Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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ICOMOS-Tagung Wandmalerei

 Wandmalereien in Krypten, Grotten, Katakomben.
 Zur Konservierung gefasster Oberflächen in umweltgeschädigten  Räumen.

 

Eine internationale Tagung des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS in Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt und der Hochschule für Bildende Künste Dresden.

Quedlinburg, Palais Salfeldt vom 03.11.- 05.11.2011.


Flyer:
Den Flyer zur Tagung finden hier.

Programm:
Das detaillierte Tagungsprogramm können Sie hier als pdf herunterladen.

Tagungsteilnehmer im Konferenzsaal des Palais Salfeldt, Quedlinburg
Vortrag von Conservator Andrew Thorn (Sidney): "Preliminary evaluation of lithium silicate for consolidation and grouting of stone in wet locations"
Moderation der Sektion "Naturwissenschaftliche Voraussetzungn" durch Prof. Dr. Stefan Simon (Berlin)
Rege Diskussion zwischen Tagungsteilnehmern, Referenten und Organisatoren
Vortrag von Conservator Ridvan Isler (Izmir): "Preventive Measures for the Structural Preservation and Mural Painting Conservation of Seven Churches in Cappadocia - Turkey"
Publikum mit den Organisatoren der Tagung im Vordergrund
Exkursion mit den Tagungsteilnehmern in die Krypta der Stiftskirche Quedlinburg


Rückblick:
Die insbesondere mit großzügiger Unterstützung des BKM und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt ausgerichtete Tagung wurde einheitlich sowohl von den aktiven als auch von den zuhörenden Teilnehmern als großer Erfolg bewertet.

Ausgangspunkt und Anlass für die Ausrichtung der Tagung war die in den Jahren 2000-2006 erfolgte Konservierung der romanischen Wandmalereien in der Krypta der Quedlinburger Stiftskirche. Die hierbei in einem Kooperationsprojekt zwischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt und der Hochschule für Bildende Künste Dresden sowie mit Einbindung namhafter internationaler Fachleute erfolgreich angewandten Methoden der Kunststoffreduzierung und anschließenden Remineralisierung sind beispielgebend für die Behandlung von Wandmalereien mit Kunststoffüberzügen, einer Aufgabe, die sich für die nächsten Jahrzehnte als wohl weltweite Herausforderung darstellt.

Neben einer kunstgeschichtlichen Neubewertung des Malereizyklus konnte durch die Beschäftigung mit der Restaurierungsgeschichte der „Minimaleingriff“ - vor allem bei der Integration von Fehlstellen - als Leitmotiv der verschiedenen Bearbeiter herausgearbeitet und konzeptionell bei der aktuellen Maßnahme übernommen und fortgeführt werden.

Der Ausrichtungsort Quedlinburg bot zudem mit der Krypta der Wipertikirche ein zweites konkretes Anschauungsobjekt an, das im Rahmen des Exkursionsprogrammes besichtigt und diskutiert werden konnte. Die vor allem im 19. Jahrhundert nach langer Bauvernachlässigung erfolgte Umnutzung der Kirche in eine Scheune beförderte zunächst einen massiven Schadsalzeintrag, der sich im Nachgang einer puristischen und  neomittelalterlichen Instandsetzung zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts als Zeitbombe entpuppte:

Das Binnenklima des vor allem durch den offen belassenen Dachstuhl kaum isolierten Kirchenraumes folgte weit gehend dem Außenklima, während sich das der zum Kirchenschiff hin offenen Krypta zwischen kellerartigen, also klimastabilen, aber dauerfeuchten Bereichen und stark durch Kondensat gefährdeten „trockenen“ Übergangszonen bewegte. Die dort verstärkt auftretenden zyklischen Salzkristallisationen wie der damit einhergehende mikrobielle Befall setzten nicht nur den Architekturoberflächen aus Putz und Anhydritstuck zu, sondern zunehmend auch der mittelalterlichen Wandmalerei. Nach einer mit einem Klimamonitoring begleiteten temporären Schließung der Zugangsöffnungen und einer regulierten Wasserableitung konnte schließlich eine Klimastabilisierung durch einen baufesten Verschluss mit Glastüren erreicht werden.  Auch in diesem Fall wurde auf  indirekte und begleitende konservatorische Minimaleingriffe großen Wert gelegt.

Trotz des eher ungünstigen, da dezentralen Ausrichtungsortes und angesichts der Häufung mehrerer attraktiver Tagungen im zeitlichen wie räumlichen Umfeld dieser Veranstaltung, die wohl ein vergleichbares Publikum ansprachen, konnten die Ausrichter eine unerwartet hohe Beteiligung von ungefähr 200 Teilnehmern und Vortragenden registrieren.

Die Tagung war sowohl als Fortbildungsveranstaltung für in der Denkmalpflege Tätige wie als Lehrveranstaltung für Studierende aller relevanten Spezialisierungsrichtungen konzipiert. Die auffallend hohe Zahl von Studierenden aus dem In- und Ausland (!), ihre rege Beteiligung an der Diskussion und das Feedback bei der Geschäftsstelle des deutschen Nationalkomitees von ICOMOS zu einzelnen Beiträgen nach der Veranstaltung lässt hoffen, dass das Tagungsthema auch in zukünftigen Forschungsarbeiten aufgegriffen und vertieft werden wird.

