Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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: 29.10.2020

Auftakt zur GOLEHM-Initiative: Das WIR!-Bündnis zum Lehmbau in Sachsen-Anhalt stellt sich vor

Großzöberitz, Lkr. Anhalt-Bitterfeld. Saniertes mehrstöckiges Wohnhaus aus Wellerlehm in der Ernst-Thälmann-Str. 38 (2020).© F. Knoll, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Die folgende Presseinformation steht hier für Sie als PDF zum Download bereit.

Lehm ist der Baustoff der Zukunft. Der Rohstoff ist einfach über kurze Transportwege verfügbar, mit wenig Energieaufwand zu verarbeiten, komplett recyclebar und damit nahezu klimaneutral. Er ist schadstofffrei, mit Strohbeimengung wärmedämmend, diffusionsoffen und sorgt für ein optimales Raumklima.

Die GOLEHM-Initiative, gefördert durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Förderprogramms „WIR! – Wandel durch Innovation in der Region“, ist ein junges Netzwerk, vertreten durch Unternehmen, Bauhandwerk, private und kommunale Initiativen sowie Forschung. Es hat sich zum Ziel gesetzt, den Lehmbau in Sachsen-Anhalt zukunftsfähig zu machen. Die lössreichen Gegenden verfügen über ein einzigartiges Lehmbauerbe, das sich über Jahrtausende zurückverfolgen lässt. Mit den idealen geologischen und klimatischen Voraussetzungen ist Mitteldeutschland die perfekte Modellregion, um mit dieser Tradition nachhaltig und innovativ neue Wege im Bauwesen zu beschreiten.

Das Mitteldeutsche Trockengebiet, im Windschatten des Harzes, hält mit dem Lösslehm, der hier teilweise mehrere Meter tief ansteht, den optimalen Baustoff bereit. Auch die Regenarmut – mit einer jährlichen Niederschlagsmenge von nur etwa 500 mm – ließ Gebäude aus Lehm hier Jahrhunderte überdauern.

Die archäologisch ältesten Belege für diese Bauweise reichen in das 6. Jahrtausend vor Christus zurück. Mit der neolithischen Revolution, dem Beginn der bäuerlichen Lebensweise, wird der Mensch sesshaft. Es entstehen die ersten dauerhaften Gebäude aus Lehm und Holz. Besonders im ländlichen Raum prägen solche Lehmgebäude das Ortsbild bis heute. Die ältesten noch stehenden Bauwerke datieren in das 16./17. Jahrhundert. Besonders in Zeiten von Energieknappheit, nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, wurde der massive Lehmbau politisch propagiert. Im Zuge der letzten ›Lehmbauwelle‹  in den 1950er Jahren wurde beispielsweise in Mücheln (Lkr. Saalekreis) ein ganzes Stadtviertel mit Wohnblöcken aus Stampflehm errichtet. Schließlich geriet das Material in Vergessenheit und hat zugunsten moderner Baustoffe einen zunehmenden Imageschaden erlitten.

Großzöberitz (Lkr. Anhalt-Bitterfeld) steht exemplarisch für die Situation im ländlichen Raum. Der denkmalgeschützte Dorfkern, um die gotische Kirche und den Löschteich gewachsen, besteht aus einigen stattlichen Bauernhöfen und einem einstigen Rittergut. Nicht nur die Scheunen und Ställe, auch die Wohngebäude sind hier in der traditionellen Bautechnik aus Lehm ›gewellert‹. Die Konstruktion der massiven Wände erfolgte hierbei aus einem Lehm-Stroh-Gemisch, welches aufgeworfen, verdichtet und nach einer kurzen Trocknungsphase zur senkrechten Mauer abgestochen wurde. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts kamen kleinere Wohnhäuser in der Südstraße hinzu, zweistöckige Wohngebäude wurden ebenfalls mit Wellerlehm errichtet. Diese wie andere massive Lehmhäuser in Großzöberitz werden in Eigeninitiative instand gehalten und nach wie vor bewohnt. Großzöberitz war zweifacher Preisträger in den Kreiswettbewerben ›Unser Dorf soll schöner werden‹ (2000) und ›Unser Dorf hat Zukunft‹ (2006). Trotzdem, und auch das ist hier exemplarisch nachzuvollziehen, sind zahlreiche Lehmbauten im Verfall begriffen und die strukturschwache Region hat mit Abwanderung und zahlreichen anderen Herausforderungen zu kämpfen.

Hier bietet sich die Chance, durch neue Sanierungskonzepte die bestehenden Lehmgebäude weiter zu nutzen und innovative Lösungen für den Neubau zu entwickeln. So kann die Attraktivität des ländlichen Raums als lebenswerter Wohn- und Arbeitsort erhöht werden, die Wertschöpfung verbleibt in der Region. Die GoLehm-Initiative möchte mithilfe von Entwicklung, Innovation und Forschung Wege in eine nachhaltige und ressourcenschonende Lebens- und Wirtschaftsweise aufzeigen, um einen spürbaren Strukturwandel zu gestalten.

Sachsen-Anhalt nimmt hier eine Vorreiterrolle ein. Nach über einem halben Jahrhundert ist das geplante Besucherzentrum am Ringheiligtum Pömmelte (Lkr. Salzlandkreis) der erste öffentliche Massivlehmbau (Stampflehmtechnik) in Mitteldeutschland.

Derzeit ist der tragende Massivlehmbau (Stampflehmbauweise) nur für Ein- und Zweifamilienhäuser zulässig. Für öffentliche Gebäude muss in der Regel eine Zustimmung im Einzelfall erwirkt werden.

Für die Sanierung des historischen Baubestandes gibt es nur wenige Richtlinien oder Erfahrungswerte. Geplant sind deshalb neue Sanierungsrichtlinien für bestehende Lehmmassivbauten, die Erschließung von Rohstoffvorkommen, die Entwicklung neuer Lehmbaustoffe und die Erarbeitung von Weiterbildungsangeboten. Damit will die GOLEHM-Initiative ein neues Innovationsökosystem in Mitteldeutschland etablieren.

Initiiert wurde das Bündnis durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt in Kooperation mit ZRS Architekten Ingenieure, Berlin sowie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Das noch junge Netzwerk umfasst zahlreiche weitere Partner und Unterstützer wie den Dachverband Lehm e.V. (DVL), Lehmbauer wie den Armin Titze Lehmbaufachbetrieb, den Baustoffhersteller Claytec e. K oder lokale Initiativen, beispielsweise den Kultur- und Heimatverein Großzöberitz e.V. oder den Schwemme e.V. Halle (Saale). Unterstützt wird das Vorhaben auf landespolitischer und kommunaler Ebene, so durch die Stadt Zörbig (Lkr. Anhalt-Bitterfeld).

 

Kontakt

Dr. Alfred Reichenberger

Stellvertretender Landesarchäologe und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit
Telefon: +49 345 · 52 47 -312
areichenberger@lda.stk.sachsen-anhalt.de

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