Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Oktober: Was vom Grauen übrigbleibt – Funde aus dem Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge, Lkr. Harz

Abb. 1: Ausschnitt: Ausschnitt aus dem Laserscan mit dem Lagerbereich in den Zwiebergen östlich von Langenstein, Lkr. Harz. Deutlich erkennbar sind die Plateaus der Barackenstandorte. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Mechthild Klamm.
Abb. 2: Von dem Maschinengewehrstand, der auf dem Berg nördlich des Lagers angelegt war, konnte das Lager überblickt werden, hier Blick auf den Appellplatz. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Mechthild Klamm.

Das KZ Langenstein-Zwieberge, südlich von Halberstadt gelegen, wurde im Frühsommer 1944 als Außenlager des KZ Buchenwald errichtet. Die Gefangenen und Zwangsarbeiter sollten für die Untertage-Verlagerung der Produktion der Halberstädter Junkers-Werke zusammen mit örtlichen Baufirmen ein Stollensystem in den nördlich gelegenen Thekenbergen ausschachten.

Das Lager lag kaum einsehbar in einem Talkessel östlich von Langenstein (Abb. 1). Von der nördlich gelegenen Anhöhe wurde das Lager von einem Maschinengewehrstand aus überwacht (Abb. 2). Auf dem auf der vorhandenen Freifläche angelegten Appellplatz hatten sich die Gefangenen jeden Morgen aufzustellen, wobei auch die nachts gestorbenen Gefangenen mitgebracht werden mussten. Die Gebäude wurden teils auf der Freifläche und größtenteils zwischen den Bäumen des südlich angrenzenden Waldgebietes errichtet, wobei die unteren Äste der Bäume entfernt wurden, um einen Überblick über das Lagergelände zu haben. Technisch ausgebildete Gefangene, deren Kenntnisse man benötigte und die daher besser behandelt wurden, lebten im so genannten Junkers-Lager innerhalb des KZ. Unmittelbar westlich an das KZ angrenzend befand sich das Lager der SS-Wachleute, die ebenfalls in Baracken wohnten, die aber sicherlich komfortabler ausgestattet waren.

Abb. 3: Noch erhaltener Teil einer Lagerbaracke, die wieder aufgestellt wurde. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Mechthild Klamm.
Abb. 4: Reste der Sanitäranlagen (Waschtische) im KZ. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Mechthild Klamm.
Abb. 5: Todeskiefer an der südöstlichen Lagerecke, an der Todesurteile vollstreckt wurden, wobei die Gefangenen zuschauen mussten. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Mechthild Klamm.

Die Belegungsstärke des Lagers betrug etwa 5000 Gefangene, wobei die Gefangenen äußerst beengt in den Baracken (Abb. 3) mit gesondert angelegten, unzureichenden Sanitäranlagen (Abb. 4) untergebracht waren. Die Insassen waren ihrer Identität beraubt, da sie nur noch als Nummer wahrgenommen wurden, die auf die gestreifte Häftlingskleidung aufgenäht war. Darüber war ein farbiger Winkel angebracht, der die Gefangenen kategorisierte, wie Jude, politischer Gefangener oder Homosexueller. Von dieser Einstufung hing auch ab, wie intensiv die tägliche Gewaltanwendung gegenüber den jeweiligen Gefangenen war. Bei kleinsten Vergehen wurde die Todesstrafe verhängt, die an verschiedenen Orten vollzogen wurde, unter anderem an der Todeskiefer an der südöstlichen Ecke des Lagers (Abb. 5). Die Lagerinsassen mussten bei den Hinrichtungen zuschauen.

Alle persönliche Habe wurde den Gefangenen abgenommen, die nur noch über die (im Winter unzulängliche) Gefängniskleidung verfügten sowie über ein Behältnis für das Essen und eine Tasse. In Langenstein handelte es sich dabei zumeist um braunes oder rotbraunes Emaillegeschirr in leicht voneinander abweichenden Formen (Abb. 6 und Abb. 7). Der oder die Hersteller dieser Emaillewaren sind derzeit unbekannt, möglicherweise stammen sie aus dem nahe gelegenen Thale. Einige Gefangene hatten in ihre Schüssel  ein randliches Loch gebohrt und einen Aluminiumdraht hindurchgezogen, um das Gefäß aufhängen zu können (Abb. 8). Der Besitz dieser Gefäße war überlebenswichtig, denn das Überleben hing unter anderem von der täglichen, wenn auch ungenügenden, Essensration ab und Trinken war vor allem in den staubigen Stollen dringend notwendig.

