Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Mai: Die Frau im Töpferofen

Eine Sonderbestattung aus dem Elb-Havel-Winkel bei Wulkau, Lkr. Stendal

Abb. 1: Lage des Fundplatzes 2 Kilometer südwestlich von Wulkau, Lkr. Stendal (Topographische Karte 3238, Sandau 1937).

Die Frau im Töpferofen erinnert unweigerlich an die Märchen der Gebrüder Grimm. Gänzlich andere Hintergründe dürften jedoch im Fall des hier vorgestellten Befundes vorliegen. In Folge der jüngeren Hochwasserereignisse – die große Deichbruchstelle des Junihochwassers 2013 bei Fischbeck liegt unweit entfernt – wurde der Deich bei Wulkau, Lkr. Stendal, saniert. Im Baufeld nördlich einer bereits dokumentierten Fundstelle hatte sich eine einzelne eisenzeitliche Brenngrube erhalten, die von einer Anwohnerin entdeckt und gemeldet wurde (Abb. 1). Die daraufhin eingeleitete Untersuchung wurde mit Unterstützung ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger (darunter der Autor) durchgeführt.

Erhalten hatte sich eine ovale, nordwestlich-südöstlich orientierte Brenngrube von 2,32 mal 2 Meter mit einer Tiefe von 62 Zentimetern, die in den Hang der Hochfläche am Übergang zur Elbaue gegraben worden war (Abb. 2). Zur Stabilisierung und besseren Wärmespeicherung waren die Wände unter weitgehender Auslassung der Grubensohle mit Lehm verkleidet, der durch die anschließende Befeuerung weitgehend verziegelt war. Auf der Westseite, 35 Zentimerter über dem Boden, sorgte eine ovale Öffnung für zusätzliche Luftzufuhr. Im Inneren fanden sich weitere verziegelte Lehmstücke des Überbaus, der nach der Aufgabe des Ofens einbrach und in der Grube verblieb. Von den Negativabdrücken schließend handelte es sich um eine Balkenflechtwerkkonstruktion, die mit häckselgemagertem Lehm abgedichtet und vorbeugend gegen Rissbildung durch eine zusätzliche, mit Sand und Scharmott gemagerte, Lehmschicht überzogen war. Die fehlende räumliche Trennung zwischen Feuerungs- und Brennraum und die Konstruktion des Überbaus deuten auf einen einfachen, stehenden Meilerofen hin, wie sie teils noch bis in das 20. Jahrhundert hinein zum Brennen von Keramik gebräuchlich waren. Dies deckt sich auch mit dem Fund eines als Brennhilfe zu deutenden Lehmquaders am Boden der Grube, einigen beim Brand überhitzten Scherben aus der Verfüllung und mit den Temperaturen, die über der Brenngrube zu erreichen waren und die zur Verziegelung der Lehmwände geführt haben. Die Arbeitsgrube dürfte auf der Nordwestseite gelegen haben, von wo aus auch die Beschickung oberhalb der Grube erfolgt sein muss.

In einem weiteren Schritt wurde in der Anlage Getreide gegart beziehungsweise geröstet. So fanden sich im Südwesten über dem Boden neben dünnen Bändern auch in den Ecken Konzentrationen an Holzkohle, die mit verkohlten Getreidekörnern durchsetzt waren (Abb. 3).

Abb. 2: Umzeichung des Ofenbefundes, die verziegelten Wände und Bruchstücke des Überbaus sind farblich hervorghoben. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Umzeichnung D. Petzold nach M. Zirm.
Abb. 3: Auswahl verkohlter Getreidekörner von der Grubensohle im südöstlichen Bereich der Brenngrube. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: D. Petzold.
Abb. 4: Die Schicht- und Spiralaugenperlen aus dem Brennofen. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: D. Petzold.

Und schließlich erfolgte die Beisetzung einer kremierten Toten in dem Brennofen. Da sich der Leichenbrand in der Binnenverfüllung in Nestern auf unterschiedlichen Niveaus verteilte, dürfte die Einbringung mit dem Abbruch des Überbaus einhergegangen sein. Bemerkenswert sind die zahlreichen als Beigaben zu interpretierenden Objekte. Neben drei Schleif- beziehungsweise Poliersteinen, einem spitz zugearbeiteten Knochengerät, fünf Spinnwirteln und den Resten einiger Keramikgefäße, fanden sich in der Brenngrube auch ein Segelohrring und die Bruchstücke eines weiteren solchen Rings, ein eiserner Bügel (wohl Teil einer Fibel) sowie sieben Glasperlen. Da mit Ausnahme einer Perle die anderen Objekte keinerlei Spuren von Hitzeeinwirkung zeigen, dürften diese der Toten nicht auf dem Scheiterhaufen, sondern wohl erst nachträglich im Zuge der Beisetzung mitgegeben worden sein. Zudem zeigen sowohl die Polier- und Schleifsteine, wie auch das Knochengerät und eine Perle, Gebrauchs- beziehungsweise Abnutzungsspuren, sodass zumindest diese nicht extra für die Bestattung gefertigt, sondern aus dem Besitzstand der Toten entnommen wurden. Während die vier kleineren Perlen in Blau gehalten sind, handelt es sich bei den größeren Stücken um zwei Schicht- und eine Spiralaugenperle, die als Importstücke aus dem Süden in das heutige Sachsen-Anhalt gelangten (Abb. 4). Es sind die Perlen und Segelohrringe, vor allem aber die Spinnwirtel mit ihren hauswirtschaftlichen Bezug, die auf eine Frauenbestattung hindeuten. Diese dürfte nach Ausweis einer erhaltenen Zahnkrone des zweiten oder dritten Molares ohne Anzeichen von Abkauung im adulten Alter verstorben sein.

