Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: Barocke Schuhreste aus dem Lutherhaus in Wittenberg

Abb. 1: Ein Großteil der zum Wittenberger Schuhfund gehörenden Einzelteile

Bei Voruntersuchungen im Zuge der Sanierung des Lutherhauses in Wittenberg wurden unter einem Fußboden viele Fragmente von Lederschuhen gefunden. Der umfangreiche Fundkomplex, aus dem die Schuhfragmente stammen, befand sich ganz im Osten des Erdgeschosses. Bevor das offensichtliche Abfallmaterial abgelagert wurde, hatte das Haus bereits eine lange und wechselvolle Geschichte hinter sich. Erbaut wurde das spätere Lutherhaus als Südflügel des Augustinerklosters (Bellmann et. al., 1979). Die Mönche waren 1502 nach Wittenberg berufen worden, nicht zuletzt, um Lehrpersonal für die neu gegründete Universität zu rekrutieren. Für den Standort des Klosters wurde eine Fläche ganz in der Südostecke des befestigten Stadtgrundrisses ausgewählt. Das bis dahin hier befindliche Spital musste weichen. Der Neubau wurde genau in die Innenecke der aus dem Mittelalter stammenden Stadtbefestigung eingestellt. Das hatte u.a. zur Folge, dass ein Turm in den Bau einbezogen wurde, der sich auch noch durch seine diagonale Lage zu den Außenwänden des neuen Gebäudes auszeichnete und dadurch schwer in die Räumlichkeiten zu integrieren war.

Nach der Reformation wurde das Haus von Martin Luther übernommen, der es als Wohnung und zur Unterbringung von Gästen und Studenten nutzte. Seine Erben verkauften es schließlich an die Universität. In die Universitätszeit fällt auch die Entstehung unseres Fundkomplexes. Im Zuge von Umbauarbeiten im Haus wurde eine Tür im ehemaligen Refektorium im Erdgeschoss vermauert. Vorher führte diese Tür in eine kleine Kammer mit dreieckigem Grundriss, die dadurch entstanden war, dass der Südostturm der Stadtbefestigung eben diagonal zu den Mauern des Hauses stand. Mit diesem Raum, der gerade etwa 1,50 m Seitenlänge aufwies, konnte offensichtlich in dieser Zeit niemand mehr etwas anfangen. Durch die Vermauerung war er nun nicht mehr zugänglich. Die Bau- und Aufräumarbeiten berührten allerdings nicht nur das Erdgeschoss. Auch in den Räumen darüber wurde entrümpelt, kleinere Ausbesserungsarbeiten an den Mauern fanden statt und die hier befindlichen Kachelöfen wurden zumindest ausgebessert. Bei diesen Arbeiten fielen größere Mengen Schutt und Müll an. Dieses Unrats entledigte man sich auf die einfachste Art und Weise. Über der kleinen, nun nutzlos gewordenen Kammer wurde der Fußboden geöffnet. Alles wurde hineingeworfen und bildete hier einen hohen Schuttkegel. Das Material lag offensichtlich ungestört bis zu den großen Umbauten des 19. Jahrhunderts. Jetzt wurden verschiedene Wände des Hauses entfernt, die kleine Kammer kam zum Vorschein und wurde Teil eines größeren Raumes. Der Schuttkegel wurde in seinem oberen Bereich abgetragen und nach außen verbracht. Der noch immer beachtliche Rest wurde mit einem wesentlich höher liegenden Fußboden überpflastert. Die in diesem Schutt lagernden Lederteile überdauerten so im trockenen Milieu die Jahrhunderte.

Es handelt sich bei den Lederfunden um über 200 Fragmente und Bruchstücke von barocken Schuhen. Das Nahtmaterial der Schuhe ist zum größten Teil vergangen, so dass die Schuhe meist nur in Einzelteilen vorliegen (Abb. 1).

Abb. 2: Formaler Aufbau eines barocken Schuhs
Abb. 3: Schema der Absatzbefestigung, braun: Lederschichten des Absatzes, schwarz: Oberfleck, orange: Holznägel, blau: Verbindungsnaht (Schema nach Goubitz 2001)

Man erkennt Absätze, Schuhsohlen und Oberleder. Auffällig ist auch eine Anzahl von Lederstreifen, die nach dem Umriss des Schuhs geformt sind. Dabei handelt es sich um Reste des Rahmens, der dem modernen Rahmenschuh der Frühen Neuzeit seinen Namen gab. Schaut man sich den formalen Aufbau des barocken Rahmenschuhs an, kann man die überlieferten Reste hier sehr gut wiedererkennen (Abb. 2).

Der barocke Schuh besitzt eine Anzahl typischer Merkmale. Eine Auffälligkeit ist z. B. die Symmetrie der Sohle. Hier setzte der barocke Schuh eine Tradition der Renaissance fort, wobei man nicht mehr zwischen linkem und rechtem Schuh unterschied. Die sogenannte Einballigkeit hielt sich in der Schuhherstellung noch erstaunlich lange und wurde erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert abgeschafft (Breyer 2015).

