Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Landesmuseum für Vorgeschichte
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Juni: Obacht vor falschen Predigern! Eine mittelalterliche Ofenkachel mit Bildmotiv der »Gänsepredigt«

Abb. 1 Unstruttal mit Freyburg von Westen, Julius Hennicke, Aquarell 1854, Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, Plankammer, Inv. Nr.: Aqu-Sg. Nr. 1197 (Ebert u.a. 2003, 101 Kat. 28).
Abb. 2 Grundriss von Freyburg, 1858 (Ebert u.a. 2003, 18 Abb. o. Nr.).

Die Stadt Freyburg an der Unstrut im Burgenlandkreis liegt in einer uralten, seit der Steinzeit besiedelten Kulturlandschaft inmitten zahlreicher Weinberge (Abb. 1). Hoch über der Stadt thront die eindrucksvolle mittelalterliche Neuenburg. Der historische Stadtkern weist ein weitgehend einheitliches spätmittelalterliches Straßenbild mit rechtwinkligem Straßennetz mit zentralem Marktplatz und überwiegend historischem Baubestand auf (Abb. 2; Ebert u.a. 2003, Säckl 1994).

An der nordwestlichen Ecke des Marktplatzes, Markt 7, stand ein Barockhaus (Barock: Ende 16. Jh. bis ca. 1760/70), in das spätgotische Baureste und ältere Kellersysteme einbezogen waren (Abb. 3). Als das Haus 2001/02 durch einen Neubau ersetzt wurde, kam bei den archäologischen Begleituntersuchungen ein überaus interessanter Fund, eine Ofenkachel (Inv.-Nr. 482:17:15) zutage.

Diese lag in einer Gebäudeecke, etwa 1,20 m unter Oberkante Gelände, die nach Deutung der Befundsituation als Keller anzusprechen ist, der teils in den Untergrund eingetieft, teils in das Aufgehende integriert war. Wohl bei der barocken Neugestaltung des Eckgrundstückes wurde der Keller niedergelegt.

Abb. 3: Der historisches Marktplatz von Freyburg; Fotografie 6. Juni 1904 (Säckl 1994, 91 m. Abb.).

Was die Ofenkachel so besonders macht, ist das auf ihr dargestellte Bildmotiv, das in die spätmittelalterliche religiöse Welt am Vorabend der Reformation einzuordnen ist (für Hinweise zur Deutung des Bildmotivs danken wir Professor Klaus Krüger, Universität Halle). Bei der Ofenkachel handelt es sich um eine sogenannte Blattkachel aus roter Irdenware (Abb. 4, 5). Sie setzt sich aus einem langen Körper, dem Tubus, und einer quadratischen Platte mit reliefierter Schaufläche, dem Masseblatt, zusammen. Der Tubus ist ca. 15,5 cm tief und hat rückseitige eine kreisrunde Öffnung mit einem Außendurchmesser von ca. 10,0 cm. Die Frontalaufsicht mit dem Bildmotiv trägt die Ausmaße von ca. 17,0 x 17,0 cm. Solche Blattkacheln entstanden als idealer Bildträger ab der Mitte des 14. Jahrhunderts. Das vorliegende Exemplar lässt sich mittels der inschriftlich fixierten Jahreszahl 1482 (siehe unten) in das ausgehende späte Mittelalter datieren. In der Regel waren die Kacheln glasiert. Unglasierte Stücke, wie das vorliegende, sind mitunter als Halbfabrikate angesprochen worden, was im vorliegenden Fall ausgeschlossen werden kann, da es innen und außen deutliche Benutzungsanzeiger in Form von schwarzem Ruß aufweist. An den Rändern und am Tubus lassen feine Lehmreste auf eine gemauerte Hülle des Kachelofens schließen (vgl. Roth Kaufmann/Buschor/Gutscher 1994, 27–28).

Abb. 4: Das Bildmotiv der Ofenkachel aus Freyburg. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Andrea Hörentrup.
Abb. 5: Die Kachel von Freyburg mit anhaftenden Resten von Ofenlehm. © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Andrea Hörentrup.

Die Herstellung der Kachel erfolgte in mehreren Schritten. Zunächst wurde der Tubus auf der Töpferscheibe abgedreht und anschließend quadratisch ausgezogen. Die sichtbaren Drehspuren und leichte Eindellungen an einigen Außenkanten lassen den Prozess deutlich erkennen. Die Fertigung des Masseblattes erfolgte separat, indem man das Stück von einem quaderförmigen, tönernen Blätterstock abschnitt und die Oberfläche mit einem hölzernen Model reliefierte. Danach wurde der Tubus über das noch feuchte Masseblatt gestürzt und die Kachel zusammengesetzt. Zur Festigung der Verbindung sind die Übergänge im Inneren durch Auskleidungen verstärkt und flüchtig verstrichen worden. Schließlich erfolgten die Trocknung und der Brand (vgl. Müller 2018).

