Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Januar: Ein Mammut kommt selten allein

Abb. 1: Skelettelemente der beiden Mammute aus Pfännerhall in der Sonderausstellung „Klimagewalten – Treibende Kraft der Evolution“. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Andrea Hörentrup.

„Doppelt hält besser!“ – diesen Spruch kennt sicher jeder. Das Landesmuseum für Vorgeschichte legt da noch einen drauf und präsentiert seinen Besucherinnen und Besuchern das beliebte Mammut von Pfännerhall zurzeit sogar in dreifacher Ausführung.
Die Dauerausstellung und die aktuelle Sonderausstellung „Klimagewalten – Treibende Kraft der Evolution“ gehen hierfür Hand in Hand, um Ihnen gemeinsam neue Einblicke zum langjährigen Wahrzeichen unseres Museums zu vermitteln.

Die Sonderausstellung zeigt erstmals seit vielen Jahrzehnten die Originalknochen des Pfännerhaller Mammuts sowie seines jugendlichen Begleiters (Abb. 1). Außerdem erweckt sie die beiden Tiere mittels eindrucksvoller Dermoplastiken wieder zu neuem Leben. Zeitgleich hat in der Dauerausstellung die neue Skelettrekonstruktion des erwachsenen Mammuts seinen Platz eingenommen. Jetzt kann man das Mammut von Pfännerhall also endlich einmal von allen Seiten kennenlernen.

Das Original

Abb. 2: Der originale Schädel des erwachsenen Mammuts in der Restaurierungswerkstatt von Hartmut von Wieckowski. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták.

1953 wurden im Braunkohletagebau bei Braunsbedra im Geiseltal einige Knochen eines erwachsenen Mammuts entdeckt. Bei dem Tier handelt es sich um eine stammesgeschichtlich recht frühe Form des Mammuthus primigenius (Toepfer 1975, 243), dessen Alter man auf circa 220.000 Jahre vor heute festlegen konnte. Nur zwölf Meter entfernt traten auch Überreste eines Jungtieres zutage (siehe Toepfer 1957 und 1975; sowie Clasen 2001; Döhle 2004). Beide Skelette waren unvollständig. Das Becken, das gewöhnlich Auskunft über das Geschlecht eines Tieres erlaubt, fehlte in beiden Fällen. Daher erwies sich eine Geschlechtsbestimmung als schwierig. Angesichts der gemeinsamen Auffindung eines erwachsenen Exemplars und eines Jungtieres ging man lange Zeit davon aus, dass es sich um eine Mammutkuh und ihr Kalb handelte. Die Originalknochen wurden nun jedoch einer gründlichen Reinigung und Restaurierung durch den Restaurator Hartmut von Wieckowski unterzogen (Abb. 2), wobei auch die historischen Gipsergänzungen entfernt werden konnten. Dabei traten nicht nur zuvor unbekannte Hyänenfraßspuren an den Knochen zutage, die Skelettelemente konnten auch gründlich vermessen werden, sodass eine Neukalkulation der Körpermaße möglich war. Für das erwachsene Mammut ergab sich hierbei eine Schulterhöhe von circa drei Meter – ein Wert, der bereits außerhalb der normalen Schulterhöhe einer Mammutkuh, jedoch vollkommen innerhalb der normalen Werte eines Mammutbullen liegt.

Auch das Alter des erwachsenen Tieres wurde revidiert. Ging man zuvor noch von einem Alter von etwa 60 Jahren aus, erscheint nun ein Alter von circa 35–45 Jahren wahrscheinlicher. Das Jungtier, das ein Alter von circa zehn Jahren aufweist, ist auch schon längst kein Kalb mehr. Also haben wir es wohl doch nicht mit einer Mammutkuh und ihrem Jungen zu tun. Wir sehen uns hier wohl eher einer Konstellation gegenüber, die noch heute bei Elefanten zu beobachten ist: ein männliches Jungtier wird von seiner Herde ausgestoßen, sobald es ein bestimmtes Alter erreicht hat. Dennoch ist es zunächst nicht ganz allein unterwegs. Es schließt sich einem Altbullen an, der sonst als Einzelgänger lebt und nun dem Jungtier gegenüber für eine gewisse Zeit eine Art Mentorfunktion übernimmt.

Die Skelettrekonstruktion

Abb. 3: Die neuaufgestellte Skelettrekonstruktion des erwachsenen Mammuts in der Dauerausstellung. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Juliane Weiß.