Eine barocke Erfindung ist dagegen der Absatz. Bei den Wittenberger Funden bestehen alle, außer einem hölzernen Absatz, aus übereinandergeschichteten Lederstücken. Der Absatz ist an der Sohle des Schuhs festgenäht. Unter den Absatz wird abschließend mit Holzstiften der sogenannte Oberfleck angenagelt (Abb. 3).

Abb. 4: Hoher Absatz mit Eisenstiften

Die Höhe der Absätze beträgt in der Regel 15–25 mm. Unter den Funden ist allerdings auch ein Absatz, der mit seiner Höhe von 43 mm alle anderen überragt. Damit der Absatz bei dieser Höhe auch genügend stabil ist, hat man ihn neben den Holznägeln mit zwei durchgehenden Eisenstiften armiert. Besonders gut sieht man diese im Röntgenbild (Abb. 4).

Abb. 5: Absatz mit roten Farbresten

Als besonderer Effekt konnte der Absatz und mit ihm die gesamte Sohlenkonstruktion auch farbig gefasst sein. Reste der Farbe sind überlieferungsbedingt nicht immer erhalten. An den Wittenberger Funden sind aber an einigen Objekten durchaus noch Bereiche mit roten Farbresten erkennbar (Abb. 5).

Der als Rahmen verwendete Lederstreifen des barocken Schuhs hat im Querschnitt des Schemas in Abb. 3 die geschwungene Form eines großen Schreibschrift-L. Er wird durch drei Nähte in dieser Stellung fixiert. Besonders typisch für die barocke Ausführung ist die unter der Brandsohle verlaufende Naht, mit der der Rahmen quasi mit sich selbst vernäht ist (s. Abb. 2). Oft findet man den Faden dieser Naht nur sehr unvollständig, sieht aber noch die Abdrücke auf Brandsohlenunter- und Laufsohlenoberseite (Abb. 6).

Abb. 6: Rahmennaht mit Fadenresten und Abdruck auf der Laufsohlenoberseite
Abb. 7: Verteilung der Schuhlängen, rot: abgeschätzte Schuhlängen, grün: plus 5 % (Schrumpfung)

Die über 200 Einzelteile des Wittenberger Schuhfundes ließen sich 26 Schuhen zuordnen. Der fragmentarische Erhaltungszustand der Schuhe und die ausgesprochene Fragilität des Materials erlauben nicht in jedem Fall eine eindeutige Zuordnung der Einzelteile zu entsprechenden Schuhen. Trotz dieser Einschränkung und des schwer einzuschätzenden Schrumpfungsverhaltens kann man eine grobe Einschätzung der Schuhgrößenverteilung vornehmen (Abb. 7).

Demnach handelt es sich bei dem Wittenberger Fund vor allen um Kinderschuhe. Tendenziell sind kleinere Schuhe häufiger im Fundmaterial vertreten. Der kleinste Schuh hat eine Länge von 12,5 cm und der größte Schuh misst 23,7 cm (Abb. 8). Berücksichtigt man eine mögliche Schrumpfung von 5% ist man mit knapp 25 cm (etwa Schuhgröße 37 bis 38) durchaus schon im Erwachsenenbereich.

Abb. 8: Gegenüberstellung des kleinsten und des größten Schuhs des Wittenberger Fundes
Abb. 9: Rekonstruktionszeichnungen barocker Schuhe, oben ca. 1650, unten ca. 1725 (Goubitz et. al. 2001, S. 286, Fig. 19 und S. 291, Fig. 2)

Der barocke Schuh bleibt im 17. und 18. Jahrhundert recht einheitlich in Herstellungstechnik und formalem Aufbau. Kleinere Entwicklungen und Veränderungen hat es aber doch gegeben. Dies betrifft z. B. die Gestalt der Quartiere im Zusammenhang mit dem Schuhverschluss. Die Rekonstruktionszeichnungen von Olaf Goubitz veranschaulichen diese Veränderungen (Abb. 9).

Auf ein Detail soll an dieser Stelle besonders hingewiesen werden: Während Mitte des 17. Jahrhunderts der Schuh noch mit einem Schnürband verschlossen wurde, übernahm im weiteren Verlauf immer mehr die Schnalle diese Funktion. Entsprechend änderte sich auch die Gestalt der Spangenenden. Von den zu erwartenden 52 Spangenenden liegen im Wittenberger Fund leider nur 16 auswertbare vor. Davon sind 8 mit einfacher Lochung, 4 mit Längs- und Querschnitt zur Schnallenaufnahme und 4 sind dünner und länger zum Durchführen durch die Schnalle.

