Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Februar: Ringrätsel – ein Ring mit merkwürdigen Zeichen aus Magdeburg

Abb. 1: Kupferring aus der Wüstung Trumpitz bei Magdeburg nach der ersten Bearbeitung in der Restaurierungswerkstatt. Die eingravierten Zeichen sind deutlich zu erkennen. © LDA, Vera Keil.

Westlich des Neustädter Sees in Magdeburg barg der ehrenamtliche Beauftragte Stefan Falkenberg im Sommer 2019 einen achteckigen Fingerring. (Abb. 1) Der Fundort befindet sich innerhalb der ehemaligen Wüstung Trumpitz (auch: Trumsitz). Der Ring aus Buntmetall mit hohen Kupferanteil trägt auf jeder seiner Facetten eingravierte Zeichen. Bei einem davon handelt es sich um ein etwa gleichschenkliges Krückenkreuz, die übrigen scheinen Buchstaben zu sein. Jedoch ist ihre Bedeutung zum jetzigen Zeitpunkt unklar. Die Zeichen bestehen aus senkrechten Strichen mit serifenartigen Enden und sind entweder paarweise oder einzeln auf den Facetten eingraviert.

Abb. 2: Inschriftenring von Paußnitz, Silber, um 1200. Das Krückenkreuz markiert den Beginn der Inschrift. © LDA, Juraj Lipták.

Im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle befindet sich seit 120 Jahren ein Inschriftenring aus dem sächsischen Dörfchen Paußnitz bei Riesa. (Abb. 2) Als er 2001 im Depot „wiederentdeckt“ wurde, gab er mit seiner Inschrift ebenfalls Rätsel auf. Auch er zeigt ein Krückenkreuz, das Zeichen für den Beginn einer Inschrift im Mittelalter, nicht nur auf Ringen oder Schmuckstücken, sondern auch auf größeren Objekten mit Text. Nachdem zahlreiche Anfragen bei Schriftexperten zur Deutung der Zeichen auf dem Ring von Paußnitz ergebnislos blieben, war es genau dieses Kreuz, das den wichtigsten Anhaltspunkt für eine Entzifferung bot. Es zeigt, wo mit der Lesung begonnen werden soll – blieb nur noch die Frage in welcher Richtung. Schließlich stellte Friedrich Röhrer-Ertl eine mögliche Lösung 2002 vor. Als „NAINE MI XPS“ können die Zeichen transkribiert werden. Der Sprachhistoriker Harald Saller konnte bestätigen, dass es sich um mittelhochdeutsche Worte handelt, die ins Neuhochdeutsche übersetzt lauten: „Verneine mich, Christus“. Mehr über den Ring von Paußnitz gibt es hier zu erfahren. Als zentrales Ausstellungsstück der Sonderausstellung „Ringe der Macht“ ist er natürlich noch bis 1. Juni 2020 bei uns im Landesmuseum „live“ zu bewundern.

Abb. 3: Verschiedene geheime Alphabete nach Johannes Trithemius aus dem 16. Jh. Solche Verschlüsselungen verwendeten Magier, um Unkundigen die Nutzung der Zaubersprüche zu erschweren (nach Lecouteux 2013, 182).

Doch zurück zum Magdeburger Ring. Hinter Inschriftenringen verbergen sich mitunter Amulette und magische Ringe. Sie besitzen die Macht Krankheiten zu heilen, vor Unheil zu schützen, unsichtbar zu machen, Liebeszauber zu bewirken, den Träger sympathisch wirken zulassen oder ihm Reichtum zu verschaffen, sie verhelfen zu Macht über Geister und Dämonen und Vieles mehr.  Die Materialien, die nach den mittelalterlichen Zauber- und Medizinbüchern für die magischen Ringe verwendet werden sollen, sind vielfältig. Häufig ist es Silber oder Gold, aber auch Blei, Eisen und Kupfer finden sich unter den Zutaten für die Zaubermittel. Außerdem existieren Rezepte bei denen aufwendige Legierungen zum Einsatz kommen. Während manche Ringe durch die Kombination des Ausgangsmaterials mit bestimmten Edelsteinen (auch in Form von Gemmen) wirksam werden, bewirkt bei anderen eine Inschrift ihre Zaubermächtigkeit. Dazu gehören Wörter, ganze Sätze oder Abkürzungen bestehend aus einzelnen Buchstaben. Daneben gibt es zahlreiche schriftähnliche Zeichen, die graviert werden können. Dazu zählen z. B. unzählige Symbole für Engel und Dämonen oder Tierkreiszeichen. Auch „Geheimschriften“ konnten beim Niederschreiben von Zauberwörtern oder -Sprüchen zum Einsatz kommen. (Abb. 3) Sie wurden über Jahrhunderte von Magiern und Zauberern entwickelt, um der Magie Unkundige an der Anwendung von Ritualen zu hindern, die sie dann mangels Sachkenntnis nicht beherrschen könnten. Manche dieser Schriften harren bis heute der Entschlüsselung. Das deutliche Krückenkreuz ist ein starkes Indiz dafür, dass wir es bei dem Ring aus der Wüstung Trumpitz mit einem magischen Ring zu tun haben. (Abb. 4)

Derjenige, der den Zauber wünscht, muss den Ring auch nicht selbst anfertigen. Viele Rezepte gehen davon aus, dass der Hersteller das nützliche Schmuckstück für einen Dritten fertigt. Zum einen natürlich, weil nur ein Magier oder Zauberer in der Lage ist, einen magischen Gegenstand zu fertigen, zum Anderen weil der Ring nur wirkt, wenn er von einem Menschen reinen Herzens gemacht wird. Daraus lässt sich schließen, dass der Auftraggeber zumindest an die dem Ring innewohnende Magie glaubte. Über seinen eigenen Bildungsstand oder seine Herkunft lässt sich auch deshalb hier nichts aussagen. Auch eine Datierung lässt der Ring nicht zu. Solche Ringe kommen seit dem Hochmittelalter (11. Jahrhundert) bis ins 16. Jahrhundert oder gar noch länger vor.

Zum jetzigen Zeitpunkt bleibt der Forschung, diesen Ring in den Katalog der Inschriftenringe mit unklarer Inschrift aufzunehmen. Sollte in der Zukunft eine plausible Erklärung der geheimnisvollen Zeichen gefunden werden, kann auch die kulturhistorische Bedeutung des Funds weiter untersucht werden.

 

Text:
Susanne Kimmig-Völkner, Vera Keil

Internetredaktion:
Imke Westhausen

Abb. 4: Kupferring aus der Wüstung Trumpitz bei Magdeburg. Umzeichnung des Rings und der eingravierten Zeichen. Deutlich zeichnet sich das Krückenkreuz ab. © LDA, Brigitte Parsche

Weiterführende Literatur:

H. Meller/S. Kimmig-Völkner/A. Reichenberger (Hrsg.), Ringe der Macht. Internationale Tagung vom 09. bis 10. November 2018 in Halle (Saale). Tagungen des Landesmuseums für Vorgeschichte Halle (Halle [Saale] 2019).

Darin:
A. Reichenberger, Die Vielfalt der Ringe. Eine Einführung, 17-59.

F. Röhrer-Ertl, Paußnitz revisited oder: vom Ring nichts Neues?, 91-103.

S. Krabath, Hoch- und spätmittelalterliche Fingerringe mit Inschriften – eine Übersicht zu archäologischen Funden in Europa, 511-587.

C. Lecouteux, The Book of Grimoires. The Secret Grammar of Magic (Rochester, Toronto 2013).