Die breit angelegte und vorzeitige Bekanntmachung des Tagungsthemas im Internet und durch einschlägige Fachorgane ermöglichte die Beteiligung eines fachlich breit gefächerten Spezialistenpublikums, das die ihm reichlich gebotene Gelegenheit zur Diskussion zu nutzen wusste.

Das Tagungsprogramm konnte ohne Absagen und im vollen Umfang umgesetzt werden.

Das Tagungsthema zielte auf einen, trotz seiner Brisanz bisher kaum beachteten Sonderfall in der Konservierung, nämlich die äußerst komplexe Problematik erdberührter und dauerfeuchter Räume mit gestalteten Wandoberflächen. Diese Architekturfassungen sind in hohem Maße den wichtigsten und größten Schadensfaktoren, dem Wasser in seinen unterschiedlichen Aggregatszuständen und anthropogenen Einwirkungen (Industrieemissionen oder mit Düngemittel kontaminierter Feuchteeintrag) ausgesetzt. Folglich stellen sich besondere Herausforderungen an die hier zu verfolgenden invasiven wie präventiven Konservierungs- und Restaurierungsstrategien, aber auch an die Präsentation und touristischen Erschließung dieses kulturellen Erbes.

Die zahlreichen internationalen Fallbeispiele zeigten nicht nur die Vielfalt unterschiedlicher Konservierungsmethoden und die bei ihrer Umsetzung verfolgten Strategien auf, sondern sie verdeutlichten - wieder einmal -, dass das „Weniger“ oft ein „Mehr“ gerade bei geringen finanziellen Möglichkeiten und dem notwendigerweise daraus entstehenden Zwang zur Arbeits- und Materialökonomie, sein kann.

Als gelungen kann in diesem Zusammenhang auch die bewusst fächerübergreifende Themenstellung herausgestellt werden: die Schnittstellen von Archäologie und Baudenkmalpflege liegen zwar in diesem speziellen Aufgabengebiet auf der Hand, werden aber im Alltag noch zu selten als solche wahrgenommen und im Wissenstransfer genutzt. Es lag daher nahe im Rahmen der Tagung eine entsprechende Plattform für Archäologen, Baudenkmalpfleger, Restauratoren, Bauphysiker, Materialkundler und Mikrobiologen etc. anzubieten und somit zu einer weiter zu vertiefenden fachübergreifenden und anwendungsrelevanten Zusammenarbeit anzuregen.

Den Veranstaltern war es in diesem Zusammenhang auch angelegen, erstmalig anlässlich einer ICOMOS-Tagung ausschließlich Praktiker mit ausgewählten Fallbeispielen zu Wort kommen zu lassen. Zeitliche (von der Höhlenmalerei bis zur Nachkriegsmoderne), geographische (Europa, Asien, Australien) wie materialtechnische und arbeitsorganisatorische Themenstellungen wurden dabei berücksichtigt.

Dabei konnte den Erwartungen mit einem breiten Spektrum, das von kostengünstigen und pragmatischen Lösungen bis zu größeren Forschungs- und Konservierungsvorhaben reichte, entsprochen werden. Das Konzept, mehr Zeit als gemeinhin bei vergleichbaren Tagungen angeboten, für die Fachdiskussion anzubieten, ging hundertprozentig auf und wurde weidlich genutzt.

Als besonders der fortgesetzten Diskussion förderlich wurde allgemeinhin der Umstand herausgestellt und gelobt, dass nicht nur das Kaffeepausenangebot, sondern auch Mittag- und Abendessen am Tagungsort bereit gestellt werden konnten.

Damit setzte die Tagung nicht nur auf die besondere Dynamik, die die angewandte Wissenschaft in Verbindung mit Lehre und Forschung zu erbringen vermag, sondern auch auf gruppendynamische Kommunikationsprozesse, die sich nur unter solch günstigen Rahmenbedingungen entwickeln können.  

Exemplarisch seien hier einige der „bewegenden“ Themen benannt:

Die naturwissenschaftlich geprägten Einführungsreferate boten die Gelegenheit, gut zwanzig Jahre nach dem BMFT-Programm ein Resümee zu ziehen und die Ergebnisse einer erstaunlichen Professionalisierungs- und Spezialisierungsgeschichte in der Denkmalpflege wie in der Lehre herauszustellen, die den immer wieder an die Konservierungswissenschaften herangetragenen Standardisierungsforderungen differenziert und mit gesunder Kritik selbstbewusst entgegentritt.

Gerade die nachvollziehbare Forderung aus theoretischen Erkenntnissen wie praxisbezogenen Erhebungen endlich interdisziplinär breit abgewogene, aber sicher nicht alle Konservierungsaspekte gleichermaßen zufrieden stellende Entscheidungen für konkrete und längst überfällige Eingriffe, wie im Falle der Höhlen von Lascaux, abzuleiten, scheitert nicht nur in diesem speziellen Fall, offenbar gemeinhin weniger am fachlichen Dissens, sondern an der Angst der Entscheidungsträger vor der Entscheidung. 