Abb. 10: Quartiere alter (links) und neuer (rechts) Machart, Foto und idealisiert ergänzte Umzeichnung

Auf Abbildung 10 sieht man links ein Quartier der älteren Tradition mit einfacher Lochung am Spangenende. Beim rechts abgebildeten Quartier befinden sich an dieser Stelle ein Quer- und ein Längsschlitz zur Aufnahme der Schnalle. Benutzt wurden kleine Einsteckschnallen. Man steckte den Befestigungsdorn durch den Querschlitz und fixierte ihn mit einer knopfartigen Verdickung im Längsschnitt.

Da sich in den Wittenberger Funden neben den älteren, einfach durchlochten Spangenenden auch schon solche mit Längs- und Querschlitz zur Schnallenaufnahme befinden, repräsentiert das Fundensemble gerade die Zeit des beginnenden Umbruchs (Abb. 11). Der Beginn dieser Entwicklung mit dem ersten Auftauchen von entsprechenden Schnallen wird 1660 datiert (Goubitz et. al. 2001, S. 289). Legt man diese Datierung zu Grunde kann man das Fundensemble aus Wittenberg um oder kurz nach 1660 datieren.

Das aus dem Abfallkomplex geborgene Material umfasst neben den Schuhfragmenten zahlreiche Ofenkacheln und viel Haushaltskeramik. Bei der Abtragung des Schuttkegelstumpfes konnte ganz deutlich beobachtet werden, dass das Material innerhalb sehr kurzer Zeit eingefüllt wurde. Es liegt nahe, gerade bei der Betrachtung der Abfälle, an eine Art „Haushaltsauflösung“ zu denken. Es kann von einer Familie ausgegangen werden, denen all diese Gegenstände ursprünglich gehörten. Die Quellen nennen aber vor allem Studenten, die in den Räumlichkeiten untergebracht waren. Es wird aber auch ein „minister publicus“ erwähnt, der mit seiner Familie im Hause wohnte. Er nutzte hier auch Räume des Obergeschosses. Hinter der Bezeichnung „minister publicus“ verbirgt sich vermutlich ganz einfach der Pedell des Hauses also jener der als organisatorische Hilfskraft, vielleicht als eine Art Hausmeister wirkte.


 

Abb. 11: Schnalle zum Einknöpfen an das Spangenende (Goubitz et. al. 2001, S. 291, Fig. 1)

Wir können davon ausgehen, dass die Fundstücke aus seinem Haushalt stammen und hier, vielleicht im Zusammenhang mit einem Umzug, zurückgelassen wurden. Nicht nur das Schuhwerk der Familie hatte sich durch die trockene Lagerung recht gut erhalten. In einem Henkeltopf fanden sich auch Reste von verschiedenen Pflanzen, unter anderem von Weintrauben, die sicher an der Tafel des Pedells verzehrt wurden (Hellmund 2015). Aber nicht nur Speisereste hatten sich erhalten, weitere Untersuchungen brachten auch die Schädlinge ans Licht, die der Familie sicher zusetzten und beispielsweise deren Kleidung beschädigten (Schmidt 2015). So eröffnet der Fund, der letztlich auf eine bequemliche Art der Müllentsorgung zurückgeht, schlaglichtartig einen seltenen Einblick in das Leben einer Familie aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

 

Literatur

Bellmann et. al. 1979

Fritz Bellmann, Marie Luise Harksen, Roland Werner, Peter Findeisen (Hrsg.): Die Denkmale der Lutherstadt Wittenberg (Die Denkmale im Bezirk Halle), Weimar 1979.

Breyer 2015

Nike U. Breyer, Form folgt Fuß - Georg Hermann von Meyer (1815-1892) und die Schuhreform, Volker Mosbrugger (Herausgeber), 2015

Goubitz et al. 2001

Olaf Goubitz, Carol van Driel-Murray, Willy Groenman van Waateringe, Stepping
through Time, Archaeological Footwear from Prehistoric Times until 1800, Zwolle, 2001.

Hellmund 2015

Monika Hellmund: Ein frühneuzeitlicher Henkeltopf mit Pflanzenresten aus dem Lutherhaus, Lutherstadt Wittenberg. In: Harald Meller (Hrsg.) Fokus. Wittenberg Die Stadt und ihr Lutherhaus. Multidisziplinäre Forschung unter und über Tage. Halle/Saale 2015, S. 333-337.

Schmidt 2015

Edith Schmidt: Käferreste aus einem frühneuzeitlichen Henkeltopf aus dem Lutherhaus, Lutherstadt Wittenberg. In: Harald Meller (Hrsg.) Fokus. Wittenberg Die Stadt und ihr Lutherhaus. Multidisziplinäre Forschung unter und über Tage. Halle/Saale 2015, S.339-353.

 

Abbildungsnachweise:

Abb.: 1–2, 4–8, 10 Heiko Breuer

Abb.: 3 nach Goubitz et. al. 2001

Abb.: 9–11 Goubitz et al 2001

 

Autoren: Heiko Breuer & Holger Rode

Internet: Maria Albrecht