithikum bekannt. Zumeist handelte es sich um Quetschsteine oder Quetschmühlen, wobei auf einer muldenförmigen (Stein)unterlage durch Bewegungen eines Reibsteins in alle Richtungen Dinge „zerquetscht“ werden konnten. Zwar wurden teilweise bereits Schiebemühlen verwendet, bei denen das Mahlen durch vor- und zurückschieben eines Läufersteins auf einem länglichen Unterlieger geschieht. Zum weithin geläufigen Typ wurden sie jedoch erst mit dem Aufkommen des Ackerbaus im Zuge der agrarischen Revolution am Beginn des Neolithikums (Wright 1994; Peacock 2013, 16-21). Dies geschah jedoch nicht flächendeckend, wie beispielsweise die Beibehaltung von Quetschmühlen im Neolithikum der Britischen Inseln zeigt. Auf dem europäischen Festland ging der gezielte Anbau von Getreide mit der Verarbeitung größerer Kornmengen und dem Einsatz der effizienteren und technologisch besseren Schiebemühlen einher. Dies äußert sich ab der frühneolithischen Linienbandkeramik u.a. in der Herausbildung verschiedener Unterarten von Schiebemühlen und der beträchtlichen Anzahl in Siedlungen gefundener Mahlsteine und deren Fragmente (Peacock 2013, 17-21).

Angesichts der wichtigen Bedeutung bei der Subsistenzsicherung während der Zubereitung von Nahrungsmitteln ist es kaum überraschend, dass Mahlsteine nicht nur funktionelle Alltagsgegenstände waren. Sie besaßen Symbolcharakter und wurden rituellen Handlungen unterzogen. Vor allen im Früh- und Mittelneolithikum wurden sie als Beigabe in Gräber gelegt oder in Horten, meist als Weihegaben, niedergelegt (Graefe et al. 2009; vgl. Graefe 2009, 148-152, 164-165). Doch sind auch in anderen Kontexten Ritualhandlungen belegt, wie als frühes Beispiel die Funde aus der linienbandkeramischen Siedlung Geleen-Janskamperveld (Prov. Limburg, Niederlande) zeigen. Untersuchungen belegen, dass die Mahlsteine selten nur in der Mitte an den dünnsten, d.h. am stärksten abgenutzten Stellen gebrochen sind. Die Beschaffenheit der Bruchflächen, anhaftende rote Farbspuren und der Umstand, dass aus der Siedlung keine zusammengehörigen Fragmente vorliegen, sprechen gegen die unbeabsichtigte Beschädigung. Vielmehr lassen die Indizien auf ein anderes Szenario und die Ritualisierung der Alltagswerkzeuge schließen: Die Mahlsteine wurden, bevor sie völlig abgenutzt und damit unbrauchbar waren, absichtlich in mehrere Teile zerbrochen und die Bruchkanten mit Ocker eingerieben. Fast alle Bruchstücke verstreute bzw. deponierte man anschließend vermutlich außerhalb der Siedlung (Verbaas / van Gijn 2007; van Gijn 2014, 312).

Mahlsteindeponierungen des Neolithikums
Im Folgenden soll der Blick auf die Niederlegung von Mahlsteinen in Horten während des Neolithikums gerichtet und mit wenigen Beispielen illustriert werden. Besonders im Früh- und Mittelneolithikum wurden im Bereich der Siedlungen, teils in Häusern, teils in hausbegleitenden Gruben, bis zu acht Unterlieger und Läufersteine deponiert (Graefe et al. 2009, 30-31). Im Pariser Becken (Frankreich), im Hainut (Belgien) und in Nordrhein-Westfalen waren sie oft in gebrauchsfähigem Zustand auf der Mahlfläche abgelegt. Offenbar handelt es sich also nicht um entsorgten Abfall, sondern absichtliche Deponierungen oder Opfer, möglicherweise Bauopfer. Jüngst wurden bei Ausgrabungen bei Goseck (Burgenlandkreis) zwei Mahlsteindepots in einem Haus der Stichbandkeramik und einer nahe der Siedlung gelegenen, wahrscheinlich stichbandkeramischen Grube entdeckt (Pers. Mitt. F. Bertemes und A. Northe). Die Siedlung liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur gleichfalls stichbandkeramischen Kreisgrabenanlage. In der nördlichen Trichterbecherkultur wurden Depots im Bereich der Siedlungen angelegt, jedoch selten innerhalb der Häuser (Graefe et al. 2009, 31). Man deponierte bis zu drei benutzte, aber intakte Mahlsteine aufrecht stehend oder auf der Reibefläche liegend in Gruben, in Herdnähe oder in Pfostenlöchern. Niederlegungen abseits der Siedlungen in Feuchtgebieten umfassen bis zu 50 Unterlieger und Läufersteine. Sie wurden voneinander getrennt und teils intakt, teils komplett, aber symbolisch fragmentiert dem feuchten Milieu übereignet.

