Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
Sie sind hier: Startseite > Aktuelles > 
Deutsch | English
< Mittelalterliche Stuckskulptur aus der untergegangenen Klosterkirche zu Gerbstedt
Pressemitteilungen : 04.08.2020

Siedlung und Bestattungen aus der Bronze- und Eisenzeit bei Mammendorf entdeckt

Der Kopf einer eisenzeitlichen, tönernen Tierfigur aus Mammendorf, vermutlich ein Pferd darstellend. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Klaus Bentele.

Die folgende Pressemitteilung steht hier als PDF zum Download für Sie bereit.

Seit rund 20 Jahren führt das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt archäologische Dokumentationen im Vorfeld des Gesteinsabbaus bei Mammendorf durch. Der Hartsteintagebau der Firma Cronenberger Steinindustrie Franz Triches GmbH & Co. KG ist im Bereich des Ortsteils Eichenbarleben der Gemeinde Hohe Börde im Landkreis Börde gelegen. In jahrelanger enger Kooperation mit der Cronenberger Steinindustrie werden die Tagebauerweiterungen mit den archäologischen Untersuchungen in vorbildlicher Weise abgestimmt. Dies bietet die Gelegenheit, diese bedeutende Fundlandschaft besser zu verstehen und die Hinterlassenschaften der prähistorischen Bewohner zu erfassen und zu bergen. Während der diesjährigen Ausgrabungskampagne untersucht ein 6-köpfiges Grabungsteam ungefähr 2 Hektar und hat vor allem die weitergehende Erschließung der umfangreichen Besiedlungsgeschichte während der Bronze- und Eisenzeit zum Ziel.

Aufgrund der fruchtbaren Böden der Bördelandschaft ist das Gebiet nordöstlich von Eichenbarleben seit Jahrtausenden eine Region höchster agrarischer Güte und Ort steter landwirtschaftlicher Nutzung und menschlicher Besiedlung. Die lokale Forschungsgeschichte umfasst Fundstellen von der mittleren Jungsteinzeit (4000 bis 3400 vor Christus) bis in die Jahrhunderte vor Christi Geburt.

Bereits um 4000 vor Christus – dem Beginn der mittleren Jungsteinzeit – spielte der Landstrich eine bedeutsame Rolle. Er steht im Spannungsfeld der nördlichsten Ausläufer der Baalberger Kultur, die unter dem kulturellen Einfluss des Donauraumes stand, und der südlichsten Ausläufer der südskandinavischen-nordmitteleuropäischen Trichterbecherkultur. Die im Tagebaugebiet Mammendorf archäologisch nachgewiesenen Hinterlassenschaften deuten an, dass die Menschen der Trichterbecherkultur immer weiter Fuß fassten und die Menschen der Baalberger Kultur im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten nach Süden verdrängten. Im Rahmen der aktuellen Ausgrabungen wurde eine weitere Bestattung der Baalberger Kultur freigelegt und ergänzt das Bild bereits vorher bekannter Bestattungen dieser Zeit im Bereich des Tagebaus. Bei dieser Bestattung handelt es sich um ein sogenanntes Trapezgrab. Dieses bestand aus einer trapezförmigen Totenhütte aus, inzwischen vergangenem, Holz. Diese wurde im Anschluss mit Erde überhügelt und somit in der Landschaft gut sichtbar.

Die folgende Phase menschlicher Aktivität im Bereich des Tagebaus datiert in die Bronzezeit (2200 bis 1200 vor Christus). Im Zuge der aktuellen Untersuchungen wurden zwei weitere bronzezeitliche Bestattungen aufgedeckt. Sechs Mahlsteine, teilweise in so einem hervorragenden Zustand, dass sie noch zum Herstellen von Mehl geeignet gewesen wären, bedecken neben einem mehr als 1 Tonne schweren Menhir die Doppelbestattung zweier Personen. Diese Steinstele ist in der Art von Schälchensteinen verziert, ihre Oberfläche wurde an drei Stellen mit napfartigen Vertiefung versehen. Wer unter dieser schweren Steindecke so aufwendig bestattet worden war, werden die nachlaufenden Untersuchungen zeigen.

