Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Februar: Alles in die Waagschale legen

So könnte der Name eines Buches lauten. Bei der baubegleitenden Untersuchung der grundhaften Erneuerung der ‚Neuen Straße‘ des 2. Bauabschnittes in Tangermünde (Altmarkkreis Stendal) wurde im Juli 2016 ein Fund gemacht, der zu diesem Titel passt (vgl. Abb. 1).

Gegen Ende der Grabungskampagne wurde bei Straßenbaumaßnahmen durch die Baufirma der Rest eines Feldsteinfundamentes mit aufgehendem klosterformatigem Backsteinmauerwerk angeschnitten (vgl. Abb. 2). Dieses Fundament gehört zu einer bislang unbekannten Bebauung. Auf Grund der Backsteinformate dürfte es sich um Reste einer Bebauung aus dem 12./13. Jahrhundert handeln. Das Bauwerk wurde zum Teil bei der Neuerrichtung des Hauses Neue Straße 26 und der Anlage der ‚Neuen Straße‘ im 17. Jahrhundert stark beschädigt.

Abb. 1: Übersichtskarte Tangermünde.
Abb. 2: Planum 4, Feldsteinfundament mit aufgehendem Backsteinmauerwerk.

Beim Putzen des Feldsteinfundamentes fielen diverse Schichten im Innenteil des Gebäuderestes auf. Es handelt sich um eine lose Brandlehmschicht, die auf einer  Brandschicht aufgelagert wurde. Diese wiederum lag auf einer Stampflehmschicht auf, die vermutlich der Fußboden des Hauses war.

Abb. 3: Ausschnitt aus der Planumszeichnung 34 im Maßstab 1 : 20 mit dem Befund 312 (1).

Beim Freilegen der Fußbodenschicht wurde eine grünlich schimmernde Scheibe von ca. 18 cm Durchmesser und einer Stärke von 2 mm entdeckt (vgl. Abb. 3). Im NW-Profil konnten kleinere Stücke eines ca. 8 mm starken, ebenfalls grünlich schimmernden Drahtes bzw. Stabes gesichert werden. Auf Grund der relativ starken Patina und den Erdanhaftungen war es bei der Freilegung und dem späteren Bergen der Funde nicht möglich, festzustellen, um welche Art von Fundstücken es sich handelt. Die Fundstücke erhielten eine gesonderte Befundnummer (312) und die Unterteilung der Fundnummern in  1 (Scheibe) und 2 (Stabfragmente).

Abb. 4: Gleicharmige Klappwaage in ihren Bestandteilen Keil nach STEUER 1997, 20.

Nach der Sicherung wurden die Fundstücke umgehend in das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt nach Halle (Restaurierungswerkstatt) verbracht.

In der Restaurierungswerkstatt konnte durch das Zusammensetzen der Einzelteile und einige Untersuchungen die Funktion des vorliegenden Fundstückes geklärt werden. Die Kupferstäbe bilden nach der Restaurierung einen Klappwaagemechanismus (vgl. Abb. 4), bestehend aus dem Balken mit Mittelstück und dem Zeiger mit der Gabel. Fünf Kupferstabfragmente aus Fundnummer 2 können zu dem Balken und dem Mittelstück zusammengesetzt werden. Diverse Fragmente aus der Brandschicht können zu dem Zeiger und Teilen der Gabel zusammengesetzt werden. Die Klappwaage ist in zusammengeklapptem Zustand korrodiert (vgl. Abb. 5).

Durch die Freilegung der originalen Oberfläche kommen die angebrachten Verzierungen auf den Balken wieder zum Vorschein. Das Mittelstück und die unteren Enden der Balkenarme sind mit einer Reihe von Punktkreisen versehen. Die Balkenarme haben außerdem je am oberen und unteren Ende würfelförmige Knöpfe mit Kreisaugenpunzen und Einkerbungen (vgl. Abb. 6).

Abb. 5: Zusammengesetzte Stabfragmente die Balken einer Klappwaage werden erkennbar.
Abb. 6: Freigelegte Oberfläche: Klappwaage mit Mittelstück und Balken; verziert mit Kreisaugenpunzen und mit würfelförmigen Knöpfen mit Kreisaugen und Einkerbungen.
Abb. 7: Einlieferungszustand Scheibe Vorderseite.

Als Ergebnis kann durch die Untersuchungen und die Freilegung festgestellt werden, dass es sich bei den Stabfragmenten um eine mittelalterliche Klappwaage des Typs 7, welche zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert in der der Gewichtsgeldwirtschaft gebräuchlich waren, handelt. Eine Klappwaage ist eine gleicharmige Waage, welche durch zwei Scharniere im Waagebalken zusammenklappt werden kann. So kann sie in die ineinandergesetzten Schalen gelegt und in einem Beutel transportiert werden.

Bei der Buntmetallscheibe könnte es sich demnach um eine der Waagschalen handeln, obwohl sie flach und sehr groß ist (vgl. Abb. 7). Die Ränder der Scheibe sind zum Teil stark zerfallen, teils vollständig durchkorrodiert. Direkt auf der Scheibenoberfläche konnten organische Reste freigelegt werden. Es handelt sich um braune, stark vergangene Reste eines sehr dünnen, filzartigen Materials (vgl. Abb. 8). Dies könnten Reste eines Beutels sein, welche für den Transport der Klappwaagen verwendet wurden. Außerdem ist ein kleiner Teil der Oberfläche mit einem dicken Holzrest bedeckt.