Ein frühes Beispiel für rituelle Mahlsteinniederlegungen in Erdwerken liefert die Fundstelle von Eilsleben (Lkr. Börde). Dort fand sich im Graben der jüngsten Linienbandkeramik dicht neben einer Feuerstelle eine Packung von einem Mahlsteine, sieben Mahlsteinfragmenten und einem Schleifstein. Unter ihr kamen zuerst der Schädel eines weiblichen Ur mit Schlagverletzungen, darunter die Sonderbestattung einer 17-19 jährigen Frau, zum Vorschein. Der Befund wird als Opferstelle interpretiert, die Frau als zentrales Opfer und der Bovidenschädel als Indiz auf eine eigens für die Opferzeremonie getötete Urkuh angesehen (Kaufmann 2002, 132). Die Mahlsteine waren vor der Niederlegung absichtlich zerstört worden. Häufiger finden sich Belege für Mahlsteindepots in Erdwerken des 4. Jahrtausend v. Chr. Mittel-, Nord- und Westeuropas sowie der britischen Inseln. Aufgrund ihrer Kontexte sind die dort entdeckten Mahlsteine gleichfalls als intentionale Niederlegungen, sowohl in offenen und in geschlossenen Depots, anzusprechen. Sie dienten der Abgrenzung verschiedener Areale innerhalb der Erdwerke, der Zubereitung von Nahrung für Festmahle oder als Beifunde einzelner Bestattungen (Graefe et al. 2009, 34).

Für das ausgehende Neolithikum im 3. Jahrtausend v. Chr. gibt bloß sehr wenige Belege für die Bedeutung von Mahlsteinen jenseits der Alltagssphäre. Nur ausnahmsweise tauchen sie in Gräbern auf, Siedlungen jener Zeit sind nur wenige bekannt, ausgegraben und hinreichend publiziert. Beispielhaft kann aber für die Einzelgrabkultur Dänemarks auf die wichtige soziale und symbolische Bedeutung von Getreide geschlussfolgert werden (Klassen 2005, 19-22). Absichtliche Kornabdrücke und Getreidemuster an Gefäßkeramik, hohe Getreidepollenanteile in Pollenanalysen, Pflugspuren unter Grabhügeln, Vorkommen von Getreide und Mahlsteinen in Gräbern jener Region weisen auf die Verknüpfungen mit ideellen Vorstellungen. Dementsprechend lässt sich auch eine symbolische Bedeutung der für die Verarbeitung notwendigen Mahlsteine annehmen. Schlaglichtartig illustriert dies ein Fundkomplex der Schnurkeramik von Wattendorf-Motzenstein (Lkr. Bamberg). Er wurde westlich einer schnurkeramischen Siedlung auf dem Motzenstein, einem 15 m hohen Dolomitfels, gefunden (Seregély 2008, 27-31). Das Depot bestand aus drei Unterliegern und einem Läufer, die alle vollständig intakt waren. Man hatte sie in regelmäßiger Anordnung und in Bezug zu einem steinumgrenzten Pfostenloch auf dem Plateau des Motzensteins abgelegt. Der Komplex deutet auf eine rituelle Nutzung dieses über die Siedlung und die Umgebung erhabenen Platzes (Seregély 2008, 126). Das zweite Beispiel für die Symbolfunktion und die Bedeutung von Mahlsteinen im Rahmen komplexer Ritualhandlungen liefert das ins ausgehende 3. Jahrtausend v. Chr. datierende Ringheiligtum Pömmelte.

Abb. 2: Auswahl von Mahlsteinen aus dem Ringheiligtum Pömmelte. (Fotos: A. Spatzier).
Abb. 3: Auswahl von Mahlsteinfragmenten aus dem Ringheiligtum Pömmelte. (Fotos: A. Spatzier).
Abb. 4: Ringheiligtum Pömmelte. Deponierung im untersten Bereich von Schachtgrube Bef. 757. Eine komplette Reibemühle mit beschädigtem Unterlieger sowie Scherben mehrerer weitgehend kompletter Keramikgefäße waren auf einen Behälter aus organischem Material niedergelegt worden. (Foto: A. Spatzier).