Im Jahre 1955 präsentierte man erstmals eine Skelettaufstellung des erwachsenen Mammuts von Pfännerhall im Landesmuseum. Über die Jahrzehnte hinweg wurden verschiedene Rekonstruktionen aufgestellt, zuletzt Ende der 1990er Jahre. Im Oktober 2016 baute man die bisherige, allbekannte Skelettmontage ab. Alterserscheinungen am Material machten einen kompletten Neuaufbau notwendig, in dessen Zuge auch gleich kleinere anatomische Unstimmigkeiten korrigiert werden sollten. So wurden beispielsweise einige fehlende Knochen ergänzt und überzählige Halswirbel entfernt. Seit Mitte Dezember ist nun die neue Skelettrekonstruktion des erwachsenen Tieres in der Dauerausstellung zu sehen – an gleicher Stelle wie ihr Vorgänger, nun jedoch mit neuem Schwung (Abb. 3). Die Neuanfertigung der Rekonstruktion sowie die dynamischere Aufstellung wurden durch Matthias Krüger, Präparator am Phyletischen Museum der Friedrich-Schiller-Universität Jena, nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen umgesetzt.

Die Dermoplastik

Abb. 3: Ein Blick auf die Zentralinstallation in der Sonderausstellung „Klimagewalten – Treibende Kraft der Evolution“. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: Andrea Hörentrup.

Die aus der Restaurierung und Vermessung der Originalknochen gewonnenen Erkenntnisse bildeten schließlich die Grundlage für Mammut-Version Nummer 3 – unsere spektakuläre Zentralinstallation – die aktuell in der Sonderausstellung zu sehen ist (Abb. 3). Sie zeigt die Konfrontation beider Mammute mit drei Höhlenlöwinnen. Woran die Mammute wirklich gestorben sind, ist bis heute unklar. Es wird diskutiert, ob sie einer Hochwasserkatastrophe zum Opfer gefallen sein könnten, andere Geschehnisse sind jedoch ebenfalls denkbar. Ihr zeitgleiches Ableben könnte ebenso daraufhindeuten, dass sie Raubtieren zum Opfer gefallen sind. Fraßspuren von Hyänen zeigen, dass die Kadaver zumindest eine gewisse Zeit offen in der Landschaft gelegen haben müssen. Hyänen selbst wären allerdings nicht in der Lage gewesen, ein Mammut zu erlegen. Als potenzielle Angreifer kommen vor 220.000 Jahren eigentlich nur Höhlenlöwen infrage. Daher entschied sich das Landesmuseum bei der Gestaltung der Zentralinstallation für diese Darstellung, um den Besucherinnen und Besuchern ein mögliches Szenario vorzustellen.

Umgesetzt wurde die dramatische Szene durch den Präparatormeister Dieter Schön nach einem Entwurf von Karol Schauer. Um das Aussehen der Mammute möglichst naturgetreu wiederzugeben, wurde Moschusochsenfell für die Dermoplastik verwendet, da es in seinem Aufbau aus dichter Unterwolle und langen darüber liegenden Grannenhaaren der Fellstruktur des Mammuts am nächsten kommt.

Neben den Pfännerhaller Mammuten runden weitere Exponate, wie Haar- und Hautproben sibirischer Mammute, die in der Sonderausstellung zu sehen sind, unser „Rundum-Mammut-Paket“ für die Besucherinnen und Besucher ab.

Mehr Mammut geht nicht!


Text: Juliane Weiß
Internetredaktion: Georg Schafferer

 

Literatur

S. Clasen, Das Wahrzeichen einer Ausstellung: das Mammut von Pfännerhall. In: H. Meller (Hrsg.), Schönheit, Macht und Tod: 120 Funde aus 120 Jahren Landesmuseum für Vorgeschichte Halle. Begleitband zur Sonderausstellung vom 11. Dezember 2001 bis 28. April 2002 im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Halle 2001) 184–185.

H.-J. Döhle, Das Mammut von Pfännerhall. In: H. Meller (Hrsg.), Paläolithikum und Mesolithikum. Kataloge zur Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle 1 (Halle 2004) 103–107.

V. Toepfer, Die Mammutfunde von Pfännerhall im Geiseltal. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle 16 (Halle 1957).

V. Toepfer, Das Mammutskelett von Pfännerhall im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (Saale). Neue Museumskunde: Theorie und Praxis der Museumsarbeit 18/4, 1975, 242–243.