Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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November: Treue bis in den Tod – der Ehering der Sibylla von Röder

Im Zuge des Einbaus einer Fußbodenheizung im Dom zu Zeitz (Burgenlandkreis) mussten im Jahr 1996 Bestattungen im Kircheninneren notgeborgen werden. Eine der tonnengewölbten Grüfte befand sich im nördlichen Kirchenschiff unter dem Platz der 1676 errichteten Kanzel. Dort hatte eine wohl über 60 Jahre alte Frau ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ihre Identität blieb zunächst im Dunkeln, da keine oberirdische Kennzeichnung durch einen Grabstein oder ein Epitaph erhalten war. Die Verstorbene war entsprechend der Sitte der Zeit in einfache, jedoch qualitätvolle, Totenkleidung gewandet, als Schmuck trug sie Armbänder aus Glas oder Bergkristallperlen und einen Fingerring an der linken Hand.

Frontalansicht des Fingerrings mit den ineinander verschränkten Händen, Gold mit Resten farbiger Emaillierung. © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták.

Dieser Ring ist aus Gold gegossen und mit zwei ineinander verschlungenen Händen dekoriert. Sie sind plastisch ausgeführt und auf den Ringschultern wird das Motiv in Form der Ärmel fortgeführt. In einigen Bereichen der Verzierung haben sich Reste von blauem, weißen und schwarzem Email erhalten. Im Inneren des Rings finden die Jahreszahl „1601“ und die Buchstabenfolge „HCDVDO“ eingraviert.

Ab dem 1. Jahrhundert nach Christi etablierte sich bei den Römern die Sitte, dass der Bräutigam einen Ring als Symbol des Brautpreises an seine Verlobte gab. Seit etwa dem 3. Jahrhundert kommt auch das Motiv der ineinander verschränkten Hände auf Ringen vor. Die Handreichung (dextrarum iunctio) war Bestandteil der Vermählungszeremonie, weshalb römische Fingerringe mit dieser Darstellung allgemein als Verlobungs- oder Eheringe gedeutet werden. Das Motiv selbst lebt über die Zeiten bis heute fort. Im Hochmittelalter taucht das Motiv der Handreichung ab dem 12. Jh. wieder verstärkt auf und wird in den zeitgenössischen Schriftquellen als „Handtrouwe“, in modernem Deutsch „Handtreue“ bezeichnet. Eine andere geläufige Bezeichnung ist „Mani in Fede“ (ital. „Hände im Glauben“). Auf den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Ringen dieses Typs deuten zahlreiche Inschriften darauf hin, dass auch sie zumindest Liebesgaben waren, einige können sicherlich auch als Eheringe angesprochen werden.

Zurück zum Ring aus dem Zeitzer Dom. Das Stück weist deutliche Gebrauchsspuren auf, die auf ein langjähriges Tragen hinweisen. Die Buchstabenfolge konnte schließlich aufgelöst und der Jahreszahl 1601 eine Bedeutung zugemessen werden. In diesem Jahr heiratete der Domherr Heinrich Christoph von der Ölßnitz eine Sibylla von Röder. Die Buchstaben „HCDVDO“ lassen sich also in den Namen des Klerikers auflösen. Dass es sich bei der Verstorbenen tatsächlich um seine Frau Sibylla handelte, belegt zudem das Buch, welches ihr ins Grab mitgegeben worden ist. Darauf befinden sich Medaillons, von denen eines das Allianzwappen derer von Röder und von der Ölßnitz zeigt.

 

Seitliche Ansicht des goldenen Fingerrings, auf der Innenseite erkennbar ist die eingravierte Jahreszahl 1601. © LDA Sachsen-Anhalt, Foto: Juraj Lipták.

Offenbar erhielt die Braut zu ihrer Vermählung Anno 1601 diesen Ring, der – so kennen wir es heute noch – mit dem Jahr der Eheschließung und dem Namen des Bräutigams gekennzeichnet ist. Sibylla verlor Ihren Mann bereits 1627, sie selbst starb am 9. Juni 1639 im Alter von 63 Jahren. Die Nutzungsspuren zeugen davon, dass sie den Ehering sicherlich seit ihrer Heirat regelmäßig getragen hat. Schließlich nahm sie ihm mit ins Grab.

Zusammen mit anderen repräsentativen Ehe- und Verlobungsringen wird der Ring nun erstmals in der Sonderausstellung „Ringe der Macht“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zu sehen sein.

 

Text: Susanne Kimmig-Völkner
Internetredaktion: Imke Westhausen

Weiterführende Literatur:
M. Klamm/K. Schulz, Eine Bestattung aus dem Zeitzer Dom. In: H.-J. Beier u. a. (Hrsg.) Finden und Verstehen. Festschrift für Thomas Weber zum sechzigsten Geburtstag = Beitr. Ur- u. Frühgesch. Mitteleuropas 66 (Langenweißbach 2012) 415–434.

S. Krabath, Hoch- und Spätmittelalterliche Fingerringe mit Inschriften – eine Übersicht zu archäologischen Funden in Europa. In: H. Meller/S. Kimmig-Völkner/A. Reichenberger (Hrsg.), Ringe der Macht. Internationale Tagung im Landesmuseum für Vorgeschichte vom 9. bis 10. November 2018. Tagungen Landesmus. Vorgesch. Halle 21 (Halle [Saale] 2019), 511–587.

D. Scarisbrick, Rings. Jewelry of Power, Love, and Loyalty (London 2007).