Das Bildmotiv der Kachel ist gerahmt von einer einfachen Leiste. Plastisch dargestellt sind vier Gänse, die nach rechts zu einem aufrecht stehenden Tier mit scharfen Zähnen aufschauen, das einen Stab in den Tatzen hält und zwei gefangene Gänse auf dem Rücken trägt. Eine comicartige „Sprechblase“ mit seitenverkehrter Inschrift, die dem wilden Tier zuzuordnen ist, trägt die in gotischen Minuskeln gehaltene Inschrift »m°cccc l xxx / ii« und damit die lateinische Variante der Jahreszahl 1482 (die Transkription erfolgte durch Professor Krüger). Einer Gans entspringt ein weiteres Spruchband, dass ihr die Worte »sco ursii / eps« in den Schnabel legt. Die Abkürzung »sco« steht dabei für »sancto« und die Abkürzung »eps« für »episcopus«. Übersetzt man nun die lateinische Inschrift ist die Rede folglich von einem heiligen Bärenbischof. Die Szene ist garniert durch Vegetation in Form von strichförmig angedeutetem Gras und einzelnen Stängeln mit dreiblättrigen Enden sowie einer hoch aufragenden Pflanze am rechten Bildrand.

Abb. 6: Der Fuchs predigt den Gänsen; Seccomalerei aus dem ehemaligen Pfarrhaus von Zvolen; Bratislava, 1452–1470. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zvolen_Pfarrhaus_Fuchs_predigt_den_G%C3%A4nsen.jpg [aufgerufen am: 28.04.2020]

Wirken die Figuren selbst, mit Ausnahme der gefangenen Gänse, die mit gereckten Hälsen entfleuchen zu suchen scheinen, recht steif, so verweisen die Spruchbänder auf kommunikativen Austausch. Vergleichbare Darstellungen erfreuen sich vor allem im 14. und 15. Jahrhundert in Büchern und auf zahlreichen Gegenständen, Möbeln und Gebäuden großer Beliebtheit. Verblüffende Ähnlichkeit hat insbesondere eine Seccomalerei aus dem ehemaligen Pfarrhaus Zvolen bei Bratislava, die im Zeitraum zwischen 1452 und 1470 entstand (Abb. 6). Im Zusammenhang mit Kachelöfen lässt sich die Thematik beispielsweise auf einer grün glasierten Ofenkachel aus dem Kloster Neuzelle, Ldkr. Oder-Spree (Brandenburg) aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts (Krabath/Richter 2014, 402 Abb. 3) und auf einem Keramikmodel, das im Landesmuseum in Wiesbaden aufbewahrt wird finden. Dieses Model ist bei Röhrich (2003, 480) abgebildet. Das wilde Tier wird in der Regel als Fuchs oder Wolf interpretiert. Inhaltlicher Hintergrund ist eine Fabel: Der Fuchs bzw. Wolf hatte vor, Gänse zu reißen. Die waren allerdings achtsam, und nicht zu fassen. Deshalb verkleidete er sich als Kleriker und predigte so lange, bis die Gänse schläfrig und unaufmerksam wurden. So gelang es ihm schließlich doch, einige Gänse zu erhaschen. In Anbetracht des Spruchbandes einer der Gänse ist bei der Kachel aus Freyburg allerdings vielmehr von einem scheinheiligen Bär auszugehen, wobei sowohl Fuchs, Wolf und Bär in der christlichen Auslegung des Mittelalters das Übel schlechthin verkörpern. Was auf den ersten Blick wie eine Kiepe aussieht, in der die bereits geschnappten Gänse stecken, dürfte im Modus der „Gänsepredigt“ eher auf die Kapuze einer Kutte, der Predigerverkleidung des Raubtiers verweisen.

Der Umstand der spiegelverkehrten Wiedergabe von Schrift und Bild ist erstaunlicherweise des Öfteren an Ofenkacheln beobachtet worden. Als Erklärung dient in der Regel, dass die Darstellung aus der Abformung von einem Model herrührt und der Modelschnitzer eine Druckgraphik als Vorlage nutzte (Rakonczay 2018, 218; Wehmer 2016/17, 166). Denkbar ist auch, dass die Umkehr In voller Absicht zur Abwehr böser Umtriebe vorgenommen wurde. Analoge „Verschlüsselungen“ in diesem Sinn sind unter anderem von magischen Ringen bekannt (vgl. Priesner 2019, 118).

