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Pressemitteilungen : 15.01.2013

Bestandsdokumentation und Sicherung des hochgotischen Tafelkreuzes in der ehemaligen Klosterkirche zu Schulpforte – Buchpräsentation "Die hallesche Restaurierungswerkstatt unter Albert Leusch"

Ein einzigartiges Denkmal der Kunst- und Restaurierungsgeschichte: das hochgotische Tafelkreuz in Schulpforte

Gesamtansicht der Vorderseite des Tafelkreuzes. Foto: Reinhard Ulbrich, (c) LDA Sachsen-Anhalt

Die folgende Pressemitteilung steht hier als PDF zum Download bereit.

Ein einzigartiges Denkmal der Kunst- und Restaurierungsgeschichte: das hochgotische Tafelkreuz in Schulpforte

Die im 13. Jh. gotisch umgebaute ehemalige Klosterkirche zu Schulpforte, bekannt insbesondere aufgrund ihrer ungewöhnlichen, reich geschmückten Westfassade aus der Zeit um 1300, birgt in ihrem schlichten, ganz von der zisterziensischen Baukunst geprägten Innenraum ein besonderes Kleinod: ein monumentales, beidseitig bemaltes hölzernes Tafelkreuz aus der Zeit um 1240/50, das den gekreuzigten Christus zeigt. Es ist eines von nur wenigen vor Ort erhaltenen ursprünglichen Ausstattungswerken und hat in mehrfacher Hinsicht als hochbedeutendes Denkmal zu gelten. So kann das Pfortaer Kreuz europaweit lediglich mit einem weiteren hochmittelalterlichen monumentalen bemalten Holztafelkreuz im ehemaligen Zisterzienserkloster Loccum in Niedersachsen verglichen werden.

Gleichzeitig stellt dieses einzigartige Zeugnis mittelalterlicher Tafelmalerei auch ein Schlüsselwerk der Restaurierungsgeschichte dar. Seine letzte umfassende Konservierung erfolgte 1931–1933 durch den halleschen Amtsrestaurator Albert Leusch (1877–1954). Dessen Restaurierung des Pfortaer Tafelkreuzes gehörte zu den fortschrittlichsten ihrer Zeit in Deutschland und gilt heute als ein herausragendes, wegweisendes Zeugnis der Restaurierungsgeschichte. Leusch fand das zerlegte und ausgelagerte Kreuz in außerordentlich schlechtem Zustand vor, das Eichenholz durch Nässe und Schädlingsbefall schwer geschädigt, die Kreuzarme voneinander gelöst. Von der Malerei waren auf beiden Seiten nur noch Reste erhalten, die jeden Moment abzufallen drohten und vor Schmutz kaum noch erkennbar waren. So war zunächst eine Sicherung vordringlich, Malereifragmente und Grundierung wurden wieder befestigt und gereinigt, das Holz konserviert und die Kreuzarme wieder miteinander verbunden. Eine besondere Herausforderung stellte der Umgang mit Ergänzungen dar, schließlich sollte einerseits der historische Bestand der Malerei keinesfalls durch Zutaten verfälscht werden, andererseits jedoch musste die liturgische Funktion des Kreuzes berücksichtigt werden. Auf der Vorderseite waren die Konturen des Leibes Christi sowie die vier Evangelistensymbole Engel, Adler, Stier und Löwe an den vierpassförmigen Enden der Kreuzarme noch relativ gut ablesbar. Hier beschränkte Leusch sich auf die Grundierung der äußeren Randbereiche (außerhalb der originalen Malerei) und tönte diese nur leicht auf den Ton „von altem Pergament“ ein. Auf der Rückseite jedoch war die Darstellung des Gekreuzigten abgesehen von wenigen Details nicht mehr erkennbar. Daher wurde die gesamte Fläche unter Aussparung der Malereifragmente grundiert und mit einer Mattvergoldung versehen sowie ein Regenbogen ergänzt. All dies war wohl vor allem der vorgesehenen liturgischen Nutzung geschuldet, entsprach aber zudem der ethischen Forderung, dass Rekonstruktionen nur ausnahmsweise zulässig, Ergänzungen im Umfang so gering wie möglich zu halten und als solche für den Fachmann erkennbar zu machen seien. Diese Leitlinie einschließlich der Forderung, der Substanzerhaltung (Konservierung) stets absoluten Vorrang vor jeglichen weiterführenden Restaurierungsarbeiten einzuräumen, wurde von Leusch in Schulpforte in absolut wegweisender Form umgesetzt, schließlich begann sie sich in Europa überhaupt erst ab Anfang der 1930er Jahre mühsam durchzusetzen.

Waren in den Jahrzehnten nach Leuschs umfassender Bearbeitung lediglich Notsicherungen möglich, so soll nun im Rahmen eines Projektes des Studiengangs Kunsttechnologie, Konservierung und Restaurierung der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) Dresden eine erneute Bearbeitung erfolgen. Sie soll die grundlegende Erfassung, Untersuchung und umfassende Konservierung des Tafelkreuzes umfassen, die aufgrund von Abbauprozessen der Bindemittel inzwischen wieder dringend notwendig ist. Ein erster Schritt in diese Richtung wurde im vergangenen Jahr mit der Bestandsdokumentation und
-sicherung sowie der Verbringung des Tafelkreuzes in eine Einhausung innerhalb der Kirche unternommen. Die Arbeiten wurden durch das finanzielle Engagement der Marlis Kressner Stiftung ermöglicht und erfolgten durch die HfBK Dresden in enger Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, der Landesschule Pforta sowie der Stiftung Schulpforta.

