Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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April: Wo sind die Paläste? Erste Hinweise auf ein herrschaftliches Anwesen der frühen Aunjetizer Kultur

Immer mehr verdichten sich die Hinweise, dass sich in der frühbronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur ein streng hierarchisches, dynastisches Herrschaftssystem mit einer starken Differenzierung herausbildete. Dies äußert sich nicht nur in den überdimensionierten Grabhügeln („Fürstengräbern“), deren Größter, der ehemalige, heute abgetragene Hügel „Bornhöck“, möglicherweise dem „Herrscher der Himmelsscheibe“ zuzuordnen ist. Mit einem Durchmesser von 65 Metern und einer Höhe von vermutlich 15 Metern war er einer der größten bronzezeitlichen Grabhügel Mitteleuropas. Aber auch die Zusammensetzung von Hortfunden, beispielsweise denen von Dieskau, soll diese Hierarchien widerspiegeln, so jedenfalls eine verbreitete Forschermeinung. Derartige Waffenhorte stellen demnach hierarchisch stratifizierte Armeen dar: Das Fußvolk werde durch einfache Beile abgebildet, während beispielsweise den Heerführern Stabdolche zugeordnet werden.

Setzt man Fürstenhierarchien mit einer stark stratifizierten Gesellschaft voraus, so ist man verwundert, dass sich dies nicht in den spärlichen Befunden zur Architektur niederschlägt. Von frühbronzezeitliche Hausstellen kennt man jedoch nur die üblichen Pfostenstellungen, die insgesamt wenig Spektakuläres vermuten lassen. Wo aber sind die gewaltigen Palastanlagen? Wo regierte der Herr der Himmelsscheibe, der Fürst von Dieskau? Und wie war sein Palast beschaffen? Oder regierte er gar als Reisekanzler nach dem Modell “Wanderzirkus“?

Eine jüngste Entdeckung an einem Stabdolch aus dem Hortfund Dieskau III könnte helfen, diese Wissenslücke zu schließen.

Gefunden wurde er bereits 1937 und besteht aus 293 Beile, zwei ganzen und einer halben Doppelaxt, vier Ringen, einer Stabdolchklinge, sechs Armspiralen und weiteren Bronzefragmenten. Insgesamt umfasst er etwa 45 kg Bronze und zählt damit zu den umfangreichsten Metallhorten der Frühbronzezeit in Mitteldeutschland. Seit dem Jahr 2010 ist der Hortfund neben seinem Schwesterfund, dem Hortfund Dieskau II, zentraler Bestandteil der Dauerausstellung im Landesmuseum im Abschnitt frühe Bronzezeit. Seine Bestandteile sind hier wie ein Altartriptychon arrangiert und bereiten den ehrfürchtigen Besucher stimmungsmäßig auf den darauf folgenden Raum mit der Himmelsscheibe vor.

Abb. 1: Dieses Bild präsentierte sich den Restauratoren nach dem Unfall. Alles liegt durcheinander, hoffentlich ist nichts beschädigt. © LDA Sachsen-Anhalt.

Ein kleiner Unfall im Februar 2020 führte dazu, dass sämtliche Funde des Hortfundes mit modernster Technik neu untersucht werden mussten: Während einer museumspädagogischen Veranstaltung, bei der Kinder an  frühbronzezeitliche Kampftechniken in Rollenspielen herangeführt werden sollten, gerieten einige der Kampfhähne derart aneinander, dass die Vitrine in Folge eines unsanften Stoßes erschüttert wurde, und sämtliche Exponate aus der Aufhängung sprangen und zu Boden stürzten. Glücklicherweise schienen die Stücke, die nun in einem ungeordneten Haufen am Boden der Vitrine lagen, äußerlich unbeschädigt. (Abb. 1)

Zur Kontrolle wurden sie jedoch in die Werkstatt des Museums verbracht, um sie einer genaueren Prüfung unterziehen zu können. Dazu gehörte auch der Einsatz eines modernen Photonenabtasters. Dabei werden mittels eines Teilchengenerators Photonen erzeugt, die anschließend auf nahezu Lichtgeschwindigkeit beschleunigt werden und auf das zu untersuchende Objekt geschleudert werden. Viele dieser Elementarteilchen bleiben im Objekt, einige aber prallen ab und können von einem Detektor registriert werden. Aus der Flugrichtung und Geschwindigkeit, der vom Objekt zurück geworfenen Teilchen kann im Computer ein zweidimensionales Bild der Objektoberfläche erzeugt werden.

Bei der Untersuchung der Funde stellte sich glücklicherweise heraus, dass bei dem Unfall keine gravierenden Schäden entstanden waren. Dafür wurden aber auf der Klinge von einem der Stabdolche Strukturen sichtbar, die vorhergegangenen Wissenschaftlergenerationen bislang entgangen waren. Sie bestehen aus Netzwerken vorwiegend rechtwinkelig zueinander verlaufender, teils unterbrochener Linien.  (Abb. 2)

Abb.2: Linienmuster auf der Stabdolchklinge von Dieskau III. © LDA Sachsen-Anhalt.
Abb. 3: Der Palastplan von Dieskau. Eine Interpretation: A. Königshalle; B. Schmiedewerkstatt des Königs; C. Die Gemächer der Priesterinnen. © LDA Sachsen-Anhalt.

Die untersuchenden Fachleute erinnerten diese Muster spontan an „Stadtpläne“, und sie sollten wahrscheinlich Recht behalten. Und es wären keine studierten Prähistoriker, sollten ihnen nicht dabei gleich die bekannten Strukturen minoischer Paläste auf Kreta einfallen. In der Tat: eingehende Studien der entsprechenden kretischen Paläste, angefangen von Knossos bis Zakros, unterstreichen, dass der Vergleich keinesfalls abwegig ist. Im Gegenteil, vermutlich hatte ein geschickter Graveur oder Ziseleur auf dem ranganzeigenden Dolch die Grundrissstruktur des Herrscherpalastes eingezeichnet: möglicherweise deshalb, weil er den Kammerdiener des „Himmelsscheibenfürsten“ als Insignie legitimieren sollte. Vielleicht diente der Plan dem „Würdenträger“ auch einfach als Orientierungshilfe im „Labyrinth von Dieskau“.

In der Tat kann man in den komplexen Netzwerkstrukturen der skizzierten Palastanlagen sogar einzelne Funktionsbereiche identifizieren: so die Königshalle, die Schmiedewerkstatt des Königs oder die Gemächer der Priesterinnen. (Abb. 3)

 

Abb. 4: Dazu im Vergleich: Die Palastanlage von Knossos, frei nach dem Originalplan von Arthur Evans aus dem Jahr 1923. © LDA Sachsen-Anhalt.

In den Strukturen der Palastanlagen von Knossos verbergen sich im Übrigen geheime Informationen. Diese lassen sich in der oben gezeigten Abbildung sogar schon mit einem handelsüblichen „Smartphone“ ergründen. (Abb. 4)

Text: Iannis Psevtaras

Internetredaktion: Imke Westhausen