Das Ringheiligtum Pömmelte
Das Ringheiligtum befindet sich nahe Pömmelte, Salzlandkreis, etwa 20 km südöstlich von Magdeburg im Niederungsgelände der Elbe und unweit des Zusammenflusses mit der Saale. Es war ein architektonisch komplexes Monumentalbauwerk aus mehreren konzentrischen Ringen von Pfosten, Gruben und Gräben, dessen größter etwa 115 m Durchmesser hatte (Abb. 1). Die außergewöhnliche Befund- und Fundsituation erlaubt vielschichtige Rückschlüsse. Wichtige Indizien liefern vor allem das komplexe Baukonzept, zahlreiche Deponierungen, auffällige Verteilungsmuster der Funde und Befunde, die Nutzung als sozialindikativer Bestattungsplatz und die Ausrichtung der Hauptzugangsachsen mit möglichem Sonnenbezug auf die sogenannten Mittviertelfeste. Sie lassen in dem Ringheiligtum nicht nur einen Ritualplatz erkennen. Möglicherweise war es während seines Bestehens in der Zeit zwischen etwa 2300‑2050 v. Chr. sogar das metaphorische Sinnbild eines komplexen Weltbildes (Spatzier 2016 [im Druck]).

Die Mahlsteine aus dem Ringheiligtum
Im Ringheiligtum Pömmelte wurden bei den Ausgrabungen der Jahre 2005-2008 insgesamt 19 intakte oder geringfügig beschädigte Mahlsteine (Abb. 2) – neun Läufer und zehn Unterlieger – sowie elf Mahlsteinfragmente (Abb. 3) entdeckt. Hinzu kommen ein vermutlich als Unterliegerrohling anzusprechender Fund und drei Steine, die gemäß Größe und Form möglicherweise Läufersteine waren. Mahlsteine sind die am häufigsten vorkommende Gruppe von Steingeräten der Fundstelle.

Die Mahlsteine von Pömmelte gehören zu Schiebemühlen, die fast ausschließlich der Form 3 nach A. Zimmermann (1988, 724 und Abb. 640) zuzuordnen sind. Bei jener Form sind die Abmessungen der Läufer kleiner als die Breite der Unterlieger. Dies führt zur charakteristischen Abnutzung beider Mühlenkomponenten: die Reibflächen der Unterlieger sind immer konkav, jene der Läufer dagegen immer konvex geformt. Es handelt sich somit um Mahlsteine mit freiem Läufer (Form 3a – siehe Preuß 1998, 145, Abb. 37). Lediglich zwei Unterlieger haben Reibseiten mit geraden Querschnitten und entsprechen somit den Mahlsteinen der Form 2 nach Zimmermann. Hierbei gleichen sich die Breiten der beiden Mühlenteile (Abmessung senkrecht zur Bewegungsrichtung während des Mahlens). Bei einem der beiden Exemplare könnte es sich allerdings eher um einen Schleifstein handeln. Die Läufer sind in Aufsicht entweder rechteckig-gerundet oder unregelmäßig mit Tendenz zum Fünfeck und 3,6 kg bis 12,5 kg schwer. Die Unterlieger sind in Aufsicht zumeist unregelmäßig rechteckig, sonst rechteckig-gerundet, langoval oder unregelmäßig und 15,5 kg bis 93,8 kg schwer. Als Rohmaterial für die Schiebemühlen wurden ganz eindeutig bevorzugt Granite oder granitische Gesteine verwendet (Granit oder Granodiorit, Alkalifeldspatgranit, Turmalingranit). Drei Mahlsteine sind aus foliiertem Orthogneis, die übrigen aus Sedimentgesteinen (Quarzsandstein, Siltstein).

