Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Pressemitteilungen : 05.12.2012

»Glutgeboren«

Eröffnung des neuen Abschnittes der Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle

Die Pressemitteilung steht Ihnen hier als PDF zur verfügung. Pressebilder können  bei Frau Dr. Stoll-Tucker (5247320 ; bstolltucker[at]lda.mk.sachsen-anhalt.de) bezogen werden.

Nachdem die Himmelsscheibe von Nebra bislang nicht nur das größte Highlight, sondern auch den zeitlichen Endpunkt der Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle darstellte, wird nun der an die Zeit der Himmelsscheibe anschließende vierte Abschnitt der Dauerausstellung eröffnet. Auf etwa 410 m² werden unter dem Titel „Glutgeboren“ diejenigen Epochen der Vorgeschichte präsentiert, die zeitlich auf die Niederlegung des inzwischen weltberühmten Hortes von Nebra folgen: die mittlere und späte Bronzezeit (ca. 1.550–1.250 v. Chr. bzw. 1.250–750 v. Chr.) sowie die vorrömische Eisenzeit bis etwa 60 v. Chr

Der Ausstellungstitel »Glutgeboren« pointiert ein dominantes Phänomen, das die Zeitspanne von Spätbronze- und Früheisenzeit wie eine geistige Klammer umfasst: die Bedeutung des Feuers, das mehr als je zuvor eine zentrale Funktion im religiösen Ritus sowie im technologischen und damit auch ökonomischen Leben innehatte. Feuer war die transformierende Kraft bei der Salzgewinnung, in der Metallurgie und nun zusätzlich im Bestattungsbrauch, wodurch zahlreiche gesellschaftsrelevante Bereiche betroffen waren, wie etwa der Umgang mit den Ahnen, wirtschaftlicher Erfolg und soziales Prestige. Die Feuerglut fungierte jeweils als Medium, das eine Materie in den gewünschten Aggregatszustand brachte. So verwandelte man den Leichnam seit etwa 1.300 v. Chr. plötzlich zu Asche und Rauch, womit die Verstorbenen in eine neue Sphäre entrückten. Und seit dem 8. Jh. v. Chr. überführte das Feuer neben Sole und Kupfererz nun auch den neuen Werkstoff Eisen in profitable Güter.

Neben Exponaten aus dem „Altbestand“ des Landesmuseums – darunter so bekannte und namhafte Funde wie die Sicheldepots von Frankleben oder die Goldschale von Krottorf – werden in dem neuen Ausstellungsabschnitt auch zahlreiche Objekte präsentiert, die erst bei den aktuellen Grabungen der letzten Jahre zutage kamen. Besonders letztere machen deutlich, in welch bedeutendem Maße großflächige Grabungsprojekte wie beispielsweise die 2010 im Gelände abgeschlossene ICE-Trassengrabung oder die Grabungen im Vorfeld von Straßenbauprojekten den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn fördern.

Eindrucksvoll verdeutlichen dies beispielsweise die neuen Funde aus der Mittelbronzezeit (ca. 1.550–1.250 v. Chr.), die in den letzten Jahren das Bild dieses Zeitabschnittes bereichert haben. Die relative Fundarmut in den vormals reichen Gebieten lässt einen kulturellen Niedergang am Übergang von Früh- zu Mittelbronzezeit vermuten. Besonders am Bestattungsbrauch ist ein gesellschaftlicher und religiöser Umbruch abzulesen: Während die starke Hierarchisierung der Bestattungen der Frühbronzezeit mit ihren wenigen überaus reichen Fürstengräbern verschwindet, wird nun die ebenerdige Bestattung der Toten in ausgestreckter Rückenlage in Grabhügeln allgemein üblich (daher auch der Name „Hügelgräberzeit“ für diese Epoche). Die in der Grabausstattung ablesbaren Hierarchien werden flacher, weite Teile der Bevölkerung erhalten Trachtschmuck oder Waffen mit ins Grab. Anders als zuvor ist eine geschlechtsabhängige Grabausstattung wichtig. Exemplarisch können hierfür einige Bestattungen aus Oechlitz genannt werden, die bei der ICE-Trassengrabung zutage kamen und im Block geborgen wurden: Ein Mann wurde mit einem vor der Brust getragenen Schwert sowie einem Bronzereif am rechten Unterschenkel bestattet, die Spiralröllchen im Grab einer Frau stammen von einem aufwändigen Kopfputz mit Haube. Einen besonders sensationellen Befund aus der Mittelbronzezeit stellt ein Fernweg dar, der bei Oechlitz die Querfurter Platte überquerte und dabei denselben Verlauf nahm wie die neue ICE-Trasse von Erfurt nach Leipzig.

Gegen Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. gelangten die hiesigen Gemeinschaften wieder zu wirtschaftlichem Wohlstand, was sich besonders in repräsentativen Schwertern und Schmuckfibeln sowie in reichen Hortfunden, wie beispielsweise den Sicheldepots von Frankleben äußert. Letztere umfassen mehr als 200 gleichzeitig deponierte, ihrem Gewicht und ihrer Größe nach normierte Sicheln und stellen ihrem Gewicht nach den mächtigsten Bronzeschatz Mitteleuropas dar. Erstmals gibt es Zeichen für eine Gliederung der Landschaft durch Gruben-und Grabensysteme, die dazu dienten, Grenzen zwischen Weidegründen, Feldern und Siedlungsterritorien zu markieren. Gleichzeitig lässt sich eine zunehmend arbeitsteilige Spezialisierung feststellen, z. B. auf Salzgewinnung und Metallverarbeitung. Vor allem jedoch ist der Übergang von der Mittel- zur Spätbronzezeit durch einen drastischen Umbruch in den Bestattungssitten gekennzeichnet: Ab etwa 1.300 v. Chr. werden auf mitteldeutschem Gebiet – jedoch nicht überall – die aus dem Südosten stammende Sitte der Brandbestattung und damit auch neue religiöse Vorstellungen übernommen.