Die Konservierungsarbeiten am Tafelkreuz fügen sich jedoch in eine ganze Reihe denkmalpflegerisch bedeutender Erhaltungs- und Forschungsmaßnahmen auf dem Gelände des ehemaligen Klosters Pforta ein. Standen in den letzten Jahren vor allem Maßnahmen zur Verbesserung der schulischen Infrastruktur, deren Bausubstanz naturgemäß eng mit der mittelalterlichen Klostergeschichte verwoben ist, sowie zuletzt auch die Stärkung der touristischen Bedeutung im Vordergrund, so wird in den nächsten Jahren ein besonderer Schwerpunkt auf der Klosterkirche als dem eigentlichen Kern der Anlage liegen. Nach wichtigen statisch-konstruktiven Maßnahmen bereits in den Neunziger Jahren rückt nun die behutsame Entwicklung des Innenraumes als „geistige Mitte“ der Schule und kulturell-touristisches Ziel gleichermaßen in den Vordergrund. Die gerade in Ausführung befindliche restauratorische Herstellung eines ersten Wandbereiches im Chor wird ihren spektakulären Höhepunkt im Wiedereinbau einer original erhaltenen mittelalterlichen Grisailleglasfensterrose aus dem 13. Jh. finden. Gemeinsam mit dem Holzkruzifix wird dieses weltweit einzigartige Baudetail aus der Zisterzienserzeit zweifellos mit dazu beitragen, die besondere Bedeutung von Schulpforte als eines der Kernobjekte des in Vorbereitung befindlichen Antrags auf Aufnahme des Naumburger Domes und der hochmittelalterlichen Herrschaftslandschaft an Saale und Unstrut in das UNESCO-Welterbe zu untermauern.

Vorstellung der neuen Publikation

Angesichts der Restaurierungsgeschichte des Pfortaer Tafelkreuzes bildet das ehemalige Zisterzienserkloster einen besonders würdigen Rahmen für die Vorstellung der Publikation „Die hallesche Restaurierungswerkstatt unter Albert Leusch. Zur Geschichte der Restaurierung in der Denkmalpflege der Provinz Sachsen 1925–1945“ von Karoline Danz, die durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt herausgegeben wird (zugleich Dissertation an der Hochschule für Bildende Künste Dresden). Sie widmet sich der bahnbrechenden Tätigkeit des ersten Amtsrestaurators Albert Leusch (1877-1954), der 1925 in Halle (Saale) die erste Restaurierungswerkstatt der Denkmalpflege der preußischen Provinz Sachsen begründete, eine der ersten Einrichtungen ihrer Art im deutschsprachigen Raum überhaupt. 1930 wurden die Restaurierungswerkstätten in einem eigens zu diesem Zweck erbauten Werkstattgebäude in Nachbarschaft des Landesmuseums für Vorgeschichte eingerichtet. Zahlreiche Kunstwerke wurden hier unter der Leitung von Leusch nach höchstem Standard konserviert und restauriert sowie wissenschaftlich erforscht, was ihm sehr bald auch internationale Anerkennung einbrachte. Mit seinen außergewöhnlichen Fähigkeiten als Restaurator, seinem unermüdlichen Einsatz für die Erhaltung der sakralen und profanen Kunstwerke in der Provinz Sachsen und darüber hinaus, nicht zuletzt auch unter den schwierigen Bedingungen des Zweiten Weltkrieges, prägte er auch nachfolgende Restauratoren-Generationen. Zudem vollzog Albert Leusch den Übergang vom sogenannten „Künstlerrestaurator“ zum Restaurator mit wissenschaftlich-analytischer Arbeitsweise, was die Entwicklung des Berufsbildes nach dem Zweiten Weltkrieg entscheidend mit beeinflusste. Dies alles zeichnet ihn als einen Protagonisten der Restaurierung im gesamten deutschsprachigen Raum in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus. Dank seiner national und international anerkannten Tätigkeit wurde die hallesche Werkstatt zu einem Wegbereiter bei der Entwicklung der Restaurierung zu einer wissenschaftlichen Fachdisziplin.

In der nun vorliegenden Monographie wird durch die Transkription des Werkstattbuches von Albert Leusch und anhand der Auswertung zahlreicher überlieferter Quellen und Originaldokumente dessen Wirken erstmals einem breiteren Publikum zugänglich gemacht und kann weiteren Forschungen zur Theorie und Geschichte der Restaurierung als Grundlage dienen.

Die Publikation „Die hallesche Restaurierungswerkstatt unter Albert Leusch. Zur Geschichte der Restaurierung in der Denkmalpflege der Provinz Sachsen 1925–1945“ erscheint als Veröffentlichung des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. Sie ist zum Preis von 59,95 Euro im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (Frau Kuhlow, 0345 / 52 47 -332; hkuhlow[at]lda.mk.sachsen-anhalt.de) und über den Buchhandel erhältlich.

Kontakte

Dr. Alfred Reichenberger
Tel.: 0345 / 52 47 -312
areichenberger[at]lda.mk.sachsen-anhalt.de

Heike Kuhlow (Buchverkauf)
Tel.: 0345 / 52 47 -332
hkuhlow[at]lda.mk.sachsen-anhalt.de

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