Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Januar: Tote aus dem 30jährigen Krieg - Archäologie beim Bau des Bahnhofstunnels Magdeburg

Abb. 1: Grabungsplan des Befundes © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juliane Huthmann.

20. Mai 1631! Ein Tag, der für Magdeburg eine verheerende Bedeutung hat und auch unter dem Namen „Magdeburger Hochzeit“ in die Geschichte eingegangen ist.

Magdeburg, seit 1524 bekennend lutherisch und auch Zufluchtsort vieler Anhänger Luthers, die während des 30-jährigen Krieges hierher geflohen waren, widersetzt sich vehement den Soldaten von Kaiser Ferdinand II, die bereits seit Ende November 1630 die Stadt belagern. Bis zuletzt hoffen die Magdeburger auf die Unterstützung der verbündeten, schwedischen Truppen von König Gustav Adolf. Diese werden jedoch von General Tillys Truppen an der Oder aufgehalten und so daran gehindert nach Magdeburg vorzustoßen. Nach drei verstrichenen Ultimaten, welche die Magdeburger auffordern, die Stadt freiwillig zu übergeben, gibt Tilly, der mit rund 30000 Soldaten vor der Stadt liegt, am besagten Tag den Befehl, die Stadt zu stürmen. Bis zum 24. Mai, als auf Befehl Tillys die Kriegshandlungen eingestellt werden, wird in Magdeburg gebrandschatzt, geplündert, vergewaltigt und Frauen, Kinder, Männer, die sich bei den Soldaten nicht freikaufen, ohne Unterschied auf Herkunft und Stand getötet. Dieses Massaker, dem etwa 20000 Menschen zum Opfer fallen, macht aus der einstigen Stadt ein Dorf!

Spuren dieser Verwüstung finden sich bei fast allen archäologischen Grabungen in der Stadt. Doch wohin kamen all die vielen Toten? Nach Überlieferung Otto von Guerickes, der von 1630 bis 1631 im Rat der Stadt vertreten und ab 1646 hiesiger Bürgermeister war, wurden die Opfer in die Elbe geworfen. Und es waren so viele, dass ihre Körper aus dem Wasser ragten. Es ist, aufgrund der großen Anzahl an Opfern, aber auch anzunehmen, dass einige an verschiedenen Stellen in der Stadt niedergelegt wurden.

Eine dieser Niederlegungen wurde nun bei den Bauarbeiten für den Bahnhofstunnel in der Ernst-Reuter-Allee archäologisch dokumentiert.

 

Abb. 2: Foto der Befundsituation © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juliane Huthmann.

Dokumentiert wurde eine regulär angelegte, viereckige Gruft, in deren Westhälfte vier Särge standen, wobei aber lediglich drei einen Toten (zwei Kleinstkinder und ein männlicher Erwachsener) beinhalteten.

Abb. 3: Miniaturgefäß aus Faststeinzeug © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Vera Keil.
Abb. 4: Verformte Musketenkugel © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juliane Huthmann.

Zwischen den Särgen befand sich ein Miniaturgefäß aus Faststeinzeug, das nur grob in das 16./17. Jh. datiert werden kann. Auf einer Art Holzabdeckung lagen drei weitere komplette Skelette, die beim Einbrechen der Abdeckung verkippten. Der gesamte östliche Bereich, wo sich vermutlich auch der Eingang befunden hat, ist durch starke Verwüstungen charakterisiert. Hier liegen die Reste weiterer Särge - in Form von Holzbrettern und Sargnägeln - und Knochen, die sich z.B. im Falle eines Armes mit Hand teilweise noch im Verband befunden haben, quer durcheinander. Eine weibliche Person lag bäuchlings nord-süd-ausgerichtet am Ostende der Gruft, wurde also lieblos hinein geworfen. In der Nähe eines erwachsenen Mannes, von dem aber lediglich die rechte Körperhälfte und die Wirbelsäule vorhanden waren, konnte eine deformierte Musketenkugel geborgen werden. Ob diese jedoch in Zusammenhang mit dem Toten steht, ist unklar. Eine Schussverletzung konnte bei der anschließenden Untersuchung der Knochen nämlich nicht festgestellt werden.

Anders bei den Knochen, die sich darüber befanden. In einer zirka 50 cm starken Aufschüttung lagen unzählige Knochen bunt vermengt, von denen einige Spuren stumpfer Gewalteinwirkung aufwiesen. So konnten an einem Schädel beispielsweise an drei Stellen schwere Hiebverletzungen nachgewiesen werden.

Abb. 4: Im Knochenverband erhaltener Arm © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juliane Huthmann.
Abb. 5: Schädel mit deutlich sichtbaren Hiebverletzungen © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juliane Huthmann.

Wie lassen sich aber nun der vorgestellte Befund und die anfängliche Geschichte in Einklang bringen? Im Laufe seiner Geschichte ist Magdeburg mehrfach Gegenstand kriegerischer Auseinandersetzung geworden. In unserem Zeitrahmen, der durch das Miniaturgefäß und die abgeschossene Musketenkugel gegeben ist, fallen insgesamt zwei Ereignisse, die zu solchen Verletzungen geführt haben könnten: Zum einen wurde die Stadt 1550/51 zum Ende des Schmalkaldischen Krieges belagert und zum anderen im bereits erwähnten 30-jährigen Krieg. Während die letztgenannte die bereits geschilderten verheerenden Auswirkungen hatte, verlief die Belagerung in der Mitte des 16. Jh. glimpflich für Magdeburg ab. Außerdem handelt es sich bei der Gruft um eine Grabstätte, die außerhalb der Magdeburger Stadtbefestigung angelegt wurde. Dies war jedoch unüblich, da seit dem Mittelalter lediglich auf den innerstädtischen Friedhöfen bestattet wurde. Allerdings ist bekannt, dass in den ersten Jahren des 17. Jh. die Stadt beim Erzbistum den Antrag stellte, aufgrund der überfüllten Friedhöfe einen neuen Friedhof vor dem Ulrichstore, das sich nicht weit von der Grabungsstelle entfernt befunden hat, anzulegen. Die Knochen können aber auch nicht zu einem späteren Zeitpunkt in den Boden gelangt sein, da sich an dieser Stelle das Glacis des am Ende des 17. Jh. angelegten Festungsringes befunden hat.

Abb. 7: Teilweise schon vor Ort wurden die Skelette durch einen Anthropologen (Chr. Meyer) untersucht © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juliane Huthmann.

Diese Aspekte vor Augen stellt sich nun die Entwicklung unseres Befundes wie folgt dar:

Die Gruft wurde in einer – vermutlich relativ kurzen – Zeit vor der Belagerung der kaiserlichen Soldaten auf dem von der Stadt beantragten, neuen Friedhof angelegt. Wütend über die lange Belagerungszeit und dem schon lange ausstehenden Sold machten sich die Soldaten über die Toten her, in der Hoffnung noch wertvollen Schmuck oder ähnliches zu finden. So entstanden voraussichtlich die Verwüstungen im östlichen Bereich der Gruft, der hintere, westliche Bereich war wahrscheinlich aufgrund der eingesackten Holzabdeckung nicht mehr zugänglich. Da sich, wie der erwähnte Arm mit Hand, einige Knochen noch im anatomischen Verband befunden haben, ist davon auszugehen, dass die Bestatteten noch nicht vollständig skelettiert waren. Einige Zeit nach dem Überfall auf Magdeburg wurden die sterblichen Überreste einiger Opfer des Massakers hier über den regulären Bestattungen in den Boden verbracht.

Text: Juliane Huthmann

Internetredaktion: Imke Westhausen