Abb. 5: Die Polier- und Schleifsteine aus dem Brennofen – aus Sandstein, Diorit und Feuerstein. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Foto: D. Petzold.

Die Schichtaugenperlen, wie auch die kleinen unspezifischen Perlen liefern durch die langen Herstellungs- und Nutzungszeiten keine näheren Datierungshinweise. Die Fibel, deren eiserner Bügel erhalten blieb, und die ein freistehendes Fußende besaß, entspricht Formen solcher Gewandspangen, die, wie die Spiralaugenperlen, zwischen 250 und 150 v. Chr. aufkommen. Damit dürfte die Bestattung an den Beginn der sogenannten Mittellatène gehören. Das Keramikspektrum, insbesondere die bis zum Fuß verlaufende senkrechte Verzierung aus doppelten Leiterbändern und von Strichen eingefassten Tannenzweigenmuster, verweist in die von H. Keiling definierte Stufe IIa und damit in die Frühphase der jüngeren Eisenzeit. Wie die Funde aus Wulkau zeigen, bestand Kontakt mit der keltischen Latènekultur, die von Frankreich im Westen über Süddeutschland bis nach Böhmen und Ungarn reichte und von 450 v. Chr. bis zur Zeit um Christi Geburt dauerte. Zur gleichen Zeit bestand im heutigen Sachsen-Anhalt die Jastorfkultur (575/525 bis 60 v. Chr.). Sie reichte im Westen von der Weser bis zur Oder im Osten, die nördlichsten Ausläufer befanden sich in Jütland. In Sachsen-Anhalt und dem nordwestlichen Sachsen fand die Jastorfkultur ihre südlichste Ausbreitung.

Die Beisetzung in einem Töpferofen abseits des Gräberfeldes und der Verzicht, die Beigaben zu verbrennen und sie erst nach der Totenverbrennung mit ins Grab zu geben, weist die Grablege als eine der wenigen Sonderbestattungen im Bereich der Jastorfer Kultur aus. Die Poliersteine (Abb. 5), die durchaus zur Glättung lederharter Keramik vor dem Brennen von Gefäßen gedient haben können, weisen zwar auf eine Verbindung der Verstorbenen mit dem Töpferofen hin, die näheren Hintergründe für die abweichende Totenbehandlung bleiben allerdings im Dunkeln.

Text: Dominik Petzold
Internetredaktion: Georg Schafferer

 

Weiterführende Literatur

H. Hingst, Töpferöfen aus vorgeschichtliche Siedlungen in Schleswig-Holstein. Offa 31, 1974, 68–107.

H. Keiling, Die vorrömische Eisenzeit im Elde-Karthane-Gebiet (Kreis Perleberg und Kreis Ludwigslust) (Schwerin 1969).

H. Keiling, Kolbow. Ein Urnenfriedhof der vorrömischen Eisenzeit im Kreis Ludwigslust. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte der Bezirke Rostock, Schwerin und Neubrandenburg 8 (Berlin 1974).

K. Kunter, Schichtaugenperlen. In: O.-H. Frey/H. W. Böhme/C. Dobiat (Hrsg.), Glasperlen der vorrömischen Eisenzeit IV: nach Unterlagen von Th. E. Haevernick. Marburger Studien zur Vor- und Frühgeschichte 18 (Espelkamp 1995).

R. Leineweber, Prähistorische Öfen. ABSA 1997.II, 1999, 13–42.

R. Leineweber/K.-U. Uschmann, Experimentelle Branntkalkerzeugung in einem germanischen Grubenofen als Pilotversuch. Jschr. mitteldt. Vorgesch. 83, 2000, 59–82.

R. Meyer-Orlac, Zur Problematik von „Sonderbestattungen“ in der Archäologie. In: K.-F. Rittershofer (Hrsg.), Sonderbestattungen in der Bronzezeit im östlichen Mitteleuropa. Internationale Archäologie 37 (Espelkamp 1997) 1–10.

K.-U. Uschmann, Die trichterförmig eingetieften Brenngruben im Raum zwischen Weser und Oder in der Zeit vom 3. Jh. v. Chr. bis zum 4. Jh. n. Chr. EAZ 33, 1992, 317–326.

K.-U. Uschmann, Kalkbrennöfen der Eisen- und römischen Kaiserzeit zwischen Weser und Weichsel. Befunde - Analysen – Experimente. Berliner Archäologische Forschungen 3 (Rahden, 2006).

J. Wahl, Zur Ansprache und Definition von Sonderbestattungen. Beiträge zur Archäozoologie und Prähistorischen Anthropologie (Stuttgart 1994) 85–106.

B. Weiser, Töpferöfen von 500 bis 1500 n. Chr. im deutschsprachigen Raum und in angrenzenden Gebieten. Ztschr. für Arch. des Mittelalters. Beiheft 15 (Bonn 2003).

M. A. Zepezauer, Mittel- und spätlatènezeitliche Perlen. In: O.-H. Frey/H. W. Böhme/C. Dobiat (Hrsg.), Glasperlen der vorrömischen Eisenzeit III: mit Unterlagen von Th. E. Haevernick. Marburger Studien zur Vor- und Frühgeschichte 15 (Hitzeroth 1993).