Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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November: Hirschgeweih – ein gefragter Rohstoff

Ausgrabungen am spätbronzezeitlichen (1.300 bis 750 v. Chr.) Siedlungsplatz Meilendorf-Repau, Stadt Südliches Anhalt (Lkr. Anhalt-Bitterfeld) wurden im Herbst 2014 notwendig. Im Vorfeld einer neu zu errichtenden, fast 50 Kilometer langen Versorgungsleitung (Katharina-JAGAL) wurden 58 Fundstellen untersucht (Abb. 1). Einige waren bereits seit längerer Zeit bekannt, andere wurden erstmals im Zuge erster archäologischer Untersuchungen im Frühjahr 2013 aufgedeckt. Bereits 2015 wurden am Fundplatz Meilendorf-Repau weitere Arbeiten notwendig – hier sollte schon bald der nächste Abschnitt der neuen Bundesstraße B 6n (jetzt B 6) entstehen, die vom Harz im Westen bis an die Bundesautobahn A 9 im Osten führt. Ein weiteres Jahr später erforderte die Umverlegung einer bestehenden Gasleitung (FGL 203, betrieben durch die Fa. ONTRAS Gastransport GmbH) nochmals Bodeneingriffe, die gleichfalls archäologisch begleitet wurden.

Abb. 1: Der Fundplatz Meilendorf-Repau (rot markiert) befindet sich am Kreuzungspunkt zweier Trassen - der B 6 (schwarz markiert) und der Gasleitung Katharina-JAGAL (orange markiert). Grafik: S. Parnet, LDA.

Insgesamt wurden mehr als 3 Hektar des Fundplatzes Meilendorf-Repau untersucht. Auf der Fläche zeichneten sich weit über 3.000 Befunde ab. Es handelt sich um eine Siedlung der frühjungsteinzeitlichen Linienbandkeramikkultur (5.500 bis 4.800 v. Chr.) mit starker Überprägung durch die spätbronzezeitliche Saalemündungsgruppe. Erfasst wurden insbesondere Hausgrundrisse, welche sich durch Pfostengruben abzeichnen, und Siedlungsgruben. Dabei fanden sich in einigen Abfallgruben der metallzeitlichen Besiedlungsphase verschiedene, vom Rothirsch stammende Geweihfragmente mit Bearbeitungsspuren (Abb. 2).

Abb. 2: Meilendorf-Repau. Mit den Funden von schädelechten Hirschgeweihfragmenten lassen sich einige Arbeitsschritte zur Herstellung von Geweihäxten rekonstruieren. Hiebspuren deuten auf das gezielte Abtrennen des Stirnbeins und der Nebensprosse hin. Foto: K. Bentele, LDA.

Spuren von Beilschlägen sind auf einer Geweihstange (Abb. 3) zwischen der Rose und dem Schädel am Rosenstock zu sehen. Bei diesem Geweih wurde außerdem die Augensprosse mit mindestens sieben Hieben eingeschlagen und nach unten Richtung Stirnbein weggebrochen. Ein Stirnbeinfragment mit rechter Geweihstange weist ebenfalls deutliche Schlagspuren auf (Abb. 4), offenbar sollte die Geweihstange vom Schädel getrennt werden. Als Arbeitsgerät kommt hierfür ein Meißel oder ein kleines Beil in Frage. Über der Rose sind an allen Sprossen – und besonders in Höhe der Eissprosse – kräftige Beil- oder Axthiebspuren zu erkennen. Wahrscheinlich sollte hieraus ein Gerät hergestellt werden, vielleicht ein Geweihbeil oder ein Geweihhammer, wie er aus der gleichen Grube bekannt ist.