Ein Grundsatzvortrag zum Einwirken des Klimas auf die Kristallisationsprozesse von Salzen leitete zum Appell über, bereits vorliegende, aber noch zu selten zugänglich gemachte wissenschaftlichen Erkenntnisse für die nachfolgende Generation zu dokumentieren, aufzubereiten und über Fortbildungsmaßnahmen zu verbreiten.

Hieran knüpften weitere Vortragende an, die gleichermaßen anschaulich wie nachdrücklich das intensive Studium der Bauwerke und ihrer Geschichte zusammen mit daran angepassten naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden (gekoppelt mit langfristig angelegten Monitoringkonzepten) als notwendige Voraussetzung für das umfängliche Verständnis von Schadensintensitäten und -verläufen einforderten.

Darauf aufbauend könnten dann minimalinvasive Maßnahmen, wie etwa eine gezielte und richtige und nachhaltige Anwendung von mineralischen Festigersystemen, erfolgen. Besondere Bedeutung kommt dabei der raumklimatischen wie materialorientierten Schadensdiagnostik zum besseren Verständnis von Belastungssituationen zu, die als unabdingbare Grundlage für die Erstellung differenzierter und angepasster Restaurierungskonzepten anzusehen ist.

Generell sollte hierbei die frühzeitige und baubegleitende Einbindung von Denkmalpflegern (!) und Restauratoren gewährleistet sein, um gezielt „ganzheitliche“ Fragen und Anforderungen an die Naturwissenschaften richten zu können. Im Falle der vorgestellten außereuropäischen Beispiele stellten sich als zusätzliche Parameter für die notwendigen Beteiligungsprozesse, besondere religiöse, geographische, sozio-ökonomische etc. Konfliktpotentiale ein.

Der Gebrauch neuester 3D-Technologien erweist sich zunehmend als gebrauchsfähiges Medium zur Bestands-, Zustands- und Maßnahmenbewertung wie zur Planung des Monitoring gerade von größeren Raumeinheiten.

Mehrere Fallbeispiele verdeutlichten anschaulich, dass sich die konservatorische Binsenweisheit, an erster Stelle die Vermeidung jeglichen Wassereintrages zu stellen, so einfach wie gleichzeitig unüberwindbar schwierig zu sein scheint.

So kann schon eine materialverträgliche und immer wieder reparierte wie gepflegte Abdeckung der Außenhaut einer Höhlenkirche in Kapadokien mit wenig personellen und finanziellen Aufwand Großes bewirken und die Stabilisierung des Raumklimas, etwa durch den bloßen Einbau von Türen und dem geschickten Lenken von Besucherströmen in Herkulaneum wie in der Ruinengrotte von Schloss Hellbrunn oder auch in S. Maria Antiqua in Rom, zu einer deutlichen Verbesserung führen.

Als längst überwunden geglaubte „ultima ratio“ einer wohl defensiven wie technikgläubigen Denkmalpolitik muss wohl die Renaissance von Wandmalereiabnahmen in In- und Ausland gewertet werden und  - Nichts Neues unter der Sonne - angesichts der allseits bestens bekannten unausweichlichen Folge- und Langzeitschäden kritisch hinterfragt werden.

Wie bereits angesprochen wurde die, im Tagungsprogramm reichlich bemessene Zeit für die Diskussionen intensiv genutzt. Die hierbei aufgezeigten Desiderate wurden im letzten Vortrag „Was bleibt? Was Kommt?“ gleichsam noch einmal zusammengefasst und konkretisiert. Zusammenfassend kann wiederholt festgestellt werden, dass die angewandte Forschung immer noch zu wenig Berücksichtigung bei den größeren Forschungsprojekten findet. Diesem Umstand kann nur abgeholfen werden, wenn eine noch intensivere Vernetzung aller Akteure mit den einschlägigen Forschungsinstitutionen und den Fördermittelgebern gelingt. Darüber sind die bereits vorliegenden Forschungsergebnisse in ihrer Langzeiteffizienz zu evaluieren und die Ergebnisse allgemein und leicht zugänglich zu machen.

In einem abschließenden Appell wurden die Teilnehmer aufgefordert, Anträge zu stellen, Prioritäten zu setzen, sich zu vernetzen und neue Projekte bzw. Inhalte vorzuschlagen. Denn jede uns noch so wohlgesonnene Organisation kann die Belange nur fördern, wenn konkrete Anträge formuliert und gestellt werden.

Als optionales Angebot wurde den Tagungsteilnehmern am Sonntag ein Stadtrundgang unter dem Motto „Zwanzig Jahre städtebaulicher Denkmalschutz in Quedlinburg“ zum Ausklang angeboten.

Die Veröffentlichung der Tagungsbeiträge ist zum Jahresende 2012 geplant.

 

Prof. Dr. Thomas Danzl                    Dr. Elisabeth Rüber-Schütte                         26.03.2012