Von besonderem Interesse sind die Auffindungskontexte der intakten und geringfügig beschädigten Mahlsteine von Pömmelte. Abgesehen von wenigen Lesefunden stammen sie ausschließlich aus Deponierungen in schachtartigen Gruben im Kreisgraben des Ringheiligtums. Diese Schachtgruben – insgesamt 29 – hatte man eigens für die rituelle Niederlegung von Ritualgegenständen angelegt. Diese sogenannten Paraphernalia unterlagen offenbar nach der Verwendung bei Zeremonien einem Tabu und mussten dem weiteren Gebrauch entzogen werden. Bemerkenswert sind nicht nur die in den Schächten gefundenen Objekte selbst, sondern ihre stratigrafische Lage und die jeweilige Kombination der Fundensembles sowie die zeitliche Dimension der Deponierungen. Es können in offensichtlicher Art und Weise die wichtigen Charakteristika von Ritualen wiedererkannt werden. Diese Grundeigenschaften sind Regelbestimmtheit, Tradition, Invarianz und Formalität sowie die archäologisch schwer belegbare Zurschaustellung ritueller Handlungen (Rappaport 1999, 32-50; Bell 1997, 139-169). Anhand der Schachtgruben lassen sich dreistufige Deponierungsrituale rekonstruieren, die über mehrere Jahrhunderte in gleichbleibender Art praktiziert wurden. Während der ersten Stufe hob man die schachtartigen Gruben aus, um die Zeremonialobjekte nach ihrer symbolischen Zerstörung zu „entsorgen“. Kurz danach, nachdem die Objekte mit Kies und Erde bedeckt waren, wurden die Schachtgruben in der zweiten Stufe mit Deponierungen „versiegelt“. Schließlich erfolgten bis zu 300 Jahren später erneute Niederlegungen über den bereits komplett mit Erde verfüllten Schächten, wofür man meist neue Gruben aushob.

Abb. 5: Ringheiligtum Pömmelte. In Schachtgrube Bef. 757 deponierte Schiebemühle. (Foto: A. Spatzier)
Abb. 6: Ringheiligtum Pömmelte. Mit der Niederlegung von drei Unterliegern hatte man die Deponierungen in Schachtgrube Bef. 720 „versiegelt“. (Foto: A. Spatzier)

Die Mahlsteine waren in den ersten beiden Deponierungsstufen niedergelegt worden. Die meisten intakten und geringfügig beschädigten Exemplare hatte man während der ersten Stufe „entsorgt“, sowohl als vollständige Schiebemühlen, als auch nur eine Mühlenkomponente. In zwei Fällen lagen nur je der Unterlieger bzw. der einzige Unterliegerrohling, in einem Fall zwei Läufersteine in einem Schacht. In drei Schächten fanden sich die Unterlieger mit zugehörigem Läufer. Beispielsweise wurden im untersten Bereich von Schachtgrube Bef. 757 eine komplette Schiebemühle (Abb. 5) sowie Scherben eines weitgehend kompletten Riesenbechers, eines Krugs und mehrerer anderer Keramikgefäße gefunden (Abb. 4). Man hatte die Gegenstände absichtlich zerbrochen – u.a. war vom Unterlieger der Mühle ein großes Eckstück abgeplatzt – und dann auf einen zylinderförmigen Behälter gelegt. Dieser bestand aus organischem Material, sodass er nicht erhalten blieb, und enthielt Schaf- und Rinderknochen. Wenig später, nachdem die Grube zur Hälfte mit Kies gefüllt war, wurde der Schacht mit der Niederlegung einer Rinderkieferhälfte symbolisch „versiegelt“. Diesen Zweck – die symbolische „Versiegelung“ in der zweiten Deponierungsstufe – erfüllten in drei anderen Schächten Mahlsteine. Allerdings wurden keine kompletten Schiebemühlen, sondern jeweils nur Unterlieger oder Läufer deponiert und immer auf der Mahlfläche abgelegt. In je einer Schachtgrube fanden sich in etwa halber Verfüllungstiefe ein Läufer bzw. ein Unterlieger, in der dritten sogar drei nebeneinander abgelegte Unterlieger (Abb. 6).

Die Schachtgruben im Ringheiligtum Pömmelte lassen ein komplexes, klar strukturiertes Deponierungsverhalten mit drei sukzessiven Stufen erkennen, das mehrere Jahrhunderte angewendet wurde. Die Niederlegungsrituale fanden in allen Bereichen des Kreisgrabens statt. Die als Paraphernalia „entsorgten“ Mahlsteine fanden sich allerdings nur in der nordöstlichen Hälfte des Ringheiligtums, d.h. von Westen über Nordosten bis Südosten (Abb. 7). Der Ort der Niederlegung war offenbar ganz bewusst gewählt. Doch auch die sechs bis acht kleinen Mahlsteinbruchstücke, die sich nicht in Deponierungen fanden, zeigen jenes Verteilungsmuster. Dies deutet darauf hin, dass die nordöstlichen Bereiche des Ringheiligtums mit bestimmten Sinninhalten verbunden waren und möglicherweise damit zusammenhängende Tätigkeiten hier ausgeführt wurden. Symbolhafte Repräsentanten der ideellen Sinninhalte sind eben die Mahlsteine.