Etwa ab der Mitte des 8. Jhs. v. Chr. führte die Gewinnung und Verarbeitung von Eisen in Mitteldeutschland zu einer grundlegenden Revolutionierung des sozialen und wirtschaftlichen Lebens. Mit dem Eisen lag erstmals ein allgemein verfügbarer, leicht zugänglicher Werkstoff für die Herstellung von Arbeitsgerät und Waffen vor. In dem Zeitraum bis etwa 60 v. Chr. sind auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt verschiedene kulturelle Gruppen unterschiedlicher Verbreitung fassbar, etwa die Hausurnenkultur, die nach einer zwar nur wenigen besonderen Individuen vorbehaltenen, aber charakteristischen Urnenform benannt ist (ca. 750– 450 v. Chr.; Verbreitung vom Braunschweiger Land über das Nordharzgebiet bis zur Elbe-Mulde-Region), oder die Thüringische Kultur im Thüringischen Becken und an der Mittleren Saale (750–300 v. Chr.). Hier wurden die Toten der Oberschicht in Körpergräbern und in voller Tracht bestattet. Als Beispiel kann die sog. Fürstin von Trotha mit ihrem reichen Bronzeschmuck aus Arm- und Fingerringen, Ohrringen, Halsketten, Haar- und Gewandnadeln gelten. In der frühen Eisenzeit sind daneben Einwanderungsbewegungen in das Gebiet Sachsen-Anhalts sowie Kontakte zu den keltischen Gruppen südlich des Thüringer Waldes fassbar. Daneben treten am Ende der vorrömischen Eisenzeit auf dem Gebiet Sachsen-Anhalts erstmals aus der antiken Literatur namentlich bekannte Völkerschaften aus dem Dunkel der Geschichte: die Germanen nördlich sowie die Kelten südlich der Mittelgebirge.

Neben dem diachronen Überblick über die drei genannten Epochen bietet der neue Ausstellungsabschnitt Einblicke in zwei eigenständige, epochenübergreifende Themenblöcke: die prähistorische Salzgewinnung und die Nutzung der tierischen Zugkraft, deren ökonomische Folgen sich in der großen Anzahl wertvoller Metallobjekte widerspiegelt.

Die ca. 1.500 Funde des neuen Ausstellungsabschnittes, die vielfach von überregionaler Bedeutung sind, werden durch die Ideen der Gestalter Juraj Lipták und Karol Schauer in gewohnt eindrucksvoller Weise in Szene gesetzt und lebendig präsentiert. Durch zahlreiche hervorragend präparierte Blockbergungen werden Befunde kontextualisiert; neue, verblüffende Gestaltungsideen und Installationen verdeutlichen bestimmende Themen der behandelten Zeitabschnitte. Ein neuer Weg der musealen Präsentation wird etwa mit der Präsentation einer Blockbergung von Oberwünsch beschritten: Ein aus mindestens 120 Einzelteilen bestehender Bronzehort und darüber liegend die abgetrennte Hand und der abgetrennte Kopf  eines Mannes wurden zusammen im Block geborgen und sind dadurch wie „in situ“ erhalten. Dennoch kann der Besucher die auf den ersten Blick unkenntlich ineinander verschachtelten Bronzen dank spezieller tomographischer Analysen in einem filmischen 3D-Modell separiert und detailliert betrachten.

Die erweiterte Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle ist ab Freitag, den 7. Dezember 2012 für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie wird in bewährter Weise von einem erweiterten museumspädagogischen Programm begleitet. Eines seiner Schwerpunkte bildet eine Veranstaltung rund um das Schwert, das in der späten Bronzezeit zur bedeutendsten Waffe wurde.

Öffnungszeiten:

Di-Fr: 9.00 - 17.00 Uhr
Sa, So und Feiertage:10 - 18.00 Uhr
Montag: nur nach Voranmeldung
24. und 31.12.2102: geschlossen
25./26.12.2012 und 1.1.2013: 10.00 - 18.00 Uhr

Eintrittspreise:

Erwachsene: 5,00 €
Ermäßigt: 3,00 €
Kinder (6-14 Jahre): 2,50 €
Gruppen (ab 10 Personen): 3,00 € / Pers.
Schulklassen: 1,00 € / Pers.
Familien: 10,00 €
Jahreskarten: 20,00 Euro; 40,00 € (Familien)

 

 

Kontakt:

Dr. Alfred Reichenberger                                           
Landesamt für Denkmalpflege und                             
Archäologie Sachsen-Anhalt –                                     
Landesmuseum für Vorgeschichte                             
Richard-Wagner-Str. 9                                                
06114 Halle (Saale)                                                   
Tel. 0345 · 52 47 312                                                   
Fax 0345 · 52 47 351                                                   
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