Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Februar: Gesichtsschleier und Kinnbinde aus dem Grab des Magdeburger Erzbischofs Otto von Hessen (1327-1361)

Während der Forschungsgrabungen im Magdeburger Dom (2006-2009) stieß man neben weiteren spektakulären Funden auch auf die Gräber von zwei Erzbischöfen, die für die Wissenschaft von hohem Interesse sind. Beide wurden aus der Gruft des Domes geborgen und in das Landesmuseum in Halle überführt, um sie dort eingehend zu untersuchen.

Eine der Bestattungen wird dem Erzbischof Wichmann von Seeburg (†1192) zugeordnet. Das Grab dieses bedeutenden Kirchenfürsten enthielt prunkvolle Objekte, wie die goldbestickten und mit Edelsteinen und Flussperlen besetzten Schuhe oder die Mitra aus kostbaren goldenen Borten. Weniger prunkvoll, aber deshalb nicht weniger interessant, ist die andere erzbischöfliche Bestattung, diejenige von Erzbischof Otto von Hessen (1327-1361). Seit Anfang 2016 wird diese wissenschaftlich untersucht und konserviert.

 

 

Otto von Hessen

Otto von Hessen wurde 1304 als Sohn des gleichnamigen Landgrafen von Hessen geboren und ist direkter Nachfahre der Heiligen Elisabeth von Thüringen, deren Tochter das Haus Hessen begründete. 1327 ernannte Papst Johannes XXII. ihn zum Erzbischof von Magdeburg.
Die Magdeburger Schöppenchronik berichtet, dass nach einem Streit mit dem Domdekan Arnold über Otto das Interdikt verhängt wurde. Infolgedessen hätte ihm auch die Bestattung im Dom verwehrt bleiben sollen. Als Otto 1361 in Wolmirstedt starb, wurde er dennoch in der Magdeburger Bischofskirche begraben.

 

 

Bergung und erste Bearbeitungsschritte

Abb. 1: Magdeburger Dom, Grabplatte des Otto von Hessen am südöstlichen Vierungspfeiler. Nach: BRANDL/FORSTER 2011, Abb. 1400, S. 694.
Abb. 2: Erster Blick in die geöffnete Gruft. Die dicken Sedimentablagerungen bedecken einen Großteil der Textilien. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták

Die Gruft, in der Otto von Hessen beigesetzt wurde, befindet sich vor dem südöstlichen Vierungspfeiler, an dem bis heute auch seine Grabplatte aufgestellt ist (Abb. 1). Eine Kamerabefahrung lieferte 2009 erste Bilder aus dem Inneren der Gruft. Auf ihnen war ein Holzsarg ohne Deckel zu erkennen, dessen Inhalt aufgrund von dicken Sedimentablagerungen lediglich zu erahnen war. Dass sich zumindest Teile der textilen Grabausstattung erhalten haben mussten, ließ sich in einigen Bereichen jedoch an einem erkennbaren Faltenwurf vermuten (Abb. 2). Erste Freilegungsarbeiten noch vor der Bergung konnten diese Vermutung bestätigen.

Nach der Entscheidung, den Holzsarg als Ganzes zu bergen, dauerte es jedoch noch eine ganze Weile, bis die Untersuchung und Konservierung beginnen konnte. Unter einer Stickstoffatmosphäre, die den weiteren Abbau der organischen Materialien verhinderte, musste Otto von Hessen sechs Jahre ausharren. Als dann 2016 ein Restauratorenteam mit der Bearbeitung begann, war das weitere Abtragen der Sedimentablagerungen die erste konservatorische Maßnahme, um einen Überblick über den Erhaltungszustand der textilen Grabausstattung zu gewinnen. Da die Textilien äußerst fragil sind, musste das Freilegen hauptsächlich unter dem Mikroskop erfolgen. Das Ergebnis sollte diese langwierige Maßnahme jedoch rechtfertigen.

Denn unter dem Sediment konnte sich die textile Grabausstattung annähernd vollständig erhalten. Die Form der liturgischen Obergewänder aus kostbaren Seiden- und Halbseidenstoffen lässt sich gut erkennen, teilweise gelang es sogar, die Gewebemuster zu rekonstruieren. Auch die liturgische Bekleidung des Kopfes, der Hände und Füße ist derart gut erhalten, dass es gelingt, diese anhand von Vergleichsbeispielen näher einzuordnen.

Bei einem stark verformten und vollkommen verbräunten Gewebe auf dem Schädel war zunächst nicht klar, was es darstellt. Hier konnte erst die weitere konservatorische Bearbeitung klären, dass es sich um einen Gesichtsschleier handelt.

Bearbeitung des Gesichtsschleiers

Abb. 3: Das vom Schädel separierte, stark verformte Stoffknäuel. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Friederike Leibe
Abb. 4: Nach dem Ausbreiten misst der Gesichtsschleier 16 cm x 31 cm. Mit bloßem Auge sind weder das Muster noch die Goldfäden sichtbar. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Friederike Leibe
Abb. 5: Kartierung der Verarbeitungsmerkmale des Gesichtsschleiers (Geweberückseite zeigt nach oben). © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Friederike Leibe
Abb. 6: Rekonstruktionsversuch des Gewebemusters (Gewebevorderseite zeigt nach oben). Dass das Gewebe rot-gold gemustert war ist bislang eine Vermutung, denkbar wäre auch eine gelb-goldene oder weiß-goldene Farbgebung. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Friederike Leibe

Bereits während des Freilegens des Schädelbereichs wurde unter dem Mikroskop sichtbar, dass es sich bei dem darauf liegenden Stoffknäuel um ein komplexes gemustertes Gewebe mit Goldfäden handelt. Außerdem konnten technische Übereinstimmungen zu einem Gewebe festgestellt werden, welches als Band um den Schädel gelegt ist. Bei beiden handelt es sich um goldgemusterte Halbseidenstoffe, deren sichtbare Fadensysteme aus Seide und Goldfäden bestehen, die im Gewebe nicht sichtbaren Fäden hingegen aus weniger wertvollen Pflanzenfasern.

