Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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März: Holz macht Geschichte – Die älteste dendrochronologisch datierte Befestigung Deutschlands

Abb. 1: Digitales Geländemodell des Kemberger Burgwalls. © GeoBasis-DE / LVermGeo LSA, C22-7006480-2015.

Die vorgeschichtlichen Burgen Sachsen-Anhalts waren zu ihrer Zeit mächtige Festungen, oft dicht bevölkert und sicher politisch bedeutend. Da aber ihre einst mächtigen Wälle ausschließlich aus Holz und Erde errichtet wurden, ihre Gräben in den anstehenden Boden eingetieft waren und ihre Innenbebauung aus verputzten Holzhäusern bestand, sind die Reste dieser Burgwälle heute meist nur noch anhand von leichten Unebenheiten im Gelände zu erkennen. Sie werden daher oft nur vom archäologisch geschulten Auge erkannt und sonst kaum beachtet. Doch sie sind für uns wichtige Zeugnisse der überraschend komplexen Gesellschaften in der fernen Vergangenheit. So waren sie insbesondere in Sachsen-Anhalt fast stadtartige Zentren, die den Reichtum des Landes kontrollierten und verteidigten.

Eine der bedeutenden Burgen der Zeit zwischen 1000 und 500 v. Chr. liegt direkt östlich der Altstadt von Kemberg, Landkreis Wittenberg, auf einem ungefähr 150 mal 100 Meter großen Plateau am Rand der sumpfigen Elbaue (Abb. 1).

Sie wird seit dem 16. Jahrhundert als Stadtfriedhof genutzt und ist gegenwärtig ein mit Bäumen bewachsener, würdiger und ruhiger Ort, geschützt durch einen kleinen, gusseisernen Zaun am verflachten Wallrand. In der Vorzeit war der Eindruck ein gänzlich anderer: Ein mächtiger, etwa 15 Meter breiter und möglicherweise über 10 Meter hoher Wall diente dem Schutz der dichten Wohnbebauung im Inneren. Ähnlich wie der heute mächtige Kemberger Kirchturm wird der Burgwall damals weithin sichtbar den Ruhm des Ortes bekundet haben. Der Wall ist bereits auf einem Kupferstich des 18. Jahrhunderts abgebildet (Abb. 2) und galt lange als slawische Burg.

Abb. 2: Kupferstich der Stadt Kemberg mit der ältesten Darstellung des Burgwalls (ganz rechts mit Zaun und Leichenhalle) von 1787. Nach Neumann 1787, Kalenderblatt März.

Erbaut um 968 v. Chr.

Fast alle Keramikscherben, die seit jeher beim Friedhofsbetrieb an die Oberfläche gelangen, können jedoch der späten Bronze- und frühen Eisenzeit zugewiesen werden. Daher gelangte man im Laufe der Zeit zu der Einsicht, dass die Kemberger Anlage in etwa zwischen 1000 und 500 v. Chr. – einer Blütezeit des Burgenbaus im Mittelelbe-Saale-Gebiet – zu datieren sei. Endgültige Klärung brachte eine der vielen kleinen Rettungsgrabungen, die vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (LDA) baubegleitend im Jahr 2009/10 durch Stefan Koch durchführt wurde. In der Baugrube eines neu zu verlegenden Drainagerohrs konnten Hölzer einer zur Befestigung gehörenden Palisade beobachtet werden. Sie wurden geborgen und dendrochronologisch (nach den Baumjahrringen) datiert: Die Bäume, aus denen die Pfosten der Palisade gehauen wurden, datieren um/nach  968 v. Chr. beziehungsweise um/nach 955 v. Chr. Diese Daten sind die ältesten jahrgenauen, die bislang für einen mitteldeutschen Burgwall ermittelt wurden.

2014 – die Grabung am Wallrand

Abb. 3: Holzkonstruktion des Kemberger Walls während der Freilegung. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Anna Swieder.

Im Jahr 2014 entschloss sich das LDA, diesen aufregenden Befund im Rahmen einer kleinen Forschungsgrabung näher zu untersuchen. Ein deutsch-polnisches Team aus Archäologen und Studenten der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und der Kardinal-Stefan-Wyszynski-Universität Warschau führte die Maßnahme unter der Leitung von Louis D. Nebelsick durch. Ziel war die Beantwortung einer Reihe von Fragen, die durch die vorangegangenen Rettungsgrabungen aufgekommen waren. Unter anderem sollte geklärt werden, in welchem Zustand und Umfang die Holzstrukturen unmittelbar am Wallfuß erhalten sind, mit welchen Befunden die Holzstrukturen zu verbinden sind und ob sie sich auch anhand keramischer Funde zeitlich einordnen lassen. Aus denkmalpflegerischer Sicht war die Frage, ob rezente Drainagemaßnamen die Holzerhaltung gefährden, von Interesse. Zu diesem Zweck wurden zwei Schnitte mit einer Größe von insgesamt 80 Quadratmetern im Feuchtwiesenbereich unmittelbar nördlich des Walls angelegt. Es ließen sich komplexe Holzstrukturen dokumentieren, die trotz früherer Drainagemaßnahmen zu einem großen Teil sehr gut erhalten waren. Der wichtigste Befund ist ein unmittelbar vor dem Wallfuß herausragender Holzrost aus mindestens zwei kreuzweise übereinander angeordneten Lagen von Spaltbohlen, die zum Teil über 2 Meter lang sind (Abb. 3).

Abb. 4: Holzpfosten und Holz – unmittelbar vor dem Burgwall geborgen. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Andrea Hörentrup.