Abb. 3: Meilendorf-Repau. Dieses untere Geweihstangenfragment ist noch mit dem Stirnbein verbunden, es stammt demnach nicht von einer Abwurfstange, sondern von einem getöteten oder tot aufgefundenen Hirsch. Am Rosenstock sind deutliche Ritzspuren eines Werkzeugs erkennbar (gelber Pfeil). Weitere Hiebspuren an der Augsprosse zeigen, dass diese abgeschlagen wurde. Foto: K. Bentele, LDA.
Abb. 4: Meilendorf-Repau. Die Geweihstange stammt aus einer spätbronzezeitlichen Grube. Es handelt sich um die rechte Geweihstange mit dem kräftigen Stirnbeinfragment. Auch hier sind Bearbeitungsspuren zu sehen (gelbe Pfeile). Dadurch wirkt der Rosenstock wie ein vom Biber fast durchgenagter Stamm. Foto: K. Bentele, LDA.

Besagter Geweihhammer (Abb. 5) zeigt deutliche Abnutzungsspuren am Nacken. Der Bereich des Schaftloches ist ein wenig ausgebrochen und wirkt überschliffen. Das durchlochte Gerät stammt von der Abwurfstange eines Rothirsches. Vergleichbare Geweihäxte wurden in Neuhaldensleben-„Kibitzberg“ (Stoffner 2012, 105) sowie sogar in verzierter Form in Haldensleben-Beberdüker (Schrickel 2012, 101) gefunden. Die Geweihaxt datiert durch die Keramikfunde in der Grube in die Spätbronzezeit – und ist der Saalemündungsgruppe zuzuschreiben (Abb. 6).

Abb. 5: Meilendorf-Repau. Der Geweihhammer zeigt praktisch flächendeckend deutliche Abnutzungsspuren. Er wurde aus der Geweihrose eines Rothirsches gefertigt. Foto: K. Bentele, LDA.
Abb. 6: Meilendorf-Repau. Die Keramik aus einer Siedlungsgrube zeigt typische Verzierungsmerkmale der Spätbronzezeit. Das abgebildete Gefäß mit horizontalen Riefen auf dem Hals und drei Punkteindrücken darüber und darunter ist der Saalemündungsgruppe zuzuordnen. Foto: K. Bentele, LDA.

Geweihe vom Rothirsch waren nicht nur in ur- und frühgeschichtlichen Zeiten stets verfügbar, sie sind es nach wie vor. Als Rohstoff zur Herstellung verschiedener Geräte und Schmuck ist Geweih bis heute begehrt. Der Rothirsch ist seit dem Rückgang der letzten Vereisung auch in Mitteleuropa wieder weit verbreitet. Für das nördlich angrenzende Bundesland Mecklenburg-Vorpommern ist anhand subfossiler Funde vom späten Präboreal (9.200 bis 8.690 v. Chr.) bis zum Mittelalter seine nahezu flächendeckende Verbreitung belegt (Benecke 2000). Dies gilt auch für Sachsen-Anhalt, wie Skelettreste vom Rothirsch aus linienbandkeramischen bis mittelalterlichen Fundzusammenhängen zeigen. Ursprünglich nicht unbedingt an Wald gebunden, bewohnte er anfangs auch offene Lebensräume der vom Menschen kaum in Anspruch genommenen Naturlandschaft. Erst mit der zunehmenden Siedlungstätigkeit des Menschen wurde er mehr und mehr in den Wald zurückgedrängt, zumal er regelmäßig bejagt wurde.

Autoren: Thomas Lukas und Hans-Jürgen Döhle
Internetredaktion: Georg Schafferer

 

Literatur

Benecke 2000
N. Benecke, Die jungpleistozäne und holozäne Tierwelt Mecklenburg-Vorpommerns. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 23 (Weissbach 2000).

Stoffner 2012
S. Stoffner, Geweihäxte der Siedlung am „Kibitzberg“. In: S. Friederich u. a., Haldensleben – VOR seiner ZEIT. Archäologische Ausgrabungen 2008–2012. Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 17 (Halle [Saale] 2012) 105–106.

Schrickel 2012
M. Schrickel, Waffe oder Statussymbol? Verzierte Geweihäxte. In: S. Friederich u. a., Haldensleben – VOR seiner ZEIT. Archäologische Ausgrabungen 2008–2012. Archäologie in Sachsen-Anhalt, Sonderband 17 (Halle [Saale] 2012) 101–104.