Abb. 7: Ringheiligtum Pömmelte. Die Kartierung der Mahlsteine und Mahlsteinfragmente zeigt ihre Verteilung nordöstlichen „Hälfte“ des Ringheiligtums. Steinbeile waren dagegen in der südwestlichen Hälfte deponiert worden. (Karte: A. Spatzier)

Symbolismus der Mahlsteine
Mahlsteine und der Prozess des Mahlens besitzen weitreichende Symbolbedeutung, insbesondere in Verbindung zu Weiblichkeit, Fruchtbarkeit, Leben und Tod, Transformation oder Subsistenz (u.a. Fendin 2000; Lidström-Holmberg 2004; Peacock 2013, 162-178; Watts 2014). Häufig ist ein geschlechts-, alters- und genderspezifischer Symbolismus gegeben. So können Mahlsteine in häuslichen Kontexten bei der Nahrungszubereitung als Zeichen für Frauen, das Heim und die Familie stehen. Der feminine Bezug wird in einigen Kulturen durch langandauerndes Mahlen bei rites de passage (Übergangsritualen) von Frauen untermauert. Teils wird Mahlen, d.h. die Bewegung des Läufers auf dem Unterlieger, als sexueller Akt verstanden, wobei der bewegliche Läufer den Mann und der Unterlieger die Frau repräsentiert. Quasi komplementär widerspiegelt die aus beiden Komponenten bestehende Mühle die Mutter-Kind-Beziehung, verschiedentlich ist die Bedeutung des im Verhältnis kleineren Läufers als Kind belegt. Die beiden letzten Aspekte beinhalten gleichzeitig die metaphorische Bedeutung des Mahlprozesses als sexuelle Reproduktion und von Mahlsteinen als Fruchtbarkeitssymbolen. Mit ihrer Hilfe lässt sich auch die Fruchtbarkeit der Erde transformieren: durch das Mahlen kann der dabei hervorgerufene Tod des geernteten Korns in verwertbare, energiespendende Nahrung und damit Leben gewandelt werden. Mahlen ist damit zugleich destruktiv und kreativ. Es versinnbildlicht den unaufhörlichen Naturzyklus von Erschaffung und Zerstörung, Leben und Tod.

Vor diesem geistigen Hintergrund können auch die Schiebemühlen und Mahlsteine aus dem Ringheiligtum Pömmelte verstanden werden. Die absichtliche Deponierung in den Schachtgruben liefert Indizien auf ihre Nutzung im Rahmen ideell, vermutlich sakral motivierter sozialer Handlungen. Seit Langem wird anhand archäologischer Hinterlassenschaften auf die soziale Praxis rituellen Mahlens während der Vorgeschichte geschlussfolgert (u.a. Makkay 1978). Auch in Pömmelte dienten die Mahlsteine nicht nur der Zubereitung von Getreidespeisen für Festmahle, beispielsweise im Rahmen von Erntedankzeremonien. Sie und der damit vollführte Mahlprozess besaßen sicherlich zugleich metaphorischen Charakter. Dies wird umso begreiflicher angesichts ihrer Lage innerhalb eines bestimmten Bereichs des Ringheiligtums. Die arealgebundene Deponierung deutet auf ihre Assoziation mit und ihren Symbolgehalt innerhalb einer komplexen, mit den Himmelsrichtungen verbundenen Kosmologie. Möglicherweise verstand man die „Nordostthälfte“ als mit weiblichen Qualitäten, Fruchtbarkeit und Reproduktion verbundene Sphäre. Interessanterweise besaß die Südwesthälfte wohl eine ganz andere, sogar kontrastierende Bedeutung verbunden mit männlichen Qualitäten. Denn dort hatte man, bis auf eine Ausnahme, alle auf der Fundstelle entdeckten Steinbeile deponiert.


Empfohlene Literatur

Graefe et al. 2009
J. Graefe et al., Subsistence, social and ritual practices: quern deposits in the neolithic societies of Europe. In: S. Bonnardin et al. (Hrsg.), Du matériel au spirituel. Réalités archéologiques et historiques des « Dépôts » de la préhistoire à nos jours. XXIXe rencontres internationales d’archéologie et d’histoire d’Antibes (Antibes 2009), 29-38.

