Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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Allgemeines : 29.05.2020

Der ehemalige Sitz des Superintendenten in Wernigerode. Ein Beispiel typischer barocker Fachwerkfassadenfarbigkeit

Ein Beitrag zum Deutschen Fachwerktag am 31. Mai 2020 von Helfried Weidner, Restaurator in der Abteilung Bau- und Kunstdenkmalpflege des LDA Sachsen-Anhalt

Man könnte meinen, zum Thema der Architekturfarbigkeit von Wohnhäusern der Niedersächsischen Fachwerkbaukunst sei schon alles gesagt worden. Es braucht dennoch immer wieder mal Farbbefunde aus einer jeweils relevanten Baustilepoche, welche die bisherigen Erkenntnisse einfach nur bestätigen sollen. Bisweilen lassen sich bauzeitliche Farbbefunde allerdings nicht so einfach ermitteln und dann muss der jeweils älteste auffindbare Befund als „Erstfassung“ herhalten, was unter anderem die Kenntnisse über stiltypische Merkmale der Architekturfarbigkeit der jeweiligen Epochen negativ beeinflussen könnte.

Das um 1720 als Sitz des Superintendenten errichtete palaisartige Gebäude im Kernbereich der Altstadt Wernigerodes wurde aufgrund seiner kulturell-künstlerischen Wertigkeit einer restauratorischen Untersuchung unterzogen. An der Fassade wurden von dem untersuchenden Restaurator überaus intensive Farbtöne (aus dem Biedermeier, wie sich später herausstellte) mit ockerbraunen und oxidroten Farbtönen als zuunterst liegende Farbbefunde ermittelt. Demnach wurden diese zunächst für die bauzeitliche Fassung gehalten, sodass daraus die Zielstellung für die neu herzustellende Fassadenfarbigkeit formuliert wurde. Der Barock ist ja bekannt für überraschende Farbkombinationen, könnte man wieder mal annehmen. Dass allerdings Zweifel berechtigt waren, bestätigte sich während der Bauarbeiten. Die restauratorische Nachuntersuchung belegte weitere Farbschichten, die sich unter verkleidenden Bauteilen, die im 19. Jahrhundert hinzugefügt wurden, erhalten haben. Das waren unter anderem Fensterbekleidungsbretter und insbesondere eine Schieferverkleidung des Giebeldreiecks über dem Hauptgesims. Bei der restauratorischen Voruntersuchung wurde kein Gedanke dafür aufgewendet, nach Gerüststellung speziell unter dieser Verkleidung die Untersuchung fortzusetzen. Die Befunde der ältesten Farbschichten (auf Basis von Kalkkasein, mit härtendem Öl modifiziert) bewegten sich in dem Spektrum heller beigeockerfarbener Tönungen. Die rahmenden Konstruktionsteile waren gegenüber den Binnenflächen und Gefachen mit einer etwas intensiveren Farbgebung versehen. Dank der nachträglichen Erkenntnisse konnte eine für die Erbauungszeit des Gebäudes angemessene Fassadenfarbigkeit entwickelt werden. Die befund- und stilgerechte Wiederherstellung der barocken Fassadengestaltung ist nunmehr weitgehend umgesetzt worden. Allerdings haben die Maler versehentlich die profilierten Gesimsbalken über dem Giebeldreieck (Sima) nicht mehr farblich abgesetzt, ausgerechnet dort, wo anhand umfangreicher Farbbefunde die tatsächliche bauzeitliche Fassadenfarbigkeit nachweisbar war.

Die Kreuzstockfenster sind stilgerechte Neubauteile, ihre fast weiße Farbigkeit beruht auf Analogien, originale Fenster haben sich nicht erhalten.

Klare Farbbefunde gab es am Portal und an seiner Bekrönung. Der farbige Fond der floralen Dekoration befand sich am Fachwerk (es handelte sich um ein mittleres Grau), das Portalgewände selbst und die Bekrönung (geschnitzt, Eiche) mitsamt den flankierenden Vasen waren ursprünglich weiß gefasst, lediglich die Wappen waren farblich akzentuiert. Das Türblatt war ursprünglich eichenholzsichtig.