Um mehr über die Form und Funktion des Textils herauszufinden, sollte es zunächst vom Schädel abgehoben und anschließend durch Befeuchten behutsam aufgefaltet werden. Die während der Befeuchtung in die Fasern aufgenommenen Wassermoleküle wirken dort wie ein Weichmacher, so dass sich deren Elastizität erhöht. Da flüssiges Wasser zu aggressiv wäre und Schaden anrichten könnte, musste die Befeuchtung durch ein langsames Erhöhen der Luftfeuchtigkeit in einer geschlossenen Kammer erfolgen.

Auf diese Weise ist es gelungen, das Textil komplett aufzufalten. Es ist nun sichtbar, dass es sich um ein längsrechteckig zugeschnittenes Textil handelt, welches 31 x 16 cm misst (Abb. 3, 4). An allen vier Seiten finden sich umgeschlagene Säume, auf der Geweberückseite sogar Reste eines Futterstoffes aus Pflanzenfasern (Abb. 5).

Am geglätteten Gewebe konnten außerdem Teile des Musters rekonstruiert werden (Abb. 6). Erkennbar sind beispielsweise ein gezackter schräger Rahmen und eine vereinfachte Lilie. Anhand der Wiederholung der Lilie kann vermutet werden, dass das Muster mindestens 18 cm hoch ist.

 

 

Schlussfolgerungen und Vergleichsobjekte

Nicht nur die Fundsituation auf dem Schädel des Erzbischofs, sondern auch die Maße des Textils, die ausreichen um ein Gesicht damit abzudecken, sprechen für eine Deutung als Gesichtsschleier. Neben Resten eines Futterstoffes finden sich weitere organische Anhaftungen auf der Rückseite, wobei es sich um Hautreste handeln dürfte. Diese legen einen direkten Hautkontakt nahe. Der Schleier wurde für die Zeit des Aufbahrens über das Gesicht gelegt, während die Kinnbinde dazu diente, das Kinn zu fixieren.

Die technischen Merkmale des Gewebes, aus dem die beiden Textilien geschneidert wurden, legen dessen Entstehung im 13. Jahrhundert in Spanien oder Italien nahe. Der Stoff ist also deutlich vor dem Todeszeitpunkt entstanden. Das große Muster war weder auf dem Gesichtschleier noch auf der Kinnbinde vollständig zu sehen. Beides könnte darauf hindeuten, dass für den Gottesdienst unbrauchbar gewordene liturgische Textilien zu Kinnbinde und Gesichtsschleier umgearbeitet wurden.

Nicht häufig wurden Gesichtsschleier und noch seltener Kinnbinden in mittelalterlichen Grabfunden beschrieben. Dass Gesichtsschleier und Kinnbinde sogar aus dem gleichen Stoff als „Set“ hergestellt wurden, kann sicher als Besonderheit gelten. Auch dass beide soweit erhalten sind, dass Form und Größe sowie Teile des Gewebemusters nachvollzogen werden können, ist ebenso bemerkenswert, wie die Tatsache, dass die Objekte als Zweitverwendung umfunktioniert wurden. Für Hinweise zu Funden von Gesichtsschleiern und Kinnbinden gilt Dank an Markus Sanke!

Während einige der Fragen zum Gesichtsschleier und zur Kinnbinde geklärt werden konnten, bestehen noch offene Fragen zu den vielen weiteren Textilien im Grab des Otto von Hessen. Da die Erforschung der Bestattung derzeit noch fortgesetzt wird, ist künftig noch mit weiteren spannenden Erkenntnissen zu rechnen.

 

Autorin: Friederike Leibe
Internetredaktion: Tomoko Emmerling


Literatur

Heiko Brandl, Christian Forster, Der Dom zu Magdeburg, Bd. 2: Ausstattung, Beiträge zur Baudenkmalpflege in Sachsen-Anhalt, Harald Meller, Wolfgang Schenkluhn, Boje E. Hans Schmuhl (Hg.), Halle (Saale)/Regensburg 2011.

Karl Janicke, „Otto“, in: Allgemeine Deutsche Biographie (1887), Onlinefassung; http://www.deutsche-biographie.de/dnd 128868619.html (aufgerufen am 05.07.2016)

Martin Kluge, Otto von Hessen, Erzbischof von Magdeburg 1327-61, Halle/Saale 1911.

Markus Sanke, Die Gräber Geistlicher Eliten Europas von der Spätantike bis zur Neuzeit – Archäologische Studien zur Materiellen Reflexion von Jenseitsvorstellungen und ihrem Wandel. In: S. Brather, U. Müller und H. Steuer (Hg.), Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters, Beiheft 25, Bonn 2012.

Leonie von Wilckens, Die textilen Künste – von der Spätantike bis um 1500, München 1991.