Peacock 2013
D. Peacock, The Stone of Life: Querns, Mills and Flour Production in Europe up to c. 500 AD. Southampton Monographs in Archaeology New Series 1 (Southampton 2013).

Spatzier 2016 [im Druck]
A. Spatzier, Das endneolithisch-frühbronzezeitliche Rondell von Pömmelte-Zackmünde, Salzlandkreis, und das Rondell-Phänomen des 4.-1. Jt. v. Chr. in Mitteleuropa. Forschungsber. des Landesmus. für Vorgesch. Halle 10 (Halle/Saale 2016 [im Druck]).

Watts 2014
S. R. Watts, The symbolism of querns and millstones. In: AmS-Skrifter 24, 51-64.

Weitere Literatur

Bell 1997
C. Bell, Ritual Perspectives and Dimensions (Oxford 1997).

Fendin 2000
T. Fendin, Fertility and the Repetitive Partition Grinding a Social Construction. In: Lund Arch. Review 6, 85-97.

Graefe 2009
J. Graefe, Neolithische Mahlsteine zwischen Weserbergland und dem Niederrhein. Zur wirtschaftsarchäologischen Aussagekraft einer Fundgruppe. Universitätsforsch. Prähist. Arch. 174 (Bonn 2009).

Kaufmann 2002
D. Kaufmann, Kultische Funde und Befunde aus dem linienbandkeramischen Erdwerk von Eilsleben, Bördekreis, westlich von Magdeburg. In: Preistoria Alpina 37 (2001), 125-136.

Klassen 2005
L. Klassen, Zur Bedeutung von Getreide in der Einzelgrabkultur Jütlands. Journal of Neolithic Archaeology 7. http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/16 (23.05.2016).

Lidström-Holmberg 2004
C. Lidström-Holmberg, Saddle Querns and Gendered Dynamics of the Early Neolithic in Mid Central Sweden. In: H. Knutsson (Hrsg.), Coast to Coast – Arrival. Results and Reflections. Proceedings of the Final Coast to Coast Conference 1-5 October 2002 in Falköping, Sweden. Coast to Coast 10 (Uppsala 2004), 199-231.

Makkay 1978
J. Makkay, Mahlstein und das rituale Mahlen in den Prähistorischen Opferzeremonien. In: Acta Arch. 30 (1978), 13-35.

Preuß 1998
J. Preuß (Hrsg.), Das Neolithikum in Mitteleuropa. Kulturen - Wirtschaft - Umweilt vom 6. bis 3. Jahrtausend v.u.Z. Teil A: Das Neolithikum in Mitteleuropa (Weissbach 1998).

Rappaport 1999
R. A. Rappaport, Ritual and Religion in the Making of Humanity. Cambridge Studies in Social and Cultural Anthropology 110 (Cambrigde 1999).

Seregély 2008
T. Seregély, Endneolithische Siedlungsstrukturen in Oberfranken I. Wattendorf-Motzenstein: eine schnurkeramische Siedlung auf der Nördlichen Frankenalb. Studien zum dritten vorchristlichen Jahrtausend in Nordostbayern. Universitätsforsch. Prähist. Arch. 154 (Bonn 2008).

van Gijn 2014
A. van Gijn, The ritualisation of agricultural tools during the Neolithic and the Early Bronze Age. In: A. van Gijn / J. C. Whittaker / P. C. Anderson (Hrsg.), Exploring and Explaining Diversity in Agricultural Technology . Early Agricultural Remnants and Technical Heritage (EARTH): 8,000 Years of Resilience and Innovation 2 (Oxford 2014), 311-318.

Verbaas / van Gijn 2007
A. Verbaas / A. van Gijn, Querns and other hard stone tools from Geleen-Janskamperveld. In: P. van de Velde (Hrsg.), Excavations At Geleen-Janskamperveld 1990/1991 39 (Leiden 2007), 191-204.

Wright 1994
K. I. Wright, Ground-Stone Tools and Hunter-Gatherer Subsistence in Southwest Asia: Implications for the Transition to Farming. In: American Antiquity 59 (2), 238-263.

Zimmermann 1988
A. Zimmermann, Steine. In: U. Boelicke et al. (Hrsg.), Der bandkeramische Siedlungsplatz Langweiler 8, Gemeinde Aldenhoven, Kreis Düren. Beitr. neolith. Besiedlung Aldenhovener Platte III. Rhein. Ausgr. 28 (Köln 1988), 569-787.

 

Text: André Spatzier
Internetredaktion: Norma Literski-Henkel