Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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April: aDNA aus Harzer Fossilfunden ermöglicht sensationellen Durchbruch in der Paläogenetik

Abb. 1: Die aDNA-Proben des Harzer Skelettfundes wurden sorgfältig sequenziert und kloniert, hier ein Blick in das zuständige Labor. © Pixabay, Foto: FotoshopTofs.

In den letzten Jahren hat das noch relativ junge Forschungsfeld der Paläogenetik rasante Fortschritte gemacht. Die Analyse sogenannter aDNA (von englisch: ancient DNA, deutsch: »alte DNA«) aus toten Organismen erlaubt mittlerweile nicht nur die grobe Bestimmung von Tierarten, auch Aussagen zu individuellen Merkmalen und Verwandtschaftsverhältnissen (zum Beispiel bei den schnurkeramischen Bestattungen aus Eulau) sind möglich. Sowohl Archäologie als auch Paläozoologie profitieren daher immer häufiger von den auf diese Weise gewonnenen, neuen Erkenntnissen. Für die Wissenschaft eröffnen sich damit bis dahin ungeahnte Möglichkeiten.

Nun sorgt in diesem Zusammenhang auch ein interdisziplinäres Forschungsprojekt aus Sachsen-Anhalt für internationale Aufmerksamkeit. Einem Team aus Paläogenetikern, Paläozoologen und auf Nachzucht spezialisierten Veterinären ist es erstmals gelungen, mithilfe von aDNA aus Fossilfunden eine bislang ausgestorbene Tierart zu reproduzieren (Abb. 1).

Das Forschungsteam um Dr. Achim Zorn entnahm für dieses Projekt Ende 2016 mehrere DNA-Proben (Fuchs Alameda 2017) aus einem besonders gut erhaltenen, historischen Skelettfund vom Seweckenberg bei Quedlinburg (siehe dazu Sachse 1676 sowie Goeze 1786), der zum Sammlungsbestand des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Saale) gehört. Das Skelett vom Seweckenberg erlangte schon kurz nach seiner Entdeckung im Jahre 1663 große Bekanntheit und stand seitdem immer wieder im Fokus wissenschaftlicher Betrachtungen. Auch Gottfried Wilhelm Leibniz war sich der herausragenden Bedeutung dieses Skelettfundes bewusst und beschrieb ihn ausführlich in seinem Werk »Protogaea« (Leibniz 1749).

Abb. 2: Das Außengelände der Harzer Forschungsstation bildet den natürlichen Lebensraum von Monoceros mendaciloquus möglichst naturgetreu nach. Eine besondere Herausforderung stellt dabei die dauerhafte Bereitstellung von Regenbögen dar. © Pixabay, Foto: sharonjoy17.

Bei den beprobten Knochen handelt es sich um Überreste von Monoceros mendaciloquus, einem überaus seltenen pleistozänen Paarhufer, dessen letzte Nachfahren im ausgehenden Mittelalter – ähnlich wie der Auerochse – exzessiver Jagd zum Opfer fielen. Wie auch heutigen Nashörnern wurde Monoceros mendaciloquus vor allem seines Horns wegen nachgestellt, dem man heilende Wirkung zusprach.

Gerade das derartig begehrte Horn des Tieres erbrachte sequenzierbare DNA, die in der Folge für das Nachzüchtungsprojekt kloniert und verwendet werden konnte. Als Leihmutter diente eine Camargue-Stute – eine Pferderasse, die ähnlich wie Monoceros an harsche Lebensbedingungen angepasst ist.

Das nachgezüchtete Tier, das vom Forschungsteam liebevoll als »edler Ed« bezeichnet wird, lebt aktuell in einer Forschungsstation im Harz, in der die natürlichen Umweltbedingungen von Monoceros mit großem technischen Aufwand nachempfunden werden (Abb. 2).

Abb. 3: Dr. Achim Zorn, Leiter des Forschungsprojekts. © Pixabay, Foto: Pezibear.

Obwohl der World Wide Fund for Nature (WWF) mittlerweile schon ein Schutzprojekt für dieses seltene Tier ins Leben gerufen hat, sieht Dr. Zorn (Abb. 3) seinen Zuchterfolg aber durchaus auch kritisch: »Obwohl wir nun nachweisen konnten, dass es möglich ist, ausgestorbene Arten wieder ins Leben zurückzuholen, sollten wir uns dennoch fragen, ob es moralisch richtig ist. Immerhin hat jedes Tier seine spezifischen Bedürfnisse und man sollte keine Tierart dauerhaft zurückholen, deren Lebensraum nicht mehr existiert. Der edle Ed wird somit der Einzige seiner Art bleiben, denn seine natürliche Umwelt ist inzwischen beinahe komplett verschwunden: Seit dem Pleistozän hat der Anteil an Regenbögen deutlich abgenommen und auch das Vorkommen von Glitzer in freier Wildbahn ist bedenklich zurückgegangen.«

Ob demnächst noch weitere ausgestorbene Arten zurück ins Leben geholt werden, ist also fraglich.

Das für das Forschungsprojekt beprobte Originalskelett von Monoceros mendaciloquus können Sie übrigens noch bis zum 21. Mai 2018 in unserer Sonderausstellung »Klimagewalten – Treibende Kraft der Evolution« bestaunen (Abb. 4).

Abb. 4: Monoceros mendaciloquus in der aktuellen Sonderausstellung »Klimagewalten – Treibende Kraft der Evolution«. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Thomas Puttkammer.

Autorin: Juliane Weiß
Internetredaktion: Tomoko Emmerling, Georg Schafferer

 

Zitierte und weiterführende Literatur

J. Fuchs Alameda, Doktor Zorn und der edle Ed. In: S. Florean (Hrsg.), The U-Files: Die Einhorn Akten (Lübeck 2017) 9–28.

J. A. E. Goeze, Ueber das vermeynte bey Quedlinburg gefundne Einhorn (Quedlinburg 1786).

W. Hagenmaier, Das Einhorn: eine Spurensuche durch die Jahrtausende (München 2003).

C. Lavers, The natural history of unicorns (London 2009). 

G. W. Leibniz, Protogaea oder Abhandlung von der ersten Gestalt der Erde und den Spuren der Historie in Denkmalen der Natur (Leipzig 1749).

E.-O. Luthardt, Die Wiederkehr des Einhorns (Berlin 1988).

P. L. Sachse, Monocerologia, Seu De Genuinis Unicornibus Dissertatio (Racecurgi 1676).

J. W. von Müller, Das Einhorn vom geschichtlichen und naturwissenschaftlichen Standpunkte betrachtet (Stuttgart 1853).