Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
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Dezember: Der Sonnengott Sol in Sachsen-Anhalt? Was uns römische Fundmünzen über den Ursprung von Weihnachten verraten

An Weihnachten feiert die Christenheit traditionell die Geburt Jesu Christi. Doch existieren über den tatsächlichen Tag seiner Geburt keinerlei Aufzeichnungen. Entsprechend streiten die Gelehrten  schon seit dem 2. Jahrhundert über die Festlegung dieses Datums. Ein römischer Kalender aus der Mitte des 4. Jahrhunderts, der sogenannte „Chronograph von 354“, fixiert dann erstmals schriftlich den 25. Dezember als: „Natus Christus in Betleem Iudeae“ (MGH.AA 9,71). Bereits in dieser Zeit wurde die Geburt Christi vermutlich auch mit einem eigenen Fest begangen.

Wie kam man aber auf den 25. Dezember? Spielte hier möglicherweise die Wintersonnenwende, welche laut dem Julianischen Kalender auf den 25. Dezember fiel, eine zentrale Rolle? Von den Römern wurde dieser Tag als Geburtstag des „Sol Invictus“, des unbesiegten Sonnengottes gefeiert, was wiederum im „Chronograph von 354“ vermerkt ist (CIL 1,1 S. 278). Ein äußerst passendes Datum, ist es doch der Zeitpunkt an dem die Tage wieder länger werden und das Licht über die Dunkelheit siegt.

Bereits seit republikanischer Zeit besteht in Rom ein Kult des Sonnengottes, hier allerdings noch des „Sol indiges“, des einheimischen Sol. Im Laufe des 1. Jahrhunderts avanciert der Sonnengott, dessen Licht nichts verborgen bleibt, dann zum Schutzgott der römischen Kaiser. Seine Verehrung nimmt stetig zu und spielt auch in der Kaiserlegitimation eine zunehmend wichtigere Rolle. Indem Sol dem Kaiser die Weltkugel übergibt wird er zum Überbringer der Herrschaft. Zudem wird der Ewigkeitsaspekt (aeternitas) der Sonne mit der nicht enden sollenden Regierung der Kaiserdynastie verknüpft. Seit Septimius Severus (193-211) spiegelte sich die Verehrung des Sonnengottes auch verstärkt im Massenkommunikationsmittel der Antike schlecht hin, der Münzprägung. So lässt etwa Kaiser Gallienus (260-268) Münzen prägen, die im Revers (Rückseite) den stehenden Sol Invictus mit Strahlenkrone und Chlamys (Mantel) zeigen. Den gängigen Darstellungskonventionen entsprechend hat Sol den rechten Arm erhoben und trägt in der linken Hand den Globus. Die Umschrift zweier diese Münzen, die bereits vor 1900 in Sachsen-Anhalt gefunden wurden lautete hier ganz eindrücklich: „AETERNITAS AVG“ (Ewigkeit des Erhabenen).

Abb. 1: Revers des einen der beiden Antoniniane des Kaisers Gallienus aus Sachsen-Anhalt, 260-268 n. Chr., RIC V Gallienus 160. © LDA Sachsen-Anhalt.
Abb. 2: Revers des zweiten der beiden Antoniniane des Kaisers Gallienus aus Sachsen-Anhalt, 260-268 n. Chr., RIC V Gallienus 160. © LDA Sachsen-Anhalt.