Ähnliche hölzerne Substruktionen sind auch von anderen Burgwällen im Gebiet der sogenannten Lausitzer Kultur der Spätbronzezeit zwischen Elbtal und Oder bekannt. In Kemberg diente die Holzkonstruktion wohl als Fundament für den Wall oder eine ihm vorgelagerte Berme, die ein Abrutschen des mächtigen Holz-Erde-Walls in den umgebenden Feuchtboden verhindern sollte. Vor dem Wall errichtete Pfosten dürften zu einer Zaun- beziehungsweise Palisadenstruktur gehört haben (Abb. 4), wie sie bereits bei der Rettungsgrabung 2009/10 festgestellt wurden. Vergleichbare Befunde sind auch an anderen gleichzeitigen Burgwällen gemacht worden. Sie werden unter anderem als Annäherungshindernis beziehungsweise im feuchten Gelände auch als eine Art »Wellenbrecher« gedeutet. Doch in Kemberg datieren die Hölzer vom Rost mit einem Dendrodatum um 861 beziehungsweise um 857 v. Chr. deutlich jünger als die vorgelagerte Palisade. Es handelt sich also um eine mehrphasige Befestigung: In der spätbronzezeitlichen Initialphase wurde lediglich eine Palisade zum Schutz der Siedlung errichtet. Sie ist nach jetzigem Kenntnisstand etwa vier Generationen später, in der jüngsten Bronzezeit, durch einen massiven Holz-Erde-Wall ergänzt worden.

Die in der feuchten Senke vor dem Wall gefundenen Scherben, die zusammen mit kleinen Steinen ein grobes Pflaster bildeten, erzählen eine ähnliche Geschichte. Die erste Phase des Kemberger Burgwalls wird durch ältere waagerecht geriefte Ware angezeigt, die typologisch in die späte Bronzezeit zwischen 1000 und 900 v. Chr. datiert. Einzelne dieser Scherben lagen direkt auf dem Holzrost beziehungsweise zwischen den Hölzern. Die darüber liegenden Schichten enthielten spätbronzezeitliche, aber vor allem früheisenzeitliche Billendorfer Keramik. Diese für die Lausitz typische Keramik ist vor allem an ihrer reichen Verzierung und ihrem Formenreichtum zu erkennen. Kemberg ist die bislang westlichste »Billendorfer Burg«. Auch Sonderformen wie enghalsige Krüge, eine Vogelrassel und beim Salzsieden genutzte Briquetage fanden sich.

Unter den Tierknochen wurden auch Biberknochen entdeckt. Dies macht es wahrscheinlich, dass sich größere Gewässer im Umfeld der Burg befunden haben. Vielleicht lag der Burgwall damals an einem der verschlungenen Altarme der noch »wild« fließenden Elbe.

Dem weiteren Verständnis der Lage und Bedeutung des Burgwalls dienten eine Reihe von Rettungsgrabungen in der Kemberger Altstadt, die zeigten, dass ein Großteil der heutigen Innenstadt in der späten Bronze- und frühen Eisenzeit dicht besiedelt war. Die bedeutet, dass am Anfang des 1. Jahrtausends v. Chr. an dieser Stelle eine stadtartige Großsiedlung mit vorgelagerter Burg die Elbaue beherrschte.

Ein Ende mit Schrecken

Auch das Ende der Kemberger Burg wurde durch unsere Grabung beleuchtet. Im unmittelbaren Vorfeld des Walls waren mächtige Ablagerungen verkohlter Hölzer und rötlicher, gebrannter Lehm zu finden. Die Burg brannte ab – und da die jüngsten Scherben in das 6. Jahrhundert v. Chr. datieren, dürfte dies in einer Zeit geschehen sein, wo die meisten Lausitzer Burgen offenbar durch kriegerische Ereignisse zerstört und aufgelassen wurden. Erst im Mittelalter wird die Burg wieder genutzt. Eine mit buntglasierter neuzeitlicher Keramik und Kacheln gefüllte Grube belegt wohl einen späteren Zusammenhang mit der nahegelegenen ehemaligen Ziegelei.

Die Auseinandersetzungen, die zur Zerstörung und langfristigen Aufgabe des Kemberger Burgwalls geführt haben, sind Teil einer großflächigen kulturellen Neuordnung in Mitteleuropa. Die Bevölkerung der Wittenberger Elbaue nutzte nach der Zerstörung des Burgwalles zum Beispiel Keramik und Metallformen, die eigentlich in Norddeutschland verwurzelt waren. Die seit der frühen Bronzezeit belegte Hinwendung dieses Raumes in Richtung Lausitz und Ostmitteleuropa erlischt und es zeigt sich nun eine stärkere Orientierung Richtung Nordeuropa.

Deutsch-polnisches Miteinander

Neben dem enormen Erkenntnisgewinn war die jüngst am Kemberger Burgwall durchgeführte Grabung auch ein in schöner Erinnerung bleibendes Gemeinschaftsprojekt. Deutsche und polnische Studenten arbeiteten und lebten drei Wochen zusammen und konnten fachlich, aber auch menschlich voneinander lernen. Besonders die herzliche Aufnahme durch die Kemberger und das große Interesse der vielen Besucher der Grabung hat uns beeindruckt.

Detailliertere Informationen zur Ausgrabung in Kemberg und zur vorgeschichtlichen Umgebung des Burgwalls finden sich in dem kürzlich erschienenen Buch »Über den Wallrand geschaut. Der Kemberger Burgwall und sein bronze- und eisenzeitliches Umfeld«.

Text: Louis D. Nebelsick und Anna Swieder
Internetredaktion: Georg Schafferer

 

Literatur

Neumann 1787
J. F. Neumann, Privileg. Zittauisches Historisches, Topographisches, Biographisches monathliches Tage-Buch der neuesten in- und ausländischen Begebenheiten und Anmerkungen (Zittau 1787).