Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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August: Nachrichten aus Kaisers Zeiten – Die Zeitkapsel vom Weißenfelser Marktplatz

Abb. 1: Panoramaaufnahme des Marktplatzes von Weißenfels. Am unteren Bildrand ist die Befundsituation des Fundamentes während der Freilegung zu erkennen. Madeleine Fröhlich, LDA.

Durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt werden seit März 2017 die Bauarbeiten auf dem Marktplatz in Weißenfels begleitet. Bislang konnten Befunde und Funde aus mehr als 500 Jahren Stadtgeschichte dokumentiert werden. Darunter zeugen nicht nur Hinterlassenschaften der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Stadtgeschichte von der wechselvollen Historie des Platzes. Auch neueste Bodeneingriffe, von denen zum Teil noch Zeitzeugen berichten können, wurden im Zuge der Baumaßnahme untersucht und wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Abb. 2: Fundament mit Grundstein während der Freilegung. Im Hintergrund ist die Marienkirche am Marktplatz zu sehen. Gegenüber von ihr, war das Denkmal am 18. August 1900 eingeweiht worden. Madeleine Fröhlich, LDA.
Abb. 3: Standort des Kaiser-Wilhelm-Denkmals auf dem Weißenfelser Marktplatz. Der gelbe Stern markiert die überlieferte des Grundsteins. Der im Fundament (rot) dunkler markierte Bereich zeigt die tatsächliche Lage des Fundes. Kartendaten: Google, GeoBasis-DE/BKG, Bildaufnahmedatum 08/02/2015. Planerstellung: Madeleine Fröhlich, LDA

So wurde das massive Fundament des ehemaligen Kaiser-Wilhelm I.-Reiterdenkmals auf dem Markplatz von Weißenfels während der Erdarbeiten freigelegt (Abb. 1). Es befand sich ursprünglich relativ zentral auf dem Markt zwischen Marienkirche und dem ehemaligen Café Centra. Im Fundament war der am 22. März 1897 gelegte Grundstein erhalten, welcher mit einer massiven Sandsteinplatte abgedeckt und in einem Ziegelmauerwerk gebettet war (Abb. 2). In der Sandsteinkammer unter der Deckplatte konnte die Zeitkapsel aus dem Jahr der Grundsteinlegung geborgen werden.

Bei der Zeitkapsel (Abb. 4) handelt es sich um eine Schatulle aus Metall. Aus welchen Material genau, konnte bisher noch nicht festgestellt werden. Im ungeöffneten, unbehandelten Fundzustand betrug ihr Gewicht 10,3 kg. Mit den Maßen von 36,5 cm x 26,5 cm x 11,3 cm entspricht ihre Größe grob heutigen Schuhkartons.

Geht man von vergleichbaren Objekten aus – das Einbringen von Zeitkapseln beim Errichten von Gebäuden oder Denkmalen ist bis heute üblich –, so war zu erwarten, dass sich in der Zeitkapsel vor allem Dokumente aus Papier befinden müssten. Um eine möglichst angemessene Konservierung und Restaurierung der Zeitkapsel und ihres Inhalts zu gewährleisten, sollte trotzdem noch vor der Öffnung geklärt werden, was der Inhalt sein könnte. Dies wurde mithilfe einer Röntgenuntersuchung unternommen. Sie erfolgte mit einem digitalen Bildverstärker mit einem Bildfeld von ca. 7 cm x 10 cm. Daher sind nur Teilaufnahmen möglich, die mosaikartig zusammengesetzt werden müssen. Die Röntgenuntersuchung über die Längsseite war in Bezug auf den Inhalt besonders aussagekräftig (Abb. 5). Man sah neben Ornamentbändern und Zierfriesen zwei kleine Stapel, die im Inneren der Schatulle liegen. Ein Stapel hatte einen unregelmäßigen Rand, einer war von glatten Linien begrenzt. Beide Stapel waren mit etwas abgedeckt.

Abb. 4: Zeitkapsel im Fundzustand. Andrea Hörentrup, LDA.
Abb. 5: Röntgenaufnahme über die Längsseite. Heiko Breuer, LDA.

Aufgrund der hohen Dichte der Metallschatulle war es schwer, Details gut zu erkennen – vor allem am Rand. Es war jedoch eindeutig, dass sich in den Randbereichen des Schatullenbodens kein relevanter Inhalt. Dies war ein wichtiger Aspekt. Denn die Zeitkapsel verfügte über keinen Deckel mit Scharnieren oder ähnlichem, anstelle dessen war der Deckel fest mit der restlichen Schatulle verlötet. Somit konnte und sollte die Öffnung der Schatulle über ein Auftrennen des Randbereichs am Boden erfolgen. Dies erfolgte mit einem Mikromotor und einer Diamanttrennscheibe (Abb. 6).