Infolge des Sieges über das Heer der palmyrenischen Herrscherin Zenobia im Jahr 272 n. Chr., war es dann Kaiser Aurelian (270-275), der Sol Invictus zum Reichsgott erhob, da er seinen Sieg auf die Hilfe Sols zurückführt. Nun findet auch ein neuartiges Motiv Eingang in die Münzprägung und veranschaulicht zudem die Verschmelzung von Kaiser- und Sonnenkult. Ein Antoninian, eine zu diesem Zeitpunkt nur noch gering silberhaltige Münze, des Aurelian kam vermutlich auf dem Handelsweg von Rom nach Sachsen-Anhalt (Abb. 3 und 4). Hier wird der Typus des nackten Jünglings mit Strahlenkrone, nur mit Mantel bekleidet beibehalten. Neu hinzu kommt das Motiv des „Niedertretens der Feinde“. Üblicherweise wird diese Rolle vom Kaiser übernommen oder etwa von Mars (dem römischen Kriegsgott), nicht aber von Sol. Die Verbindung Sols mit dem militärischen Sieg Aurelians ist nicht zu übersehen. Sol wird aus seiner üblichen passiven Position in eine aktive, dynamische Rolle versetzt. Er wird zum Schlachtenhelfer bei der Rückgewinnung des Ostens (oriens), worauf auch die Münzlegende „ORIENS AVG“ verweist. Prägungen mit dieser Umschrift werden unter dem sog. „Sol-Oriens-Typ“ subsumiert. Hier finden sich auch Darstellungen, die zeigen wie der Gott Sol dem Kaiser Aurelian die Weltkugel überreicht. Diese Münzen, die Sol als Bezwinger der Feinde und Überbringer der Herrschaft darstellen, werden auch unter dem Aspekt der Erneuerung, dem Anbruch eines neuen glücklichen Zeitalters, interpretiert. Zudem lässt Aurelian als Zeichen seiner Verehrung für Sol einen Tempel auf dem campus Agrippae (Rom) errichten, der vermutlich am 25. Dezember 274 mit einem rauschenden Fest eingeweiht wurde. (Hieron. Chron. ad Ann. 275 p. Chr.)

Abb. 3: Vorderseite des Antoninian des Kaisers Aurelian aus Sachsen-Anhalt, 274 n. Chr., RIC V Aurelian 64; MIR 47, 130f 10. © LDA Sachsen-Anhalt
Abb. 4: Revers des Antoninian des Kaisers Aurelian aus Sachsen-Anhalt, 274 n. Chr., RIC V Aurelian 64; MIR 47, 130f 10. © LDA Sachsen-Anhalt

Auch unter den Nachfolgern Aurelians besitzt Sol Invictus eine besondere Stellung. Er wird weiterhin als Begleiter (comes) des Herrschers angesehen, was sich auch durch die Prägung der sogenannten „Sol-comes-Münzen“ bezeugen lässt. So nimmt die Darstellung des Sol etwa in der Aes-Prägung des Konstantin I. (306-337) eine überaus dominante Stellung mit enormer Breitenwirkung ein – waren diese Bronzemünzen doch das Kleingeld der Antike. Die Fundmünzen aus Sachsen-Anhalt (Abb. 5 und 6) zeigen den Sonnengott stehend mit Strahlenkrone und Chlamys. Die rechte Hand ist erhoben, in der linken Hand hält Sol den Globus. Die Umschrift lautet: „SOLI INVICTO COMITI“. Dieser Münztyp wird in allen Münzstätten zwischen den Jahren 309 bis 317 mit gleichbleibendem Münzbild und Legenden geprägt. Eine Manifestation des Solkultes und ein Charakteristikum für die Münzprägung Konstantins.

Abb. 5: Revers einer Aes-Münzen Konstantin I.; Rom 317 n. Chr. (RIC VII Rome 78). © LDA Sachsen-Anhalt.
Abb. 6: Revers einer Aes-Münzen Konstantin I.; Trier 313-315 n. Chr. (RIC VII Treveri 41). © LDA Sachsen-Anhalt.

Obgleich Konstantin den Sonnenkult zunächst noch umfänglich verfolgt, enden etwa um das Jahr 325 die vormals so beliebten Sol-Prägungen. Dies lässt sich wohl nicht zuletzt auf die Konstantinische Wende zurückführen. Der Sonnenkult besteht jedoch noch bis ins ausgehende 4. Jahrhundert, ist allerdings spätestens ab dem Jahr 392  per Religionserlass Kaiser Theodosius I. illegal. Dennoch wurde Sol auch weiterhin von der Bevölkerung verehrt, auch von den frühen Christen. So beklagt etwa Papst Leo I. (440-461) den Brauch sich nach dem Aufstieg zur Peterskirche vor der aufgehenden Sonne zu verneigen (Leo I. serm. 27, 4).

Abb. 7: Rom, Deckenmosaik des Juliermausoleums.