Abb. 6: Zu einem Sieb umgearbeitete Schüssel. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Juraj Lipták.
Abb. 7: Auch Tassen gehörten zur Ausstattung der Gefangenen, um das Überleben zu sichern. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Juraj Lipták.
Abb. 8: Der Besitz einer solchen Schüssel war überlebensnotwendig, um darin die tägliche, knapp bemessene Essensportion zu erhalten. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Juraj Lipták.
Abb. 9: Grubenlampe (Karbidlampe), die zur Arbeit im Stollen benötigt wurde. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Juraj Lipták.

Ansonsten waren die Gefangenen mit Werkzeugen, beispielsweise Schaufeln ausgestattet, die sie für ihren täglichen Arbeitseinsatz benötigten. Die Arbeit, die durch die Gefangenen geleistet werden musste, wie der Abtransport des Gesteins aus den Stollenanlagen, war körperlich überaus schwer. Das Licht in den Stollen wurde unter anderem durch Karbidlampen erzeugt (Abb. 9).

Insgesamt wurden etwa 7000 Gefangene in das KZ verbracht, von denen ungefähr 2000 bis April 1945 verstarben. Die Toten wurden zunächst in das Krematorium nach Quedlinburg gefahren und dort verbrannt, später in Gruben im Lager oder dessen nahem Umfeld geworfen.
Im April 1945 wurden 3000 Gefangene auf einen Todesmarsch geschickt, den nur 500 Gefangene überleben sollten. Etwa 1800 nicht mehr lauffähige, kranke und geschwächte Gefangene verblieben trotz der Furcht, erschossen zu werden, im Lager, wo sie von den amerikanischen Soldaten gefunden wurden. Trotz der anfänglichen medizinischen Unterstützung durch die US Army verstarben viele im Laufe des Sommers 1945 und wurden ebenfalls in verschiedenen Massengräbern im Lager oder in dessen Umgebung verscharrt.

Nachdem die verbliebenen ehemaligen Häftlinge und weitere Zwangsarbeiter (meist aus Osteuropa), die sich zumeist in den besser erhaltenen Baracken der im April geflohenen SS-Wachmannschaft aufgehalten hatten, das Lager verlassen hatten, wurde es im Sommer 1945 aufgelöst. Dabei fanden viele Lagereinrichtungen, wie die Baracken, aber auch die Kanalisationsrohre, anderweitig Verwendung.

Abb. 10: Das nordöstlich außerhalb des Lagers angelegte Massengrab, bestehend aus mehreren Einzelgruben, ist heute als Gedenkort gestaltet. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, Mechthild Klamm.

Seit 1949 ist das Lager Gedenkstätte, wobei die Massengräber als besondere Gedenkorte gestaltet wurden (Abb. 10). Im Gelände sind noch verschiedene Strukturen der ehemaligen Baulichkeiten, wie die Plateaus der Barackenstandorte oder Reste der Sanitäreinrichtungen erkennbar.

Viele Strukturen des Lagers lassen sich heute im Gelände aber nur mit einem geschulten Blick erkennen oder mit archäologischen Mitteln und Methoden nachweisen. Oberflächenscans geben einem Überblick über das gesamte KZ-Areal und dessen Umgebung, während durch geophysikalische Untersuchungen auf den waldfreien Flächen, durchgeführt durch das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, zusätzliche Erkenntnisse zur inneren Gliederung des Lagers gewonnen werden konnten.

Das geborgene Fundmaterial, das zweifellos aus der kurzen Zeit der Existenz des Lagers von 1944 bis 1945 stammt, gibt einen authentischen Einblick in das Leben, Arbeiten und Leiden der Gefangenen im KZ Langenstein-Zwieberge.

 

Text: Mechthild Klamm, Olaf Kürbis, Andreas Stahl

Internetredaktion: Imke Westhausen