Abb. 8: Detail: Filzartige Auflagerungen der Vorderseite. Sehr dünne Schollen mit faserigen Bruchkanten.
Abb. 9: Röntgenaufnahme (invertiert).

In der Mitte der Scheibe wird beim Freilegen ein Loch erkennbar. Für die Aufhängung der Waagschale müssen auch im Randbereich drei Löcher vorhanden sein. Eines ist im Röntgenbild erkennbar und wird von dem Holzrest der Vorderseite verdeckt (vgl. Abb. 9 unten Mitte). Es konnten insgesamt zwei Löcher im Randbereich freigelegt werden. Das dritte Loch muss in dem Bereich liegen, welcher fast vollständig durchkorrodiert ist.  

Im Sediment unter und in der Brandschicht auf der Scheibe wurden neben Holzkohleresten auch Reste von zum Teil verkohlten Speiseabfällen gefunden. Es konnten Eierschalen, Knochenreste, ein verkohlter Fischwirbel, einige Gräten und Nussschalen identifiziert werden.

Im Endzustand (vgl. Abb. 10) liegt eine verhältnismäßig große, flache Waagschale vor mit Löchern für die Aufhängung am Rand und einem Loch in der Mitte.  Die Waagenbalken sind verziert und zusammenklappbar. Die Schere für die Aufhängung ist nur fragmentarisch erhalten und das noch vorhandene Stück ist nach unten verbogen. Außerdem lag sie zwischen teils verkohlten Speiseabfällen. Diese Waage ist am Ende wohl nicht mehr funktionsfähig gewesen.

Abb. 10: Endzustand; Waage mit Untersuchungsunterlagen.

Die zweite Waagschale war leider in dem zu untersuchenden Bereich nicht zu finden. Da eine weiterführende Untersuchung nicht in Frage kam (neuzeitliche Bebauung), mussten wir uns mit dem Fundmaterial begnügen.

Die durch die Restaurierung gewonnenen Erkenntnisse fügen wiederum ein kleines Puzzleteil zum Gesamtbild der Stadtgeschichte von Tangermünde hinzu.

Die Bebauung der Altstadt im nordwestlichen Teil der Kaiser- und Hansestadt Tangermünde im 12. und 13. Jahrhundert war eine ganz andere, als es das heutige Stadtbild erkennen lässt. Es dominierten einzelne Hofstellen, die später durch die Errichtung der Stadtmauer geschützt wurden. Garten- und Weideland befand sich anfangs ebenfalls im Stadtgebiet. Mit dem politischen und wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt im 13. und 14. Jahrhundert sollte sich die Bebauung und somit das ganze Stadtbild wesentlich ändern.

Auch der Zahlungsverkehr wurde zunehmend durch die Händler und Kaufleute bestimmt. Die Identität des Bewohners des Hauses, dessen Fundamentreste wir gefunden haben, bleibt unbekannt. Auf Grund der oben beschrieben Fundstücke lassen sich Rückschlüsse darauf ziehen, dass es sich um einen Kaufmann oder Händler gehandelt haben könnte, also vermutlich eher um einen wohlhabenden Bürger der Stadt Tangermünde, der in einem massiven Steinhaus wohnte. Dies bestätigt uns auch der ‚Einblick in den Speiseplan‘ der ehemaligen Bewohner.

 

Autoren: Torsten Müller, Dipl. Rest. (FH) Vera Keil
Fotos und Zeichnungen: Torsten Müller, Vera Keil, Sofia Streißenberger
Redaktion und Internet: Julia Kruse

 

Literatur:

BRÜCKNER, Sigrid
Stadtgeschichte Tangermünde, Stadtarchiv Tangermünde, Sigrid Brückner
Tangermünde 1000 Jahre Geschichte

SCHWINEKÖPER, Dr. Berent
Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Provinz Sachsen-Anhalt, Seite 458 - 460

STADTMUSEUM TANGERMÜNDE
Model der Stadt Tangermünde um 1635

STEUER 2013:
H. Steuer, Von der Punktkartierung zur flächendeckenden Schraffur Archäologischer Fundtypen - Gezeigt am Beispiel von Waagen und Gewichten des 9. bis 13. Jahrhunderts. In: ZAM Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Jahrgang 41, 2013, Seiten 209–240 (Bonn 2013)

STEUER 1997:
H. Steuer, Waagen und Gewichte aus dem mittelalterlichen Schleswig. Funde des 11. bis 13. Jahrhunderts aus Europa als Quellen zur Handels- und Währungsgeschichte (Köln 1997)

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 1–2: Torsten Müller
Abb. 3: Sofia Streißenberger
Abb. 4: V. Keil nach STEUER 1997, 20
Abb. 5–8: Vera Keil
Abb. 9: Heiko Breuer/Vera Keil
Abb. 10: Vera Keil