Die Parallelen zwischen Sol, der Sonne und Christus sind unübersehbar, ob sie nun vom Papst gutgeheißen wurden oder nicht. So bezeichnet Clemens von Alexandrien (ca. 150 – 215) Christus im „Protreptikos eis tous Hellenas“, mit dem er die gebildeten Heiden zum Christentum zu bekehren versuchte, als „Sonne der Gerechtigkeit“ (prot. 11,114,1-2) bzw. „Sonne der Auferstehung“ (prot. 9, 84,2). In seinen Werken zeigt sich die grundsätzliche Vereinbarkeit von Kult und griechischer Philosophie als Vorstufe der wahren Erkenntnis und des frühchristlichen Glaubens. Womöglich glaubte man auch die Heiden so gewissermaßen abzuholen und auf den rechten Weg zu führen. In einer Weihnachtspredigt des Zeno von Verona († 371/372) wird Sol sowie seine Epitheta (Strahlenkrone und Sonnenwagen, gezogen von vier Pferden) geradezu christianisiert. „Dieser ist unsere Sonne, die wahre Sonne […] Dieser, meine ich, ist es, den ein Kranz von zwölf Strahlen umgibt, nämlich die zwölf Apostel, er ist es, den nicht vier stumme Tiere auf der Bahn um den Erdkreis herumtreiben, sondern die vier Evangelien der Predigt des Heils.“ (CCSL 22, 185,33 – 186,40; Übersetzung: Wallraff, S. 186)

Für die Verbindung spricht zudem ein Gewölbemosaik (um 300. n. Chr.) im Mausoleum der Julier in der Vatikanischen Nekropole (Abb. 7). Es zeigt Christus mit Nimbus und Strahlenkranz im von Ost nach West fahrenden Sonnenwagen, in der linken Hand die Weltkugel.

Die unverkennbare Beziehung  zwischen Sol und Christus deutet darauf hin, dass die Festlegung des Datums der Geburt Christi am 25. Dezember nicht zufällig mit dem Geburtstag des Sonnengottes Sol Invictus zusammenfällt – besonders in einer Zeit, in der Christus metaphorisch gern mit der Sonne verglichen wurde. Die Sol-Christologie wurde im frühen ersten Jahrtausend allgemeinhin positiv bewertet. Die über Jahrhunderte gewachsen Tradition war in der christlichen Bevölkerung akzeptiert. Mit dem Voranschreiten der Christianisierung und der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im ausgehenden 4. Jahrhundert, wird die Verbindung zu den alten heidnischen Bräuchen immer stärker kritisiert bis sie irgendwann ganz verschwindet. Heute ist sie weithin unbekannt, obwohl zumindest der Lichtcharakter des Weihnachtsfestes, der sich insbesondere in der Tradition des Adventskranzes zeigt, noch auf den Ursprung des Festes verweist.

 

 

Text:

Anika Tauschensky

 

Internetredaktion:

Imke Westhausen

 

Weiterführende Literatur:

S. Berrens, Sonnenkult und Kaisertum von den Severern bis zu Constantin I. (193 – 337 n. Chr.), Historia (Stuttgart 2004).

 

H. Förster, Die Anfänge von Weihnachten und Epiphanias. Eine Anfrage an die Entstehungshypothesen, Studien und Texte zu Antike und Christentum 46 (Tübingen2007)

 

R. Göbl, Die Münzprägung des Kaisers Aurelianus (270/275), Moneta Imperii Romani 47 (Wien 1995).

 

D. Knipp, „Christus Medicus“ in der frühchristlichen Sarkophagkunst. Ikonografische Studien der Sepulkralkunst des späten 4. Jahrhunderts, Vigilliae Christianae Supplement 37 (Leiden u.a. 1998).

 

M. Wallraff, Christus versus Sol. Sonnenverehrung und Christentum in der Spätantike, Jahrbuch für Antike und Christentum, Ergänzungsband 32 (Münster 2001).

 

Bildnachweis:

Abb. 7: M. Wallraff, Christus versus Sol. Sonnenverehrung und Christentum in der Spätantike, Jahrbuch für Antike und Christentum, Ergänzungsband 32 (Münster 2001), Taf. VI, Abb. 13.