Nach der Abnahme des Bodenblechs zeigte sich, dass der Inhalt der Zeitkapsel völlig durchnässt war. Darüber hinaus war zu sehen, dass es sich tatsächlich um Dokumente handelte. Die direkt aufliegende unterste Lage blieb teilweise am Boden haften. So waren in kleinen Bereichen schon die ersten gedruckten Worte zu sehen (Abb. 7).

Abb. 6: Öffnung der Zeitkapsel. Sylvia Claus, LDA.
Abb. 7: Unterste Lage des Dokumentenpakets nach der Bodenabnahme. Heiko Breuer, LDA.
Abb. 8: Blick über die geöffnete Längsseite in die Zeitkapsel. Heiko Breuer, LDA.
Abb. 9: Herausnahme des Inhalts der Zeitkapsel. Julia Kruse, LDA.

Die Dokumente befanden sich in einem schlechten Erhaltungszustand. Sie waren stark abgebaut und instabil. Eine einfache Entnahme war nicht möglich. Damit der Inhalt von zwei Seiten zugänglich war, wurde auch eine Längsseite der Zeitkapsel aufgeschnitten (Abb. 8).

Unter dem Dokumentenpaket lag eine dicke Schicht Holzwolle. Mit ihr wurde der Hohlraum zwischen Inhalt und Deckel ausgestopft. Diese Schicht wurde nun genutzt, um mit einem gabelartigen Gerät dort einzustechen und den gesamten Inhalt aus der Zeitkapsel zu heben (Abb. 9).

Der herausgenommene Inhalt konnte nun einer schonenden Gefriertrocknung zugeführt werden. Nach der Trocknung war es ohne größere Probleme möglich, die Bestandteile voneinander trennen. Im Einzelnen handelte es sich beim den Dokumenten der Zeitkapsel um:

1. Bericht des Magistrats zu Weißenfels für das Jahr 1895/96 (Abb. 10).

2. Etat der Stadt-Haupt-Kasse zu Weißenfels für das Jahr 1896/97 (Abb. 11).

3. Adress- und Geschäftshandbuch der Stadt Weißenfels a. S. 1896/97 (Abb. 12).

4. Ein Stapel Fotos (deren Bildschicht allerdings weitgehend zerstört ist) in einem Umschlag mit der Aufschrift "Inliegend Mark" (Abb. 13).

5. Eine Ausgabe der Zeitung „Weißenfelser Kreisblatt“ vom Mittwoch, den 17. März 1897 (Abb. 14).

6. Eine Ausgabe der „Mitteldeutschen Zeitung – Weißenfelser Geschäftsanzeiger“ vom Donnerstag, den 18. März 1897 (Abb. 15).

Abb. 10: Bericht des Magistrats zu Weißenfels für das Jahr 1895/96. Heiko Breuer, LDA.
Abb. 11: Etat der Stadt-Haupt-Kasse zu Weißenfels für das Jahr 1896/97. Heiko Breuer, LDA.
Abb. 12: Adress- und Geschäftshandbuch der Stadt Weißenfels a. S. 1896/97. Heiko Breuer, LDA.
Abb. 13: Mehrere Fotos mit zerstörter Bildschicht. Heiko Breuer, LDA.
Abb. 14: Eine Ausgabe des „Weißenfelser Kreisblatts“ vom Mittwoch, den 17. März. Heiko Breuer, LDA.
Abb. 15: Eine Ausgabe der „Mitteldeutschen Zeitung – Weißenfelser Geschäftsanzeiger“ vom Donnerstag, den 18. März. Heiko Breuer, LDA.

Die entnommenen Dokumente sind nach dem Trocknen weitgehend stabil. Gegenüber mechanischen Beanspruchungen sind sie allerdings sehr empfindlich, so dass man sie nicht durchblättern kann.

Derzeit wird die Zeitkapsel mitsamt ihrem Inhalt unter den nötigen konservatorischen Bedingungen im Landesmuseum für Vorgeschichte aufbewahrt. Mittel- bis langfristig ist ihre Präsentation in der Stadt Weißenfels geplant. Der fragile Zustand erfordert entsprechende technische Voraussetzungen und Möglichkeiten.

 

 

Autoren: Heiko Breuer, Madeleine Fröhlich

Internetredaktion: Georg Schafferer

 

Abbildungsnachweis:

 

Abb. 1–2: Madeleine Fröhlich, LDA.

Abb. 3: Planerstellung M. Fröhlich, LDA; Kartendaten: Google, GeoBasis-DE/BKG, Bildaufnahmedatum 08/02/2015.

Abb. 4: Andrea Hörentrup, LDA.

Abb. 5, 7–8, 10–15: Heiko Breuer, LDA.

Abb. 6: Sylvia Claus, LDA.

Abb. 9: Julia Kruse, LDA.