Die dem Motiv innewohnende Bedeutung bezieht sich auf die Ablehnung von häretischen Bewegungen, d. h. von „falschen Christen“, die im späten Mittelalter große Erfolge verbuchten. Die Abweichler vom eigenen Glauben mit unangepassten Vorstellungen und irregulären religiösen Glaubenspraktiken, die man als Ketzer und Antichristen verfemte, wurden erbarmungslos geahndet.

Weniger drastisch ausgedrückt ließe sich im heutigen Sinn auch formulieren:

Und die Moral von der Geschicht´? Traue keinem falschen Prediger nicht!

Ein großer Dank geht an Prof. Dr. Klaus Krüger vom Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg für die Transkription der Kachelinschrift.

Text: Mechthild Klamm, Donat Wehner
Internetredaktion: Imke Westhausen

Literatur:

Ebert u.a. 2003

K. Ebert/F.-D. Jacob/F. Lenz/J. Säckl/R. Schmitt, Freyburg an der Unstrut. Ein Katalog historischer Ansichten von den Anfängen bis 1950 (Petersberg 2003).

 

Krabath/Richter 2014

S. Krabath/R. G. Richter, Die Entwicklung des Kachelofens in Sachsen vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. In: R. Smolnik (Hrsg.), Archäologie in Sachsen 4. Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege. Beiheft 27 (Dresden 2014) 401–412.

Müller 2018

 

S. Müller, Spätgotische Kachelproduktion in Dresden. Analyse der Herstellungsweise von spätgotischen Ofenkacheln aus einem Töpfereiabwurf in der Dresdner Frauenvorstadt/Pozdně gotická výroba kachlů v Drážďanech. Analýza způsobu výroby pozdně gotických kamnových kachlů z odpadu hrnčířské dílny na území původního předměstí Drážďan, tzv. Dresdner Frauenvorstadt. In: J. Šrejberová (Hrsg.), Kachle a kachlová kamna – Ofenkacheln und Kachelöfen. Sammelband der Beiträge der internationalen Konferenz zur Ausstellung „Die Welt der Kachelöfen“, Regionales Museum Most, 19.–20. April 2018, 2018 (Most) 71–82.

 

Priesner 2019

C. Priesner, Schutz und Schaden – Bemerkungen zum magischen Denken, besonders der Ringmagie. In: H. Meller/S. Kimmig-Völkner/A. Reichenberger (Hrsg.), Ringe der Macht/Rings of Power. Internationale Tagung vom 09. bis 10. November 2018 in Halle (Salle)/International Conference November 09.–10.2018 in Halle (Saale) (Halle [Saale] 2019) 105–120.

 

Rakonczay 2018

R. Rakonczay, „Der Kachelofen des Erzbischofs“. Ofenkacheln aus der Burg Čabrad` (Slowakei) und der Kachelkreis von Neusohl um 1500. Burgen und Schlösser 4, 2018, 216–225.

 

Roth Kaufmann/Buschor/Gutscher 1994

E. Roth Kaufmann/R. Buschor/D. Gutscher, Spätmittelalterliche reliefierte Ofenkeramik in Bern. Herstellung und Motive (Bern 1994).

 

Röhrich 2003

L. Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten 1 (Freiburg i. Br. 2003).

 

Säckl 1994

J. Säckl, Das alte Freyburg. Novum Castrum. Schriftenreihe des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e.V. 3 (Freyburg/Unstrut 1994).

 

Wehmer 2016/17

M. Wehmer, Gedanken zu den Bildinhalten auf einem Nordhäuser Kachelofen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Neue Ausgrabungen und Funde in Thüringen 9, 2016/12017, 165–174.

 

Weiterführende Literatur:
I. Krueger , Model: Der Fuchs als Gänseprediger. In: Krone und Schleier. Kunst aus mittelalterlichen Frauenklöstern. Katalog zur Ausstellung im Ruhrlandmuseum Essen und in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland Bonn (München 2005) 531.

B. Kurth, Die deutschen Bildteppiche des Mittelalters (Wien 1926).  [Bd. I, S. 99 f., 221; II, Taf. 69a: zum Motiv des Fuchses als Gänseprediger]

K. Strauss, Die Kachelkunst des 15. und 16. Jahrhunderts (Straßburg 1966).