In geringer Entfernung zu dieser Doppelbestattung wurde während einer vorherigen Untersuchungskampagne das Grab einer reich ausgestatteten Frau aus der Bronzezeit ausgegraben. Die ihr mit ins Grabe gegebenen Trachtbestandteile belegen, dass sie aus dem thüringischen oder gar hessischen Raum stammte (siehe Pressemitteilung vom 9. Oktober 2014 sowie Fund des Monats August 2013).

In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus befand sich das heutige Abbaugebiet in einer erneuten Hochphase – hier bestand eine viele Hektar überspannende Siedlung der vorrömischen Eisenzeit. Die diesbezüglichen archäologischen Grabungen beschränken sich auf die Areale des Abbaufeldes, um die Siedlungsreste umfänglich zu dokumentieren. Die Erfassung der Ausdehnung der Siedlung, die über diesen gefährdeten Bereich hinausgeht, soll in der nächsten Zeit durch geomagnetische Untersuchungen verwirklicht werden. Ungefähr 500 archäologisch relevante Siedlungsstrukturen wurden bereits bei den früheren Ausgrabungen 2012 und 2014 erfasst.

Bei diesen Strukturen handelt es sich vorwiegend um Siedlungsgruben – also beispielsweise in den Boden eingelassene Vorratssilos, welche teilweise später mit Abfall verfüllt worden waren. Zwischen diesen Befunden zeichnen sich einige Gebäude ab, von denen bereits 30 dokumentiert sind. Dabei handelt es sich um Grubenhäuser – also Strukturen, die in den Boden eingetieft worden waren. Mittels einer Treppe, Rampe oder ähnlichem gelangte man hinunter in die Räume. Diese Eingangssituationen lassen sich gut erkennen. In einigen der Gebäude sind auch innenliegende Fundamentgruben nachweisbar, die beispielsweise zur Konstruktion der Dachfirste gehörten. Daneben wurden auch Steinsetzungen in den Räumen angetroffen, die entweder die Gebäude stabilisierten oder auch als Innenaufteilungen der Grubenhäuser zu verstehen sind. Die diesjährige Kampagne belegt eindrucksvoll, dass die als Wohn- oder Werkstattgebäude konzipierten Gebäude entlang einer natürlichen Geländesenke aufgereiht waren. Mit der als groß anzusprechenden Siedlung von Mammendorf gelingt also ein Einblick in den Siedlungsaufbau vor 2500 Jahren.

Die Grubenhäuser sind in aller Regel recht fundleer – die Gebäude wurden also bewusst leergeräumt und anschließend verlassen. Zumindest eines der Häuser weist jedoch auf eine hastige Aufgabe hin. So konnte unbemerkt das ungefähr 3 Zentimeter lange Köpfchen einer seltenen tönernen Tierfigur überdauern. Das Tonmaterial war vor dem Brand so gut geglättet beziehungsweise poliert worden, dass nach mehr als 2500 Jahren die Oberfläche noch immer metallisch glänzt. Der Halsansatz erinnert an ein Schaf; Ohren, die Position der Augen und vor allem die Nüstern belegen jedoch, dass ein Pferd nachgebildet worden war.

Die Figur unterstreicht, welche große Bedeutung Pferden zur damaligen Zeit zukam. Häufig sind diese Ausdruck großen Reichtums.

Nach Ablauf der Hälfte der diesjährigen Ausgrabungskampagne wurden bereits über 250 archäologische Strukturen erfasst, es ist mit insgesamt 500 neuen Befunden bis zum Abschluss der Untersuchungen zu rechnen. Die bislang geborgenen Funde umfassen neben dem tönernen Pferdekopf vor allem weitere Keramik sowie zahlreiche Tierknochen. Diese werden nach Abschluss der Ausgrabungen ausgewertet.

 

Kontakt

Dr. Alfred Reichenberger
Stellvertretender Landesarchäolge und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
– Landesmuseum für Vorgeschichte –
Telefon +49 345 · 5247-312
areichenberger(at)lda.stk.sachsen-anhalt.de