Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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August: Jupiter auf Abwegen

Abb. 1: Frontalansicht des Ringes. Gut zu erkennen ist die Gemme mit der Jupiterdarstellung. © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták.

Das Fragment eines silbernen Fingerrings mit eingefasster Gemme wurde als Einzelfund durch den ehrenahmtlichen Beauftragten Mike Meilick 2014 bei einer Begehung in Haldensleben nahe der Wüstung Wichmannsdorf, Lkr. Börde entdeckt. Zwar bleibt der Ring ohne Fundzusammenhang, doch lassen Form, Darstellung sowie vergleichbare Funde Rückschlüsse auf seine Herkunft und Bedeutung zu.

Das silberne Ringband ist unterhalb der Schultern gebrochen. Die Fassung, die den Stein rahmt, weist einige Beschädigungen auf. Bei der Gemme handelt es sich um einen zweilagigen weiß-schwarzen Stein, vermutlich einen Onyx (Chalzedon), in den eine figürliche Darstellung vertieft eingeschnitten ist. Bei dieser Technik spricht man von einem Intaglio, im Gegensatz zum erhabenen Bild der Kameen. Die dunklere Schicht ist besonders als umlaufender Rand des Bildfeldes zu erkennen. (Abb. 1 und 3) Der Onyx galt als beliebter Ringstein, der an den Rändern des römischen Reiches (Arabien, Indien, Armenien, Galatien) vorkommt und über Handelswege importiert wurde (Plin. nat. hist. 36,12,59–60).

Die Darstellung auf der Gemme ist sehr abstrahiert und grob in der Ausführung, was die Identifizierung der abgebildeten Figur zunächst erschwert. Ikonographische Vergleiche erlauben die Verbindung mit einem häufig vorkommenden Jupitermotiv, da die Bildelemente und Attribute in dieser spezifischen Zusammenstellung für keine andere Gottheit belegt sind. Auf einer Grundlinie steht der oberste Gott des römischen Pantheons nach links gewandt und ist nur mit einem über den Rücken herabfallenden Mantel bekleidet. Er blickt nach links, trägt einen spitz zulaufenden Kinnbart und einen üppigen Haarkranz, der zusammen mit dem ausladenden Hinterkopf den Eindruck eines Helms erweckt. Den rechten Arm hat er erhoben und auf ein Zepter gestützt, der linke ist gesenkt und hält ein Blitzbündel, das hier als ovales Gebilde vereinfacht ist. Durch Parallelen aus der Steinschneidekunst und Münzprägung erschließt sich auch das Beiwerk zu Füßen des Jupiter: hier sitzt ein Adler, sein Begleittier, der den Kopf erhoben und dem Gott zugewandt hat.

Abb. 2: Rückseite eines Silber Denarius des Kaisers Commodus mit Jupiter-Motiv. RIC Commodus 173.

Das beschriebene Motiv des stehenden Jupiters findet sich bereits seit republikanischer Zeit. Zusammen mit dem Adler ist es jedoch vor allem in der kaiserzeitlichen Münzprägung der 2. Hälfte des 2. und im 3. Jh. n. Chr. belegt. (Abb. 2) Für eine solch späte Datierung spricht zudem der flüchtig vereinfachende Stil der Gemme, da die Steinschneidekunst ab dem 2. Jh. n. Chr. qualitativ abnahm. Überdies ist die Ringform, die sich durch die verbreiternden Schultern und die vom Reif abgesetzte Steinfassung mit Rahmen auszeichnet, typisch für das 2./3. Jh. n. Chr. Motiv und Ringform stimmen somit in der zeitlichen Einordnung überein. Hier liegt also die Erstfassung des Steins und keine spätere Wiederverwendung vor. Eingetiefte Gemmenbilder verweisen in der Regel auf die Verwendung als Siegelring, was in diesem Fall auch die wohl seitenverkehrte negative Darstellung nahelegt, bei der Jupiter das Blitzbündel in der linken, inaktiven Hand trägt.


Darstellung und Fassung bezeugen, dass der Ring dem römischen Kulturkreis entstammt. Der Träger der Gemme hat sich wohl dem Jupiter besonders verbunden gefühlt und sich unter seinen Schutz gestellt. Zudem wurde zahlreichen Edel- oder Halbedelsteinen eine heilbringende- bzw. übelabwehrende Wirkung zugesprochen, sodass der Ring sicherlich ein schutzmächtiges Schmuckobjekt für seinen Träger bedeutete.

Abb. 3: Weitere Ansicht des Gemmenrings von Haldensleben. © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták.

Auf die Frage, wie der Ring aus dem römischen Reich nach Haldensleben kam, sind verschiedene Szenarien möglich. So könnte ihn ein römischer Soldat bei einer Militärexkursion ins innergermanische Gebiet verloren haben. Der Ring kann sich aber auch im Besitz eines Germanen befunden haben. Wie verschiedene Grabbefunde bezeugen, wurden entsprechende Statussymbole nach geleistetem Dienst im römischen Heer (vgl. bspw. Leuna Grab 1/1917) mit in die Heimat gebracht. Wäre der Ring im Rahmen eines Beutezugs in germanische Hände gelangt, so kam ihm sehr wahrscheinlich eine veränderte Bedeutung zu, die der neue Besitzer eher im Materialwert als in seiner Wirkmächtigkeit sah.

 

 

Text: Anne Wolsfeld
Internetredaktion: Imke Westhausen

 

Weiterführende Literatur:

F. Henkel, Die römischen Fingerringe der Rheinlande und der benachbarten Gebiete (Berlin 1913).

LIMC 8,1 428–431. 458–461 s. v. Zeus/Iuppiter (F. Canciani).

R. Laser, Die römischen Fingerringe und Gemmen auf dem Gebiet der DDR. Arbeits- u. Forschber. Sächs. Bodendenkmalpfl. 29, 1985, 133-58.

E. Zwierlein-Diehl, Die antiken Gemmen des Kunsthistorischen Museums in Wien II. Nachträge zu Band I: Die Glasgemmen. Die Glaskameen – Die Gemmen der späteren römischen Kaiserzeit. Teil 1: Götter (München 1979).

 

Abbildungsnachweis:

Abb. 2: numismatics.org/collection/1956.127.1195