Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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September: Der Brakteat des Heinrich von Gardelegen

Von Juni 2013 bis Mai 2014 wurde die Burgstraße in Gardelegen (Altmarkkreis Salzwedel) umfassend saniert. Während der archäologisch begleiteten Tiefbauarbeiten wurde eine Vielzahl an Befunden und Funden dokumentiert und gesichert. Durch den täglichen Einsatz eines Metalldetektors gelang es, Bunt-, Weiß- und Edelmetallobjekte in einem beachtlichen Umfang zu orten und zu bergen. Bei Objekte aus solchen Materialien handelt es sich unter anderem um Schnallen, Heftel, Knöpfe, Beschläge, Fingerhüte, Musketenkugeln und Münzen.

Abb. 1: Der Brakteat Heinrichs von Gardelegen aus der Gardelegener Burgstraße. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Reinhard Heller.

Darunter fand sich auch eine Münze aus dem ausgehenden 12. Jahrhundert – es ist ein einseitig auf Silberblech geprägter stummer  (also ohne Umschrift versehener) Brakteat mit einem Durchmesser von 23 Millimetern (Abb. 1). Dargestellt ist das Brustbild des Münzherrn ohne Kopfbedeckung mit einem Schwert in der Rechten und einer Fahnenlanze in der Linken. Unterhalb des Münzherrn befindet sich ein Doppelbogen, der einen liegenden Schlüssel mit nach links oben weisendem Bart umschließt (Abb. 2).

Die Münze kann Heinrich Graf von Gardelegen, einem Enkel Albrechts des Bären, zugeschrieben werden (Bahrfeldt 1889). Heinrich wurde bald nach 1150 geboren. Sein erstgeborener, kinderloser Bruder Otto (II., der Freigebige) fungierte schon zu Lebzeiten seines gleichnamigen Vaters als Markgraf und regierte nach dessen Tod im Jahr 1184 allein. Zur Sicherung der dynastischen Erbfolge wurde aber Heinrich in die Belehnung einbezogen (Schultze 1961; Beck 2009). Ihm fiel eine Grafschaft im damaligen Balsamland zu, das sich im südlichen Teil der heutigen Altmark zwischen Gardelegen, Stendal und Tangermünde erstreckte. Seinen Wohnsitz nahm er auf der Burg Gardelegen. Heinrichs ausgeprägte religiöse Neigungen führten zum Bau der St. Stephanskirche in Tangermünde und des 'Doms' St. Nikolaus in Stendal nebst Chorherrenstift (Frommhagen 2008; 2009). Sein Plan, ein altmärkisches Bistum als "Mittelpunkt der geistigen Bildung und Kunstpflege in der ganzen Mark Brandenburg" zu schaffen, ging nicht in Erfüllung (Pflanz 1929). Heinrich starb bereits 1192 – ohne Nachkommen zu hinterlassen.

Abb. 2: Der Brakteat Heinrichs von Gardelegen (Zeichnung nach dem Exemplar im Dresdener Münzkabinett von M. Buchholtz) nach Bahrfeldt 1889 (Klischee: J. Bajerski).

Belegt ist, dass Heinrich als Graf von Gardelegen das Münzrecht ausübte und in der markgräflichen Münzstätte in Salzwedel prägen ließ. Im Münzbild ist unter anderem stets ein Schlüssel für Salzwedel und (seltener) die Aufschrift "HEINRICVS COMTE" (auch "HINREVS ICOMTE") erkennbar. Ein stummer, jedoch eindeutig Heinrich zuzuordnender Brakteat (Bahrfeldt Nr. 111) wurde 1878 in Bömenzien nordöstlich von Arendsee in einem Münzschatz gefunden (Dannenberg 1997). In Kusey bei Klötze konnten 1912 ebenfalls mehrere Gepräge Heinrichs – in diesem Fall Brakteaten und Denare, die um 1195 verborgen worden waren – sichergestellt werden (Bahrfeldt 1987). Der nun in Gardelegen aufgetauchte Brakteat war in beiden Funden nicht enthalten.

Nach dem Tod Otto II. im Jahr 1205 trat Albrecht Graf von Arneburg, ein Halbbruder aus zweiter Ehe Ottos I., die markgräfliche Nachfolge als Albrecht II. an. Seine Söhne Johann I. und Otto III. gelangten 1220 zunächst unter Vormundschaft in das Markgrafenamt und regierten gemeinsam bis zu ihrer beider Tod 1266 beziehungsweise 1267. Sie sind als 'Städtegründer' in die Geschichte eingegangen. Auf ihre Initiative geht unter anderem die Gründung der Neustadt Salzwedel im Jahr 1247 zurück. Belegt ist ihre Regentschaft durch zwei weitere in der Burgstraße in Gardelegen geborgene Denare aus den Jahren um 1222 und um 1260.

Der an der Einmündung des Klingbergs in die Burgstraße im nördlichen Gehwegbereich gefundene Brakteat (Abb. 3) war bereits bei früheren Bauarbeiten verlagert worden. Dies erklärt vielleicht die Beschädigungen im Randbereich der Münze. Obwohl sie stratigrafisch nicht sicher zuzuordnen ist, belegt sie dennoch Handel und Wandel in der Gardelegener Burgstraße seit dem Ende des 12. Jahrhunderts – etwa jenem Zeitraum, in dem Gardelegen erstmals als Ansiedlung städtischen Charakters (oppidum) urkundlich Erwähnung fand.

Abb. 3: Bauarbeiten in der Burgstraße an der Fundstelle (rechts an der Innenseite der Bordsteinecke) fünf Wochen nach Auffindung der Münze. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Reinhard Heller.

Autoren: Reinhard Heller, Uwe Fiedler
Internetredaktion: Georg Schafferer

 

Literatur

E. Bahrfeldt, Das Münzwesen der Mark Brandenburg von den ältesten Zeiten bis 1701 (Berlin 1889).

E. Bahrfeldt, Altmärkischer Münzenfund. In: E. Bahrfeldt, Mittelaltermünzen. Ausgewählte Schriften 1881–1928. Herausgegeben von B. Kluge (Leipzig 1987).

L. F. Beck, Die Askanier in Brandenburg. Dynastie und Territorialherrschaft. In: J. Müller/K. Neitmann/F. Schopper (Hrsg.), Wie die Mark entstand. 850 Jahre Mark Brandenburg. Tagung Brandenburg an der Havel 2007. Forschungen zur Archäologie im Land Brandenburg 11 = Einzelveröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs 9 (Wünsdorf 2009) .

H.-D. Dannenberg, Die Brandenburgischen Denare des 13. und 14. Jahrhunderts (Berlin 1997).

U. Frommhagen, Die Stellung der Elbburg Tangermünde innerhalb der altmärkischen Burgenlandschaft vom 9. bis 12. Jahrhundert. Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt 17, 2008, 38–91.

U. Frommhagen, Die Bedeutung der Elbburg Tangermünde innerhalb der altmärkischen Burgenlandschaft. Jahresbericht des Altmärkischen Vereins für Vaterländische Geschichte zu Salzwedel 79, 2009, 5–69.

P. Pflanz, Graf Heinrich von Gardelegen. Lieb Heimatland Gardelegen 5/1, 1929.

J. Schultze, Die Mark Brandenburg. Bd. 1: Entstehung und Entwicklung unter den askanischen Markgrafen (bis 1319) (Berlin 1961).